(www.conservo.wordpress.com)

Von Jürgen Braun *)

Jürgen Braun
Jürgen Braun

Es gibt die altmodische Ansicht, Nachrichten sollten von Meinungen der Medienmacher möglichst getrennt sein. Der relevante Kern der Information sollte verständlich und sachlich an den Nutzer übermittelt werden, Wertungen sollten in Nachrichten weitgehend unterbleiben. Soweit die altmodische Sichtweise, die nach 1945 aus angelsächsischen Traditionen des Journalismus nach Deutschland schwappte. In den USA gibt es auch heute Redaktionen, wo das sogar zu einer strengen personellen Trennung führt: Die einen dürfen nur berichten, die anderen nur kommentieren.

Doch diese verstockte Ansicht hat im ach so fortschrittlichen deutschen Umerziehungsfernsehen keine Chance. Wenn Marietta Slomka oder Claus Kleber irgendwas mit Bildern moderieren, das vor einigen Jahren noch als Nachrichtenmagazin galt, dann bedarf es keines Kommentars mehr: Aus der Anmoderation trieft die eigene Meinung, gerne mit arroganter Mimik und Tonalität untermalt. Die beiden vom ZDF fallen inzwischen aber nicht mehr besonders auf, parteiische Moderation gehört zum Alltag diverser vorgeblich informierender Sendungen.

Kein medialer Aufschrei zu Sigmar Gabriels Totalunfug über Ludwig Erhard

Auch im Kernbereich der sachlichen Information, den puren Nachrichten, wimmelt es von einseitigen und überflüssigen Bewertungen. Das zieht sich durch Radio und TV, Zeitungen und Online-Medien. Besonders beliebt ist das Etikettieren von ungeliebten Meinungen. Unter der schreibenden Zunft gibt es derzeit drei permanent verklebte Etiketten: „krude“, „populistisch“ und „neoliberal“. Sobald die Argumente ausgehen, sollen diese Totschlagwörter den Leser beeindrucken.

„Neoliberal“ wird seit einigen Jahren häufig, aber falsch benutzt. „Ludwig Erhard war kein Neoliberaler“, behauptete jüngst Wirtschaftsminister Gabriel. Neoliberal seien hingegen junge FDP´ler gewesen, die 1971 ein Freiburger Programm gemacht hätten. Viel mehr peinliche Fehler in wenigen Sekunden gehen kaum: Erhard war neoliberal, mit den Ordoliberalen der „Freiburger Schule“ lange eng verbunden, und das wahrhaft flache FDP-Programm trug sozialdemokratische Züge. Einzig Philip Plickert beklagte Gabriels Totalunfug öffentlich.

„Populistisch“ sind täglich diverse Politiker, sofern sie nicht zur grünen Ersatzreligion gehören. Das Aussprechen korrekter, aber politisch unkorrekter Fakten sorgt für Populismusverdacht. Merke: Wer anzweifelt, dass ein Industrieland komplett mit Zufallsenergie aus Wind und Sonne betrieben werden kann, ist Populist. Wer hingegen den Glauben an kostenlose Öko-Energie auch nachts und bei Windstille bedient, ist kein Populist.

Bernd Lucke ist plötzlich nicht mehr „umstritten“, Claudia Roth war es noch nie

Manch ein Populist kann auch erfolgreich Abbitte leisten. Der vormalige „Rechtspopulist“, „Euro-Hasser“ und „Rechtsaußen“ Bernd Lucke wandelte sich innerhalb weniger Tage zum „Gemäßigten“ und „Wirtschaftsliberalen“, weil er im Mai begonnen hatte, die AfD von oben zu spalten. Dieselben Journalisten, die Lucke jahrelang rüde attackierten, wie der FAZ-Autor Justus Bender, hofieren ihn nun mit netten Artikeln.

Auch der absolute Longseller unter den abwertenden Adjektiven droht Lucke nunmehr kaum noch: „Umstritten“ ist er nur noch bei wenigen. Dabei fragt sich, wer überhaupt entscheidet, ob ein Politiker oder Unternehmer umstritten sein soll. Wie entscheidet ein politkorrekter Mainstream-Redakteur diese zwei Fälle zum Thema „umstritten“: Ein CDU-Abgeordneter, der gegen unbegrenzte Zuwanderung ist, oder Claudia Roth, die die Tausenden von Toten durch Erdbeben und Tsunami menschenverachtend zu Opfern eines Reaktorunfalls umdichtet? Roth kann per se nicht umstritten sein, weil Obergrüne eben die besseren Menschen sind. Von dieser Grundannahme des politmedialen Komplexes mal abgesehen: In einer freiheitlichen Demokratie müsste eigentlich entweder jeder oder keiner der Politiker umstritten sein. Weil freie Wahlen nun einmal selten Zustimmungsraten nahe 100 Prozent ergeben, bleiben stets genügend Gegner übrig, um umstritten zu sein.

Willkürlich wechselnde Etiketten: Kommunisten und Khomeini als „Konservative“

Während es die deutsche Linke seit 1989 historisch schwer hat, lenken diese gerne davon ab, indem sie den Konservativen sprachlich Diverses anhängen. Die Linke siegt nicht in der Realität, aber durch mediales Umetikettieren. Alles Böse dieser Welt ist in den Großmedien entweder „irgendwie rechts“ oder einfach „konservativ“. Derzeit gilt der Altkommunist und ehemalige KGB-Resident Putin als irgendwie rechts, nachdem vor zehn Jahren nur missgünstige rechtskonservative Kreise Zweifel an Schröders Gasprom-Job von Putins Gnaden laut äußerten. Ähnliche Umkehrungen der Weltsicht gelangen deutschen Linken schon ab 1990: Als Boris Jelzin gegen die kommunistische Partei vorging, tönte es jahrelang aus diversen Großmedien, Jelzin sei „links“ und seine kommunistischen Gegner „konservativ“. Linke wechseln flink die Seite, wenn die große Masse sich nicht mehr für dumm verkaufen lässt, versuchen aber weiter die Hoheit über die Begriffe zu behalten: Links ist stets gut, konservativ böse.

Eine der verheerendsten Revolutionen gelang Khomeini 1979 im Iran, zunächst unter lautem Jubel der deutschen linken Szene wie dem Dutschke-Kumpel Bahman Nirumand. Als dann nicht nur Bürgerliche umgebracht wurden, sondern irgendwann auch Sozialisten, wandelten sich die medialen Begriffe. Seitdem ist die Mullah-Diktatur nicht mehr revolutionär, sondern angeblich konservativ. Die grünlinke Verwirrung hält allerdings an: Das neue fragwürdige Iran-Abkommen wird von der Grünen-Führung begrüßt, Atomkraft inklusive. Eigentlich ein schönes Thema für schwächelnde Großmedien. Eigentlich.

*) Quelle: Zuerst erschienen in der August-Ausgabe des Medienmagazins „Rundy“ (Nr. 8/2015)

Jürgen Braun lehrt TV-Journalismus am EC Europa-Campus

Von conservo

Conservo-Redaktion