Conservo-Redaktion

(Rainer Buck*) Ich hatte den Vorsatz gefasst, mich als Evangelischer aus den derzeitigen Streitigkeiten innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland herauszuhalten. Trotzdem formuliere ich nun einige Gedanken dazu, weil mein Freund Michael van Laack nachfragte, wie ich mich als Protestant zu Maria 2.0, dem “Synodalem Weg” und den damit verbundenen Reizthemen stelle, die durch die Medien rauschen oder im Netz diskutiert werden.

Und tatsächlich finde ich die Frage für mich selbst spannend. Ich sollte mich eigentlich hin- und hergerissen fühlen, muss aber zugeben, dass ich mich gar nicht wirklich zerrissen fühle. Nicht weil es mir egal wäre, was in der katholischen Kirche gerade passiert. Im Gegenteil!

Synodaler Weg: “Gut protestantisch” statt katholisch

Ich finde viel von dem, was die progressiven Kräfte innerhalb der katholischen Kirche fordern, gut. Nämlich gut protestantisch. Und das ist der Punkt, warum ich wiederum die sogenannten „Traditionalisten“ unter meinen katholischen Freunden verstehe.

Mich zerreißen die Fragen nicht, weil es für mich da weitgehend nicht um „richtig“ oder „falsch“ geht, sondern um „katholisch“ oder „nicht katholisch“. Und da gelten in der katholischen Kirche eben bestimmte Regeln, die ich als Protestant zwar nicht von Anfang an verstanden habe, deren Sinnhaftigkeit sich mir nach dem Blick über den eigenen Tellerrand aber im Laufe der Zeit erschlossen hat.

Was sich im Protestantismus bewährt hat, ist im Katholizismus nicht immer anwendbar

Nun würde ich es allerdings als schlechten Stil empfinden, als Evangelischer offensiv gegen Forderungen zu wettern, die ich in meiner eigenen Kirche durchaus für bewährt und unterstützenswert halte: dazu gehören die Frauenordination oder die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. So etwas sollte allerdings in der katholischen Kirche sinnvollerweise nach katholischem Amts- beziehungsweise Sakramentsverständnis entschieden werden und in den evangelischen Gemeinschaften nach evangelischem. Deshalb kann man zu unterschiedlichen Ergebnissen für verschiedene Konfessionen kommen.

Kirchliche Lehre darf niemals ein Wunschkonzert werden

Mit welchem Lager ich innerhalb der Katholischen Kirche oder innerhalb meiner eigenen Konfession dann persönlich eher sympathisiere, hängt von bestimmten Kriterien ab. Als Evangelischer halte ich besonders eine fundierte Bibelauslegung für wichtig. Auch die katholische Lehre messe ich daran, dass sie von der Bibel her begründbar ist.

Bei der Auslegung gibt es Spielräume, weshalb darauf zu achten ist, dass Lehre nicht zu einem Wunschkonzert wird. Ich frage deshalb auch nach den Motiven derer, die Forderungen stellen. Steht wirklich der Anspruch im Vordergrund, die Kirche nach Gottes Willen zu gestalten oder spielen starke Eigeninteressen mit hinein. Maria 2.0 ähnelt mitunter stark einer Frauenrechtsbewegung: man prangert Diskriminierung an, statt anzuerkennen, dass die Kirche Männer und Frauen ohne Wertung verschiedene Rollen zuerkennt.

Ernsthafte Ökumene akzeptiert die Verschiedenartigkeit

Man prangert zwar mit einer gewissen Berechtigung Machtmissbrauch in der Kirche an, macht aber unverhohlen eigene Machtansprüche geltend und wertet dabei christliche Tugenden wie die Demut ab. Beim Synodalen Weg habe ich den Eindruck, dass man Regelbrüche in Kauf nimmt oder populistisch Forderungen aufnimmt, die der katholischen Lehre widersprechen.

Um ein Beispiel zu nennen: Es gibt nun einmal keine Verträglichkeit im Abendmahls- und Eucharistieverständnis, das eine gemeinsam verantwortete Feier zulässt. Ernsthafte Ökumene ist für mich die Akzeptanz der Verschiedenartigkeit. Man kann ja nett zueinander sein, ohne eigene Prinzipien über Bord zu werfen und damit die Ernsthaftigkeit Schaden nehmen zu lassen.

Die katholische Kirche sollte Hort der Beständigkeit bleiben

Es ist vielleicht etwas kauzig von mir, wenn ich mir in einem Anflug von Kryptokatholizismus die katholische Kirche als Hort der Beständigkeit wünsche, während die evangelischen Gemeinschaften den Raum bieten, andere Vorstellungen von Kirche, Amt und Rollenverteilung Raum zu geben. Doch man kann innerhalb beider Systeme eine Stimmigkeit anstreben. Das heißt für mich, nach Gottes Willen zu forschen und sich darin einzuüben, nicht einfach „der Welt gleich“ zu handeln, sondern Gottes Geist Raum zu geben. Den Kampf für Partikularinteressen sollten wir den Gewerkschaften, Vereinen oder bestimmten politischen Parteien überlassen.

*Rainer Buck, Jahrgang 1965, lebt mit seiner Familie in der Schillerstadt Marbach am Neckar. Neben der beruflichen Verwaltungstätigkeit in der Evangelischen Landeskirche Württemberg schreibt er regelmäßig für verschiedene Medien Beiträge über christliche Kultur und Popmusik und hat einige Bücher verfasst. Er ist seit 1984 Mitglied der Karl-May-Gesellschaft und außerdem als ehrenamtlicher Prediger in der evangelisch-methodistischen Kirche tätig.

Werkauswahl: Fjodor M. Dostojewski: Sträfling, Spieler, Seelenforscher / Karl May – Der Winnetou-Autor und der christliche Glaube / Aljoscha – Eine Geschichte vom Suchen und Finden

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