Aus der Tiefe schrie ich, Herr, zu dir – Ein Zwischenruf

Von Dr. Juliana Bauer

Kinderzimmer | Die Erfahrung aus dem Körper zu treten, 1998. Bilschirmaufnahme. Quelle: Katja Duftner.

Die Informationen überschlagen sich. Und drehen sich bisweilen endlos im Kreis.

Sexueller Kindes-Missbrauch. Begangen von Mitarbeitern der römisch-katholischen Kirche, begangen von Priestern.

Sexueller Missbrauch in Familie, Freundeskreis, Kirche

Vor einigen Jahren war ich mit dem Thema allgemein befasst, da mir eine liebe Bekannte von ihrem Leid erzählte. Doch handelte es sich um keinen Priester, der sie und ihre jüngere Schwester jahrelang missbrauchte, sondern um ihren eigenen Vater.

Aufgrund ihrer späteren zahlreichen Recherchen konnte sie folgende Aussage machen: die große Mehrheit von sexuellem Kindesmissbrauch findet in den Familien sowie im Freundeskreis der Eltern statt. Es sind die Väter, Großväter, Onkels, ältere Brüder, die Liebhaber der Mutter oder enge Freunde der Familie, der Eltern, die sich an den Kindern vergreifen. Die sie dann erpressen, ihnen drohen, sie einem unendlichen Leid aussetzen. Unabhängig von Stand und Bildung. Die Mütter schweigen vielfach, wenn sie es entdecken, ducken sich weg oder schauen zu… lassen ihre Kinder alleine.

Meine Bekannte verarbeitete ihre Qual als Bildende Künstlerin. Sie schuf eine Bilderreihe aus kolorierten Zeichnungen, der sie den Titel Kinderzimmer gab.

In katholischen Familien waren hin und wieder auch Priester zu Gast. Gehörten Priester zum Freundeskreis. Unter ihnen gab es neben echten Freunden und Seelsorgern auch Perverse. Zunächst wusste man nichts von den abnormalen „Neigungen“ dieser „frommen Herren“ und wenn man es bemerkte oder das belästigte oder missbrauchte Kind davon zu berichten begann, wischte man die erschreckende Erkenntnis vom Tisch oder man wies „solche Lügengeschichten“ weit von sich. Nicht doch! Doch nicht der Herr Pfarrer! Oder der Herr Vikar! Zu Zeiten meiner Urgroßeltern und Großeltern verstand man den Priester als „geweihtes Haupt“, über den man nichts Böses äußern dürfe – ein Verständnis, das stark vom Tridentinum her geprägt war und ein vollkommen überzogenes, „heiliges“ Priesterbild vermittelte, das es so gut wie nie gab, das aber stellenweise bis in die Neuzeit Auswirkungen hatte.

Allgemeines Entsetzen macht sich nun in unserer Gesellschaft und in der Kirche breit. Dazwischen wagen sich Verteidiger in die Höhlen der Löwen. Verteidiger dieser Priester, die letztlich diese „Erbsünde“ in der „Umwertung der Werte von 1968“ und in den „Abgründe(n)“ der „Übersexualisierung unserer Gesellschaft“ sehen wollen, in welche man die ach so bedauernswerten „Priesterseelen…stürzen würde“ (Hesemann, kath net 21.01.22).

Die Verzerrung des Ehesakraments – eine Über-Sexualisierung der Priesterseele?

Die Priester-Seelen! Von denen viele jedoch keine Skrupel hatten lange vor 1968 in den Beichtstühlen unzählige Eheleute nach ihrem Intimleben auszuhorchen, um sie anschließend niederzumachen ob ihres sexuellen Zusammenseins – und „Oh Herr komm‘ zu Hilfe“ – wenn die Intimitäten auch noch lustvoll empfunden wurden (auf die jahrhundertelangen Fehlentwicklungen im kirchlichen Verständnis zur Sexualität gehe ich hier nicht ein).

Mehrere Gläubige aus der Generation meiner Eltern berichteten mir davon. Verständnislos, deprimiert, wütend. Eheleute, die im Sakrament der Ehe lebten. Als Mann und Frau. In der Ehe. Einst von Gott eingesetzt und geheiligt. Basierend auf der Liebe zweier Menschen, die nicht nur Seele und Geist, sondern auch den Leib einschließt. Den Leib, den Gott mit seiner ganzen Lust schuf.

Mein Vater – der meiner Mutter ein Leben lang ein treuer Ehemann war; er starb mit 90 Jahren – schüttete mir als 88-Jähriger einmal sein Herz aus.

Hier sein Bericht: „Als wir jung verheiratet waren, deine Mutter und ich, wurden wir von einigen Priestern übel drangsaliert. Wir, die Eheleute, die Eheleute! mussten beichten, wenn wir miteinander schliefen. Einfach, weil wir uns liebten. Aber natürlich nicht immer ein Kind zeugen wollten. Einmal wurde ich im Beichtstuhl auf gehässigste Weise “rund” gemacht von einem Priester, dem ich auf seine Fragen hin das Zusammensein mit meiner Frau, deiner Mutter beichtete. Ich war am Boden zerstört. Und heute Abend, Juliana, heute Abend sage ich dir eines: ich würde das heute nicht mehr hinnehmen. Ich würde aufstehen und diesem falschen Diener Jesu ins Gesicht schreien, dass er seine Absolution behalten könne. Dann würde ich den Beichtstuhl verlassen. Aber wir wurden niedergehalten durch Angst. Durch Angst vor der Hölle…”

Die „armen, verführten“ Priester-Seelen, wie sie die Traditionalisten gerne sehen möchten, verteufelten die Eheleute. Störten oder brachen die Liebe in vielen Ehen. Nahmen vielen Eheleuten jegliche Freude aneinander. Verteufelten eine gesunde Sexualität. Während in den dunklen Abgründen ihrer Seelen, vor allem spezieller Priester-Seelen, sich die ungestillte Gier nach Sex und Macht durchfraß, der dämonische Missbrauch schwelte und die Seelen von zahlreichen kleinen und jungen Menschen zerstörten.

Missbrauch in den Jahren der Prüderie

Ja, die Priesterseelen. Konfrontiert mit einer Übersexualisierung seit 1968…! Wie erklärt sich dann der Autor dieser Behauptung, dass z.B. auch Bischöfe wie der berühmte Kardinal Faulhaber in den 40iger Jahren mit nicht gerade wenigen Missbrauchsfällen zu tun hatte? Oder dessen Nachfolger Wendel in den Jahren 1952-1960. In einer Zeit von Spießbürgerlichkeit und Prüderie, die ich selbst noch am eigenen Leib erfuhr. „Auffallend ist, dass es in der achtjährigen Amtszeit von Wendel eine Häufung strafrechtlich geahndeter Fälle gibt, bemerkt das Gutachten. Schon damals sei die Behauptung, es handle sich nur um Einzelfälle, also nicht plausibel gewesen. Obwohl die staatlichen Urteile auf die Situation der Geschädigten eingingen, habe das für das Erzbistum keine Rolle gespielt“ (Neumann, katholisch.de, 22.01.22).

Und wie erklärt sich der Autor die vielfältigen sexuellen Aktivitäten und auch Ausschweifungen zahlreicher Geistlicher des Mittelalters (Denzler, Der Zölibat der Priester zur Zeit Papst Innocenz‘ III., …International Congress of the Medieval Canon Law, Catania 30.07.-06.08.2000… …, Biblioteca Apostolica Vaticana 2006)? Lange, lange vor 1968…!

Die verwundete Kinderseele und der verwundete „Leib Jesu“

Einer Reihe von Bischöfen und ihren Personalchefs wird ein „Fehlverhalten“ bescheinigt. Einige geben „Fehler“ zu, so u.a. der Erzbischof von Hamburg: „Erzbischof Heße räumt…Fehler ein.“

Von Fehlern kann man hier aber nicht mehr sprechen. Fehler sind etwas anderes. Beim Verkauf meines Elternhauses z.B. habe ich Fehler gemacht. Die mich etliche tausend Euro kosteten.

Doch beim Missbrauch von Kindern und seiner Vertuschung geht es um schwere Schuld, die die “frommen” Herren auf sich luden. Und das ganze aktuelle Gequatsche, was alles geändert werden muss, ist kalter Kaffee, ihr Herren Bischöfe! Für euch alle, Oberhirten und Pfarrer gibt es nur eines: sich völlig, ohne Wenn und Aber an Christus zu orientieren. Und den Heiligen Geist zu Hilfe rufen. Und zwar täglich! Und ehrlichen Herzens. Denn den Heiligen Geist habt ihr längst ausgesperrt.

Die Bischöfe, versucht man hin und wieder zu beschwichtigen, wollten die “Heiligkeit” der Kirche schützen…! Welche Heiligkeit denn? Die Schein-Heiligkeit und Heuchelei? Ja! Eine völlig ins Gegenteil verdrehte “Heiligkeit”, die hier auf abscheulichsten Verbrechen und auf dem unermesslichen Leid zahlreicher Kinder und Jugendlicher fußt. Ein Leid, das zu allem Überfluss die damaligen „Hirten“ nicht einmal interessierte. Mit einer nicht zu beschreibenden Lieb-Losigkeit und einer menschlichen Kälte ließen sie die kleinen und jungen Menschen in ihrer Qual alleine. Und angesichts dieses Leids scheut sich jener Bischof aus Kasachstan, der auf den “schönen” Namen Athanasius hört und glaubt, das Heil der Welt gepachtet zu haben, nicht einmal, darüber zu klagen, dass der „mystische Leib Jesu“, die Kirche, durch die neueren liturgischen Entscheidungen des Papstes „verwundet“ sei… (Papst Franziskus‘ Motu proprio Traditionis custodes).

Der „Leib Jesu“ ist verwundet, ja. Er ist verwundet, verdunkelt und beschmutzt. Aber nicht durch liturgische Beschlüsse, die den Traditionalisten gegen den Strich gehen. Er ist verwundet durch das Leid, das den Eheleuten über Jahrhunderte lang zugefügt wurde, durch das schwere Leid, das den „Kleinen“ zugefügt wurde, aber auch durch ein unseliges Gesetz, das den Priestern aufgezwungen und mit diesem viel Leid über unzählige Menschen gebracht wurde (s.u.). Denn die Worte Jesu sind klar: „Was ihr einem der Geringsten/einem eurer Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Oder analog dazu: „Was ihr einem der Geringsten/einem eurer Brüder angetan habt, das habt ihr mir angetan.“

Zölibatszwang und falsche Milde

In diesem ganzen Bild des Schreckens, diesem Bild von sexualisierter Gewalt stößt mir noch ein weiteres Problem auf, eines, das speziell in der römischen Kirche ebenso mit diesem Gesamt-Komplex zusammenhängt: der Zwang-Zölibat der Priester.

Seit rund 900 Jahren krallt man sich an dieser von der Amtskirche erzwungenen und zu einem großen Teil verlogenen Lebensform krampfhaft fest.

Ja, an einer zum Großteil verlogenen Lebensform (und für die Leser, die mich jetzt gerne steinigen würden, sei darauf aufmerksam gemacht, dass in nicht allzu ferner Zeit, nämlich 1869-70 während des I. Vaticanum, der Zölibat – man lese und staune – mit Blick auf die Realität einer Reihe von Geistlichen, die mit einer Frau – heimlich – lebten, kontrovers diskutiert wurde).

Eine Lebensform, die für Geistliche, völlig falsch verstanden und in ihrer Zwangsverordnung gegen die biblischen Schriften gerichtet, unter Drohungen und Gewalt und nach bereits beispiellosen Kreuzzügen gegen Priesterehefrauen und Kinder im 12.Jh. von Innozenz II. durchgepeitscht wurde. Innozenz III., bei dessen Wahl 1198 Walter von der Vogelweide ausrief: “Hilf Herre dîner Christenheit”, zementierte diesen Zölibat 80 Jahre später erneut und gnadenlos fest. Obwohl man allerorten sah, dass die Mehrheit der Geweihten sich einen Dreck um ihn scherten (Denzler, s.o. und Humanistischer Pressedienst, Czermak, Zölibat…).

Diese Vertreter der Kirchenhierarchie hatten den Heiligen Geist verbannt. Sie huldigten den Geistern von Gewalt, Macht, Hass und Heuchelei, von Verteufelung und Schmähung der Kräfte und Gaben, die Gott geschaffen und geschenkt hat. Der Geist der Schmähung und Verachtung der Frau, gegen die Innozenz bei den Klerikern wie schon Kirchenväter zuvor permanent hetzte (Denzler, s.o.). In einer solchen Atmosphäre wurde der Grundstein für Perversitäten gelegt bzw. dafür gesorgt, diese zu verfestigen.

Wie kann man ansonsten die Milde vieler Bischöfe gegenüber priesterlichen Sexualstraftätern verstehen, die sich an Kindern vergreifen, gleichzeitig aber den Priester-Zölibat „hoch und heilig“ halten und sich damit einer gesunden menschlichen Beziehung, der Beziehung eines Priesters zu einer Frau entgegenstellen und dieser – zumindest vielfach in der Vergangenheit – mit Härte begegnen?

Was mir in diesem Kontext mehrfach auffiel: Die größten Zölibats-Schreier unter den deutschen Bischöfen (mit den anderen kenne ich mich nicht aus) wurden nicht selten des “Fehlverhaltens” bezichtigt, wenn es um durchgreifende Konsequenzen für Missbrauchstäter ging. Ich verzichte hier darauf, Namen zu nennen.

Aber Gott lässt seiner nicht spotten. Die römische Kirche der Hypokrisie, die den Zwang-Zölibat auf Gewalt und Heuchelei aufbaute, die wertvolle Berufungen von gottgläubigen Männern am Wegesrand liegen lässt, weil diese nicht zölibatär konform leben/leben wollen, sondern das Ehesakrament mit dem Priestersakrament verbinden möchten, erhält die Quittung. Es scheint mit dieser Schuld ein Fluch auf der Kirche zu liegen.

Der Nachfolger Petri wie auch seine von ihm ernannten Oberhirten sollten einmal einen Text des Neuen Testaments genau lesen: trotz seiner Bevorzugung der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen stellt sich der Apostel Paulus gegen das Verbot von Heirat und ordnet dieses der Lüge und der Heuchelei zu. So schrieb er an seinen Freund Timotheus in seinem 1.Brief: “Der Geist sagt ausdrücklich: in späteren Zeiten werden sich manche…betrügerischen Geistern zuwenden…getäuscht von heuchlerischen Lügnern … sie verbieten die Heirat… … (1 Tim 4,1-3). Offenbar nehmen die Vertreter der mit Rom unierten orientalischen Kirchen solche Texte ernster: ihre Gemeindepriester sind zu 90% verheiratet. 

Wenn die „obersten Herren“ der römischen Kirche dem sexuellen Kindesmissbrauch in ihren Reihen durchgängig und ehrlich an den Kragen wollen, sollten sie parallel bei dem unseligen Zwang-Zölibat beginnen, die Weichen in eine andere, in eine ehrliche Richtung zu stellen. Dann werden die Kleriker auch mit dem Missbrauch ein Stück weit ehrlicher umgehen. Dann werden sich die kranken Priesterseelen zumindest nicht mehr unter dem Deckmäntelchen des Pflicht-Zölibats verstecken können.

Und wenn der Regensburger Bischof davon spricht, dass der Missbrauch gegen die Kirche instrumentalisiert werde, sollte er bedenken, dass die Menschen an die Kirche, an ihre Vertreter viel höhere Maßstäbe anlegen, als an Privatgruppen wie Vereine usw. Die Kirchenleute verkünden das Wort Gottes, predigen die Liebe Gottes, predigen Ethik und Moral. An ihrem Verhalten aber werden sie gemessen. Die Vereinshansel hingegen nicht. Das ist der Unterschied.

Krokodilstränen in Mater Ecclesiae

Zum Schluss noch eine aufschlussreiche Geschichte, die mit der Veröffentlichung jenes legendären Buches von Kardinal Sarah und Benedikt XVI. zum Zölibat in einem katholischen Blog berichtet wurde. Eine Geschichte. die ich zuerst als komödienstadelreifes „Schmankerl“ vorstellen wollte, die jedoch eher einer Tragödie gleicht.

Bei einem Besuch im Januar 2020, den der Kardinal dem Papa emerito abstattete, weinten beide bittere Tränen, weil sie befürchteten, der “heilige” Zölibat werde aufgeweicht, gelockert und in der Folge gar abgeschafft. Ich überlegte mir schon, ein Tränenkrüglein ins römische Mater Ecclesiae zu senden. Doch wäre dieses bei den Krokodilstränen der zwei Zölibatären zersprungen…

Die Tränen um den für viele Menschen so unheilvollen Zwang-Zölibat (ich nehme diejenigen aus, die ihn überzeugt zu leben vermögen) sprechen Bände…! Mir sind keine Tränen bekannt, die die beiden Kleriker um die in ihrer Kirche agierenden kriminellen Priesterseelen oder gar um die missbrauchten Kinder vergossen hätten.

DE PROFUNDIS CLAMAVI A TE DOMINE!