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Von Peter Helmes

Coronavirus und die Entdeckung ungelöster hausgemachter Probleme

Wohin man schaut, wohin man hört: Angst regiert das tägliche Dasein der Menschen. So scheint es jedenfalls, wenn man auch das irrationale Verhalten der Konsumenten dazurechnet. Zwar warnt das Robert Koch-Institut (RKI) vor einer übertriebenen Angst und erst recht vor Panik – und das RKI hat in den Debatten zu den Problemen der Corona-Pandemie fiel Vertrauen verspielt. Der Mensch fühlt offensichtlich anders – und handelt anders.

Zeitweise drohte Panik um sich zu greifen – so, daß Menschen nicht einmal davor zurückschreckten, in Krankenhäusern Desinfektionsmittel zu klauen. Und das sogar auf Krebsstationen, wo das Überleben schwerkranker Patienten davon abhängt, daß keine Erreger eingeschleppt werden oder sich ausbreiten. Hamsterkäufe nehmen zu statt ab.

Stichworte wie Klopapier, Nudeln oder Mehl fallen sofort, sobald man über das Verbraucherverhalten in diesen Zeiten spricht. Als ernsthaftere Probleme kommen z. B. Pflegenotstand, unterbezahlte Angestellte, Lieferengpässe bei Medikamenten usw. hinzu:

Das Coronavirus deckt viele Probleme auf, die Union und SPD trotz jahrelanger Regierungsverantwortung einfach haben liegen lassen. Und so ist Corona-Politik zum Kampf gegen hausgemachte Probleme geworden.

Das sah im letzten Jahr um diese Zeit ganz anders aus – und zeigt im Übrigen, wie flüchtig vermeintlich „unaufschiebbare“ Politik sein kann. Fast erinnert man sich schon nicht mehr: Wer denkt denn heute noch an die Jugendlichen der „Fridays for Future“-Bewegung? Die Covid-19-Pandemie hat uns voll im Griff – und die für uns offenbar kaum noch spürbare, hochkomplexe Erderwärmung in den Hintergrund treten lassen.

Ab und an wird in den Debatten zwar nach wie vor fast trotzig behauptet, der Klimaschutz bleibe ein essentielles Anliegen und hier ginge es nicht um ein Gegeneinander-Ausspielen der Klima- und der Coronakrise. Doch der Vergleich heute gegen gestern mag helfen, unsere Wahrnehmung in der aktuellen Situation zu schärfen.

Es kommt noch ein wichtiges Moment hinzu: das der Ernsthaftigkeit. In der Klimadebatte spielten sich manche Klima-Apostel auf wie Regisseure einer neuen Welt, denen das tumbe Volk gefälligst andächtig – und verängstigt – zu folgen habe. „Corona“ ist jedoch ein anderes Stimmungsbarometer, das zeigt: Angst und Panik dürfen nicht das Gebot der Stunde sein, Wachsamkeit aber sehr wohl, um sich und andere zu schützen.

Aber zur bitteren Erkenntnis gehört ebenso: Die Bundesregierung versucht nicht nur mit milliardenschweren Hilfspaketen, sondern auch mit drastischen Einschränkungen der Freiheitsrechte ihre Schritte zu begründen. Das aber bedeutet in einer wachen Gesellschaft: Widerspruch tut gerade jetzt besonders not, die Wächterfunktion von Opposition und Zivilgesellschaft ist wichtiger denn je. (siehe auch: https://www.conservo.blog/2020/04/04/die-grosse-transformation-der-umtausch-zum-neuen-menschen-laeuft/)

Die Grünen machen das vor, indem sie klimafreundliche Konjunkturpakete fordern, die FDP wacht derweil über den Umgang mit den Grundrechten und fordert eine klare Kommunikation, wie lange die Freiheitsbeschränkungen gelten sollen. Die Linke schließlich warnt davor, aus der Corona- eine soziale Krise zu machen, in der sich die einen bereichern und die anderen leer ausgehen. Teils steinreiche Konzerne wie Adidas, Deichmann und H&M gehen da gerade mit schlechtem Beispiel voran und bleiben die Miete für ihre Ladengeschäfte schuldig – das ist armselig.

Mit Argusaugen blickt gerade die Linke auch auf die Idee, die Mobilfunkdaten von Corona-Infizierten zu sammeln – gerade den Ostdeutschen in der Partei steckt da die Erinnerung an den Überwachungsstaat DDR wohl noch in den Knochen. Sämtliche dieser Debatten rund um die Corona-Pandemie stehen am Anfang und sind von einem klaren Pro oder Contra weit entfernt. Und die ganze Debatte ist überlagert von einer erdrückenden Kernfrage:

Wie halten wir es mit der europäischen Solidarität, in Form von Corona-Bonds? Es ist alles noch offen.

(siehe auch: https://www.conservo.blog/2020/04/14/mein-name-ist-bond-ursula-von-den-bonds-ich-erledige-euro-pa/)

Werden die Probleme jetzt angepackt?

Andererseits wirkt das Virus wie eine Lupe und deckt einen ganzen Haufen von Problemen auf, die Union und SPD trotz jahrelanger Regierungsverantwortung einfach haben liegen lassen: Zum Beispiel das auf Kostenersparnis getrimmte Gesundheitssystem und der Pflegenotstand mit erschöpften, unterbezahlten Angestellten. Beides steht plötzlich auch denen vor Augen, die sonst nie ein Krankenhaus oder ein Altersheim betreten. Und die schon seit langem gefährlichen Lieferengpässe bei Arzneimitteln aus dem Ausland bringen jetzt endlich auch den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, zum Nachdenken, wenn auch bisher nicht zum Handeln. Es bleibt die Hoffnung, daß diese und weitere Probleme jetzt – und nicht erst in 20 Jahren – angepackt werden.

„Fachleute“ trösten sich derweil mit den Bewertungen des Sachverständigenrates – den sogenannten Wirtschaftsweisen, die ein Sondergutachten zu den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise vorgelegt haben. Bemerkenswert immerhin: Das Gremium, schürte keine Panik, obwohl sich Horrorszenarien über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie l leicht entwerfen ließen. Schließlich weiß noch niemand, wie sich die gesundheitliche Seite weiter entwickelt. Doch der Versuchung zur Schwarzmalerei haben die Wirtschaftsweisen zum Glück widerstanden.

Dazu gehört die simple Tatsache, daß es im Moment wahrscheinlicher ist, an etwas anderem zu sterben als am Covid-19. Ein hohes Alter (ab etwa 75 J.), weitere Krankheiten bzw. Vorerkrankungen und ein zu spätes Eingreifen sind Faktoren der Sterblichkeitsrate. Das ist vielleicht schwierig zu akzeptieren, aber das ist nun einmal die Realität. Das einzige, das in der Debatte interessieren sollte, sind nackte Daten und Fakten. Davon hat sich der Sachverständigenrat offensichtlich leiten lassen.

Ein Blick nach Fernost bestätigt das: Die Japaner haben einen guten Versuch gemacht und die Kreuzfahrer (ab einem Alter von 75 Jahren) auf der Diamond Princess interniert. Man sah sehr wohl, daß es ansteckend ist, 700 Personen haben sich angesteckt. Trotz einer sehr fragilen Population sind aber lediglich ein Prozent gestorben. Das ist die Realität, die man beobachten und messen kann.

Die richtige Frage ist noch immer nicht gestellt: Wie ist dieses Land in einen solchen Zustand geraten, daß man eher auf Leute hört, die keine Ahnung haben, als auf Leute, die wirklich etwas wissen?

Massentests durchzuführen, ist gesunder Menschenverstand. Ich weiß nicht, warum das nicht eine nationale Verpflichtung als Vorgehensweise ist. Es müßte momentan in allen Staaten die wichtigste politische Entscheidung sein.

Die „Wirtschaftsweisen“ haben sich nicht am gefühlten Wettbewerb der immer düsterer werdenden Vorhersagen beteiligt. Optimismus ist gerade jetzt Balsam für die Seele. Gibt es eine realistische Grundlage? Ja, Deutschland kann mit einem tiefblauen Auge davonkommen – eine Botschaft, an die man sich erst gewöhnen muß und die angesichts der weit verbreiteten Horrormeldungen schwer vermittelbar erscheint.

Aber gestandene Ökonomen wie Deutschlands „Wirtschaftsweise“ müssen keine Horrorszenarien an die Wand malen. Die – nach verschiedenen Voraussagen – 2,8 bis schlimmstenfalls 5,4 Prozent, um die die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen könnte, wirken tatsächlich so, als könnte Deutschland in der Corona-Krise noch vergleichsweise glimpflich davonkommen. 2009 mit minus 5,7 Prozent war schlimmer. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

www.conservo.wordpress.com     14.04.2020

Von conservo

Conservo-Redaktion