„Soweit die Stiefel tragen – Wanderungen am Abgrund“

(www.conservo.wordpress.com)

Von Thomas Böhm *)wanderbuch

Unsere Buchempfehlung des Monats:

Eigenlob stinkt und dieser Beitrag riecht auch ein wenig streng. Aber mächtig stolz möchte ich den Naturfreunden und den Fans des schwarzen Humors heute mein neues Buch vorstellen. Es ist zwar nicht politisch, aber ein wenig Atempause und frische Luft sei uns allen gegönnt, das Wahljahr steht uns ja noch bevor…

Liebe Grüße, Euer Thomas Böhm

„Endlich hat sie einer aufgeschrieben – die ungeschminkte Wahrheit übers Wandern! Was diese ewig durstigen Kerle im Bayrischen Wald oder im Erzgebirge erleben, kann ganz locker mit jedem Vietnam-Epos mithalten. Ohne Rücksicht auf eigene Verluste – und selten in der Lage, eine Wanderkarte zu lesen, kämpfen sich Böhms Kameraden im Dickicht menschlicher Schwächen voran. Ein Buch, das sein Gewicht im Rucksack bis aufs Milligramm wert ist und selbst eingefleischte Bürohengste bestärken sollte, sich einmal in ihrem Leben vom Acker zu machen!”

Thor Kunkel – Schriftsteller und Regisseur:

„Wie? Schon wieder ein Wanderbuch? Ja, aber was für eines!

„Was, schon wieder ein Wanderbuch?”, werden Sie sich fragen. „Ja”, werde ich da antworten. Aber was für eins! Dieses Wanderbuch fängt da an, wo andere aufhören. Es beschreibt nicht nur schöne und öde Landschaften, die man durchstreift, die interessanten und skurrilen Menschen und Tiere, die man unterwegs kennenlernt; es beschreibt mit voller Inbrunst das Innenleben einer Wandergruppe, das seelische Auf und Ab der verschlungenen Pfade, auf denen der Wanderer herumirrt. Und die äußeren Verletzungen und inneren Wunden, die man sich dabei zufügen kann.

Dieses Buch ist auch ein Abenteuerbuch. Eine Gruppe von Fernwanderern, die in unterschiedlicher Zusammensetzung und unter unterschiedlichen Bedingungen – des Öfteren auch ein wenig verkatert – durch die Mittelgebirge, vor allem den Bayerischen Wald, stiefeln und dabei immer wieder am Rande des Abgrunds entlang schliddern.

Das Buch erklärt auch das Werden eines Wanderers, vom ersten zaghaften Schritt in lichte Höhen bis zum brutalen Absturz in finstere Tiefen. Es zeigt dem Leser, wie die niederen Überlebensinstinkte bei Männern, die gegen sich und die andern kämpfen, Überhand gewinnen und wie leicht jegliche zivilisatorischen Errungenschaften abgestreift werden können – wie lästige Regentropfen von wasserfester Wanderbekleidung.

Es geht ums Kommen, vor allen Dingen ums Vorwärtskommen, aber auch ums Gehen, um das nicht enden Wollen des Weges, es geht um Begegnungen mit anderen und mit sich selbst, um das Überschreiten von eigenen und gesetzten Grenzen, um Zusammenbruch und Wiederauferstehung, wobei letzten Endes immer das Gefühl von Stolz, Zufriedenheit und Glück überwiegen und dabei helfen, die Last der schweren Rucksäcke und die Mühe beim Aufstieg zu lindern.

Wir sind durch so viele Dörfer gewandert, haben so viele Höfe passiert, haben so viele Hunde bellen hören, so viele Kinderschaukeln in den Gärten stehen sehen, so viele Blicke auf das Land werfen können. Wir haben den Glauben an das Leben nicht verloren.

Es ist die Geschichte von Freundschaften, die sich, wenn es ums Eingemachte geht, auch schnell in Feindschaften verwandeln können. Es ist die Geschichte von Helden und Angstha­sen, die Geschichte eines wandernden Wolfrudels, das bei Wind und Wetter durch Dick und Dünn marschiert, als gäbe es keinen Morgen.

Dieses Buch beschreibt den schmalen Grat, der die Wanderer manchmal nur am Rande des Abgrunds zum Ziel führt und den man ohne Wanderkameraden auch lieber nicht beschreiten sollte.“

Thomas Böhm

Buchauszug:

Mit hassverzerrtem Gesicht und rot unterlaufenden Augen, mit der letzten Wut eines gemarterten Stieres zertrümmert Wanderkamerad Fritz seinen Wanderstock auf einer Leitplanke am Straßenrand. Das Aluminium erzittert, er prügelt weiter darauf herum bis nur noch Splitter verteilt im nassen, herbstbunten Laub übrig bleiben.

Da liegen sie nun, die Reste der legendären Stütze aus Esche, die einst mein Leben gerettet hatte. Tränen vermischen sich mit den Regentropfen, die von der Kapuze über mein Gesicht laufen.

„Was hast du getan?”, kreische ich. „Warum nur zerstörst du den Bund unserer Freundschaft?”

„Warum ich das getan habe, fragst du?”, brüllt Wanderkamerad Fritz zurück. „Weil ich die Schnauze voll habe. Dieser Weg ist unser gemeinsamer Untergang. Diese Schmach hat mein Wanderstock nicht verdient. So schenke ich ihm den Heldentod!”

Wanderkamerad Felix, der mal wieder vorausgeeilt ist und sich schon über einen schmalen Pfad von der Straße wegbewegt hatte, dreht sich nun ebenfalls um.

„Klappe. Wir haben keine Zeit für solche Späßchen. Wir müssen jetzt schneller laufen, sonst kommen wir heute nicht mehr an.”

Er hat recht. Wir müssen weiter, auch wenn wir nicht mehr können.

Verzweiflungbuch2

Nass.

Kalt.

Kraftlos.

Gefrierender Schweiß, kein Horizont, keine Lichtkante. Nur hoch. Immer hoch. Aufstieg – erbarmungslos und unendlich. Seit Stunden die Wand vor Augen. Einen Schritt nach dem anderen. Dazwischen immer eine kurze Pause, um feuchte Luft zu schnappen. Um zu keu­chen, um zu husten. Und um zu schreien: „Was ist das denn hier für ein Wahnsinn! Das ist doch Selbstmord!”

Echo. Hall. Keine Antwort.

Und Regen. Nur Regen, und der kalte Schweiß klebt am Körper.

„Rrrechts zum Rrrachel”, hatte Wanderkamerad Matze in seinem harten fränkischen Dialekt gebrüllt, als wir am Fuße dieses berüchtigten Bayerwald-Berges angekommen waren. Vor gefühlten 30 Stunden. Dann hat Matze mit seinen nikotingelben Fingern seine Selbstgedrehte weggeschmissen und ist losgeklettert:

„Immer rrauf, rrrechts den Rrrachel rrrauf!”

Die ersten zwanzig Meter konnte ich ihm noch folgen, doch irgendwann war er im nassen Nebel über mir verschwunden.

Ich bin allein. Und krieche durch den Regen. Kalte, nasse Steine, feuchtes, gelbgrünes Moos, sterbendes Holz, tote Bäume, im Dunkel des Steilhanges. Es riecht nach Fäulnis und frischen Pilzen. Irgendwo über mir, auf einem Ast, lacht mich ein Eichelhäher aus.

Nicht nur Wanderkamerad Matze ist über alle Berge. Inzwischen sind auch die anderen an mir vorbeigezogen. Felix, Bernd und Fritz. Irgendwo über mir, wahrscheinlich noch nicht ganz oben, aber sicherlich dem Gipfel näher als ich.

Eigentlich wie immer.

Der Rachel, dieses verfluchte Monster. Ein Ungetüm, vom lieben Gott vor 530 Millionen Jahren in den bayerischen Wald gerammt. Türmt sich einfach vor mir auf und wehrt sich mit allen natürlichen Naturgewalten, von mir bezwungen zu werden. Ich habe das Gefühl, dass dieser Berg mich mit jedem meiner mühseligen Schritte verhöhnt: „Komm’ doch, du kleines Menschenwesen. Wenn du mich besteigen willst, versuch’ es nur!”

Unten auf der Wiese, auf der wir noch einmal Luft für den Kampf geholt hatten, sah der Rachel aus wie ein riesiger, kahler Mönchskopf mit Tannenkranz. Von weitem eigentlich gar nicht so schlimm, aber das konnte auch daran gelegen haben, dass meine Brille durch den eigenen Atem und die Feuchtigkeit beschlagen war.

Das war vor drei Stunden, sagt meine Uhr. Jetzt ist es schon früher Nachmittag, und wir müssen diesen verfluchten Berg später auch noch wieder runter.

Mir wird schlecht.

Und ich werde immer langsamer, komme mir vor wie eine Schildkröte, die gegen die reißende Strömung eines Gebirgsbaches kriecht. Der Panzer ist mein Rucksack, der durch den Regen zu einem tonnenschweren, nassen Sack zusammengeschrumpft ist und mir den Buckel runterrutscht.

Erbarmungslos windet sich der Pfad kreuz und quer empor, hin und wieder ein flaches Stück für eine kurze Verschnaufpause, die gerade mal reicht, den Schleim in der brennenden Lunge loszuwerden, um dann umso steiler und glitschiger nach oben zu ziehen. Und das soll so bis zum 1.453 Meter hohen Gipfelkreuz gehen? Niemals!

Oder doch? Die anderen können das ja auch. Immer wieder versuche ich verlorene Kraftreserven unter den Schuhsohlen hervorzuziehen, schlage mir mit der rechten Hand auf die Oberschenkel, versuche mich anzutreiben, mir Mut in die Beine zu kneifen.

Plötzlich huscht etwas an mir vorbei, wie ein kühler Windstoß an einem lauwarmen Sommerabend. Es ist eine Frau, athletisch gebaut, in einem rotblau karierten Holzfällerhemd, eng anliegenden Hosen und leichten Halbstiefeln. Ihre braune Haarpracht hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er wippt beim Gehen hin und her. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Aber ich kann mich nicht erinnern. Keine Zeit, keine Luft für so was.

Ein kurzes, freundliches Nicken, und so schnell wie sie aufgetaucht ist, ist sie auch wieder verschwunden. Ich bin in meinem Elend wieder alleine.

Mit der linken Hand greife ich entweder nach einer Wurzel oder einem Stein, irgendetwas, das mir Halt geben, an dem ich mich hochziehen kann. Mit der rechten Hand stütze ich mich an jungen Bäumen oder alten Zweigen ab und versuche verzweifelt, den Rest meines Körpers ein paar Zentimeter nach oben zu bringen. Zentimeter für Zentimeter. Und immer wieder der verzweifelte Blick nach oben: kein Licht, kein Ziel, immer weiter dem nasskalten Wind entgegen.

Doch dann plötzlich höre ich ein Geräusch, taucht ein großer Schatten vor mir auf. Jetzt bin ich nicht mehr alleine. Ich kann den blauen Rucksack meines Wanderkameraden Fritz über mir sehen. Auch er hat spürbar Probleme weiter zu kommen. Der Matsch unter seinen Stiefeln löst sich mit jedem Schritt, Klumpen guten, saftigen, bayerischen Waldbodens klatschen in mein Gesicht. Mir wird schwindelig. Aber egal, wir sind zu zweit.

„Ich kann nicht mehr”, jammere ich. „Hier geht es doch nicht in Richtung Himmel, hier geht es direkt in die Hölle!”

Der Wanderkamerad grunzt: „Wenn wir tatsächlich mal oben angelangt sind, schlage ich ihn tot, unseren Wanderführer, das schwöre ich dir!”

Und haut vor Wut mit seinem Wanderstock gegen eine morsche Kiefer. Es knackt, aber der Wanderstock hält. Noch.

Mit „unserem Wanderführer” hat er seinen Bruder gemeint; Felix, der uns diesen steilen Weg als Erlebnispfad schmackhaft gemacht hat. Dieser Lump.

Immerhin. Die Vorstellung, dass Wanderkamerad Fritz seinen Bruder mit dem Stock den Hintern versohlt, zaubert sogar so etwas wie ein Grinsen auf mein schmerzverzerrtes Gesicht.

Doch die Freude währt nur kurz.

Ich rutsche auf einem glatten, bemoosten Stein aus, trete in die Luft. Meine linke Hand greift ins Leere, das nasse Gewicht meines Rucksacks im Nacken zieht mich nach unten. Ich verliere das Gleichgewicht. In letzter Sekunde kann ich mit der rechten Hand noch die Rinde der morschen Fichte greifen, doch die splittert. Ich kippe nach hinten, werde durch meinen Rucksack gnadenlos in den Abgrund gerissen. Mein kleines, bescheidenes Dasein fliegt an mir vorbei, ich schreie um mein Leben. Ich schreie so laut, dass selbst der Rachel für einen Bruchteil von Sekunden seine Bösartigkeit, seine Wut von mir abzuwenden scheint.

Der Eichelhäher lacht immer noch.

Dann falle ich in die schwarze Tiefe.soweit-die-stiefel-tragen-300x225

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*) Der Berufsjournalist Thomas Böhm ist Chefredakteur des Mediendienstes „Journalistenwatch“ (kurz: „JouWatch“) und ständiger Kolumnist bei conservo.
http://www.conservo.wordpress.com 11.09.2016
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