
Michael van Laack
Der Kirchgang ist zwar an Weihnachten wie auch an Ostern für deutlich mehr Christen wichtig als an den „normalen“ Tagen im Jahr, wo der Gottesdienstbesuch je nach Region zwischen 3 und 10 % liegt. Aber erst durch Corona rückte das Thema ab 2020 über die Medien in der Breite ins Bewusstsein der Gesellschaft.
Feiern unterm Weihnachtsbaum gehört neusten Umfragen zufolge für deutlich mehr Menschen zum Weihnachtsfest als der Gottesdienst: 79 % der Bevölkerung – ganz gleich, ob sie nun „praktizierende“ Christen, gewohnheitsmäßige Kirchensteuerzahler oder sogar „Atheisten“ sind – versammeln sich am Heiligabend oder den Weihnachtstagen unter der Nordmann-Tanne oder einem anderen (Kunststoff-)Gehölz.
Für ca. 90 % steht bei der Feier Bescherung (also die Geschenke) im Vordergrund. Je nach Geldbeutel teuer und reichlich – oder mühsam erspart und dennoch schlicht, aber dann oft in deutlich höherem Maß von Herzen kommend.
Sehr gutes Essen, Hausmusik oder poppiges Gedudel aus dem CD-Player. Mal ein grellbuntes Fest, mal ein besinnliches. Je nach Gusto! Für manche auch Gelegenheit zu einem Restaurantbesuch: einem gewohnt exklusiven für die einen – für andere ein besonderes Event, weil sonst oft das Geld fehlt, sich bedienen zu lassen.
Das Wichtigste aber ist für die Meisten die Gemeinschaft und die Sehnsucht nach Harmonie, nach Besinnlichkeit auf Knopfdruck!
2022 – Trostlos wie die Corona-Weihnacht?
Zweifellos für alle, für die Weihnachten nichts anderes ist, als ein Konsum-Höhepunkt. Ein Tag, auf den man hinarbeitet, weil alles an ihm perfekt sein soll. So perfekt, wie es der Geldbeutel gerade noch erlaubt in Zeiten wie diesen. Leider auch manchmal darüber hinaus, was einige Monate später nur den Gerichtsvollzieher „freut“.
Ein Tag, an dem es nicht so sehr um den eigentlichen Anlass des Festes geht, sondern um das „Sehen und gesehen werden“. Zumindest für jene, die die Freude in den Augen des Beschenkten (vielleicht sogar seine Beschämung, weil er Geschenke nicht oder nicht “angemessen” erwidern kann) konsumieren wie einen guten alten Cognac. Diesen Menschen wurde durch die 2020 und 2021 durch die Corona-Restriktionen alles genommen, für das sich Weihnachten aus ihrer Sicht zu feiern lohnte. Und auch 2022 verhageln nicht Wenigen der Ukrainekrieg, die Hyper-Energiepreise und die Inflation in anderen Bereichen die Weihnachtsstimmung gewaltig.
Die kleine Gruppe der „praktizierenden Christen“
In den Coronajahren (vor allem 2020) konnten keine oder nur sehr wenige Gottesdienste gefeiert werden; und zu den Gottesdiensten 2021 musste man zudem oft Platzkarten reservieren wie fürs Varieté auf der Reeperbahn.
2022 ist das zwar nicht mehr so, doch immer mehr Bürger haben sich in den Coronajahren vom Gottesdienstbesuch entwöhnt. Manch einer hat sich zudem durch die Hetze (welche die Medien und innerkirchlich auch das eigene linke Klientel in der Missbrauchs-Causa oder Themen wie der Sexualmoral und angeblicher Frauenfeindlichkeit über die katholische Kirche kübelten und weiter kübeln) gar vollständig entfremdet.
So werden auch in diesem Jahr die Kirchen an Weihnachten leerer bleiben als vor Corona; und die Zahl der Verdrossenen, die austreten, wird weiter steigen.
Was uns bleibt, ist das Kind in der Krippe
Wie viele andere Kinder auch in der damaligen Zeit wurde Christus unter Bedingungen geboren und gebettet, bei denen heute jedes Gesundheit- oder Jugendamt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Materiell arme Eltern eines Knaben, der – würden wir heute sagen – seine Zukunft schon in den Windeln hinter sich hatte. Denn aus diesem bildungsfernen Milieu würde er niemals herauskommen! Und doch ist er – wie wir glauben – schon von Geburt an jener König, als der er sich vor Pontius Pilatus über drei Jahrzehnte später erweisen wird.
Ein König – in einem Stall auf Stroh gebettet. Manche Historiker meinen, es könnte auch eine Höhle gewesen sein. Wie auch immer. Das war die „Bühne“ für den ersten Weihnachtstag, dem ersten Tag der christlichen Zeitrechnung. Die Nacht war definitiv kühl, an Insekten dürfte es dennoch nicht gemangelt haben… Noch viel weniger allerdings mangelte es dem Kind in der Krippe an Liebe. Das Weihnachtsgeschenk von Maria und Joseph! Das erste, was diesem Kind dargegbracht wurde (vor der Anbetung durch die Hirten und die Geschenke der Könige), was bildlich gesprochen in sein Herz drang, war die Liebe seiner Eltern.
Die Liebe ist das schönste und wertvollste Geschenk
„So ein Quatsch,“ könnten jetzt die ewigen Unken-Rufer einwenden. „Liebe ist nicht abhängig vom Weihnachtsfest. Ich liebe meine Frau, meine Kinder oder wen auch immer ganzjährig.“ – Nun… das ist hoffentlich auch so! Aber der Blick auf die Krippe schärft den Sensus dafür, dass Liebe eben nichts ist, für das eine Gegenleistung garantiert werden kann; das Liebe nichts ist, was sich erzwingen ist. Sondern dass Liebe etwas ist, worauf wir alle angewiesen sind: ein Teil unseres Lebenselixiers. Wem wenig Liebe geschenkt wurde, der wird im späteren Leben oft entweder grausam im wahrsten Sinne des Wortes oder aber doch zumindest wenig empathisch bis beziehungsunfähig.
Und deshalb meine Empfehlung für dieses Weihnachtsfest, an dem einmal mehr vieles wirklich anders ist: Schaut auf die Krippe, auf diese drei Menschen. Auf die zwei Erwachsenen, die ihre Liebe bedingungslos verschenken – und auf das Kind, das in diesem Moment nichts anderes kann und will, als sich an dieser Liebe zu wärmen; um sie dann später, als die Welt immer kälter wurde, abertausendfach zurückzustrahlen. Nicht nur auf seine Eltern, sondern auf alle Menschen. Viele haben damals dankbar diese Wärme aufgenommen, andere sind vor ihr geflohen, wieder andere wollten sie gar vertreiben. Wie immer in der Weltgeschichte, wenn es „kalt“ wurde. Aber das ist eher ein Thema für Ostern…
Einstweilen: Schenkt Euch in diesem Jahr bewusster den Menschen, die Euch besonders wertvoll sind. Damit habt Ihr mehr getan, als in all den Jahren, in denen Eure Liebe oft in vielen Ablenkungen, Glitter, Glitzer und Geschenkpapier-Bergen unterging. Ablenkungen, die leider üblich sind an Weihnachtstagen, an denen nicht ein geräuschlos brüllender Löwe durch die Gassen und auf die Plätze läuft, um zu schauen, wen er verschlingen könne.
Wie damals in der Römerzeit
Die Menscheit lag gebunden,
Des Paradieses Herrlichkeit
Von hinnen war geschwunden,
Als Du sie zu entsühnen,
auf Erden warst erschienen;
*
So liegt sie nun gebeugt, gedrückt,
In namenlosen Wehen;
Dein Licht, o Herr, ist ihr entrückt,
Ihr Licht scheint auszugehen;
Wollst wieder sie erlösen,
von der Gewalt der Bösen.
*
Dich rufen Leid und Klageton,
Dir winkt ein Meer von Tränen,
Und leise Seufzer kaum entfloh’n
Bescheid’nem bangen Sehnen,
Zum Retten, zum Befreien,
Das Alte zu erneuern.
Max von Schenkendorf (1783-1817)