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Von Theresa Geissler *)

Hühner auf dem Sprung. Bild: Pixabay

Zum Ukraine-Krieg aus der Sicht meiner eigenen Umgebung

Liebe ‘conservo’-Leser!

Heute Morgen stieß ich auf die folgende Nachricht in der “Alkmaarsche Courant”. Es ist die Geschichte von einem aus der Ukraine geflohenen niederländisch-ukrainischen Ehepaar, die ich Euch Allen nicht vorenthalten wollte:

Also, rasch – und dann und wann etwas gekürzt – übersetzt:

CASTRICUM. – “Leo Prinz (77) und seine Frau Oksana (59) konnten durch den Krieg mit Russland nichts anderes machen, als ihre beliebte Hafenstadt Mykolaiv im Süden der Ukraine  hinter sich zu lassen. Vor sechs Wochen fuhren sie in aller Eile ab – mit ihrer Schäferhündin Sofie, Oma (TG: Oksanas Mutter, nehme ich an), und gerade so viel Hühnern, wie sie mitnehmen konnten. Mit einem Auto quer durch den Mörserbeschuß, Bombenhagel und Luftabwehr.

Leo Prinz ist gebürtig in Castricum/Niederlande (TG: Stimmt; das liegt zwei Bahnhöfen von Alkmaar, meiner Heimatstadt, entfernt). Er arbeitete in Alkmaar als Taxifahrer. Etwa im Jahre 2012 wurde bei ihm ein schwerer Diabetes festgestellt. Den Fachärzten gelang es nicht, ihn unter Kontrolle zu bringen. Ihm wurde geraten, die Niederlande zu verlassen.

Leo Prinz: “Sie sahen die Lösung in einer Umgebungsänderung: Irgendwo am Meer wohnen, nur natürliche, also keine chemisch bearbeiteten Lebensmittel zu uns nehmen usw. Ganz Europa habe ich durchsucht. Denn die Pflege, die ich brauchte, war nicht überall zu bekommen. Aber in der Ukraine schon! In Mykolaiv, wo ich später meine Frau Oksana kennenlernte.”

Der Wohnort von Prinz liegt zwischen Odessa und Cherson. “Wir haben dort ein wunderschönes,  freistehendes Haus. Gerade hatten wir darauf ein neues Dach installieren lassen, als der Krieg ausgebrochen war. Unfassbar! Russland greift uns an! Das konnte doch nicht wahr sein! Das Gebiet, in dem wir wohnen, ist völlig russisch orientiert, es wird dort russisch gesprochen, wir schauen russisches Fernsehen an, und das Land greift gerade uns an?! Unglaublich und unfassbar! In meiner Umgebung sah ich Menschen sich umändern von pro-russisch zu fanatisch anti-russisch!”

HÜHNER

Am 24. März entschied sich das niederländisch-ukrainische Ehepaar, von Todesangst getrieben,  ihre Sachen einzupacken. “Es ging nicht anders, wir mussten. Ohne dabei richtig nachzudenken,  haben wir unser Auto vollgeladen. Sehr vieles mussten wir vergessen, aber unsere Hündin Sofie sollte ja mitgehen, sowie Oma und eine ganze Menge Hühner. Oma und die Hühner haben wir zu Verwandten in Polen verfrachtet.”

Eine Reise von 3.000 Kilometer in drei Wochen! 6 Hotels. Überall verschiedene Erfahrungen: “Die Ungarn hassen die Ukrainer; nicht mal sein Telefon durfte man dort aufladen. Während wir in Rumänien mit offenen Armen empfangen wurden. Mein Geldbeutel musste in der Tasche  bleiben, denn wir durften dort wirklich nichts selbst bezahlen. Unser Auto musste repariert werden bei einem Händler, auch der wollte nichts von einer Vergütung wissen!”

Logisch, dass das Paar mitsamt Hündin nach Holland reiste: “Ich bin Holländer, also war es selbstverständlich, dass wir dorthin reisten. Oksana war hier auch schon einige Male. Wir gingen zu dem Auffang ‘De Meent’ in Alkmaar (TG: Stimmt: Genau vier Straßen von meinem Haus entfernt). “Ich erzählte einem Vetter in Hoofddorp” (TG: im Kreisen Haarlem/Amsterdam), “wie es dort aussah: mit vielen kleinen Zelten in der Halle. Er sagte sofort: “Kommt mal gleich nach Hoofddorp, Ihr Beiden.” Ganz gut, dass wir jetzt eine Gastadresse haben.”

Vorläufig sehen Leo und Oksana ihre Zukunft in den Niederlanden. “Ihr könnt mir glauben, der Krieg läuft noch sehr lange weiter. Wir halten jeden Tag Kontakt mit Verwandten dort und mit den Menschen, die unser Haus und die Enten, die wir dort zurücklassen mussten, beobachten. Wir wissen aus erster Hand, dass in dem Kreis, wo wir wohnen, 25.000 Russen gefallen sind; ihre Fahrzeuge und sonstiges Gut ist zerstört. Im Moment ist das russische Militär wie gelähmt. Ich verstehe wirklich nicht, warum Europa jetzt nicht angreift, Schade. Dennoch muss ich sagen, wir sind höchst erkenntlich für alle Hilfe aus Europa!”

In Kürze zieht das Ehepaar um aus Hoofddorp in eine Wohnung in Wervershoof (TG: Stimmt: In Westfriesland; Meine Cousine und ihre Familie lebt dort). Leo: “Wir sehen es positiv: Oksana ist Konditorin, wir hoffen, sie findet irgendwo Arbeit. Für das Haus in Wervershoof bekommen wir von allen Seiten Sachen, und wir werden es Schritt für Schritt einrichten. Als erstes einen Ofen: Sobald Oksana einen Ofen hat, kann sie mit Backen anfangen. Auch für den Verkauf. Mein Vetter in Hoofddorp hat gesagt: “Fang’ mal zu produzieren an, dann werde ich es verkaufen””.

Leo muss nach einem Zahntechniker suchen; denn seine Prothese liegt neben seinem Rasierapparat auf dem Nachttisch in Mykolaiv. Was er für seinen Diabetes benötigt, muss er erneut untersuchen lassen. “Die Geräte, die ich in der Ukraine benütze, sind hier schon seit 10 Jahren nicht mehr erhältlich. Ich soll mal meine Versicherung anrufen, um mich zu informieren.”

Sein Auto hat die Reise nicht überlebt. “Es war vollkommen verrottet. Sehr schade. Dennoch, als wir zum letzten Mal mit diesem Auto auf der A9 fuhren und wir ununterbrochen einen Himmel über uns hatten ohne Feuer, ohne Bomben, ohne Rauch und ohne Kriegslärm, hatte uns das besonders glücklich gestimmt.”

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*) Aus: “De Alkmaarsche Courant” vom Dinstag, 17. Mai 2022.

Übersetzt von: Theresa Geissler.

Die Holländerin Theresa Geissler betreibt in den Niederlanden den eigenen Blog www.theresasvisie.com, für den sie u.a. seit langem interessante conservo-Artikel übersetzt, und sie kommentiert viele conservo-Artikel hier auf unserem Blog.

www.conservo.17.05.2022