Conservo-Redaktion

(Dieter Farwick, Brigadegeneral a. D.) Die politischen Scheinwerfer der Welt richten sich schwerpunktmäßig auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine und deren Unterstützern von den USA bis Estland. Die übrige Welt und andere wichtige Themen treten – augenommen die Corona-Pandemie und schwere Naturkatastrophen – in der öffentlichen Diskussion aktuell in den Hintergrund.

Putin wollte mit dem völkerrechtswidrigen Angriff gegen die Ukraine mit einem Blitzkrieg innerhalb von wenigen Tagen wesentliche Teile der Ukraine erobern, also einen Blitzsieg in der Hauptstadt Kiew feiern um dort eine russlandfreundliche Regierung an die Macht zu bringen. Er hat sich verzockt.

Der Blitzkrieg ist gescheitert

Stand heute (drei Monate nach Angriffsbeginn) ist aus dem Blitzkrieg ein Stellungskrieg geworden, der einem zähen Abnutzungskrieg ähnelt und Russland außergewöhnliche hohe Verluste an Personal sowie Material beigebracht hat. Putin hat sein Land in der Welt zunehmend isoliert. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht – weder politisch noch militärisch.

Er hat gegen seinen Willen die NATO revitalisiert und sie durch die beantragten Beitritte von Schweden und Finnland deutlich verstärkt. In der Ostsee spielt Russland nur noch eine zweitrangige Rolle. Die Kohäsion der NATO-Mitgliedstaaten ist noch stark. Ob das weiterhin so bleiben wird, ist eine offene, wichtige Frage.

Die beiden Weltmächte USA und China haben sich unterschiedlich verhalten. Während China den Juniorpartner Russland sehr zurückhaltend unterstützt, sind die USA deutlich die Nummer 1 bei finanzieller Hilfe und Rüstungslieferungen mit wichtigen Waffen und Gerät.

Russland hat Putins strategisches Ziel nicht erreicht

In seinen 16 Regierungsjahren wollte er Russland in Augenhöhe mit China und den USA bringen. Dieses Ziel hat er weit verfehlt. Russland wird Jahre brauchen, die Kriegsschäden und –folgen zu beseitigen. Den Status einer Weltmacht wird Putin-Russland auf Jahre und Jahrzehnte nicht wieder erreichen , falls er sich überhaupt in dieser Zeitspanne im Amt halten kann.

Zu den Nutznießern dieser Entwicklung zählen die USA und China, über deren Entwicklung ein ausführlicher Kommentar von mir in der nächsten Zeit erscheinen wird. Allerdings kann es Indien gelingen, den Abstand zu den USA und China zu verringern. Die Aussichten sind erfolgversprechend.

Weltmacht Indien – vor einer erfolgreichen Dekade?

In den letzten Jahren gab es wiederholt unbefriedigende Nachrichten über die stille dritte Weltmacht Indien. Der indische Subkontinent wurde durch die Corona-Pandemie besonders schwer getroffen. Konkrete offizielle Zahlen gibt es nicht. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Wegen Geldmangels werden Tote öffentlich im Heimatsort verbrannt oder auch im Ganges „entsorgt“.

Man spricht von 250.000 Coronatoten in Indien und über 24 Millionen Infizierten bis zum 25 Mai 2022 (Noch einmal: diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, die Dunkelziffern liegen deutlich höher). Die Zahl der Einwohner Indiens liegt nun bei 1.4 Milliarden, womit der Subkontinent an China vorbeigezogen ist.

Indiens Jugend ist besser gebildet als die Jugend Chinas

Diese hohen Verluste sind bei den niedrigen Geburtenraten in China und Indien auf Jahrzehnte festgezurrt. Indien hat den Vorteil, dass die Alterspyramide deutlich günstiger ist als in China. Die Jugendlichen in Indien sind besser gebildet als in China. Der Facharbeitermangel ist in Indien geringer als in China.

Insgesamt sind die Jugendlichen in Indien im Durchschnitt jünger, besser gebildet (auch in englischer Sprache) und gesünder als ihre „Konkurrenten“ in China. Auf diese personelle Struktur kann Indien im nächsten Jahrzehnt bauen. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hat sich bereits in den letzten Jahren deutlich verbessert.

Der Aufschwung ist messbar

2014 (nach der Machtübernahme von Präsident Narendra Modi) belegte Indien im Ranking der Weltwirtschaft noch Platz 10. Die derzeitige Wachstumsrate liegt bei ca. 8 Prozent. Wenn es Indien gelingt, diese Wachstumsrate bis 2027 zu halten, hat es die Chance, sich bis 2027 auf Platz fünf hochzuarbeiten. Die Wachstumsrate von 8 Prozent ist heute die beste Entwicklung in Asien – wenn nicht sogar in der Welt.

Indien könnte so zu einem wichtigen Gegengewicht zu China werden, was dem Sicherheitspartner USA geopolitische und geostrategische Vorteile brächte. Eine wichtige Basis für diese Entwicklung ist der gut vernetzte nationale Markt mit einer verbesserten Verkehrsinfrastrukur und der Ausbau von digitalem Fortschritt, Digitalisierung und Automatisierung, was auch die landesweite Kommunikation verbessert.

Das neutrale Verhalten Indiens während des Krieges zwischen Russland und der Ukraine hat das Verhältnis – hoffentlich nur vorübergehend – getrübt. Indien verdankt den USA den Status einer Nuklearmacht, was angesichts der anderen Nuklearmächte in der Region von besonderer Bedeutung ist.

Welche Risiken gibt es für Indien?

Die Nachbarn China und Pakistan sind Indien feindlich gesonnen. Allerdings stellt das aktuell keine akute Gefahr dar. Gelegentliche Scharmützel im Hochgebirge sind lokal begrenzt. Ernste Sorgen bereitet Kashmir, das von China und Indien beansprucht wird. Die Zahl der Grenzzwischenfälle beiderseits der „line of control“ hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Der UN ist es nicht gelungen, die Teilung durch einen Volksentscheid zu beseitigen, wie sie selbst 1948 durch den UN-Sicherheitsrat gefordert hatte. Heute dürfte es für eine politische Aufhebung der Teilung zu spät zu sein.

Größtes Risiko: Konfrontation zwischen Hindus und Muslimen

Die Gefahren für Indien kommen primär nicht von außen, sondern von innen. Es ist der strenggläubige und fanatische Hindu-Regierungschef Modi, der die Minderheit von 14 Prozent Muslimen drangsaliert, obwohl er 80 % der indischen Bevölkerung auf seiner Seite hat. Es ist ihm mit dieser Mehrheit gelungen, die Zentralgewalt in Neu Dehli gegenüber 29 Bundesstaaten und 7 Unionsterritorien zu stärken.

Es trifft sich gut, dass der indische Regierungschef Modi in diesen Tagen Bundeskanzler Scholz in Berlin besucht. Es sollen Vereinbarungen über eine engere Zusammenarbeit beider Staaten getroffen werden. Es wäre ein großer Erfolg, wenn es Scholz gelingen würde, Indien zu einer offeneren Unterstützung der Ukraine zu bewegen. Indien hat durch seine Erfolge in langen Jahren der bewussten Neutralität große Anerkennung als moralische Macht in der gesamten Welt und Einfluss erworben.

*) Brig. General a.D. Dieter Farwick wurde am 17. Juni 1940 in Schopfheim, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Abitur wurde er im Jahre 1961 als Wehrpflichtiger in die Bundeswehr eingezogen und anschließend Berufssoldat. Einen Höhepunkt seiner Karriere bildete die Tätigkeit im Planungsstab von Bundesverteidigungsminister Dr. Manfred Wörner, wo er vier Jahre an der Schnittstelle Politik-Militär tätig war. In den 90er Jahren fand er über vier Jahre als Operationschef im damaligen NATO-Hauptquartier Europa-Mitte Verwendung und war maßgeblich an der Weiterentwicklung des NATO-Programmes ´Partnership for Peace` beteiligt. Schon während seiner Dienstzeit verfasste Farwick mehrere Bücher und andere Publikationen zu Fragen der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte. Im „Ruhestand“ engagierte er sich viele Jahre als Chefredakteur eines Newsservice für sicherheitsrelevante Themen und organisiert heute noch Tagungen zu diesem Thema an renommierten Instituten.

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