Conservo-Redaktion

(Rainer Buck*) Vor einigen Jahren hat sich Hannes Wader nach einer Abschiedstour vom Tourneeleben zurückgezogen. Jetzt ist er kurz nach seinem 80. Geburtstag wieder präsent und kommt sogar mit dem ersten Studioalbum nach sieben Jahren auf den Markt. Ist das Schaffen des ehemaligen DKP-Mitglieds einen Artikel auf diesem Blog wert? Nach einem 50 Jahre währenden Bardenleben mit Höhen und Tiefen allemal!

Nachdem sich Wader vor einigen Jahren darüber empört hatte, dass sogar in Neonazi-Kreisen seine Lieder gesungen werden, dürfte er auch im konservativ-patriotischen Milieu bekannt und von manchem vielleicht sogar geschätzt sein. Zumindest widerspricht die Würdigung seiner ganz eigentümliche Vielfalt definitiv nicht dem echt liberalen Geist, der conservo genauso innewohnt wie der konservatiive.

Die 70er – Alte Volkslieder neu interpretiert

Das Vagabundenlied “Heute hier, morgen dort” ist wohl sein größter Hit. Die unzähligen Lagerfeuerversionen erreichen natürlich nicht das Original, das durch Waders sonore Stimme und sein exzellentes Gitarrenspiel aufwartet.

Schon damals war Wader als Plattenkünstler weit mehr als ein politischer Liedermacher. Er förderte die Popularität deutschen Liedguts. Der Bielefelder lebte zeitweise in einer Mühle im hohen Norden und nahm 1974 ein Album mit traditionellen plattdeutschen Liedern auf. Es folgten Neuinterpretationen deutscher Volkslieder, (1975) und Shanties (1978). Dazwischen nahm er 1977 “live” mit sangesstarker Unterstützung eines offensichtlich motivierten Publikums eine Platte mit “Arbeiterliedern” auf. 

In gleicher Anzahl gab es Alben mit selbstgeschriebenen Liedern, die aber immer so angelegt waren, dass sie über tagespolitische Themen hinausgingen. Als Wader 2013 ein Doppelalbum zusammenstellte, um 50 Jahre Werkgeschichte zu dokumentieren (“Troz Alledem”/Universal Music), konnte er seine alten Lieder genauso präsentieren wie die später hinzugekommenen Songs. Zu seinen politischen Irrungen und Wirrungen steht er wie zu persönlichen Schwächen. Gleichzeitig gibt es aber viele Aspekte, wo man ihn nur dazu beglückwünschen kann, dass er sich treu geblieben ist.

Ausgelaugt und nicht mehr jung – Sein Abschied von der Bühne

Auch in späteren Jahren widmete sich Wader immer wieder dem Volkslied, daneben vertonte er die Verse von Carl Michael Bellman um Liebe, Schnaps und Tod und nahm sogar eine Hommage an den Liedkomponisten Franz Schubert auf, für die er überflüssigerweise späten Gesangsunterricht nahm. Dabei war sein Vortrag schon immer ein sehr gefälliger gewesen. Er konnte auch neben Barden wie Konstantin Wecker und Reinhard Mey auf der Bühne bestehen. Trotzdem schien sein Bühnenabschied vor einigen Jahren nicht unbedingt verfrüht, nachdem er 2012 und 2015 immerhin nochmals gelungene Studioalben präsentiert hatte.

“Was ich noch singen wollte” – Der Mix des unerwarteten neuen Albums überrascht

Doch wie so oft hielt es auch diesen Künstler nicht im Ruhestand. Er schrieb eine ehrliche und ungeschönet Autobiographie, zu der er dann auch wieder mit einem Mix aus Lesung und Liedern ein Bühnencomeback gab. Und jetzt eben zum 80. Geburtstag überraschend das neue Album “Noch hier. Was ich noch singen wollte” (2022/Label: Stockfisch). Dieses ist aktuell auf vielen größeren Portalen erstmal vergriffen. Offensichtlich wurde die Nachfrage unterschätzt. Hannes Wader bedient eben eine Generation, die noch Tonträger erwirbt. Das Album bietet das ganze Spektrum von vertonten Gedichten, Volksliedern, Protestsongs, Lyrischem und Autobiografischem. Im hohen Alter musste Wader nochmals eine Scheidung erleben, die er zu seinem bisher wohl persönlichsten Lied verarbeitete. Die Platte beginnt und endet stilvoll mit Hölderlin-Rezitationen.

Ich nehme an, Wader ist seit Jahrzehnen schon weit mehr als eine “linke Liedermacher-Ikone”. Zumal in diesen verrückten und bewegten Zeiten, wo sein bekanntes Anti-Kriegs-Lied “Es ist an der Zeit”, die deutsche Betextung eines französischen Chansons, wohl eher auf einer AfD-Versammlung als bei den Grünen gespielt würde.

Hannes Wader, ein Liedgut-Archäologe

Was ihn ausmacht ist die hohe Musikalität; er ließ die angloamerikanische und irische Folktradition und das französische Chancon in deutsche Lieder einfließen und entstaubte so auch manchen Klassiker. Er näherte sich ohne Scheuklappen traditionellen Liedern und trug zu einer Wiederentdeckung des nach dem 2. Weltkrieg verpönten Liedguts bei, natürlich unter Betonung der demokratischen Tradition vieler Lieder.

Dass selbst rechtsextreme Liedermacher ihn oder seinen Freund und zeitweisen Weggefährten Reinhard Mey (der sich auch auf dem neuen Album die Ehre gibt)  nachsingen, mag Waders berechtigten Zorn hervorrufen, spricht aber einfach auch für die Klasse seines Schaffens. Er ist zwar mehr ein Sänger des Bildungsbürgertums als ein “Volkssänger” oder gar ein “Arbeiter”-Künstler, doch wer ihn aus irgendeinem politischen Grund “cancelte”, würde sich mit des Besten berauben, was die deutsche Musikszene an Schönem und Gehaltvollem zu bieten hat.

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*Rainer Buck, Jahrgang 1965, lebt mit seiner Familie in der Schillerstadt Marbach am Neckar. Neben der beruflichen Verwaltungstätigkeit in der Evangelischen Landeskirche Württemberg schreibt er regelmäßig für verschiedene Medien Beiträge über christliche Kultur und Popmusik und hat einige Bücher verfasst. Er ist seit 1984 Mitglied der Karl-May-Gesellschaft und außerdem als ehrenamtlicher Prediger in der evangelisch-methodistischen Kirche tätig.

Werkauswahl: Fjodor M. Dostojewski: Sträfling, Spieler, Seelenforscher / Karl May – Der Winnetou-Autor und der christliche Glaube / Aljoscha – Eine Geschichte vom Suchen und Finden

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