Stummeldeutsch – 3. Lektion

www.conservo.wordpress.com)

Von Dr. Helmut Roewer *)

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. (Ludwig Wittgenstein)

Wer hätte das gedacht? Jahrelang habe ich aus allen möglichen Ecken der Welt berichtet. Die Leute haben’s gelesen oder auch nicht. Erst als ich anfing, mich über unsinnige Schilder und Sprech-Schrullen in D lustig zu machen, habe ich die Nerven meiner zwei oder drei Leser gekitzelt. Was sie mir schrieben – einer bedankte sich für die Zusende –, will ich nun nicht für mich behalten. Alles Beleidigende habe ich beiseitegelassen. Nur vorsorglich, um dem Annalena-Problem auszuweichen, sage ich: Es ist alles nur geklaut.

Was bisher geschah: In der ersten Lektion unternahm ich einen Ausflug in die Welt des amtlich zugelassenen Stummeldeutschs: Umkleide, Tanke, Impfe, Schalte. Die zweite Lektion war dem Volksmund gewidmet, der sich, wie emsige Sprachwächter wissen, nur selten korrekt äußert: Klatsche, Klapse, Schreckse, Transe. Nun also die dritte Lektion, das ist die der Reaktionäre sozusagen. Hier sind sie.

Als ich über die Tanke berichtete, ahnte ich nicht, dass mich die Wirklichkeit an den Tankstellen bereits überholt hatte, denn an den politisch korrekten Fortbewegungs-Ergänzungsmittel-Anlagen unterscheidet man inzwischen sorgsam zwischen

Zapfe, die: da kommt der Sprit raus, und

Lade, die: da kommt der Strom raus.

Meine Aussagen zur Klatsche haben viel Zustimmung erfahren – endlich berichtet ma einer vonne Ruhr –, aber es fühlten sich andere Lokalpatrioten aufgerufen, mich auf eigene mundartliche Varianten zum Stummeldeutsch hinzuweisen, zum Beispiel diese hier:

Sssmaul: Sächsisch, bevorzugt aus dem Raum Leipzig, wird in zwei Variationen verwendet, nämlich für: Halts Maul (Gebrauch in den besseren Ständen, aus dem Mundwinkel heraus), und (fortissimo) für: Du kriegst gleich einen aufs Maul (beliebtes Argumentationsmuster in Leipzig-Connewitz).

Roster, ohne Artikel: Ebenfalls sächsisch, bevorzugt zur Mittagszeit und zwar für Bratwurst, Bratwurstessen, Bratwurststand. Apropos Bratwurst, in Weimar – das liegt in Thüringen – erkennt man den Fremden daran, dass er am Wurststand eine Thüringer ordert. Der Eingeborene schüttelt darob den Kopf, er spricht schlicht von Bratwurst.

Nun sage man nicht, unsere Staatenlenker hätten zum Stummeldeutsch nichts beigetragen. Richtig ist vielmehr das hier:

oda soo: Annex zu allem, was man selbst nicht richtig verstanden hat, zum Beispiel „Ich hab doch kein Sachbuch geschriebn oda soo“, von bösen Zungen auch als Bärbock-Deutsch verspottet. Dem Spott schließe ich mich nicht an, denn hier geht es schließlich um die Rettung der Welt. Im Übrigen gilt nach meiner Beobachtung: oda soo wird von klugen Frauen nie verwendet, sondern nur von solchen, die zum Ausdruck bringen wollen, dass es schließlich nicht ihre Schuld sei, wenn sie von dem, worüber sie grade reden, keine Ahnung haben.

Leugna, der: Annex zu Beliebigem für das Abweichen vom Chorgesang dessen, was auf der Mainstream-Agenda steht. Klima, Corona und so. Leugna ersetzt das Argument, das gottlob ebenfalls verstummelt wurde: „Da hab ich jetz keine Argu für, wirklich jetz.“ Dies als Luisa-Deutsch zu bezeichnen, geht entschieden zu weit, zumal die berühmte preußische Königin nicht so hieß, sondern Luise.

Und dann ist da noch das Presse-Stummeldeutsch, zum Beispiel der Bild, Sie wissen schon, die Zeitung, hinter der nicht einmal ein Kopf steckt. Von dort wurde ein ganz normales harmloses Verb eingestummelt, so dass es auch das Polit-Sprech erreicht hat, nämlich

kann (nur in der Gegenwartsform, in 1. oder 3. Person Singular verwendbar): a) falsche Anwendung „Annalena kann nix“, b) richtige Anwendung „die kann Kanzler“. Tja (siehe Sixt-Reklame, weiter unten).

Abschließen noch mal ein Blick zur Ruhr. Hat jetzt mit dem Hochwasser nix zu tun, das ist die Ahr, andere Rheinseite. Unbedingte Zustimmung: Hunnertpro, dat Schalke jetz ne Klatsche kricht. Was zeigt, dass sich der Bergmann nie um den Zent geschert hat. Sein Gesprächspartner stimmt zu: Da kannsse für tun.

Und was ich sonst noch geklaut habe (in diesem Fall bei Klaus Döhler):

oder das hier (bei Sixt):

© Helmut Roewer, Zeichnung Bernd Zeller, Jena, Juli 2021

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*) Dr. Helmut Roewer wurde nach dem Abitur Panzeroffizier, zuletzt Oberleutnant. Sodann Studium der Rechtswissenschaften, Volkswirtschaft und Geschichte. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen Rechtsanwalt und Promotion zum Dr.iur. über ein rechtsgeschichtliches Thema. Später Beamter im Sicherheitsbereich des Bundesinnenministeriums in Bonn und Berlin, zuletzt Ministerialrat. Frühjahr 1994 bis Herbst 2000 Präsident einer Verfassungsschutzbehörde. Nach der Versetzung in den einstweiligen Ruhestand freiberuflicher Schriftsteller und Autor bei conservo. Er lebt und arbeitet in Weimar und Italien.

www.conservo.wordpress.com       20.07.2021

6 Kommentare

  1. Lieber Herr Roewer !
    Danke für Ihre drei Kapitel, die uns in die Lage bringen, die ” Jugend” besser zu verstehen.Diese Sprache ist wichtiger als ” Gendern”.
    Schauen Sie bitte weiterhin nach weiterem ” Neusprech”.

    Mit besten Grüßen

    Ihr Dieter Farwick

  2. „Die Sprache, zumal eine relative Ursprache, wie die Deutsche, ist das köstlichste Erbtheil der Nation und dabei ein überaus kompliciertes, leicht zu verderbendes und nicht wieder herzustellendes Kunstwerk, daher ein „noli me tangere“ [Rühre mich nicht an!].“ —

    Arthur Schopenhauer

    ———————————

    „Hier kann einzig das unzerstörbare Gefühl der Verwandtschaft mit dem Volke, dem wir zunächst entwachsen sind, ergänzend eintreten, um den durch den Überblick über das Ganze zerrissenen Faden wieder anzuknüpfen: hier wirkt das, als was wir uns selbst fühlen; wir haben Mitleiden und bemühen uns zu hoffen, wie für das Loos der eigenen Familie. Vaterland, Muttersprache: wehe dem um sie Verwaisten! Unermeßliches Glück aber, in seiner Muttersprache die Sprache seiner Urväter selbst erkennen zu dürfen! Durch solche Sprachen reicht unser Fühlen und Erschauen bis in das Urmenschenthum selbst hinab; keine Besitzesgrenzen schließen da unseren Adel ein, und weit über das zuletzt uns zugefallene Vaterland, weit über die Marken unserer geschichtlichen Kenntniß und der durch sie zu erklärenden äußeren Gestaltungen unseres Bestehens, empfinden wir uns der schöpferischen Urschönheit des Menschen verwandt. Und dieß ist unsere deutsche Sprache, das einzige ächt erhaltene Erbtheil unserer Väter. Fühlen wir unter dem Drucke einer fremden Zivilisation uns den Athem vergehen, und uns in schwankendes Urtheil über uns selbst gerathen, so dürfen wir nur in dem wahren väterlichen Boden unserer Sprache nach deren Wurzel graben, um sofort beruhigenden Aufschluß über uns, ja über das wahrhaft Menschliche selbst zu gewinnen.“ — Richard Wagner

    Martin Luther

    https://www.youtube.com/watch?v=wnwdyANnWAI

    Den Inhalt des deutschen Schrifttums im 16. Jahrh. hat zu einem guten Teil Luther bestimmt. Zwei seiner größten Taten sind seine Bibelübersetzung und die Schaffung des evang. Kirchenliedes.

    Siehe auch: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers [ Auf Deutsch ]
    https://bumibahagia.com/2021/07/18/deutschland-die-wasser-die-leut/#comment-269631

  3. ‘sssamarsch’
    ist nicht wie vielleicht mancher glauben könnte, eine Verballhornung des französischen
    ‘ca marche’ ( ça marche ),

    sondern die Beschreibung der Zustands von Dummschwätz Anal – Lena Verbaerbockt.

  4. Herrlich, vor allem dort, wo frau betonen möchte, nicht selber schuld zu sein daran, dass sie keine Ahnung hat von dem, worüber sie gerade redet… 😀
    Oder schöner und präziser ausgedrückt:
    “sondern nur von solchen, die zum Ausdruck bringen wollen, dass es schließlich nicht ihre Schuld sei, wenn sie von dem, worüber sie grade reden, keine Ahnung haben” 😀

  5. Das Wittgenstein-Zitat trifft den Nagel auf den Kopf.
    Und es ist genau das, was ich vor einigen Artikeln im Kommentarbereich umständlich versucht habe zu erklären, die Afrikaner betreffend.
    Die denken und fühlen auch komplett anders als wir, weil ihnen schon die Worte für die Grundlage unserer geistigen Welt fehlen. Das kann gar nicht harmonieren, es wäre gerade so, als unterhielte sich ein Fisch mit einem Vogel, oder ein Insekt mit einem Elefant.

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