Von Juliana Bauer

Marx Reichlich: Steinigung des hl. Stephanus, 506

Vorbemerkung von Juliana Bauer: So titelte die italienische Zeitung Tempi am 3.Dezember und sprang dann unmittelbar in Media Res: „Der Papst nahm das Rücktrittsangebot des Erzbischofs aus Paris infolge des von Le Point aufgewirbelten Skandals an.“ Tempi war das einzige von zahlreichen Journalen, das in den Tagen, die das Schicksal Michel Aupetits als Erzbischof von Paris besiegelten, nicht mit den Wölfen jaulte. 

Am Tag des Hl. Nikolaus nahm Papa Francesco in einer seiner legendären Pressekonferenzen in luftiger Höhe Stellung, warum er den Amtsverzicht Aupetits annahm, eine Stellungnahme, die in meinen Ohren wie der Versuch klingt, einen inzwischen erkannten schweren Fehler geradezurren zu wollen. Der Versuch eines Mannes, der betreffs seiner „ungerechten“ Entscheidung, die er „nicht auf dem Altar der Wahrheit“, sondern dem „der Heuchelei“ traf, sich nicht mehr wohl in seinen Kutteln fühlt? Darüber hinaus klingt die unsensible Preisgabe von Details von Aupetits Zärtlichkeitsgesten, die sicher nur für vertrauliche Gesprächspartner bestimmt waren, wie eine Demütigung des französischen Oberhirten.

Anstatt der Aufforderung Jesu an Simon Petrus zu folgen, die als dessen Nachfolger auch ihm gegolten hätte: „…du aber stärke deine Brüder“ (Luk. 22,32), anstatt eine umgehende Pastoralreise nach Paris zu unternehmen, beugte sich der Papst dem „schädigenden Ruf“, der Michel Aupetit ereilt hatte. Es wäre Franziskus‘ Auftrag gewesen, sich hinter seinen Bruder Michel zu stellen (der keines Verbrechens schuldig wurde), die Sache in Paris zu klären und jene speziellen niederträchtigen Gruppierungen der Pariser Kirche und ihre entsprechenden Presse-Zuarbeiter zusammenzurufen. Und ordentlich zusammenzufalten!

„Du aber stärke deine Brüder!“ 

MICHEL AUPETITein Gigant des Glaubens…

Von Leone Grotti, 3.Dezember 2021, In: TEMPI.IT – Kirche. Übersetzung aus dem Italienischen: Dr. Juliana Bauer

Der Papst nahm das Rücktrittsangebot des Erzbischofs aus Paris infolge des von Le Point aufgewirbelten Skandals an. Frankreich, und nicht nur Frankreich, verliert einen großen Erzbischof. Er hat uns gelehrt, dass die „wahre Freiheit“ darin besteht, „sich lieben zu lassen“ (s.u. Euthanasiedebatte. Zusätzliche Anm.: In einer Predigt betonte Aupetit u.a. die Würde des Menschen, die darin bestehe, „bis zum Ende geliebt zu werden. Und dass die „einzige Freiheit des Menschen“ darin bestehe, „bis zum Ende zu lieben“, Predigt 07.02.21).

„Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Der Name des Herrn sei gepriesen.“

Michel Aupetit, inzwischen Ex-Erzbischof von Paris, zitiert Hiob, als er den Gläubigen seiner Diözese mitteilte, dass Papst Franziskus sein Rücktrittsangebot annahm. In Wirklichkeit gefiel dem (jung Gebliebenen: Anm.) 70Jährigen dieses Wort nicht, wie La Croix wenige Tage zuvor präzisierte: „Ich bin nicht zurückgetreten. Ich legte meine Aufgabe in die Hände des Heiligen Vaters zurück.“ In seiner Abschiedsbotschaft an alle Bewohner von Paris erklärt er, dass er dies tat, „um die Diözese vor der Spaltung zu bewahren, die Verdacht und Vertrauensverlust hervorrufen.“

Wie viel Schlamm, wie viel Dreck wurde auf Mgr Aupetit geworfen

Mgr Aupetit verlässt die Diözese erhobenen Hauptes.

Er dankte allen „wunderbaren“ Personen, die mit ihm zusammen der Kirche dienten („zu viele, von denen er eine umfassende Liste anlegen müsste“). Und, wie es seinem unverblümten Charakter entspricht, ohne sich hinter einem falschen Manierismus zu verstecken: „Ich bete für die, die mir vielleicht Böses wünschten, wie Christus es uns gelehrt hat, er, der uns über unsere eigenen Kräfte hinaus hilft.“

Dieses „vielleicht“ ist das einzige Zugeständnis des Erzbischofs an den „guten Ton“, der sich sicher war, dass es viele waren, die ihn weghaben wollten. Es war eine beschämende „Ermittlung“ der Wochenzeitschrift Le Point, die Aupetit anklagte, die Gläubigen von Paris wie ein Diktator zu regieren und darüber hinaus 2012 eine Liebesbeziehung mit einer Frau gehabt zu haben, ein Bericht, der im Erzbistum Paris ein Erdbeben auslöste. Diese Sache, die der Erzbischof mehrfach zurückwies („ich habe nie ein Doppelleben geführt und die, die mit mir zusammen waren, wissen es“), bewog ihn letztlich, sein Amt in die Hände Papa Francescos zurückzulegen.

Die Unterstützung der katholischen Gläubigen

Wie Aupetit ebenso nach dem Erscheinen jenes Artikels in Le Point bei Radio Notre Dame erklärte: „Auch für mich war es ein Schock, als ich das las und ich fragte mich, ob es tatsächlich so viele Personen sind, die wünschen, dass ich gehe.“ Die Antwort stimmt dem zweifellos zu, doch nicht aus den Gründen, von denen Le Point und/oder Liberation sprechen, welche sich permanent auf den Prälaten eingeschossen hatten.

Nach seiner Rundfunkerklärung überfluteten die Gläubigen den Sender in der Tat mit Kommentaren wie: „Setzen Sie Ihr Amt fort, wenn möglich: gehen Sie nicht, Ihre Predigten und Ihre Aktionen gaben mir immer Halt; treten Sie nicht zurück, wir brauchen Sie; Wir lieben Sie, Mgr Aupetit, und wir unterstützen Sie mit unseren Gebeten; bedingungslose Unterstützung für Mgr Aupetit“ usw. (bis zum 8.Dezember erreichten die zustimmenden Worte der vielzähligen, permanent neu hinzugekommenen Gläubigen ein „Kommentarband“ von einer Länge, welches die Portale von Notre Dame flankieren könnte, Anm.).

Warum in Frankreich viele Aupetit hassen

Wenn auch seine Hochschätzung bei den Gläubigen weit verbreitet war, kann man dies jedoch nicht von den Medien, den Politikern und den Laizisten Frankreichs sagen. Der Erzbischof von Paris „nervte“ immer wieder jene Galaxie von Personen, die die Religionsfreiheit wie ein großes Zugeständnis der Republik an die Gläubigen betrachten und die Katholiken nur dann gerne sehen, wenn sie sich darauf beschränken, in der Sakristei zu beten.

Mgr Aupetit konnte nie sich selbst verraten. Promoviert in Medizin, spezialisiert in Bioethik wurde er, nachdem er 12 Jahre lang seinen Beruf ausgeübt hatte, Priester mit nunmehr 44 Jahren. Und wie er in seiner letzten Video-Botschaft sagte, war „die Fürsorge für den anderen etwas, das tief in mir verwurzelt ist.“

Die Anprangerung der „Kultur des Todes“

Aupetit nahm sich seiner Diözese, seiner Gläubigen und aller Franzosen an, als er mit Macht und mehrfach wiederholt die „Kultur des Todes“ anprangerte, die „sich über Frankreich lege.“ Sein Artikel vom 29. Juni 2020 im Figaro konnte natürlich nicht die Zustimmung der Parlamentarier hervorrufen – als er, nachdem in erster Lesung das Bioethik-Gesetz mit der Öffnung der künstlichen Befruchtung für lesbische Paare und Single Frauen angenommen worden war – die Umwälzung dessen geißelte, „was unsere Zivilisation aus Achtung vor dem Menschen, vor seiner Würde, vor seinem Leben und seiner Gesundheit geschaffen hat.“

Er schrieb:

Hier beschäftigen wir uns wieder einmal leichtsinnig mit der Umwälzung der genealogischen Beziehungen, die die Ganzheit einer Person bedingen, mit der Banalisierung menschlicher Embryonen, die als gewöhnliche Verbrauchsgüter ausgewählt, analysiert und weggeworfen werden, mit der künstlichen Herstellung von Gameten (Geschlechtszellen), die von keinem anderen Interesse bestimmt sind, als dem, den Mythos der „nicht-sexuellen“ Zeugung zu befeuern. Wir wissen, dass wir Handel und Industrie wiederbeleben müssen, aber nicht auf Kosten der menschlichen Würde.

Die Entscheidung, den Markt in großem Umfang für Kinder zu öffnen, indem medizinisch unterstützte Fortpflanzung von den Schwierigkeiten der Empfängnis getrennt wird, ist ein schwerwiegender Angriff auf die Würde des Menschen. Diese Entscheidung, die Fortpflanzungsindustrie durch die Fütterung mit immer mehr Embryonen zu fördern, zeigt deutlich die rein wirtschaftlichen Gründe, auf denen dieses Projekt basiert.“

Aus der Sicht der Vernunft und der Wissenschaft

Als Journalisten ihn provokativ fragten, ob er denke, dass ein Embryo Leben sei und eine religiöse Antwort erwarteten, die sie mit Nichtbeachtung verachten könnten, konnten sie nicht ertragen, dass er sie demütigen würde, indem er die Spitze der Vernunft und Wissenschaft zückte: „Natürlich sage nicht ich , dass der Embryo Leben ist, sondern die Embryologie. Und dann genügt es, den Ultraschall anzuschauen. Es sind lebende Wesen, die Kinder sein werden. Das ist unbestritten. Das neue Gesetz ebnet auch dem Eugenismus den Weg, die Embryos zu selektieren.

Er rief natürlich auch Eifersucht hervor, als im April in Frankreich die Debatte über Euthanasie eröffnet wurde und der intellektuell dekadente Schriftsteller Michel Houellebecq mit Blick auf seine eigene Person anerkannte, dass die von ihm (Aupetit) geführten Katholiken die einzigen waren, die gegen die „Lüge“ Widerstand leisteten.

Aupetit donnerte:

„Es ist paradox, diese Offensive um den Tod in einem Moment zu starten, in dem uns der Tod überall umgibt. Man sollte vielmehr für das Leben kämpfen. Die Lösung bezüglich des Leidens ist nicht, eine Person zu töten, sondern ihr das Leiden zu erleichtern und sie zu begleiten. Die wahre Freiheit ist die, sich lieben zu lassen.“

Notre Dame – ein Seitenhieb gegen Macron

Aupetit war auch ein Gigant in den härtesten Phasen der Pandemie und das nicht nur deshalb, weil er den verstörten Franzosen einen Weg aufzeigen konnte. Als 2020 einige zu eifrige Polizisten bewaffnet in eine Kirche drangen – auch wenn sie dabei das Gesetz verletzten – um nachzusehen, ob die Corona-Maßnahmen auch eingehalten wurden, prangerte der Erzbischof den „unzulässigen Blödsinn“ an.

Und dem Präsidenten der Republik, Emmanuel Macron, der 2019 betreffs der Architektur von Notre Dame sehr laienhafte und bezüglich des Brandes sehr unverbindliche Worte von sich gab, verpasste er einen Seitenhieb:

„Wir sind sehr schmerzlich durch den Verlust unserer Kathedrale getroffen und jetzt sind wir in der Heiligen Woche/der Karwoche und müssen uns hinsichtlich unserer Gottesdienste komplett neu organisieren. Es wäre schön gewesen, wenn es für die katholische Gemeinde ein kleines Wort der Anteilnahme gegeben hätte, denn es sind vor allem die Katholiken, die die Kathedrale Notre Dame am Leben erhalten.“

Schaut nicht auf mich, schaut auf Christus!

Aufgrund seiner sperrigen und nie bequemen Präsenz war Mgr Aupetit daher vielen verhasst. Aber vor allem auch, weil er sich nie einfach nur auf einen Aktivisten Pro Life oder auf einen Bilderheiligen reduzieren ließ. Der tiefe Grund einer jeden seiner Einmischungen in den Laienbereich war in der Tat in seiner ersten Predigt, die er als Erzbischof hielt, vorgezeichnet: „Schaut nicht auf mich, schaut auf Christus!“ Das ist der Grund, warum Mgr Aupetit der Diözese von Paris, der französischen Kirche, die schon durch die Skandale des sexuellen Missbrauchs eine harte Prüfung erfährt, fehlen wird – aber auch uns.

E lo scandalo amoroso? Und der Skandal einer Liebschaft? Nous nous en foutons carrément. Der ist uns geradezu piepegal!

Erklärung Mgr Aupetits zum Bioethikgesetz, Januar 2021.