Neomarxistischer Gramscismus und milieutheoretischer Genderismus

(www.conservo.wordpress.com)

Von Dr. Wolfgang Caspart

Als nach dem Ersten Weltkrieg die marxistische Weltrevolution doch nicht eintrat, fragte sich der italienische Kommunistenführer Antonio Gramsci, woran es wohl gelegen hat, dass die materialistische Geschichtsautomatik versagte. Er erkannte aus seinem eigenen Scheitern Anfang der 1920er Jahre, dass eigentlich das Bewusstsein das gesellschaftliche Sein prägt und nicht das materielle Sein das Bewusstsein. Mit dem historisch-materialistisch unfassbaren Tatbestand konfrontiert, dass die Faschisten unter Mussolini und nicht seine Marxisten mit ihrem ,,wissenschaftlichen Sozialismus“ die Macht in Italien errangen, schloß er, dass der Kampf um die kulturelle Hegemonie gewonnen werden muss. Die frühere ökonomische Milieutheorie wurde durch eine psychologische ersetzt.

HERRSCHAFT DURCH BEWUSSTSEIN

Gramscis Analyse, dass die Herrschaft über die Geister die eigentliche Wurzel der Macht sei, also nicht mit Marx das materialistische Sein das Bewusstsein, sondern quasi idealistisch das Bewusstsein das Sein gestaltet, folgen seitdem getreulich alle Neomarxisten. Mit dem Altmarxismus teilt der Neomarxismus die Verurteilung des Kapitalismus und auch der Technik, denn diese steht im Dienst des „Klassenfeindes“, der „kapitalistischen“ Wirtschaft oder des „imperialistischen“ Militärs. Aber an die Stelle des unglaubwürdig gewordenen „naturwissenschaftlich notwendigen Geschichtsablaufes“ der Paläomarxisten ist bei der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule die moralische Attitüde der Betroffenheit mit den Diskriminierten, Entrechteten und Entfremdeten getreten, etwas mit freudianischer Psychoanalyse angereichert. Zur Therapie empfiehlt Max Horkheimer die „Methode der Negation“ und „die Denunziation dessen, was gegenwärtig Vernunft heißt“.  

Mit „hasserfülltem Herzen“ richtete Adorno seinen „von Hass geschärfter Blick auf das Bestehende“ und entwickelte „seine Aggressivität“. Die Frankfurter Kritik an Ehe und Familie, die der Christ als „Kirche im Kleinen“ und der Staatsbürger als „Zelle des Staates“ betrachtet, ist besonders aggressiv und polemisch: Die Ehe sei geschichtlich überholt, sie verliere immer mehr an Bedeutung. Diese Kritik versteigt sich zu der These Horkheimers, die Familie sei die massenpsychologische Grundlage des Faschismus. In der Familie werde nämlich mit Autorität erzogen und aus dieser autoritätsbezogenen Erziehung gehe der „autoritäre Charakter“, die autoritäre Persönlichkeit, der Typus des Untertanen und Undemokraten hervor, der schon in der Familie gelernt habe, nach „oben“ zu katzbuckeln und nach „unten“ seine Untergebenen zu treten. Die Familie ist nach Horkheimer nur „kultureller Kitt“, Klebstoff also, mit dem das an sich längst brüchig gewordene kapitalistische System notdürftig zusammengehalten und vor dem überfälligen und endgültigen Einsturz bewahrt werde. Durch das Gewissen habe der Mensch die Herrschaft über sich selbst errichtet, und das „Ich“ des bürgerlichen Typus sei nichts anderes als die Verinnerlichung von Herrschaft und Unterdrückung. Die sexuelle Revolution erlöst nach Wilhelm Reich die Menschheit vom Gewissen als „dem Schandmal einer unfreien Gesellschaft“.

GENDER MAINSTREAMING

Gegen diesen „autoritären Charakter“ fordert die Kritische Theorie die Entwicklung des anti-autoritären Charakters, der sich allen Erwartungen und Verpflichtungen der Gesellschaft verweigert und der nur seinen eigenen Bedürfnissen nachgeht. Lustmilieu gegen Leistungsmilieu heißt die Umerziehungsdevise der Frankfurter zur neuen Gesellschaft und zum neuen Menschen. Die traditionelle Geschlechterbeziehung aufzulösen und zur freien Disposition zu stellen, setzt den Schlusspunkt hinter die gehasste Tradition, das Gewissen, die bürgerliche Gesellschaft, den „Faschismus“, die bestehende Kultur und die Religion.

Dazu hat die von marxistischen NGOs (Nichtregierungsorganisationen) dominierte 4. UN-Frauenkonferenz 1995 in Peking konsequenterweise die Geschlechterdifferenzierung von Mann und Frau und die Heterosexualität als Norm offiziell aufgehoben. Der Amsterdamer Vertrag hat 1997 das „Gender Mainstreaming“ zum offiziellen Ziel der EU gemacht. 1999 wurde es in Deutschland prompt von der rot-grünen Bundesregierung zum „durchgängigen Leitprinzip“ erhoben. Seitdem fungiert „Gender Mainstreaming“ unter dem harmlosen Titel einer längst selbstverständlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau als „social engineering“ zur Schaffung des neuen, unitarischen und nun sogar geschlechtsvariablen Menschen. Grundvorstellung ist, dass die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschlechtsrollen von Männern und Frauen anders als das biologische Geschlecht erlernt und damit veränderbar seien.

Jeder soll ein neues kulturelles, „soziales Geschlecht“ bekommen, ein „Gender“, das er selbst bestimmen kann, und dies völlig unabhängig von seinem biologischen Geschlecht. Extreme Milieutheoretiker negieren die Manifestierung somatischer und hormoneller Unterschiede im Verhalten und Sozialverhalten. Die ontologische Gegebenheit des Menschseins wird ignoriert. Gender Mainstreaming, kurz GM, heißt im Klartext kompletter Umbau der Gesellschaft und neomarxistischen Neuerfindung der Menschheit. Die Gender Mainstreamer sind so wie die gescheiterten Altkommunisten im Begriff, ihre Weltformel mit pseudowissenschaftlicher Massenliteratur zu unterlegen, in Gesetze zu pressen und möglichst unauffällig in Staat und Gesellschaft zu implementieren.

ES LEBE DIE PERVERSION

„Uni-Sex“, Homosexualität, Bisexualität und Transsexualität werden zu schicken Moden hochstilisiert. Das ideologische Programm zur Einebnung der Geschlechterunterschiede im Zeichen des GM wird rücksichtslos und mit Milliardenaufwand durchgedrückt. Staatlicherseits werden „Genderkompetenz-Zentren“ errichtet, in möglichst alle öffentlichen Einrichtungen eingebaut und mit „Gender-Budgeting“ finanziert, um dieses neue „Leitprinzip“ als „Querschnittsaufgabe der Politik“ voranzutreiben. Mit Entschließung B6-0025/2006 vom 18. Januar 2006 hat das Europaparlament angekündigt, dass es die „Homophobie“ ausmerzen will. Staaten wie Polen, die dem perversen „Leitziel“ nicht folgen wollen, werden „fact-finding missions“ ins Haus geschickt, um sie wegen „zunehmender Tendenz zu rassistischer, fremdenfeindlicher und homophober Intoleranz“ beim Europäischen Gerichtshof anklagen zu können.

GM-Denken und Handeln soll in den Mainstream, den „Hauptstrom“, von Politik, Verwaltung, Programmen und Maßnahmen gebracht und zu einem selbstverständlichen Handlungsmuster werden. Unter „Sexualerziehung“ verstehen die Meinungsbildner jener Völker, die selber schon dem demographischen Tod entgegentreiben, ausschließlich die Aufklärung über sexuelle Orientierung, sexuelle Praktiken und Empfängnisverhütung. Sexualität wird als das große Los zu Spaß und Selbstverwirklichung propagiert. Gar nicht früh genug können die Türen zu den intimsten Bereichen der Kinderseele mittels staatlicher „Familienpolitik“ und „Erziehung“ samt allem Werbematerial eingetreten werden, nur eine positive Vorbereitung auf die Elternschaft sucht man vergebens. (Homo )Sexualisierung und Gender-Ideologie profilieren sich als zivilreligiöse Kampfansagen an alle bisherige Kultur und Religion.

MILIEUTHEORIE ALS IDEOLOGIE

Die sexuelle Verblödung der westlichen Gesellschaften ist gewollt und schreitet als Produkt der Strategie der gramscistische Kulturrevolution unerbittlich voran. Obwohl theologisch gesehen Gender Mainstreaming die Negation und Fundamentalkorrektur der Schöpfung ist, sind die „konservativen“ Parteien wie üblich vor dem kulturzersetzenden Mainstream in die Knie gegangen. GM ist zur PC geworden. Sogar Teile der Kirchen wurden in diesem Kulturkampf bereits erfolgreich aufgerieben und gebärden sich selbst mehr oder weniger als willfährige Träger der libertären Gesellschaftsveränderung und mentalen Dekadenz.

Ideologien sind willkürlich generalisierte empirische Theorien oder Hypothesen bei gleichzeitiger Relativierung aller anderen Gesichtspunkte. Auch die Milieutheorie bildet hier keine Ausnahme. Ideologien folgen dem Muster des „conformation bias“, der „illusionären Korrelation“ und der Nichtrepräsentativität.

Sie sind lebendige Beispiele dafür, wie viel eher verquere Geister böse Zustände erzeugen, als üble Gegebenheiten schlimme Gedanken hervorrufen. Eine konsequent idealistische Philosophie und Ethik stellen die beste Therapie gegen perverse Philosopheme dar. Gerade ein angeblich so aufgeklärtes Zeitalter wie das heutige sollte sich endlich von reduktionistischen und entfremdenden Ideologien befreien.

(Aus „Gender Mainstreaming. Es lebe die Perversion!“ In: Zur Zeit 3/2008)

www.conservo.wordpress.com     15.02.2019

4 Kommentare

    1. daraus:
      „Frauen, die Fragen stellen, werden der göttlichen Ordnung gefährlich.“

  1. „Grundvorstellung ist, dass die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschlechtsrollen von Männern und Frauen anders als das biologische Geschlecht erlernt und damit veränderbar seien“
    Im Gegenteil die einseitig theoretisierende Gender Mainstreaming-Ideologie begeht den fundamentalen Irrtum, die als entscheidende menschliche Gegebenheit vorliegenden und prägenden neurophysiologischen Unterschiede in den Gehirnen von Frau und Mann völlig auszuklammern bzw. zu negieren.
    [Einzelheiten bezüglich unüberbrückbarer Unterschiede in den Gehirnen von Frau und Mann sind in dem Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4; EUR 7,90]

  2. Wer von Gramsci spricht, darf über die SPD nicht schweigen…
    „Kulturelle Hegemonie“ und „Historischer Block“ – diese beide Begriffe haben Peter Glotz und Willy Brandt im Laufe der 80er Jahre in die politische Sprache der SPD eingemeindet. Besonders der „Vordenker“ Peter Glotz bediente sich der Begrifflichkeit von Antonio Gramsci: Eine „hegemoniale Klasse“ herrsche“ nicht nur, sondern „führe“ die mit ihr verbundenen Schichten auch politisch-kulturell. Diese hegemoniale Führungsfähigkeit war ein Ziel von Peter Glotz für seine SPD.

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