“Arschloch im sozialen Netz

(www.conservo.wordpress.com)

Von altmod *)altmod

Da sind aber dem „General“ die Epauletten explodiert: Es hatte sich doch ein „Facebook-Pöbler“ erdreistet, im „sozialen Netzwerk“ sich bei Dr. Peter Tauber nach dem Gemütszustand seiner Chefin zu erkundigen, woraufhin dieser mit dem Satz: „Sie sind ein Arschloch“, den “Pöbler abkanzelte“ – wie die Welt schreibt.

Seien wir ehrlich, die Zeiten und die Verhältnisse haben sich ja derart gewandelt, dass es auch uns eingebildet Wohlerzogenen manchmal sehr leicht fällt, mehr oder minder milde Obszönitäten leichthin auszusprechen.

Bei nicht wenigen persönlichen Begegnungen mit gewissen Top-Managern oder Politikern – gerade bei oder nach Treffen mit Peter Tauber, als er noch nicht „General“ war – lag mir oft das A-Wort auf der Zunge; und ich ließ es dort liegen. Vis a vis ausgesprochen, kann das schief gehen, wie weiland bei dem Kicker Stefan Effenberg, der einem Polizisten lediglich „schön´Abend noch“ zugerufen haben wollte.

Es befassen sich inzwischen ernsthafte Autoren mit solcherart Vulgaritäten und verfassen Bücher wie „Scheiss drauf – Die Kultur der Unhöflichkeit“ oder sprechen expressis verbis auf die Arschlöcher in Unternehmen und allgemein an, wie der Stanford-Professor Robert I. Sutton mit seinem Buch „Der Arschlochfaktor“.

Letzterer löste offensichtlich einen Befreiungsschlag bei den Geknechteten und Gequälten des „Business“ aus, als er das ehrwürdige und noble Wirtschaftsblatt Harvard Business Review dazu brachte, bei seinem Essay tatsächlich auch das inkriminierende Wort abzudrucken, was in besagtem Artikel dann achtmal erfolgte.

Das führt(e) u.a. zu folgenden Überlegungen:

◾Wer verdient es, als A. gebrandmarkt zu werden?

◾Welchen Schaden richten AA. an?

◾Wie erkenne ich, wer ein A. ist?

◾Wie wehrt man sich gegen AA.?

◾Wie erkenne ich, ob ich selbst ein A. bin?

Die letzte Frage gehört m.E. für einen „anständigen“ Menschen unbedingt zu seinem Ethos-Bestand, wenn wir ihm gestatten wollen, das A-Wort zu verwenden.

Zur Fremd- und Selbsterkenntnis findet man nicht nur in dem zitierten Buch von Prof. Sutton, sondern inzwischen auch im WWW einige mehr oder minder erhellende “Arschloch-Tests”: https://www.google.de/search?q=Arschloch-Test&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=yVGKVt3gA8aePLK6qtgN

Der Autor Thomas Mießgang („Scheiß drauf“) hat Recht, wenn er schreibt: „Höflichkeit ist in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts ein rares Gut geworden“, „Die Unhöflichkeit … infiziert wie ein fatales Virus die unterschiedlichsten Segmente des Alltags“ und „Wer sich danebenbenimmt, kann kaum mehr jemanden schockieren – außer vielleicht im Nonnenkloster“.

Wir erleben es persönlich fast täglich und hautnah: im Straßenverkehr, beim Einkaufen, bei der hiesigen Stadtverwaltung usw.

Die Vermittler der neuen Umgangsformen sind – wie kann es anders sein – die Medien mit den sog. Medienschaffenden. Als formidable Unflat-Verbreiter und Pöbler im Zeitgeist haben sich nicht nur Leute wie Stefan Effenberg und Dieter Bohlen gezeigt, zuletzt sah sich der Akteur Til Schweiger, der „deutsche (Möchte-gern-) Bruce Willis“, genötigt, sein schräges Image durch öffentliche Pöbeleien gegen Kritiker seines „sozialen Engagements“ aufzuwerten.

Die breite Öffentlichkeit wird diesbezüglich vor allem durch die sog. sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter hergestellt, deren sich auch fortschrittliche Politiker wie Peter Tauber besonders gerne bedienen.

Nebenbei – dass sich der angeblich konservative Peter Tauber jetzt verbale Anleihe bei einem Grünen genommen hat, darf verwundert angemerkt werden: Joschka Fischer, der weiland Richard Stücklen als Bundestagspräsident mit dem A-Wort bedachte. Der Metzger-Sohn Fischer wählte aber in wohl rest-bürgerlich vorhandener Höflichkeit noch die Einleitungsfloskel „Mit Verlaub, Herr Präsident …“. Eine solcherart abmildernde Adresse hätte denn auch nicht nur die Welt-Redaktion von dem Anwalt-Sohn Peter Tauber erwartet.

Dass Politiker uns, das Volk, nach Strich und Faden belügen – neudeutsch „verarschen“ – sind wir gewohnt und zählen dies inzwischen nach wissenschaftlich-soziologischer Einsicht zu deren elementaren Notwendigkeiten zum Überleben in der real existierenden Demokratie. Doch solch dreiste Lügen-Unterfangen von Repräsentanten unserer res publica, wie bei Karl Theodor zu Guttenberg aufgedeckt, verzeihen wir aber weniger. Hier sind wir mehr beleidigt, tragen wir doch in unserem kollektiven Unterbewusstsein bis dato ein Wertschätzungs-Relikt gegenüber dem Adel, der unaufgehobenen konstituierten „Nobilitas“, mit uns herum.

Wie paradox, da muss ein exilierter Neger, ein Prinz aus Äthiopien, daher kommen, um die deutsche Rüpelgesellschaft nicht nur an Umgangsformen zu erinnern: Prinz Asfa-Wossen Asserate mit seinem Buch „Manieren“. Ich will jetzt nicht auch noch Exzerpte aus dieser hervorragenden Abhandlung hier anführen. Es sei nur gesagt, dass dieser einstmalige Bestseller jedem anzuempfehlen ist. Nicht nur dem, der nicht mehr weiss, wer Knigge ist, sondern jedem, der an einer gar so nicht fremden Sicht auf unsere Kultur interessiert ist.

Mir wurde von klugen und höflichen Leuten beigebracht:

„Kritik ja, wenn erforderlich. Aber wir kritisieren nie die Person, sondern nur die Sache“.

Eine Einsicht, die im privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Bezugsrahmen beherzigt werden sollte.

Es sei mir aber trotzdem nachgesehen, wenn ich hier auf meinem Forum – nicht in den angeblich sozialen Netzwerken, die ich aus guten Gründen zu meiden gelernt habe – gegenüber Politikern oder Journalisten, den selbsternannten „Volksaufklärern“, gar mal persönlich werde.

„Strategischer Grobianismus“ kann enttarnend wirken – das habe ich auch gelernt.

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Als Anhang eine ausgesuchte Bibliographie zum Thema.

Für Gequälte und Betroffene:

Thomas Mießgang: „Scheiß drauf – Die Kultur der Unhöflichkeit“ – Rogner und Bernhard GmbH und Co. Verlags KG, Berlin 2013

Robert I. Sutton: „Der Arschloch-Faktor – Vom geschickten Umgang mit Aufschneidern, Intriganten und Despoten im Unternehmen“ – Carl Hanser Verlag, München 2007

Nicht nur für Peter Tauber:

Asfa-Wossen Asserate: „Manieren“ – Eichborn Verlag, Frankfurt 2003

Adolph Freiherr von Knigge: „Über den Umgang mit Menschen“ – Insel Verlag, 2001

*) „altmod“ ist Blogger (altmod.de) und häufig auf „conservo“ vertreten

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5.1.2016

Ein Kommentar

  1. Wie definiert man ein Arschloch? Genau genommen gibt “es” nur Scheiße und stinkende Luft von sich. Die sinnbildliche Übertragung des A-Wortes auf eine Person mag daher sehr nahe liegen. Ein A ist also, wer nur S von sich gibt. Bemerkenswert ist aber auch der Hang einiger A, sich in eben dieser S zu suhlen – was normalerweise den Schweinen vorbehalten ist.

    MfG

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