WM: Ayatollah Messi, weichgespülter Islam und absurde Sportpolitik

Peter Helmes

Ein Kommentar nach dem Ende der Fußball-WM in Katar – Es gibt in meinen Augen nur zwei Möglichkeiten, die WM in Katar zu betrachten: entweder mit den Augen des „normalen“ Bürgers oder mit den Augen der Katar-Zustimmer. Beide haben ein Recht auf Ihre Sicht – die Kritiker auf eine in künstlichem Klima erzeugte Begeisterung, die anderen auf einen Staat und dessen Machthaber, die mit ihrer Politik und (religiösen Anschauungen) nicht zu unseren westlichen Wertevorstellungen passen.

Den Kritikern sei es (zu meinem Leidwesen) gesagt: „Okay, Ihr habt ja recht. Aber gibt Euch Eure Sicht das Recht, Eure Haltung auch von „fremden“ Ländern zu fordern?“

Katar und das Event mit westlichen Werten messen wäre unredlich

 Wer „A“ sagt, muß auch „B“ sagen. Wer sich für eine weltweit be(ob)achtete Veranstaltung in einem streng muslimischen Land entscheidet, kann nicht mit der Elle des Christenmenschen messen. Mit der Entscheidung für Katar waren die Würfel gefallen. Im Nachhinein darüber zu räsonieren, ist wohlfeil.

Natürlich wußten „wir“ (die westlichen Funktionäre), daß Katar ein Staat ist, der die Menschenrechte, vor allem mit Blick auf die unterschiedlichen sexuellen Orientierungen von Frauen und Männern, nicht respektiert und daß „westliche“ Arbeitnehmerrechte in diesem Staat schon gar keine Selbstverständlichkeit sind. Aber durften wir uns dabei einbilden, daß die Vergabe der Weltmeisterschaft ein „anderes Katar“ schaffen würde? Haben wir nicht registriert, daß dieses Land eine 1-Mann-Diktatur ist, in der der Emir alles richtet – auch hin-richtet – und kein Parlament mitentscheiden kann?

Die Konzentration auf unsere (kritische) Sicht hat den Blick verstellt für die gewiß notwendige Alternative, auch den Blick aus den Augen der Kataris einzunehmen. Und die freie Sicht legte alle Absichten offen:

Katars Ziel war klar erkennbar und damit auch die Mittel und Wege, dieses Ziel zu erreichen: Der Golfstaat wollte alle Vorgänger übertreffen. Noch moderner, noch spektakulärer, noch besser sollte diese WM werden. Ein Turnier der Superlative. Mit der WM sollte das Land nicht nur überall auf der Welt bekannt und das eigene Image als ein moderner Staat aufgebessert werden. Es sollte auch für die islamischen Werte geworben werden.

Messi über alles – Islam übertrumpft Christentum

Besonders deutlich wurde das zum Schluß: Bevor Lionel Messi den langersehnten Pokal endlich entgegennehmen konnte, zwängte der Emir von Katar den Fußballstar noch schnell in ein arabisches Gewand, das sonst nur großen islamischen Anlässen vorbehalten ist. Er hängte Messi das schwarze arabische Übergewand „Bischt“ um und reklamierte den Moment somit auch für sich. Damit instrumentalisierte er den Kapitän der Siegermannschaft für seine Zwecke, stahl ihm und seiner Mannschaft den ikonischen Moment.

Eilfertig betonte der Botschafter Katars in Deutschland noch am Schlußtag der Spiele, daß man Katar vertrauen und Zeit schenken solle. WM-Chef Hassan al-Thawadi betonte zudem, die Reformen wären auch ohne den Fußball gekommen und hätten nichts mit dem öffentlichen Druck zu tun. Als Kritiker darf man das bezweifeln.

Klarer ist, was die katarische Wirtschaft will. Weniger Regeln, weniger Gesetze. Die Unternehmen machen seit geraumer Zeit Druck, berichtet Amnesty International. Jene katarische Wirtschaft besteht nicht nur aus Unternehmen aus dem Golfstaat; denn davon gibt es nur wenige. Es sind in erster Linie Betriebe aus dem Ausland, auch aus Europa, die sich hinter verschlossenen Türen gegen die Reformen aussprechen.

Und der Gegenwind wird mit dem Ende der WM für sie abflauen. Unterstützung bekommen sie von einigen Konservativen im Land, für die das Turnier ein kleiner Kulturschock war. Der Politikwissenschaftler und Katar-Experte Nicolas Fromm von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg vermutete daher bereits vor dem Beginn der Weltmeisterschaft:

Die Konservativen im Land werden ihre Wut herunterschlucken müssen, und ich kann mir vorstellen, daß der Emir nach der WM ein paar innenpolitische Entscheidungen zu ihren Gunsten treffen wird, um sie wieder zu besänftigen.

Auch Nachbarländer wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, die Katar von 2017 bis 2021 blockiert hatten, würden sich über die „alten“ Gesetze freuen. Denn im Vergleich zur restlichen Golfregion gilt Katar sogar als fortschrittlich, was Saudi-Arabien beispielsweise nicht gefällt.

Olympiade in Katar?

Die WM soll nicht das letzte große Turnier Katars gewesen sein, um sich der Welt zu präsentieren. Um die Asienspiele 2030 hat sich der Golfstaat bereits beworben, für die Olympischen Sommerspiele 2036 will er offenbar auch seinen Hut in den Ring werfen. WM-Chef Hassan al-Thawadi sagte: „Wir haben unseren Willen und unsere Motivation gezeigt, es auszurichten. Ich denke, es liegt auf der Hand.“ Katars Emir ist bereits seit 2002 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Dazu war IOC-Chef Thomas Bach bei der WM zu Gast und schaute sich das Eröffnungsspiel live im Stadion an. Olympische Spiele rücken einen Austragungsort ähnlich in den Fokus wie eine Fußballweltmeisterschaft. Als das Land zu gelten, das Reformen einführte und sie nach dem Ende eines großen Turniers aber wieder abschaffte, würde dem Olympia-Vorhaben in Katar eher schaden.

Damit ist die Bundesregierung einerseits in der Lage, Druck auf Katar auszuüben. Andererseits ist auch Deutschland nun in einem Abhängigkeitsverhältnis. Menschenrechtsorganisationen sehen in dem Deal auch eine Verpflichtung, die Entwicklungen in Katar genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls zu reagieren.

Klar ist in jedem Fall: Die kommenden Jahre werden die Wahrheit zeigen. Dabei wird sich erweisen, ob die WM-Bauarbeiter nur ein besseres Arbeitsleben haben sollten, um die Kritiker ruhig und die Fifa zufriedenzustellen, oder ob es wirklich ein Interesse an einer besseren Lage im Hinblick auf die Menschenrechte im eigenen Land gibt. Und das sollte Katar auch unabhängig von Bewerbungen für Großereignisse zeigen.

Eine Nation der Besserwisser

Das Turnier wurde mit einem grotesken Versuch westlicher Mannschaften eröffnet, ihre Liberalität zu demonstrieren, indem sie ‚Regenbogen‘-Armbinden tragen, bevor sie auf Druck der FIFA einen Rückzieher machten. Doch für Katar war das zweitrangig. Ihm ging es um regionale Macht und internationale Reichweite. Die riesigen Erdgasvorkommen des Landes machen es in Zeiten hoher Energiepreise unmöglich, das Land zu ignorieren. Abgesehen davon gehört Katar der Pariser Fußballclub, für den sowohl Messi als auch Mbappé spielen.

Am Ende kann sich unser kollektives Gedächtnis nur an einige der Ereignisse des Turniers erinnern. Es wird das Finalspiel und der jubelnde Lionel Messi sein, woran die Menschen bei dieser WM denken werden. Alles andere wird verblassen. Das Turnier bekommt damit ein Ende, das es wahrscheinlich nicht verdient hat. Es war eine problematische WM mit dem Glück, ein perfektes Spiel zu haben.

Das Spiel bot zwar umwerfenden, begeisternden, atemberaubenden Fußball mit einem adäquaten Finale: Frankreich hat verloren und braucht sich dennoch nicht zu schämen. Das Land ist im Fußball mittlerweile eine herausragende Ausbildungsstätte. Ein Produzent von Virtuosen, die Brasilien oder Argentinien in nichts mehr nachsteht.

Messis Team gewann das beste Endspiel der Geschichte und sicherte sich einen Platz im Fußballhimmel. Sie mußten den Ansturm von Frankreich ertragen, dem bisherigen Weltmeister, der seine Krone nicht so demütig niederlegen wollte, wie es in den ersten 70 Minuten schien. Um zu gewinnen, muß man leiden können. Und jetzt genießen.

Immerhin ist Deutschland auch im Sport Haltungsweltmeister

Diese Frage ist durchaus nicht polemisch gemeint, sondern verlangt eine sachliche Antwort. Die lautet – in Kurzform: „Ohne Fleiß kein Preis, ohne Leidenschaft kein Erfolg!“ Wer sich auf seinen (hohen) Bezügen ausruht, darf sich nicht wundern, wenn eines Tages die Blase platzt. Das frühe Ende der deutschen Mannschaft hat diese Kernerkenntnis erneut bewiesen.

„Wir“ waren allenfalls Haltungs-Weltmeister. Aber wir betrieben mit unserer Haltung letztlich nur eine Art moralischen Kolonialismus´. Mit Fußball hatte das nichts zu tun.

Rein sportlich betrachtet siegte „auf dem Platz“ am Ende der spannende und kreative Fußball über die vielen negativen Aspekte. Was in den prächtig ausgestatteten Stadien mit Zehntausenden von Zuschauern außerdem zu sehen war, war die Verringerung des Abstands zwischen den traditionellen Fußballgiganten in Europa und Südamerika und dem Rest der Welt. Die FIFA hat angekündigt, daß die nächste Endrunde in den USA aus 48 Mannschaften bestehen wird. Dadurch wird der Wettbewerb für eine noch mehr Teams außerhalb der traditionell dominierenden Fußballnationen geöffnet. Wir lernen daraus: Business herrscht, der Sport ist (nur) Mittel zum Zweck.

Doch jetzt, da das Turnier vorbei ist, stellt sich die Frage: Was bleibt vom positiven Image nach der WM? Folgt auf das Ende der Spiele auch das Ende der Reformen?

Die Befürchtungen, daß es genau so kommt, sei groß, sagt der Deutschland-Direktor der Menschrechtorganisation Human Rights Watch, Wenzel Michalski. Umzusetzen wäre das zumindest relativ schnell. Da der Golfstaat autokratisch regiert wird, könnte der Emir des Landes, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, die Reformen relativ leicht wieder einkassieren. Parlamente oder Räte müssen nicht zustimmen. Und die „Europäer“ müßten resümieren: Außer Spesen nichts gewesen.

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