Michael van Laack

Ich stelle mir vor, ich wäre heute eines der Opfer des Deutsch-Armeniers geworden, der in Berlin mit seinem angeblich zu Beginn 150 km/h schnellen Kleinwagen in eine Schülergruppe mit ihrer Lehrerin, mehrere andere Passanten und final in ein Geschäft gerast ist. Mein Bein wäre so stark gequetscht worden, dass es amputiert werden müsste.

Herr Doktor, mein Leidensdruck ist je nach Tatmotiv unterschiedlich!

Am Morgen nach der OP würde ich auf die Frage des Arztes “Wie geht es uns denn heute, mein Bester?!” antworten: “Keine Ahnung wie es ihnen geht. Aber mir geht es abhängig von Motiv und Nationalität des Täters schlechter oder besser.”

“Wie meinen sie das denn, Herr van Laack!” “Na ja, wenn ich Opfer eines islamistisch motivierten Anschlags geworden sein sollte, ist Bundeskanzler Scholz samt seiner Vorgängerin Merkel mitverantwortlich dafür, dass ich ab jetzt mit einem Bein durch die Weltgeschichte schreiten muss. Das verstärkt meine Wut und auch meine Schmerzen!”

“Und warum?“ “Warum, Warum! Es ist ebenso und damit Basta.” „Und wenn es kein islamistisch motivierter Täter wäre?” “Meine Güte, Herr Doktor! Es reicht vollkommen aus, wenn es sich um einen Migranten handelt! Denn die wären auch alle nicht hier, wenn die Bundesregierung die Grenzen seit 2015 nicht weit geöffnet halten würde. Dann hätte ich mein Bein jetzt auch noch!”

Es gibt auch edle Mordmotive!

“Nun gut, Herr van Laack. Aber wenn es sich beim Täter um einen seit zehn Generationen in Deutschland lebenden Christen oder Atheisten handeln würde?“ “Nun… dann käme es halt darauf an, ob er das gemacht hat, weil er über die Corona- oder Ukrainepolitik der Bundesregierung frustriert war oder ob es sich vielleicht ursprünglich um ein innerfamiliäres Problem handelte, das eskaliert ist.” “Worin besteht denn da der Unterschied. Herr van Laack?”

“Das liegt doch auf der Hand: Wenn der Auslöser die Coronapolitik, der Putinhass, der Gender- und Klimawahn der Bundesregierung oder die Inflation war, klebt auch das Blut meines Beines an den Händen von Scholz und seinen Kumpanen. Sollte er mich allerdings einfach umgefahren haben, weil seine Frau ihn dominiert hat und er ein Ventil für seinen Hass suchte, werde ich ihm sein Bein abschneiden, sobald ich wieder fit bin. Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Das ewig gleiche Dumpfbacken-Gefasel

Dieser fiktive Dialog soll nur eines zum Ausdruck bringen: Ich bin komplett genervt von der Reaktion sowohl des linken als auch des rechten Lagers unmittelbar nach solchen Ereignissen. Und auch genervt von den Textbausteinen der Betroffenheitsbeauftragten in Bund und Land, die bei solchen Gelegenheiten immer wieder aus der Schublade gezogen werden, um sie dem Medienkonsumenten (auch Bürger genannt) vor die Füße zu werfen.

Rechts weiß man schon nach fünf Minuten, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einer von Weidels Messermännern hinterm Steuer gesessen hat.  Links ist man sich sicher, dass entweder ein Voll-Nazi oder ein halber (also ein Querdenker) die jeweilige Bluttat begangen hat. Gegenseitig werfen sich die Lager dann vor, den Vorfall einmal mehr für sich instrumentalisieren zu wollen. Und man weiß natürlich auch, wie es ausgeht. War es ein Muslim, ist er eh nicht schuldfähig. War es ein Nazi, wird ohnehin zu schleppend ermittelt und die Strafe viel zu niedrig ausfallen.

Die Opfer und ihre Angehörigen kommen hingegen immer nur in Sonntags- oder “Nie wieder”- Reden vor. Denen ist es allerdings zumeist völlig egal, durch wessen Hand ihre Kinder, Enkel oder Geschwister ermordet wurden. Sie sind tot, liegen im kalten Grab, kommen nie wieder zurück. Auch dann nicht, wenn weise Politiker aller Farben auf die Verantwortlichen im jeweils anderen Lager zeigen. Das von einem Kopfschuss aus dem Schädel auf die Straße verteilte Hirn und der von einem Autoreifen tief eingedrückte Brustkorb bleiben, was sie sind: Todesursachen, die die Angehörigen ihres Liebsten beraubt haben. Da ist es nicht einmal mehr ein schwacher Trost zu wissen, wer versagt hat.

Tot ist tot, da helfen keine Pillen!

Und auch jene, die überleben; die oft viele Jahre an den Folgen leiden (physisch und psychisch)… deren Ehen zerbrechen oder die dem Alkohol verfallen… deren Angehörige das Leid sehen, aber kaum helfen können… Für sie alle ist die Beantwortung vieler Fragen nicht halb so wichtig, wie die Leitmedien uns ständig weismachen wollen. – „Sie wollten dem Täter unbedingt in die Augen schauen!“ ist auch so eine Phrase aus dem Textbausteinkasten für Mord- und Totschlag-Prozesse. Die meisten wollen vergessen. Und wenn das nicht funktioniert, wenigstens verdrängen.

Damit will ich selbstverständlich nicht die Migrationspolitik oder irgendeine andere Fehlleistung der Regierung verteidigen, sondern lediglich darauf aufmerksam machen, dass ganz schnell auch an unseren Händen Blut kleben könnte, wenn wir in Wort und Schrift der Polarisierung das Wort reden.

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