Auschwitz, 27. Januar: Wenig gelernt, nichts verheilt

(www.conservo.wordpress.com)

Von Adrian F. Lauber *)

Am 27. Januar wird der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gedacht, die an diesem Tag im Jahr 1945 gelang.

Zwischen fünf und sechs Millionen Juden waren bis dahin unter der Nazi-Diktator ermordet worden, über eine Million allein in Auschwitz.

73 Jahre später leben wir in einem Deutschland, in dem Juden begründete Angst davor haben, auf der Straße als Juden erkannt zu werden, und sich das lieber drei Mal überlegen, ob sie sich irgendwo mit Kippa oder mit einem Davidstern sehen lassen wollen.1

Wahrscheinlich werde ich einigen Publizisten Unrecht tun, aber ich habe gar keine Lust, mir durchzulesen oder anzuhören, welche süßen Moralpredigten unsere Volkspädagogen heute vom Stapel lassen werden. Denn ich rechne damit, dass das meiste sowieso völlig verlogen sein wird.Vielleicht werden einige Gutmenschen, wie sie es schon seit Jahren tun, diesen Tag zum Anlass nehmen, zu behaupten, die Muslime seien die Juden von heute. Das hat Gesine Schwan2, die Gott sei Dank nicht Bundespräsidentin geworden ist, ebenso gesagt wie der populäre Sänger Xavier Naidoo.3

Vielleicht werden unsere Moralapostel den Tag zum Anlass nehmen vor dem Aufstieg der AfD zu warnen, vielleicht werden sie mit so originellen Witzen kommen wie der Umbenennung von Alexander Gauland in Alexander Gauleiter. Vielleicht steht wieder einmal das Vierte Reich vor der Tür, das wir tapferen Antifaschsiten ganz couragiert verhindern werden.

Aber genug des Spekulierens. Was unsere volkspädagogischen Oberkellner uns Tag für Tag servieren, ist auch so schon schlimm genug. Da muss ich mir nicht noch mehr ausdenken.

  1. Keine Normalität

Einerseits ist heute ein Tag des Gedenkens, der uns bewusst macht, wohin eliminatorischer Hass und vor allem blindes Funktionieren und Mitläufertum führen, wie sie schlimmstenfalls die grauenhaftesten Verbrechen möglich machen können.

Wenn ich mir anschaue, wie verängstigt viele Deutsche schon heute sind und es nicht einmal mehr wagen, das Maul aufzumachen, nur weil schiefe Blicke oder Ausgrenzung drohen (also ein Witz im Vergleich zu dem, was man unter einer Diktatur wie der Hitler’schen zu erwarten hatte), bin ich im Zweifel, dass diese Lektion wirklich verstanden wurde. Wer bereits heute, wo es ja noch viele Freiheiten gibt, so schnell vor der politischen Obrigkeit kuscht, den möchte ich lieber nicht sehen, wenn er es mit einer formvollendeten Diktatur zu tun hätte. Da würde sich wahrscheinlich zeigen, dass das vermeintliche Lernen aus der Geschichte aus nichts als hohlen Phrasen bestand.

Andererseits ist heute auch ein Tag, an dem ich mir wieder einmal wünschte, unser Volk hätte Frieden mit sich selbst geschlossen – hätte einen Weg gefunden, einerseits auf eine vernünftige Weise mit der Nazi-Vergangenheit umzugehen und nicht zu vergessen, was damals war, und trotzdem wieder zu einer Normalität, zu einem gesunden Selbstbewusstsein und Selbstbehauptungswillen zu finden, wie ihn andere ganz selbstverständlich haben.

Ich habe mich aus verschiedenen Gründen mit dem Dritten Reich sehr intensiv befasst, aber es war trotz meiner Kenntnis der Verbrechen für mich niemals auch nur ansatzweise nachvollziehbar, wie Deutsche sich und ihr eigenes Volk so abgrundtief hassen können wie es beispielsweise die selbst ernannten Antideutschen oder Antifanten oder manche Grüne auf ihren Demos kundtun. („Deutschland verrecke!“, „Thanks, Bomber Harris, do it again!“, „I love Volkstod“, „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ usw.)

Als ich vor dreizehn Jahren ein ehemaliges Vernichtungslager in Polen (Majdanek bei Lublin, um genau zu sein) besuchte, hatte ich, wie ich zugeben muss, große Schwierigkeiten, die Fassung zu wahren. Aber so etwas wie ein persönliches Schuldgefühl für etwas, das 44 Jahre vor meiner Geburt war, oder gar Selbsthass hat sich da nicht eingestellt, so sehr mich dieses Erlebnis auch sonst berührt und mitgenommen hat.

Eigentlich schien nach 1989 vieles auf einem ganz guten Weg zu sein. Unser Land wurde wieder vereinigt, auch wenn das mit großen ökonomischen Belastungen verbunden war. Ganz, ganz langsam gab es wieder mehr Selbstbewusstsein, einen Anflug von Normalität, auch wurde die deutsche Geschichte endlich differenzierter und umfassender betrachtet, man sah auch wieder Positives, Mythen wie die Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg wurden endlich mal entzaubert etc.

Es gab zumindest Gründe, auf eine Normalität in diesem Land zu hoffen.

Aber Bassam Tibi hat mit Recht festgestellt, dass Deutschland kein normales Land ist. Er sagte allerdings „immer noch kein normales Land“4, während ich behaupte: „immer weniger.“ Es war nicht immer so wie heute. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass ein Bundeskanzler vor zwanzig Jahren Recht und Gesetz über den Haufen werfen und unsere Grenzen für eine millionenfache Masseneinwanderung von Muslimen hätte abschaffen können. Ich glaube nicht, dass das lethargisch hingenommen oder gar beklatscht worden wäre. Vor zwanzig Jahren wusste man doch höchstens durch Hörensagen von so etwas wie politischer Korrektheit. Vor zwanzig Jahren war die hysterische, hasserfüllte Intoleranz gegenüber fremden Meinungen nicht so alltäglich.

Ich denke, Deutschland ist in der jüngsten Vergangenheit stetig weniger normal geworden und mehr und mehr ideologischen Wahnvorstellungen verfallen.

Deutschland ist kein normales Land, das sich nach den Erfordernissen der Staatsräson verhält. Unser Volk hat einen Knacks weg und gerade mit diesem Knacks müsste man sich auch aus Anlass des 27. Januar eigentlich intensiv beschäftigen, weil ihm am Ende ausgerechnet diejenigen Menschen zum Opfer fallen könnten, an denen sich Deutschland schon einmal so versündigt hat.

Ich bezweifle, dass unsere Mainstream-Medien eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesem Thema betreiben werden, also versuche ich es selbst.

  1. Der Judenhass lebt und wandelt sich

Der 27. Januar wird mit Sicherheit zum Anlass genommen, vor dem Antisemitismus zu warnen.

Dagegen wäre ja nichts zu sagen, wenn es nur endlich eine ehrliche Bestandsaufnahme dessen gäbe, was ist.

Seien wir doch mal ehrlich: wenn Politiker und Publizisten vor Antisemitismus warnen, meinen sie – jedenfalls normaler Weise – den Antisemitismus von Rechtsextremisten.

Das ist ganz offensichtlicher, leicht zu erkennender, so genannter primärer Antisemitismus. Er gründet sich auf den Glauben an einfach nicht tot zu kriegende Mythen wie die jüdische Weltverschwörung, auf uralten judenfeindlichen Stereotypen wie dem Glauben an spezifisch jüdische Rachsucht, jüdische Habgier, jüdischen Blutdurst und mehr.

Dass solche Art Antisemitismus immer noch existiert, ist bedenklich genug. Man soll ihn nicht vernachlässigen, aber ich behaupte, dass er zumindest im Moment derjenige ist, von dem eine vergleichsweise geringe Gefahr ausgeht, einfach weil dieser primäre Antisemitismus seit 1945 zum Glück nachhaltig diskreditiert ist. Neonazis, Jan-van-Helsing-Fans, Anhänger brauner Esoterik und andere Unverbesserliche sind damit zu begeistern, aber dieses Gedankengut ist heute nicht massentauglich.5 Es ist einfach zu offensichtlich, worum es sich dabei handelt. Selbst wer historisch nur relativ oberflächlich bescheid weiß, erkennt das Nazi-Gedankengut wieder und fühlt sich von dem abgestoßen, was er da hören muss.

Aber der Antisemitismus hat viele Gesichter und er ist in Europa heute quicklebendig. Es wird oft unterschätzt – und ich habe es vor nicht langer Zeit selber unterschätzt – , wie mächtig Traditionen sind, selbst wenn man sich ihrer nicht bewusst ist. Die Juden sind in Europa seit vielen Jahrhunderten das ultimative Feindbild und dieses Ressentiment steckt so tief in der kulturellen Codierung dieses Kontinents, dass es nicht einfach im Nichts verschwindet, nicht einmal nach dem Holocaust.

Es lebt weiter und immer wieder bricht es sich Bahn.6

Im heutigen Deutschland haben wir drei Formen des Antisemitismus, die ich als sehr gefährlich einstufe:

1.) Den Antisemitismus wegen Auschwitz, so genannten Schulabwehr-Antisemitismus

2.) Den israelisierte Antisemitismus

3.) Den in der islamischen Welt grassierenden Judenhass, den unsere links-grünen Moralapostel so fröhlich hierher importieren und der ein Gemisch aus im Islam selbst angelegter Judenfeindschaft und aus Europa übernommenem Antisemitismus ist.

Schauen wir uns das nacheinander an.

Die erste genannte Form klingt in sich widersprüchlich, das gebe ich zu. Wie zum Teufel kann man denn die Juden – die Opfer – für den Holocaust hassen?! Was für ein krankes Denken soll das sein?

Ja, krank ist es irgendwie schon, aber es ist trotzdem einigermaßen logisch erklärbar. Und an dieser Stelle wird hoffentlich bereits deutlich werden, wie gefährlich und zerstörerisch es ist, dass die Deutschen nach wie vor nicht willig oder unfähig sind, mit sich selbst Frieden zu schließen.

Viele Deutsche, die unfähig sind, rational mit der NS-Vergangenheit umzugehen, steigern sich derart in Schuldgefühle und Selbsthass hinein, dass es für sie unerträglich wird. Sie können toter Juden gar nicht genug gedenken, aber mit lebendigen haben sie so ihre Probleme. Lebendige Juden sind so etwas wie wandelnde Erinnerungsstücke, deren bloße Existenz an die im deutschen Namen begangenen Verbrechen gemahnt.

Sie sind unfähig, sich Juden gegenüber unbefangen und ganz normal zu benehmen. Es kommt zu Abwehrreaktionen, es entsteht Verachtung, es werden Unterstellungen ausgesprochen, die sinngemäß besagen, die Juden würden uns ja mit unserem schlechten Gewissen bis auf den heutigen Tag erpressen usw.

Es entsteht ein bewusstes oder unterbewusstes Bedürfnis, Juden zu dämonisieren oder a priori abzulehnen, denn wenn man die Juden schlecht macht, fühlt man sich selbst etwas weniger schlecht für das, was Deutschland vor siebzig Jahren angerichtet hat.

Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex brachte das auf die sarkastische Formel: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“7

Der Schuldabwehr-Antisemitismus ist eine Form von sekundärem Antisemitismus, der nicht so leicht zu erkennen ist und oft erst nach längeren Gesprächen durchscheint. Aber er ist weitaus häufiger anzutreffen als der alte, klassische Antisemitismus und darum ist er viel gefährlicher.

Deutsche, die aufgrund der Verbrechen des Dritten Reiches einen Judenknacks weg haben, lassen ihren Knacks an den Juden aus – besonders deutlich wird das, wenn man sich mit dem israelisierten Antisemitismus beschäftigt.

Judenhass ist zumindest offiziell so nachhaltig tabuisiert, dass die antisemitischen Ressentiments irgendwie anders rausgelassen werden müssen. Und die zeitgemäße, politisch korrekte Form ist der Hass auf den jüdischen Staat Israel.

Nein, Kritik an Israel ist selbstverständlich kein Antisemitismus.

(Und dass Kritik an Israel in diesem Land ein Tabu wäre, habe ich bereits ausführlich widerlegt.)

Aber Verteufelung des jüdischen Staates u. a. mit den altbekannten judenfeindlichen Stereotypen ist Antisemitismus. Wer Israel oder den Zionisten eine dämonische Weltverschwörung und so ziemlich alles unterstellt, was man früher „den“ Juden unterstellt hat, artikuliert israelisierten Judenhass.

Israel das Existenzrecht abzusprechen, ist Antisemitismus. (Es gibt rund 200 Staaten auf der Welt, von denen keiner eine Geschichte ohne dunkle Flecken hat. Warum aber ist es von all diesen Ländern ausgerechnet das eine jüdische, dessen Existenzrecht zur Diskussion gestellt wird? Soll ich das ernsthaft für Zufall halten?)

Und in Deutschland ist eine Kombination von Schuldabwehr- und israelisiertem Antisemitismus inzwischen alltäglich und womöglich bald hof- und salonfähig: die Gleichsetzung Israels mit dem Nazi-Reich.

Wie ich in meiner Serie über die Verunglimpfung Israels ausführlich beschrieben habe, zeigen Umfragen, dass ein großer Teil der heutigen deutschen Gesellschaft ganz selbstverständlich von dem völlig irrigen Glauben ausgeht, Israel sei ein faschistisches Regime, das mit den palästinensischen Arabern im Wesentlichen dasselbe macht wie die Nazis mit den Juden.

Im Jahr 2004 kam eine von Prof. Wilhelm Heitmeyer geleitete Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld zu folgenden Ergebnissen: 68,3 Prozent der befragten Deutschen stimmten dem Befund zu, dass Israel einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser führe. 51,2 Prozent meinten, Israel tue den Palästinensern heute im Wesentlichen dasselbe an wie die Nazis den Juden.8

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung führte im Jahr 2007 zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der befragten Deutschen angaben, Israel tue den Palästinensern heute im Prinzip dasselbe an wie die Nazis den Juden. 2013 wurde die Umfrage ebenfalls durchgeführt und dieses Mal stimmten 41 Prozent der Befragten dieser Auffassung zu.9

Dass dieser Glaube in Deutschland, aber auch in unseren Nachbarländern längst Allgemeingut ist, ist rational nicht erklärbar, denn wer sich mit dem Israel-Palästina-Konflikt auskennt, kann diese absurde Behauptung leicht widerlegen.

Nein, nein, die Erklärung müssen wir wohl in einem bewussten oder unterbewussten Bedürfnis suchen, die eigenen Schuldgefühle zu mindern. Nur so ergibt es für mich einen Sinn. Es tut vielen Deutschen gut, den jüdischen Staat zu hassen und sich einzureden, er sei ein neues Nazi-Regime, weil das den Schuldhaushalt scheinbar auszugleichen hilft. Hurra! Wir sind quitt, unsere ehemaligen Opfer sind ja heute genau solche Schweine! Was für eine Erleichterung!

Hin und wieder gibt es bei den Israel-Hassern auch Momente, in denen sie durchblicken lassen, worum es wirklich geht. So schrieb Georg von Grote im „Freitag“: „Je öfter ich in Israel war, desto unschuldiger fühle ich mich.“10

Die Gleichsetzung Israels mit Nazi-Deutschland ist auch außerhalb Deutschlands populär. Aber der Antisemitismus hatte es ja schon früher so an sich, dass man in den Juden das absolut Böse sah. Und das NS-Regime gilt nun einmal mit Recht als Inbegriff einer absolut bösartigen Gewaltherrschaft.

Wir brauchen uns gar nicht erst einzubilden, dass israelisierter Judenhass für den einzelnen Juden nicht gefährlich werden kann. Israelhasser mögen noch so sehr beteuern, dass sie doch „nur“ gegen diesen Staat, aber nicht gegen die Juden an sich seien – die Realität und Umfragen zeigen, dass Israelhass und Judenhass eben nicht so einfach getrennt werden können.

40 Prozent der befragten Deutschen stimmten in einer am 24. April 2017 veröffentlichten Studie der Aussage zu: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ (2014 hatten 28 Prozent zugestimmt.)11

40 Prozent!

Verwundert es da noch, dass es viele völlig kalt ließ, wenn u. a. auf deutschen Straßen nach Donald Trumps Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels gegen Juden gehetzt und Fahnen mit Davidstern verbrannt wurden?

Die Juden sind ja selber schuld! Wenn sie sich da unten im Orient nicht so aufführen würden, wären die armen Moslems auch nicht so erregt.

Ja, da sind wir schon bei der Nummer Drei, dem aus der islamischen Welt importierten Judenhass. Nirgendwo wird heute die Judenfeindschaft so offen und aggressiv artikuliert und ausgelebt wie in der islamischen Welt, aus der das Judentum bereits fast vollständig getilgt worden ist. Seit den Vierziger Jahren sind über 800.000 Juden aus den islamischen Ländern geflohen, größtenteils nach Israel, zu einem kleineren Teil in den Westen.12

Die obsessive Fixierung der islamischen Welt auf den kleinen jüdischen Staat ist nichts anderes als ein Ausdruck des dort grassierenden Antisemitismus, vor dem unangepasste arabische Denker uns auch zu warnen versuchen – viele wollen sie bloß nicht hören.13

Im Zeichen der Weltoffenheit und Toleranz ist heute Islam-Appeasement angesagt. Die Refugees sollen sich ja welcome fühlen. Nicht nur Deutschland, sondern ein Großteil Europas übt sich in Selbsthass und Selbstgeißelung und hat parallel, um seine Schuldgefühle für Kolonialismus, Nazismus etc. zu mindern, die Neigung entwickelt, alle nicht-westlichen Kulturen und Völker romantisch zu verklären.14

Das gilt insbesondere für die islamische Welt, die wir hier so begeistert willkommen heißen. Schritt für Schritt passt man sich an. Man nimmt immer mehr für selbstverständlich und alltäglich. Man drückt schonmal ein bis zwei Augen zu und lässt Sachen durchgehen, die man nie und nimmer dulden würde, wenn sie von den eigenen Landsleuten ausgingen.15

Also ist man auch nicht so streng, wenn es um den Judenhass geht. Wie gesagt: wenn 40 Prozent der Deutschen inzwischen der Meinung sind, dass Judenhass aufgrund der israelischen Politik zumindest verständlich sei, dann muss man nach dieser Logik doch auch die armen Moslems verstehen, deren Leben durch Israels Tun so voller Unglück ist …

Schritt für Schritt nimmt man mehr hin und wenn die politischen Langschläfer eines Tages doch aufwachen sollten, finden sie sich womöglich in einer schrecklichen Realität wieder, die natürlich niemand hat kommen sehen.

Was heutzutage im Islam-Appeasement-Europa alles normal sein kann, sahen wir beispielsweise im Juni 2016, als der angeblich gemäßigte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas vor dem Europäischen Parlament die Lüge zum Besten gab, israelische Rabbiner hätten dazu aufgerufen, das Wasser der Palästinenser zu vergiften, um sie zu töten. Abbas bemühte hier nichts anderes als die uralte Legende vom jüdischen Brunnenvergifter, mit der schon Pogrome angezettelt worden waren. Das war aber noch nicht mal das Schlimmste. Das Übelste kam erst noch: für seine Rede bekam Abbas von den Abgeordneten Standing Ovations und Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) kommentierte, die Rede sei „inspirierend“ gewesen!16

Unser Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) nennt Herrn Abbas, der Terror und Gewalt gegen Israelis goutiert und anzuheizen hilft, übrigens seinen „Freund.“

Quelle: https://twitter.com/sigmargabriel/status/845286126822850561?lang=de

Der Antisemitismus-Forscher Dr. Manfred Gerstenfeld kommt anhand der Auswertung von Meinungsumfragen zu der Einschätzung, dass in der EU ca. 150 Millionen von 400 Millionen Erwachsenen daran glauben, dass Israel heute die Verbrechen der Nazis an den Palästinensern wiederhole, dass es ein Apartheid-Regime sei, das einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führe.17

Da wundert man sich doch nicht ernsthaft darüber, dass Israel aus Europa nicht sonderlich viel Solidarität zu erwarten hat, wenn es hart auf hart kommt. Europa unterwirft sich eher dem politischen Islam oder biedert sich dem gefährlichen Mullah-Regime des Iran an, das Israel auslöschen will, Terroristen sponsert und die Verbreitung von Judenhass fördert …

Günter Grass hat 2012 durchaus eine Massenstimmung getroffen, als er in einem Gedicht Israel zum potenziellen Aggressor und Weltfriedensbrecher verklärte und das iranische Regime verharmloste, indem er den damaligen Präsidenten Ahmadinedschad zu einem bloßen „Maulhelden“ erklärte.18 2003 hatten in einer Eurobarometer-Umfrage 65 Prozent der befragten Deutschen Israel als größte Gefahr für den Weltfrieden eingestuft.19

Seit Jahren zeigen Umfragen immer wieder, dass Israel zu den unbeliebtesten Ländern in Deutschland gehört. Diese massive Aversion gegen den einzigen mehr oder weniger freiheitlichen Staat des Nahen Ostens ist für mich nicht nachvollziehbar, ebenso wenig das Ignorieren der Bedrohungen für diesen Staat. Licht kommt erst in die Sache, wenn man den Faktor Antisemitismus berücksichtigt …

So hält der Judenhass in Gestalt von sekundärem Antisemitismus und in Gestalt von importiertem Antisemitismus wieder Einzug. Aber was sage ich? Der Judenhass war nie weg. Es war eine schöne, aber leider irrige Vorstellung, er müsste wegen des Holocaust ganz von selbst diskreditiert sein.

Das ist er nicht. Dafür sitzt diese uralte Feindschaft viel zu tief.

Aber gerade den sekundären Formen des Antisemitismus wird viel zu wenig Beachtung geschenkt.

III. Der Judenknacks fordert jüdische Opfer

Der Schuldabwehr-Antisemitismus und der israelisierte Antisemitismus, die in Deutschland so verbreitet sind, sind Ausdruck der Unfähigkeit vieler Deutscher, mit sich selbst Frieden zu schließen und mit dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte vernünftig umzugehen.

Man kann ihm nicht entkommen. Man muss sich damit auseinander setzen und daraus lernen. Menschen wie Björn Höcke, die suggerieren, das Gedenken an sich wäre ein Problem, irren sich – und sie helfen absichtlich oder unabsichtlich dabei, gefährliche Ressentiments zu schüren.

Nicht das Gedenken ist das Problem.

Mir scheint, die Deutschen sind von einem Extrem ins andere verfallen. Von dem rassistischen und antisemitischen Hypernationalismus des Dritten Reiches in Selbsthass und Selbstverleugnung heute. Das kann es einfach nicht sein.

Ich sehe es doch an mir selber, dass man sich mit dem Dritten Reich auseinandersetzen und seiner Opfer gedenken und trotzdem ein deutscher Patriot mit einem ganz normalen Verhältnis zum eigenen – ich sage jetzt ein altmodisches Wort, das ich sehr mag – Vaterland sein kann.

Aber ein großer Teil unseres Volkes krankt an seiner Seele … Es ist innerlich kaputt und wenn er nicht zulässt, dass seine Wunden verheilen, wird dieses Land nicht mehr auf die Beine kommen.

Das wirklich Traurige dabei ist, dass der deutsche Judenknacks sich am Ende ausgerechnet gegen die Juden richten wird. Deutsche lassen ihren Knacks an den Juden und am jüdischen Staat aus, indem sie sie verleumden und dämonisieren, und steigern sich in eine wahnwitzige Massenmigrationspolitik hinein, die den Import von mehr Judenhass und am Ende vermutlich zur Flucht von Juden führen wird, wie man sie bereits in Schweden, Frankreich und anderen sich islamisierenden Ländern beobachten kann …

Soll es ernsthaft so weit kommen, dass sich Natan Scharanskis düstere Prognose bewahrheitet? Dass es für Juden in Europa keine Zukunft mehr geben wird?20

Ist das der Ehrgeiz des politisch korrekten Deutschland, das zu schaffen, was Hitler nicht geschafft hat? Doch wohl nicht, oder?!

Verdammt nochmal, wann sehen es meine Landsleute? Dass sie seelisch gesunden und mit sich Frieden schließen, wäre nicht nur für sie selbst dringend notwendig!

Der heutige kranke Umgang mit der Geschichte verhindert sogar, dass aus der Geschichte die richtigen Lehren gezogen werden! Deutschland muss gegen Antisemitismus aufstehen, aber das kann es nicht, wenn es die verschiedenen Spielarten dieses Problems nicht erkennt. Der alte, primäre Antisemitismus ist nur ein Teil des Problems. Wenn die sekundären Formen des Antisemitismus nicht benannt und nicht abgebaut werden, bleibt das Problem bestehen.

Deutschland muss – wie seine europäische Nachbarschaft – aufhören mit Selbstgeißelung und mit romantischer Verklärung alles Nicht-Westlichen. Deutschland ist Teil der freiheitlichen, abendländischen, jüdisch-christlich geprägten Zivilisation, die verteidigt werden muss. Würde man sich daran erinnern, gäbe es vielleicht auch mehr Solidarität mit der einzigen Demokratie des Nahen Ostens?

Ich wünschte mir, führende Repräsentanten der jüdischen Gemeinden in Deutschland würden sich ebenfalls ehrlich damit auseinandersetzen, was mit diesem Land los ist. Leider sind einige von ihnen, wie zum Beispiel Charlotte Knobloch, auch nur dem politisch korrekten Zeitgeist angepasst und merken nicht, was hier passiert. Sie unterstützen Parteien, die einen auch für die Juden zerstörerischen Kurs weiter vorantreiben.

So wie es bisher war, darf es nicht weitergehen. Die bisherige Art des Umgangs mit der deutschen Geschichte befeuert neue antijüdische Ressentiments, statt sie abzubauen.

Ein seelisch gesundes, mit sich versöhntes Deutschland kann den Kampf gegen Antisemitismus gewinnen. Ein seelisch gebrochenes Deutschland kann das nicht.

Das Gute dabei ist, dass die Deutschen selbst es in der Hand haben, der heutigen Entwicklung eine glückliche Wendung zu geben. Nur von ihnen selbst hängt es ab, wie es weitergehen soll. Das ist im Grunde eine befreiende Erkenntnis. Wir selbst haben die Möglichkeit, uns zu entscheiden, und sind von niemand anderem abhängig.

Quellen:

  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.8.2017: „Immer mehr Juden fürchten sich vor Übergriffen“ http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/antisemitismus-juden-in-deutschland-fuerchten-uebergriffe-15150781.html

Jüdische Allgemeine, 27.6.2017: „Kippa-Test: »Die Situation ist eskaliert«“ von Philipp Peyman Engel http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/28971

Der Tagesspiegel, 23.1.2016: „Warum ich als Jude ans Auswandern denke“ von Michael Hasin http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland-und-die-fluechtlinge-warum-ich-als-jude-ans-auswandern-denke/12868328.html

  1. Jüdische Rundschau, 4.11.2015: „Gesine Schwans wirrer Judenvergleich“ von Tomas Spahn http://juedischerundschau.de/gesine-schwans-wirrer-judenvergleich-135910271/
  2. Welt Online, 3.12.2015: „Muslime tragen den neuen Judenstern“ von Inga Catharina Thomas https://www.welt.de/vermischtes/article149597515/Muslime-tragen-den-neuen-Judenstern.html
  3. Welt Online, 4.7.2016: „Deutschland ist immer noch kein normales Land“ von Andrea Seibel https://www.welt.de/debatte/article156781355/Deutschland-ist-immer-noch-kein-normales-Land.html
  4. Telepolis, 13.10.2003: „AIDS, der Mossad und Idi Amin“ von Philipp Grätzel von Grätz https://www.heise.de/tp/features/AIDS-der-Mossad-und-Idi-Amin-3431519.html

Wikipedia: Jan Udo Holey

https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Udo_Holey

  1. Jerusalem Center for Public Affairs, 1.4.2004: „Anti-Semitism: Integral to European Culture“ by Manfred Gerstenfeld http://www.jcpa.org/phas/phas-19.htm

Arutz Sheva – Israel National News, 23.3.2014: „Expert Says Anti-Semitism ‚Part and Parcel of European Culture’“ by Moshe Cohen http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/178788

  1. The Jerusalem Post, 28.1.2014: „Why Europe Blames Israel for the Holocaust: Post-1945 Anti-Semitism“ by Benjamin Weinthal http://www.jpost.com/Jewish-World/Jewish-Features/Why-Europe-blames-Israel-for-the-Holocaust-Post-1945-anti-Semitism-339571
  2. Lizas Welt, 19.7.2006: „Neighborhood Bullies“

https://lizaswelt.net/2006/07/19/neighborhood-bullies/

  1. Gatestone Institute, 18.4.2016: „False Moral Equivalence as a Tool to Demonize Israel“ by Manfred Gerstenfeld and Jamie Berk https://www.gatestoneinstitute.org/7813/israel-moral-equivalence
  2. Achse des Guten, 8.4.2012: „Jakob und seine Brüder“ von Henryk M. Broder http://www.achgut.com/artikel/jakob_und_seine_brueder
  3. The Jerusalem Post, 6.5.2017: „Study: 40% of Germans Hold Modern Antisemitic Views“ by Benjamin Weinthal http://www.jpost.com/Diaspora/Study-40-percent-of-Germans-hold-modern-antisemitic-views-489919
  4. Botschaft des Staates Israel: „Die vergessenen jüdischen Flüchtlinge“ (Broschüre, Februar 2016) http://embassies.gov.il/berlin/departments/offentlichkeitsarbeit/Publikationendocs/JewishRefugee_Broschuere_A5_2016.pdf
  5. Basler Zeitung, 13.3.2017: „Die Rückkehr des Judenhasses“ von Bassam Tibi https://bazonline.ch/ausland/standard/Die-Rueckkehr-des-Judenhasses/story/17648613

Gatestone Institute, 16.1.2018: „Arab Regimes Terrified by Israel’s Freedoms“ by Giulio Meotti https://www.gatestoneinstitute.org/11663/arab-regimes-israel-freedoms

  1. Audiatur Online, 16.1.2018: „Europas linguistischer Kreuzzug gegen Israel“ von Daniel Krygier http://www.audiatur-online.ch/2018/01/16/europas-linguistischer-kreuzzug-gegen-israel/
  2. The Jerusalem Post, 2.8.2016: „Why Western Leftists Adore Right-Wing Religious Extremists Abroad“ by Seth J. Frantzman http://www.jpost.com/Opinion/Op-Ed-Why-Western-leftists-adore-right-wing-religious-extremists-abroad-462978

The Washington Times, 10.10.2017: „We’ll always have Paris“ by Clifford D. May https://www.washingtontimes.com/news/2017/oct/10/europeans-have-self-destructive-view-of-world/

Paul Joseph Watson: „The Left & Islam: Unholy Alliance“ (Veröffentlicht: 24.1.2017) https://www.youtube.com/watch?v=r3NDeyR_1-U

Jamie Glazov & Robert Spencer: „The Leftist / Islamic Alliance“ (Veröffentlicht: 17.1.2013) https://www.youtube.com/watch?v=YSTaXt426zA

  1. MENA Watch, 26.6.2016: „Applaus für antisemitische Hetze im EU-Parlament“ von Florian Markl https://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/applaus-fuer-antisemitische-hetze-im-eu-parlament/
  2. The Inquisitr, 18.10.2013: „The Medieval Anti-Semitic Views Of 150 Million Europeans: An Interview With Dr. Manfred Gerstenfeld“ by Wolff Bachner https://www.inquisitr.com/998238/the-medieval-anti-semitic-views-of-150-million-europeans-an-interview-with-dr-manfred-gerstenfeld/#Qqt2RypAFsbsTwMA.99
  3. Süddeutsche Zeitung, 10.4.2012: „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

Jungle World Nr. 25 / 2012: „Mittelweg in den Abgrund“ von Matthias Küntzel https://jungle.world/artikel/2012/25/mittelweg-den-abgrund

  1. Welt Online, 4.11.2003: „Laut Umfrage sehen EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden“ von Katja Ridderbusch https://www.welt.de/print-welt/article270732/Laut-Umfrage-sehen-EU-Buerger-in-Israel-die-groesste-Gefahr-fuer-den-Weltfrieden.html
  2. Welt Online, 2.12.2014: „Es gibt keine Zukunft für Juden in Europa“ von Gil Yaron https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article134922241/Es-gibt-keine-Zukunft-fuer-Juden-in-Europa.html

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*) Der bekannte Blogger Adrian F. Lauber ist seit November 2017 regelmäßig Autor auf conservo.

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