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Von Peter Helmeszdf neo

Warnruf an alle „aufrechten“ Konservativen                                                              

Der von mir hochgeschätzte Kollege Wolfgang Hübner hat vollkommen Recht, wenn er feststellt, es gäbe „jedoch keinen nachvollziehbaren Grund“, „aus Abscheu gegenüber Erdogan sich auf die Seite von Böhmermann zu stellen…“. Denn, wie Hübner und viele andere auch feststellten: Wenn man den Text dieses Bömmelmanns vorbehaltlos liest, dann kann man nur zu dem Ergebnis kommen, daß der Schmähfetzen gegen den türkischen Staatspräsidenten „tatsächlich primitiv, beleidigend und verletzend“ (Hübner) ist.

Sind wir denn auch schon so verbogen wie die Gutmenschen?                                 Es ist nicht zu fassen! Der Möchtegern-Tucholsky aus dem ZDF sieht seit langem für alles, was nicht links ist, Anlaß für neue Attacken, die von Mal zu Mal fieser und billiger werden. Und ich Tropf dachte, die Zeiten seien vorbei, in denen man glauben gemacht wurde, man müsse sich den „Intellektuellen“ an den Hals zu schmeißen, um ein bißchen Zeitgeist-Sonne zu erhaschen. Weniger wäre da durchaus mehr.

Wir, die gerade von solchen „Intellektuellen” mit Inbrunst Vorgeführten, haben jetzt keinen, keinerlei Anlaß, uns vor den Karren der vorgeblichen Meinungsfreiheit spannen zu lassen. Den Stolz auf meine eigene Meinung lasse ich mir nicht nehmen!

Ein Schmierenkomödiant                                                                                                         Und der heißt im Klartext: Da hat ein Schmierenkomödiant einmal zu tief in seine Fäkalienkiste gegriffen und Erdogan angepinkelt. Man mag ja denken, der Wahngetriebene aus dem geistigen türkischen Hinterland habe das verdient, aber die Verse des Böhmermann lassen jeden Anstand vermissen und sind, ganz schlicht ausgedrückt, beleidigend.

Es wäre übrigens nicht das erste Mal, daß Böhmermann zu solchen Spiel- bzw. Stilmitteln greift. Auch Stefan Raab legte er per YouTube rein: Vor knapp einem Jahr zeigte TV-Entertainer Stefan Raab ein Video, das die nicht autorisierte Kopie einer Idee aus seiner Show “TV Total” aus China zeigte. Später stellte sich heraus, daß das Böhmermann-Team diese erstellt hatte.

Und auch das noch: Das ZDF hatte damals zugeben müssen, daß Böhmermanns Geschichte vom gefälschten Mittelfinger Varoufakis frei erfunden und als Satire gedacht war. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler sagte Spiegel Online: “Wir sehen uns gezwungen, das Neo Magazin Royale zukünftig als Satiresendung zu kennzeichnen“. Aus der Moderation des “heute journals” werde Jan Böhmermann „sicherheitshalber vorerst ausgeschlossen.“

„Mit niveaulosen Fernsehkanälen…“                                                                                   In einem Punkt kann man Varoufakis durchaus zustimmen: Er erklärte in einem Interview mit dem griechischen Fernsehen, er bedaure die Deutschen, weil sie es mit derart niveaulosen Fernsehkanälen zu tun hätten.

So verfestigt sich der Eindruck, Satire dürfe offenbar alles. Erlaubt ist, was gefällt – in Mediendeutsch: was Quote bringt. Woran es liegt, ist offen sichtlich und hörbar: Viele verwechseln Satire mit Beleidigung oder – im harmlosesten Falle – als Scherze auf Kosten anderer. Echte Satire ist anders, ist vor allem viel schwieriger und verlangt eine besondere Portion Geist.

Ein echter Satiriker lästert – ohne große Selbstzweifel – z. B. über unverantwortlichen Journalismus, schließt aber Selbstkritik mit ein. Vor seiner Lästerfeder darf niemand sichersein – außer die Würde des Angegriffenen. Denn Satire sollte da aufhören, wo die Würde des Menschen verletzt wird. (Daß dieses Gesetz gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen kaum Gehör findet, mahnen wir seit langem ganz frei von Satire an.)

Satire ohne Ethos?                                                                                                           Selbstverständlich ist ein Satiriker ein kraftvoller Streiter für die Presse- und Meinungsfreiheit. Ein wahrer Satiriker ist aber, wenn er die Botschaft seines Berufes richtig versteht, nie ein „Charlie Hebdo“! Und damit hebt er sich von so vielen ab, die „Meinungsfreiheit!“ schreien, aber keine Gelegenheit auslassen, anderen ihre Meinung aufzuzwingen. (Und wer ihre politisch-korrekten Vorgaben nicht beachtet, wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen.) Nein, Verriß um des Verrisses willen, Verletzungen um der Kränkung willen, Satire ohne Ethos – das ist für einen guten Satiriker tabu!

Da halten wir es eher mit Kurt Tucholsky: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt guthaben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“ Satire kämpft mit Humor, will heißen mit Geist und Witz, also mit einer gehörigen Prise Ironie, gegen eine als fehlerhaft empfundene Wirklichkeit, seien es Personen oder Institutionen, die sie an ihren Idealen mißt.

Nihilismus statt Idealismus – Zynismus statt Satire                                            „Satire darf alles“, ist im Wesentlichen eine richtige Feststellung. Aber eines darf Satire nicht: kein Ideal haben. Dieses Ideal setzt die Grenzen für die Ironie eines Satirikers. „Nihilismus statt Idealismus“ oder „Zynismus statt Satire“ – das darf kein Ideal der Satire sein; denn Satire möchte die Welt verbessern und nicht, sich an ihren Fehlern aufgeilen.

Der Theologe Sylvain Romain drückt es so aus:

„Es gibt eine Gürtellinie: die Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Und unter dieser Grenze ist Blasphemie. Ich höre und lese vom “Recht auf Blasphemie” und frage: Was kommt morgen? Das Recht, Denkmäler anzuzünden? Oder Heiligtümer zu plündern? Grabmale zu schänden?

Blasphemie ist Respektlosigkeit: Wenn die Autorität der Eltern, Polizeibeamten, Lehrer und Geistlichen nicht mehr geschützt wird, zerfällt die Gesellschaft.

Blasphemie ist dumm: Wer andere nicht respektiert, kann nicht erwarten, dass er respektiert wird. Lachen auf Kosten der anderen ist nie ein Zeichen hoher Intelligenz gewesen. In der Schule lachten in diesen Situationen nur die Feiglinge mit, bis sie selber “dran” waren.

Wolfgang Hübner drückt es so aus: „Nicht nur Linksliberale, sondern auch Menschen aus dem konservativen und freiheitlichen Lager sind versucht, aus Abscheu gegenüber Erdogan sich auf die Seite von Böhmermann zu stellen. Dafür gibt es jedoch keinen nachvollziehbaren Grund: Das Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten ist tatsächlich primitiv, beleidigend und verletzend. Es bedürfte nicht eines durchaus fragwürdigen Paragraphen im Strafgesetzbuch, um einen solchen Text („Ziegenficker“) ungut zu heißen.“ (Quelle für die Hübner-Zitate: http://journalistenwatch.com/cms/warum-zdf-satiriker-jan-boehmermann-kein-held-der-meinungsfreiheit-ist/)

Blasphemie ist eine Form des Vandalismus, weil sie Werte und Ideale ins Lächerliche zieht und damit emotional zerstört, während sie selbst nichts Konstruktives anzubieten hat.

Natürlich sind wir für Demokratie und Toleranz. Allerdings ist Gutheißen der Blasphemie Anstiftung zur Rebellion gegen Werte wie Hingabe. Mut, etwas Positives zu verändern, wird vernichtet.

Wie dekadent ist eine Gesellschaft, die die Blasphemie gut findet? “Charlie Hebdo” setzt den Geist der französischen Aufklärung fort, in dem alles ins Lächerliche gezogen wurde. Damals war das Ergebnis Mord und Totschlag. Ich bin empört und spreche mein tiefstes Mitgefühl all denen aus, die sich durch solche Blasphemien verletzt fühlen. Ich schäme mich, Franzose zu sein“ (Sylvain Romain, Theologe und Islamwissenschaftler, aus Wiener Zeitung, 18.11.15).

Das müßte auch für jeden aufrechten Konservativen gelten. Und die geneigten Leser mögen mal versuchen, mit der oben gezeichneten Elle die „Satire-Sendungen“ unserer Medien zu messen! Da bleibt das Lachen im Halse stecken. Und man wird feststellen: „Nie wieder Böhmermann.“ Satire darf eben nicht alles!

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14.4.2016

Von conservo

Conservo-Redaktion