Epiphanie oder „Die Sehnsucht altersmüder Rassen nach einem Erlöser“

Hans Hümmeler*

Seit Menschengedenken haben die drei geheimnisvollen Weisen in allen deutschen Winterstuben ein heiliggehaltenes Gast- und Heimatrecht. Sie thronen mit ihrer stolzen Zierrat in der Weihnachtskrippe des Bürgers und des armen Mannes. Sie wandern zu neuem Leben erweckt durch die verschneiten Walddörfer, halten in blaugefrorenen Händen** den Stern und singen Bettelverse. Niemand möchte das Andenken der drei Weisen missen.

Wie aber ist es zugegangen, dass diese Männer aus dem Morgenland dem deutschen Gemüt so vertraut wurden? Ist es deshalb, weil ihre Leiber in deutscher Erde*** bestattet sind? Oder ist es deshalb, weil alles mystische Geschehen die deutsche Seele unwiderstehlich anzieht? Ahnt sie den verborgenen Sinn in jener kurzen Erzählung des Evangeliums?

Dass nur die Hirten des Feldes dem neugeborenen Gotteskind huldigten, hat dem Schöpfer aller Welten nicht genügt. Fern von den Triften Bethlehems lagen die großen Städte und unermesslichen Reiche, wo der Mensch, selbst zum Schöpfer geworden, Staaten gegründet hatte. In seinen Tempeln hüteten Priester königlicher Abkunft die Traditionen der Völker. Despotische Macht, sagenhafter Reichtum und überzüchtetes Wissen erhoben sie weit über alle Beamten der Riesenreiche im Orient.

Die Suche nach dem unbekannten Gott

Wenn diese ferne Priesterkaste drei ihrer Führer gen Westen sandte, um den unbekannten Gott zu suchen, dessen Sternbild die Astronomen am Horizont entdeckt hatten, so neigte sich in ihnen die Welt der Ideen, des berechnenden Intellekts und der kultischen Mysterien vor dem Wort, das Fleisch geworden. Die Sehnsucht altersmüder Rassen nach einem Erlöser wanderte mit ihnen, und aus ihren Augen leuchtete der inbrünstige Glauben nach einer Erscheinung des Übernatürlichen. So kamen sie nach Palästina. Dort aber verblich plötzlich der Stern, der sie geführt hatte. Sie hielten bestürzt inne, aber sie kehrten nicht um. Der Glaube trieb sie vorwärts, die Sehnsucht war stärker als alle Hindernisse.

Sie steigen herab von ihren Reittieren und fragen demütig nach dem neugeborenen König. Die Pharisäer lächeln über sie, der Gassenpöbel höhnt hinter ihnen drein. Erst in der Burg des Herodes wird ihnen Antwort auf ihre Frage. „Zu Bethlehem im Lande Juda…“.

Der Orient kniete hunderte Jahre vor dem Westen an der Krippe

Sogleich verlassen sie die vollbesetzten Tafeln. Zum Lohn für ihre Geduld und Treue leuchtet ihnen, als sie Jerusalem verlassen haben, wieder der Stern. Wenig später ist ihr Ziel erreicht. Sie nehmen keinen Anstoß daran, dass es nur ein armer Stall ist; sie sehen nur das Kind und ihre Mutter und sind im Anschauen beseligt. Gold, Weihrauch und Myrrhen opfern sie dem Knäblein, das sie als geistigen Herrscher über sich und ihre Völker anerkennen. Ihre Pilgerfahrt ist beendet. Während noch das Judentum in der Person des Herodes auf Verrat und Meuchelmord sinnt, hat der Orient bereits vor dem eingeborenen Gottessohn gekniet. Dem aber, der sehen will, öffnet sich im Zug der drei Weisen ein weltgeschichtliches Gleichnis: auch das antike Heidentum kannte jene Unruhe des Herzens, von der Augustinus in ergreifenden Worten Zeugnis abgelegt hat.

Das Volk hat die Männer, die aus dem Osten kamen, die „Drei Könige“ genannt. Wenn sie auch schwerlich im eigentlichen Sinne Könige ihres Landes waren, in einem hat das Volk sicher recht: dass die weisen Männer von königlicher Gesinnung waren. Sie gehorchten der Weisung Gottes. Glaube – Wille – Anbetung. Das alles war verschmolzen bei jenem frühesten Opfergang der Menschheit zur Krippe des Gottessohnes. Dreikönigsverehrung in unseren Tagen ist Teilnahme an dieser Wallfahrt, ist Mitopfer alles dessen, was uns lieb und teuer ist; ist Niedersinken vor dem Geheimnis des Göttlichen, das uns umgibt.

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*Der Text dieses 1966 verstorbenen Autors ist entnommen dem ersten Band (Januar bis Juni) seines Werkes “Helden und Heilige”, Bonn, 1933/1934

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**Sollten Mitglieder der letzten Generation oder von FfF sich auf unseren Blog verirren, dürfen sie diese Textstellen gern als Beleg für den Klimawandel anführen.

***Dreikönigsschrein im Kölner Dom

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