Warum heißt der Buchfink so? Vom Buchfink und vom Kapitalismus

Von Hermes

Der Buchfink. Foto: Maria Schneider

Weil er so gerne Bücher liest? Ich gebe zu, mit diesem Titel wollte ich sie ködern, ich habe Sie reingelegt, ich weiß es nämlich nicht. Im Garten mit Frau und Schwiegermama, umgeben von Buchfinken, Bachstelzen, Singdrosseln und all denen fielen mir aber einige Gedankensplitter ein, die den einen oder anderen veranlassen könnten, mir trotzdem nicht böse zu sein. Ich streue aus Reue und zur Wiedergutmachung einige Buchtips ein.

Zur Buche: Irgendwie heißt der Piepmatz ja wohl danach. Die Buche ist wichtig für Europa. Als Karl der Große [Breuers: Ritter, Mönch und Bauersleut] den Rhein überquerte und mit der Zivilisierung des Sachsenlandes bis zu Elbe begann, war das Land zwischen Rhein und Moskau Wald. Praktisch nur Wald wie der, in dem Arminius, der römische General, zwei Legionen zerbröselte. Als dann die Deutschordensritter Richtung Marienburg zogen und ähnliches taten, war es genauso. Und es war zu großen Teilen Buchenwald.

Als der großartige James Michener [Verheißene Erde; Die Quelle, lesen sich weg wie Die Säulen der Erde, danach hat man ein Land verstanden] sein Buch über Polen von den Anfängen bis heute schrieb, nannte er die ersten Familien Bukovo – weil die Buche so wichtig war für dies Gebiet. Erinnert Sie das an einen Fernsehkommissar? Wir finden den Wortstamm überall im nördlichen Europa, von der angelsächsischen Beech bis nach Polen. Daß die Angeln und die Sachsen die gleichen Wortwurzeln haben wie wir, ist klar, aber in slawische Sprachen hinein ist das schon ziemlich selten. Deswegen muß die Buche wichtig gewesen sein, und darauf brachten mich diese Buchfinken.

Vergleicht man Tiernamen in verschiedenen Sprachen, entdeckt man verschiedene Grade kultureller Komplexität in Bezug auf Tiere. Nehmen wir unsere Enten, die ausgefallenste davon, die Mandarinente, kennen wir aus dem Zoo. Vergleichen Sie mit dem Englischen: Da gibt es sehr verschiedene Worte wie Teal, Hoax, Canard für die unglaublich vielen Arten von Enten, im Teich und im Ofen. Die Engländer sind völlig vogelverrückt, Birders zu Millionen fahren sie auf die Faröer, um irgendeinen Sturmtaucher bei der Balz zu ermuntern. Wie die Kew Gardens für Pflanzen sind die Ornithological Societies unendliche Quelle von Wissen zu Vögeln.

Hier noch ein Splitter: Als europaweit die verbreitetste Bambusart massenweise einging vor zwei Jahrzehnten, wurde bekannt: Alle diese „Bambi“ in Gartenmärkten von Syracus bis Oslo waren aus einer einzigen Pflanze gezogen, die ein Engländer ca. 1880 nach Kew Gardens gebracht und dort vermehrt hatte. Ich liebe völlig nutzloses Wissen …

Anyways, falls Sie auch einmal in den Genuß kommen sollten, Vögel in Krügerpark oder Hluhluwe zusammen mit Engländern zu beobachten, lernen Sie Demut. Was die wissen, ist unglaublich. Wieso? Wieso wissen die so viel über Vögel und viel anderes? Warum waren sie weltbekannt für ihre Spleens und exzentrischen Ideen?

Die Engländer haben den Kapitalismus erfunden (wenn man die Schotten mal dazuzählt) und über ein Jahrhundert länger als Deutschland dessen Früchte genießen dürfen. Deswegen war dies verrückte Völkchen einer Insel Ende des 19. Jhdt. plötzlich das reichste der Welt. Victoria und ihr geliebter Albert setzten nicht nur ein Dutzend Kinder in die Welt, sondern verwalteten als Hobby ein Drittel der Erdoberfläche. Wohlstand produziert Kultur. Die Kinder müssen nicht mehr ackern, sondern können ein gesamtes Leben den verrücktesten Themen widmen. Ein Engländer kartierte damals die Moose der Welt. Charles Darwin studierte nach der Fahrt mit der Beagle u.a. fast ein Jahrzehnt Regenwürmer und Seepocken, um seine bahnbrechenden Ideen wissenschaftlich unterlegen zu können. Solche Gesellschaften explodieren immer vor Wissen. Freigesetzte Energien und Ressourcen werden umgewandelt in Futter für menschliche Urbedürfnisse wie Forschen, wissen wollen, Abenteuer und natürlich auch Ruhmeslust – nun durch Bücher.

Das war in den großen Flußkulturen vor 5000 Jahren genauso: Der Hof wird zum Dorf wird zur Stadt, Markt und freier Handel führen zu Wohlstand, in kürzester Zeit explodieren Kultur, Religion, Wissen. Viele Sterne benennen wir noch mit babylonischen und ägyptischen Namen.

Deswegen wissen Engländer so viel mehr über Tiere und Pflanzen als die meisten anderen. Deswegen waren sie auch so phantastisch exzentrisch. Sie erfanden ja nicht nur den Kapitalismus, sondern auch die Freiheiten als politische und verbriefte Ideen. Der Duke of Dingsbums ließ sich vom King nix sagen. Er hatte seine Ländereien und hat sie noch heute in der 20. Generation. Deswegen gehört Cornwall in großen Teilen Prince Charles. Große Teile Londons gehören den alten Familien. Die Häuser stehen in Erbbaurecht, nicht auf eigenem Grund. Solche Leute können sich exzentrische Ideen leisten und halten verbissen an ihrer Freiheit fest, im Gegensatz zu den entmannten und verstaatlichten Deutschen.

Aus genau diesem Grunde ist auch die englische Natur so wunderbar und vielfältig. Sie ist schlicht Privateigentum und vor dem zerstörerischen Staat geschützt. Nutzen Sie ausnahmsweise die Google-Seite mit den Photos und schauen Sie sich englische Natur in ihrem ganzen Reichtum von Penzance bis Edinburgh an, und gehen Sie danach in Ihren deutschen Staatswald. Falls Sie die Natur lieben, kommen Ihnen die Tränen, das garantiere ich.

Der olle Buchfink heißt bei ihnen Chaffinch nach der Spreu, die man vom Weizen trennt. Warum er so heißt, weiß ich immer noch nicht, aber ich bin eh´ eher Schwalben-Fan. Auch da kennen die Engländer Swallow und Martin.