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Von Peter Helmes

Deniz Yücel. Sohn türkischer Arbeitsmigranten. Das Zitat stammt aus seiner taz-Kolumne 2013 als Replik auf Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab”. So sieht Dankbarkeit aus. Alle Aussagen Yücels waren als Satire gemeint.

Vor 60 Jahren: Türken als Gastarbeiter ins Land geholt

In diesem Monat (30. Oktober 1961) jährt sich zum 60. Mal der Tag, an dem das Deutsch-Türkische Anwerbeabkommen geschlossen wurde. Es ermöglichte die regulierte Einwanderung aus der Türkei nach Deutschland. (Ähnliche Übereinkünfte wurden bereits 1955 mit Italien und anderen Ländern geschlossen.)

Das Abkommen war Auftakt zu einer zwölf Jahre andauernden organisierten Arbeitsmigration aus der Türkei in die Bundesrepublik, die mit dem Anwerbestopp von 1973 endete. Der Zuzug danach bestand im Wesentlichen aus Familienangehörigen derer, die bereits in Deutschland waren. Heute stellen Menschen mit türkischer Familiengeschichte die größte Einwanderergruppe, 2,75 Míllionen, gefolgt von der polnischen und russischen Minderheit. Inzwischen haben etwa drei Millionen Menschen in Deutschland eine türkische Migrationsgeschichte. Nach Auskunft von Zeitzeugen sei ihnen wichtig gewesen, daß ihre Kinder bessere Bedingungen im Leben haben als sie selbst.

Deutschlands Arbeitskräftemangel

Der wirtschaftliche Aufschwung der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere in den 1950er-Jahren, übertraf die kühnsten Erwartungen der Menschen. Es gab unglaubliche, so kurz nach Ende des II. Weltkrieges nicht für möglich gehaltene Wachstumsraten von bis zu 12,1%. Der Zustand der Vollbeschäftigung war damit erreicht. Das Land benötigte dringend zusätzliche Arbeitskräfte.

Dieser Jahrestag bietet auch Gelegenheit, mit einigen Mißverständnissen aufzuräumen, die gerade in jüngster Zeit von gewisser Seite öffentlich genährt und verbreitet werden. Dazu gehört als wichtiges Faktum die Feststellung, daß man damals in Deutschland eigentlich die türkischen Arbeitskräfte gar nicht so dringend brauchte. Drängender waren vielmehr geopolitische Gründe (siehe weiter unten).

Gekommen, um zu bleiben?

Das Anwerbeabkommen sei „kein Akt der Nächstenliebe oder Zeichen fortschrittlicher Zuwanderungspolitik“ gewesen, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede bei einem Festakt der Türkischen Gemeinde in Deutschland. „Deutschland war knapp an Arbeitskräften. Die Optionen lauteten: Wachstumsverzicht oder Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland.“ Und beide Seiten seien zunächst von einem begrenzten Aufenthalt ausgegangen.

In den vergangenen 60 Jahren hat es in vielen Punkten eine Angleichung der Türkeistämmigen an die Mehrheitsgesellschaft gegeben, wenngleich noch Probleme festzustellen sind, die z.B. durch das Stichwort „Parallelgesellschaft“ deutlich werden. Und es gibt nach wie vor weitere Unterschiede, etwa bei der Religiosität. Während die deutsche Gesellschaft insgesamt immer säkularer wird, ist bei Zuwanderern eine hohe Zugehörigkeit zum Islam über mehrere Generationen recht stabil geblieben.

Bei den Jüngeren ist zunehmend ein besonderer Mentalitätswandel spürbar: Sie beanspruchen Verantwortungspositionen und sagen z.B.: „Das ist auch unser Land!“ Aber die emotionale Verbundenheit mit der Türkei ist in der dritten Generation noch sehr hoch.

Häufig wird sowohl von Türken als auch von deutschen „Gutmenschen“ die deutsch-türkische Arbeitsmigration einseitig so dargestellt, daß die Türken Opfer „deutscher Ausbeutung“ gewesen seien. Eine solch typische Meinungsmanipulation konnte man jüngst z.B. im Amtsblatt der Erzdiözese Freiburg das „Gemeinsame Wort der Kirchen zur Interkulturellen Woche vom 2. September bis 3. Oktober“ lesen, unterschrieben u. a. von den Bischöfen Bätzing (r.kath.) und Bedford-Strohm (ev.).

Darin wird die Behauptung wiederholt: „Migrantinnen und Migranten haben dieses Land mit aufgebaut und geprägt. Es ist auch ihrem Beitrag zu verdanken, dass wir alle zusammen in einem solidarischen, wohlhabenden, weltoffenen und ideenreichen Land leben.“ Den bischöflichen Exzellenzen ist dringend mehr Realismus zu empfehlen.

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan wollte sich schon im Jahre 2008 bei einer Rede vor türkischen Immigranten in Köln) nicht zurückhalten und tönte:

„Jeder unserer Brüder und Schwestern hat hier Tag und Nacht gearbeitet, um Herzen zu gewinnen. Sie haben jede Bitterkeit zu Honig gemacht, jedweder Schwierigkeit getrotzt.“

Wie waren die Fakten?

1961 wurde auf Initiative und auf Druck der türkischen Regierung das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei geschlossen. In der Türkei revoltierten die Studenten und Gewerkschaften wegen der sozialen Notstände. Die USA drängten die Deutschen, die Türkei wirtschaftlich zu stützen. In Kuba hatte Fidel Castro 1960 den Diktator Batista und die Amerikaner verjagt, was geopolitisch zu internationaler Nervosität führte. Das globale Gleichgewicht im Kalten Krieg schien aus der Balance zu geraten.

Die Nato brauchte an der „Südost-Flanke“ des sozialistischen Blocks Verbündete, und die militärisch schlagkräftige Türkei war dafür der historisch bewährte Partner. Das zeigte die Kuba-Krise, in der die Türkei eine bedeutende Rolle spielte. Die Nato-treuen türkischen Generäle forderten dafür einen Preis: Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung Europas.

Viele hausgemachte Probleme belasteten damals die türkische Politik, vor allem eine enorme Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut sowie die damit verbundene nachhaltige Landflucht, in deren Folge Millionen Menschen in die Städte zogen. Über Nacht entstanden dadurch „Gecekondus“, Slumviertel am Rand der großen Städte. Gleichzeitig zu den Finanz- und Wirtschaftskrisen scheiterte der Versuch, das Land zu industrialisieren. Noch 1961 lebte ein Großteil der Bevölkerung von der Landwirtschaft.

Nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet

In dieser Situation hoffte die türkische Regierung, der hohen Arbeitslosigkeit und dem starken Bevölkerungswachstums mittels Arbeitskräfteexport begegnen zu können. Da kam Ihnen das Angebot aus Almanya gerade recht – wie ein Geschenk der Götter. Ein deutscher Arbeitsvertrag war so wertvoll wie ein Lottogewinn. Es gab viermal so viele Bewerber, wie Stellen vermittelt werden konnten.

Wie man angesichts dieser Fakten davon sprechen kann, die Türken hätten Deutschland wieder aufgebaut, bleibt wohl deren Geheimnis. Eher ist der umgekehrte Satz zutreffend: Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet.

www.conservo.wordpress.com     6.10.2021

Von conservo

Conservo-Redaktion