Typisch römisch-katholisch: Trauer müsste Ecclesia tragen

Der KREUZWEG der Priester, ihrer Frauen und Kinder
Mein zweiter Zwischenruf

Von Dr. Juliana Bauer

Bild: Pixabay

 „So wollten sie lieber dem Priestertum als der Ehe entsagen“ (Zitat aus dem 11.Jh.)

Der zweite Zwischenruf behandelt verschiedene historische Fakten des Themas priesterliche Ehelosigkeit und Priesterehe. Der Ausgangspunkt für den vorliegenden Beitrag ist der Artikel: „Zölibat der katholischen Priester –  Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“ Ich publizierte ihn 2019 in Philosophia Perennis (PP), er soll hier ergänzt werden. Schon bald nach seinem dortigen Erscheinen wurde er „gehackt“ und war monatelang unlesbar.

In traditionalistischen wie in einigen konservativ-katholischen Kreisen herrscht nicht nur eine offensichtlich panische und z.T. krankhafte Angst vor verheirateten Priestern vor, sondern zu einem guten Teil auch Unkenntnis über die biblischen wie historischen Fakten. So titelte kath.net vor rund zwei Jahren über den damals gerade designierten Kärntener Bischof Das neue enfant terrible der katholischen Kirche Österreichs? Verbunden mit einer Protestkampagne, an der sich eine große Anzahl der vielfach traditionalistisch orientierten Leser des Blogs beteiligte.Warum war der ernannte Bischof ein „enfant terrible“? Nun, weil er sich für die Abschaffung des Pflicht-Zölibats, der nun einmal in der Bibel nicht gefordert wird (1 Kor 7,25 u.a.), ausgesprochen hatte (09.12.2019). Und katholisches info verstand sich wieder als Hüter des Katholizismus schlechthin, als es in der Zölibats-Debatte um die „Amazonas-Synode“ traditionalistisch gesinnte Gemüter mit folgender Überschrift aufheizte: Der Paukenschlag – Benedikt XVI. und Kardinal Sarah: „Hände weg vom Zölibat“ (13.01.2020).

Da bedarf es dann keiner päpstlichen Dekrete mehr zur Aufwiegelung der Gläubigen gegen einen Kleriker wie im Mittelalter (siehe unten), das übernehmen heute, je nach Thema, die Linientreuen des Traditionalismus oder jene der 68er- und Nach-68er-Linken.

Inzwischen kann man meinen Artikel (bis zur nächsten Attacke) wieder lesen. Unter:

Aspekte zur Geschichte von Zölibat und Priesterehe

Es geht mir bei der Frage nach der Lebensform von Priestern einzig und allein um die beiden Möglichkeiten der Ehelosigkeit auf der einen und der biblisch begründeten Ehe bzw. dem Ehe-Sakrament auf der anderen Seite. Als Zeitraum für meine historisch betrachteten und recherchierten Darlegungen, deren Grundlagen fundierte wissenschaftliche Arbeiten sind, wählte ich das 11. und 12.Jh., da in jenen Epochen entscheidende Weichen für den verpflichtenden Zölibat der bis dahin mehrheitlich verheirateten Priester gestellt wurden.

Ich werde dabei nicht auf die vielen, auch sexuellen Missstände, die ebenso in jener Zeit in der Kirche herrschten, eingehen. Ein vehementer Zölibats-Verfechter verteidigte kürzlich in einem Blog gerade auch aus diesem Grund die damalige Durchsetzung des priesterlichen Zölibats. Er vergaß dabei offenbar die zahlreichen Verbrechen, welcher sich die betreffenden Kirchenoberen bei jener gewaltsamen „Durchpeitschung“ dieser Lebensform schuldig machten (s.u.). In „himmlischer“ Verklärung sah er lediglich die ehelose Lebensform „um des Himmelreiches willen“ als besonderes „Zeichen“ für das Reich Gottes. Viele Kleriker der römischen Kirche scheinen darüber auch heute noch zu vergessen, dass das Ehesakrament, das von Gott gestiftet und geheiligt ist und das von Mann und Frau, die auf Christus bezogen sind, in Liebe und Treue gelebt wird, auf Gottes Reich in gleicher Weise „strahlend“ (Katechismus) verweist und ein Bild für die Liebe Gottes zu den Menschen ist.

Entscheidende Wendungen bei Priesterehe und Zölibat

Das Jahr 1139. Es war das Jahr, in dem in der Kirche ein einschneidender Wendepunkt erfolgte. Denn bis dahin war die Mehrheit der Gemeinde-Priester – legal – verheiratet. Ebenso gab es über Jahrhunderte hinweg verheiratete Bischöfe. Vielen Päpsten und Amtskollegen waren sie jedoch, auch seit Jahrhunderten, ein Dorn im Auge. Seit dem IV., vermehrt seit dem VI. Jh. wurde auf Konzilien versucht, die Ehelosigkeit zu verankern (s.o. Beitrag PP) oder von den verheirateten Klerikern sexuelle Enthaltsamkeit einzufordern. Was wiederum über Jahrhunderte immer wieder misslang.

Der Pflicht-Zölibat wurde 1139 von Papst Innozenz II. (1130-43) im II. Laterankonzil radikal durchgesetzt und gesetzlich reglementiert. Unter Macht, Gewalt und Drohungen und entgegen heftiger Widerstände beim Großteil des Klerus. Das Zusammensein von Klerikern höherer Weihen mit Frauen, ließ Innozenz, unabhängig davon, ob es sich um eine Ehe, also das Ehesakrament, oder um ein Konkubinat handelte, als Unzucht und Unreinheit verdammen; die sakramentalen Kleriker-Ehen ließ er schließlich für ungültig sowie die legalen Ehefrauen als Konkubinen und damit zum „Freiwild“ erklären. Dass allerdings trotz der Vorschriften und gnadenlosen Strafen der Zölibat immer wieder von Geistlichen umgangen oder nicht beachtet wurde, wissen zahlreiche historische Zeugnisse zu berichten.

Über die allgemeine kirchliche Entwicklung im 11. und 12. Jh., in der die einsetzende Reformbewegung nicht nur in der Kirche um sich greifende Missstände aller Art reformieren wollte (Reformorden Cluny, Hirsau), sondern vor allem auch die Stellung von Papst, Klerus und Laien, schreibt die Mittelalterhistorikerin Zey:

„Mit dem Aufkommen der zunächst monastisch (mönchisch) geprägten Reformbewegung verschärfte sich der moralische Druck auf die Weltgeistlichen stark (Anm.: vor allem auch hinsichtlich ihrer Ehe). Die Normierungsanstrengungen (Vereinheitlichung von Regeln) des seit 1046 in Rom eingesetzten Reformpapsttums nahmen mit dem Pontifikat Leos IX. (1049–1054) erheblich an Fahrt auf und erreichten unter Gregor VII. (1073–1085) ihren Höhepunkt, von dem aus sie kontinuierlich bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts fortgeschrieben wurden, bis mit dem zweiten Lateranum 1139 ein gewisser Endpunkt erreicht war“ (Zey, C.: Ohne Frauen und Kinder. Askese, Familienlosigkeit und Zölibat in den Streitschriften des 11. und 12. Jahrhunderts, 2018).

Gregor VII. und die Priesterehe

Ein „Aufruhr-Kanon“

Seit der Regierungszeit Leos IX. gingen die Reformpäpste massiv gegen verheiratete Priester vor (s.u.). Unter einem seiner späteren Nachfolger, Gregor VII., setzte betr. von Priesterehe und Zölibat ein reger päpstlicher Erlass von Briefen und Dekreten ein, welche Bischöfe und Legaten zu verkünden hatten und die entsprechenden Vorschriften einschärfen sollten, Dekrete, in denen Strafen angedroht wurden und in denen man das Volk zum Widerstand gegen nichtenthaltsame Kleriker aufrief. Dort, wo Rom direkt Einfluss hatte, wurde die Kleriker-Heirat, an drakonische Sanktionen gekoppelt, verboten.

Aus der Fastensynode Gregors VII. von 1075 stammt ein Kanon, der als so genannter

Aufruhr-Kanon

in die Geschichte einging (Zey, S.305/06) und ein anschauliches Beispiel dafür darstellt, wie der Papst und seine Gesandten kein Mittel scheuten, die einfachen Gläubigen der Christenheit gegen ihre Geistlichen aufzuhetzen. Es handelte sich um ein Bündel von Schreiben, an die Bischöfe gerichtet, welches besonders feingeschärfte Bosheiten des Papstes enthielt:

  • Den Laien wurde verboten, Messen von verheirateten Klerikern zu besuchen.
  • Den Priestern selbst, die nicht zölibatär lebten, verbot man das Betreten der Kirche.

so wollten sie lieber dem Priestertum als der Ehe entsagen,

„Gegen dieses Gesetz murrte sogleich die ganze Schar der Geistlichen …“ berichtet Gregors Zeitgenosse Abt Lampert von Hersfeld, der den Papst einen „ketzerischen und törichten Menschen” nennt, denn nach den Worten des Apostels Paulus solle man „besser heiraten als Brunst leiden.“ Ändere der Papst seine Meinung nicht,

so wollten sie lieber dem Priestertum als der Ehe entsagen, dann möge er … sehen, woher er Engel zur Regierung des Volkes in den Kirchen bekäme“ (Spiegel 1962. An dieser Stelle soll auch angemerkt werden, dass der 2017 verstorbene Alt-Abt des Klosters Andechs in Oberbayern, Odilo Lechner, sich fast 1000 Jahre später für die Aufhebung des Pflichtzölibats aussprach und die Gründe dafür darlegte: Siehe Merkur.de, 24.01.2011).

„dass ein Ketzer sei, wer … Geistlichen den Ehestand verbieten wolle“

Beim Murren und Schimpfen allein blieb es jedoch vielerorts nicht. In Erfurt z.B. wuchs dieses sich zu lautstarken Protesten aus. Dort verließen sämtliche Geistliche lärmend die Zusammenkunft, auf der Erzbischof Sigfrid ihnen die Botschaft des Papstes überbrachte. Sie waren sogar geneigt, den Erzbischof zu lynchen und berieten darüber vor der Tür. Was dann ihre Mehrheit letztlich ablehnte.

Auf das päpstliche Dekret reagierten auch die Franzosen, wie das Beispiel Rouen zeigt, explosiv. Als Erzbischof Jean seine Priester mit der Anordnung vertraut machen wollte, kam es auch dort zum Aufruhr: die empörten Seelsorger jagten ihn mit Steinwürfen aus der noch alten, romanischen Kathedrale. In Paris standen Bischof und Äbte gegen den Papst auf. „Gemeinsam mit ihren Klerikern definierten“ sie, dass „ein Ketzer sei, wer, wie Gregor, Geistlichen den Ehestand verbieten wolle.

Es bedurfte unermüdlicher Gesandter Gregors, um die Zölibats-Gebote in Norditalien und Deutschland, in Frankreich und Spanien Klerikern und Laien einzuschärfen und den „teilweise vehementen Widerstand zu brechen“ (Zey, S.306). Nach wenigen Jahrzehnten Entspannungspause für die Kleriker schlug schließlich, wie oben ausgeführt, 1139 das „Schwert“ Innozenz II. zu.

  • Vielen Katholiken unbekannt: der Zölibats-Krieg in Mailand und die Synode von Melfi
  • Der KREUZWEG der Priester, der Priesterfrauen und ihrer Kinder
  • Gewalttätige kirchliche Übergriffe auf Geistliche und ihre Familien

gehörten im Mailand jener Epoche bald zum Alltag. Was die Historikerin Zey aufgrund ihrer detaillierten Recherchen und Nachweise diesbezüglich beschreibt, lässt jedem menschlich empfindenden Wesen das Blut in den Adern gefrieren. Und nicht nur das – es offenbart eine Kirche, deren oberste Führer beileibe nicht nur sündig waren, sondern wie besessen von kriminellen Energien und bösartigen, zerstörerischen Kräften:

„An zwei Orten war der Zölibat besonders umstritten. Das erste Zentrum war das Erzbistum Mailand (Anm.: das zweite Zentrum war das Bistum Konstanz, dessen Bischof Otto ein Gegner des Pflicht-Zölibats war), wo der verheiratete Klerus schon sehr früh, das heißt seit den 1050er-Jahren, in das Visier der Reformer geriet und zu einem Eid gezwungen wurde, sich an die Enthaltsamkeitsvorschriften zu halten.

Ausschreitungen gegen die Kleriker und deren Frauen wurdendurch das Papsttum gedeckt, … (in Mailand tätige) päpstliche Legaten … hatten ihrerseits versucht, die Kleriker auf die Enthaltsamkeit einzuschwören.“ – Es sei hier außerhalb des Zitats von C. Zey angemerkt, dass „Mönchshaufen“ und Volk durch Gregors Vorgänger Alexander II. aufgehetzt und 1063 zum offenen Kampf gegen verheiratete Geistliche aufgefordert wurden.

Viele Priester wurden samt ihren Frauen und Kindern umgebracht

(Czermak, Gerhard: Zölibat – zur Geschichte einer Verirrung, 2018). – Zey weiter: „Der Kampf um den Zölibat wuchs sich in Mailand zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen aus, die erst beendet wurden, als die Mailänder im Frühjahr 1075 den Anführer der Reformpartei töteten…“ (Zey, S.308).

Man stelle sich nur die Torturen gegen die unverheirateten Frauen, die „Konkubinen“ und „ihre“ Priester vor…

Verachtung des menschlichen Leibes oder

„es … könne nicht erlaubt sein, dass jemand zugleich einen Hurenleib und den Leib Christi berühre“

Spätestens seit Gregor VII., der auch das in die göttliche Schöpfungsordnung eingebettete geschlechtliche Zusammensein der Eheleute als „abscheuliche(n) Befleckung lüsternen Verkehrs“ (Zey, S.313) bezeichnete, wurden mit der Verurteilung aller nichtenthaltsamen Kirchenmänner die bis dahin noch vielerorts gültigen Unterschiede zwischen verheirateten und den im Konkubinat lebenden Priestern gleichgeschaltet; zur gewaltsamen Auflösung der Priesterehen, wie sie dann Innozenz II. vornahm, war es nur noch ein kleiner Schritt. Denn, so der entscheidende Satz in den Schriften der Reformpäpste, „es … könne nicht erlaubt sein, dass jemand zugleich einen Hurenleib und den Leib Christi berühre“ (Zey, S.316).

Die Ehefrau des Priesters wurde zur Maitresse, der Leib einer Ehefrau zum „Hurenleib“ erklärt

Mit solchen Worten wandten sich die Oberen der römischen Kirche und ihre Vasallen vollständig vom Evangelium ab.

Der Synodenbeschluss von Melfi: Diakonsfrauen übergebe man als Sklavinnen

So erstaunt auch der nächste Schritt nicht mehr, den der Synodenbeschluss von Melfi „wagte“, gleichwohl er das erschreckende und kriminelle Ausmaß zeigte, zu dem die fanatischen, ja geradezu teuflischen Kirchenoberen fähig waren. Kirchenobere, die sich Christen nannten und den Anspruch hatten, die Christenheit führen zu wollen…

  • Unter dem Vorsitz von Papst Urban II. beschloss jene Synode im süditalienischen, normannisch eroberten Melfi im Jahr 1089,
  • die Frauen von Subdiakonen den (normannischen) Fürsten als Sklavinnen zu überlassen,
  • sollten sich die Diakone nicht von ihnen trennen wollen (Zey, S.314).

Spiralen von Macht und Gewalt

Die hier vorgestellten, rund 900 Jahre alten Etappen um die Ehelosigkeit sind ein einziges Trauerspiel. Und eine Schreckensvision. Gleichzeitig stellen sie ein erbärmliches, ein jämmerliches Armutszeugnis um eine Lebensform dar, der man glaubte, nur „Herr“ werden zu können durch Einsatz von Drohungen und Gewalt. Eine Lebensform, die der Apostel Paulus schlicht eine Gnadengabe nennt, eine von Gott geschenkte Gnadengabe. Wie die Ehe (1 Kor 12,4-7).

Es sind Parallelen, die hier aufscheinen.

Parallelen zwischen den damaligen, brutalen Vorgehensweisen von Kirchenoberen gegen verheiratete Priester und ihre Familien und dem schrecklichen Missbrauch unserer Tage, den Geistliche an Kindern und Jugendlichen verübten. Parallelen zwischen dem KREUZWEG der Priesterfamilien und dem KREUZWEG der Missbrauchten, deren Schicksal in den vergangenen Jahren aufgedeckt wurde und deren Schinder gedeckt worden waren von Kirchenoberen. 

Es sind Parallelen, Spiralen von Macht und Gewalt. Von Macht, mit denen kirchliche Amtsträger ausgestattet waren (und z. T. noch sind), die sich weit von Christus und seiner Botschaft entfernt haben.

Mir selbst sind die unmenschlichen, ja blutigen Umstände, unter denen die kirchliche Obrigkeit den Zölibat als verbindlich für die Geistlichen „einführte“, erst seit wenigen Jahren bekannt. Seit ich anfing, auch hier historische Fakten zu recherchieren. Über die „Einführung“, die eine gewaltsame Durchsetzung war. Es wäre dringend geboten, diese Wahrheit, die in kirchlichem Umfeld unter Verschluss gehalten wird, den Gläubigen der gesamten katholischen Welt mitzuteilen.

Und:

Allein aufgrund dieser schrecklichen Umstände wäre es dringend geboten, dass die kirchliche Obrigkeit dieses Gesetz des Pflicht-Zölibats für ungültig erklärt. Da werden träumerische, realitätsferne Huldigungen an die Ehelosigkeit, die „seit Jahrhunderten wie ein strahlender Edelstein (come fulgida gemma)“ für das Priestertum bewahrt werde, so Papst Paul VI., zu Hohn. Zu einem beißenden Hohn. Denn dem damaligen Nachfolger Petri (wie auch vorigen und weiteren Nachfolgern) dürfte die leidvolle Geschichte des erzwungenen Zölibats bekannt gewesen sein/bekannt sein.

Eines Zwangs, der nichts mit der Gnadengabe zu tun hat/hatte, von der der Apostel Paulus sprach. Von einer Gnadengabe, die Gott schenkt. Dem einen oder anderen. Wie er auch die Gnadengabe des Priester-Seins schenkt. Aber nicht nur den Ehelosen. Auch verheirateten Männern und Familienvätern (1 Kor 12,4-7). Doch dieses Geschenk weisen die Kirchenoberen ab.

Über dem „Edelstein“, der einst unter dem Vorzeichen von Verbrechen geschliffen wurde, liegt ein Fluch. Keine Gnade.

Eine der wichtigen historischen Quellen, die auch in der Vatikanbibliothek zu finden ist, ist die des Theologieprofessors Denzler:

– Denzler, Georg: Der Zölibat der Priester zur Zeit Papst Innozenz‘ III., in: Proceeding oft the Eleventh International Congress of the Medieval Canon Law, Catania 30.07.-06.08.2000, Monumenta Juris Canonici…, Vol.12, Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana 2006.

Eine weitere bedeutende geschichtliche Quelle ist die der Mittelalterhistorikerin Zey von der Universität Zürich, die überdies eine Fülle weiterer historischer Dokumente nennt:

– Zey, Claudia, Ohne Frauen und Kinder. Askese, Familienlosigkeit und Zölibat in den Streitschriften des 11. und 12. Jahrhunderts, in: Saeculum 68/II (2018)

Die von mir angeführten Zitate Zeys sind alle in „Saeculum“ 68/II zu finden, einem Jahrbuch zur Universalgeschichte. Es ist ein Jahrbuch mit Peer-Review, d.h. mit Qualitätssicherung.

– Aufschlussreich ist auch ein nunmehr 60 Jahre alter Artikel im Spiegel, der sich auf viele historische Quellen bezieht: Lebenslänglich Helden, 12.09.1962, ein Artikel aus einer Zeit, in der, wie schon so oft, betr. des „heißen“ Themas die Wogen unter dem „Schifflein Petri“ (Benedikt XVI.) hochpeitschten.

4 Kommentare

  1. Nur ganz kurz mal, Herr “Hermes.”
    Zur Abtreibung: ich bin gegen Abtreibung, da es sich beim Kind im Mutterleib von Anbeginn an um ein Kind handelt u. nicht, wie neulich eine grüne Politikerin meinte, es sei ja “nur ein Fötus.”
    Lesen Sie dazu, wenn Sie möchten, meinen Beitrag vom 24.08.20: Pariser Erzbischof: „Schamlos!“ – Das neue Bioethik-Gesetz Frankreichs, hier in Conservo.

  2. Zu Ihrem Kommentar, Frau Geissler:
    Papst Pius XII. hatte 1951 mit der katholischen Tradition gebrochen, ehemals evangelische Pfarrer, die katholische Priester werden wollen, zum Zölibat zu verpflichten und deren Ehefrauen ins Kloster zu schicken. Er erlaubte den verheirateten Konvertiten, auch als katholische Geistliche Ehemänner zu bleiben.
    Der damalige Kölner Kardinal Frings hielt diese Entscheidung und Neuregelung für eine der wichtigsten Taten von Pius XII.
    Die alte Tradition für Konvertiten war hanebüchen. Als Ehefrau eines solchen bekloppten ev. Pfarrers hätte ich sofort die Scheidung eingereicht u. dafür gesorgt, dass er bei gemeinsamen Kindern, diese nicht mehr zu Gesicht bekommt.
    Man stelle sich das einmal vor: Martin Luther hatte einst dafür gesorgt, dass Frauen, die unfreiwillig in den Klöstern lebten, ihre Freiheit erlangten – dann so etwas. Aber gut, diese Zeiten sind vorbei.
    Lesen Sie mal meinen Artikel in PP u. dort Punkt 1, meine Erfahrungen mit etlichen Zölibatären… Vor allem der Rat aus dem Freiburger Ordinariats i. d. 70er Jahren ist interessant…!!!

  3. Sehr geehrte Frau Dr. Bauer, Ihr Beitrag erlaubt mir, aus Herzenslust offenen Assoziationen zu frönen. In meinem fortgeschrittenen Alter habe ich zu vielen Themen klare Argumente und Belege für diese. Dies jedoch ist ein Thema, das mir noch zu ergründen erscheint.
    Vorab als Kontrastmittel zum Zölibat das Thema Abtreibung. Wer annimmt, daß der Mensch eine Seele und ein Bewußtsein hat, mag sich fragen, wann diese beginnen und enden. Beim Tod meines Vaters saß ich bei ihm und hielt meine Hand über sein Herz, der Rest der Familie war nebenbei. Ich schwöre, ich habe kurz nach dem letzten Herzschlag die Seele entschwinden gespürt. Wann kommen die beiden, wenn sie denn zwei und nicht nur eines sind, in uns? Ist es nicht absurd technisch, zu meinen, das müsse um den ersten Herzschlag in der 6. Woche geschehen? Wenn das Universum aus dem Nichts entstand und dann in einem infinitesimal kleinen Punkt, der nicht vorstellbar ist, begann, warum sollte die Seele nicht mit der Empfängnis entstehen? Da entsteht ja ein Potential, wie wir zeitlebens ein Potential für neueres, Größeres bleiben? Gibt es einen logisch definierbaren Zeitpunkt zwischen Empfängnis und Herzschlag für die Beseelung des kleinen Wesens? Oder etwa später?
    Diese Frage scheint mir also eine einfache zu sein.
    Ihr Herzensthema ist anders. Historisch, theologisch, politisch, Zeitläuften und Zufällen unterworfen. Ich möchte nur einiges zu bedenken geben.
    – Wie das Judentum mit Torah und Chassidim, denkt die katholische Kirche mit Altem und Neuem Testament nicht in Jahren und Moden, sondern in Jahrhunderten und Jahrtausenden. Es geht um Gott und Mensch, nicht um Ideen irgendeines Jahrzehnts in irgendeinem Land.
    – Gott und der Mensch in seiner conditio humana ändern sich nicht, sie kleiden sich nur in neue Ideen und Ausdrucksformen, manchmal sind sogar des Kaisers neue Kleider gar nicht vorhanden.
    – Es gibt also gute Gründe, manch neue Idee langwierig zu prüfen, wenn die Substanz der originalen christlichen Kirche betroffen ist. Es gibt auch gute Gründe, das Zölibat immer wieder zu prüfen, das ja, wie Sie darlegen, ein uraltes Thema ist.
    – Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß sorgfältig getroffene Entscheidungen immer gute Entscheidungen sind. Vatikanum II bereitet noch heute vielen Bauchschmerzen.
    – Es gibt keinen Grund, anzunehmen, daß wichtige päpstliche Entscheidungen immer über lange Zeit abgewogen und rein kirchlich sind. Mir scheint z.B., daß Pius IX.´ päpstliche Unfehlbarkeit ein wunderbares Beispiel ist: Hat Pius daran wirklich geglaubt? Bei aller Weisheit der Kirche, die Menschen seit 2000 Jahren die Beichte abnimmt und die Abgründe der Seele von Dantes Inferno bis zu Paradise Lost kennt, kann ich das kaum glauben. Wahrscheinlicher: Nach Rousseau, Marx, Nietzsche fürchtete er die Unterwanderung seiner Kirche durch Nihilismus und Materialismus so tief, daß er dieser einen Riegel vorschieben wollte. Wie so viele Seher von Dostojewski bis Jung sah er den Massenmord des 20. Jhdt. wohl voraus, den Orwell live beschrieb. Die Leichen der gottlosen Nationalstaaten werden weiter gezählt, wir sind lange jenseits der 100 Millionen.
    – Ich unterscheide also zwischen dem Zölibat an sich und dessen kanonischer Kraft. Es gibt keinen vernünftigen Grund für das Zölibat. Die Bibel selbst ist zutiefst lebensbejahend. Seied fruchtbar und mehret Euch (in Einehe). Die kinderreichsten Familien heute sind gläubige Christen und Hindus in den USA, und Rabbis sind so fruchtbar wie der selige J.S. Bach und sein Weib.
    – Es wäre also theologisch und anderweitig zu prüfen, ob das Zölibat abgeschafft werden sollte, weil deutsche Katholiken dies fordern.
    – Es wäre zu prüfen, was das Zölibat eigentlich bedeutet. Bewußte lebenslange Entsagung weltlicher – und biologisch-essentiell grundsätzlich wichtiger – Freuden und Triebe, was bedeutet das? Was bedeutet es, wenn das Priesteramt ja kein Zwang ist, sondern freiwillige langwierige Prüfung von Geist und Seele vorab? Wie müßte man da abwägen?
    – Aber auch: Ist Sex wirklich so wichtig wie in unserer durchsexualisierten Gesellschaft rund um die Uhr behauptet? Was sagen ältere Ehepaare dazu? Ist die evolutionsbiologisch natürlich im Stammhirn angelegte sexuelle Lust zwecks Überleben der Spezies wirklich dominierend, oder steht sie in Konkurrenz zu anderen wichtigen Bedürfnissen, z.B. spirituellen? Bleibt dies im individuellen Lebensablauf immer gleich, oder findet es seinen Höhepunkt etwa in dem Alter der Priesterweihe und nimmt dann ab?
    – Wer wünscht denn da was? Seit Hitlers Konkordat haben wir eine Staatskirche, wo der Seelsorger sein Beamtengehalt entgegennimmt, auch wenn seine Kirche menschenleer ist. Das kratzt am Stolz, ist ihm aber wurscht. Er beklagt die allgemeine Gottlosigkeit, weist anderen die Schuld zu. Er betreibt Sozialstaatspropaganda, die gerade Bibelleser abstoßen muß, denn die biblische Botschaft steht dem bis auf die Bergpredigt diametral entgegen.
    – In dieser deutschen Staatskirche haben Laien soweit die Macht übernommen, daß die internationale katholische Kirche seit Jahren von Apostasie schreibt. Die einen verlachen die deutschen Katholiken, die anderen bemitleiden sie als Ungläubige, Kanoniker sorgen sich um eine kommende Abspaltung.
    – Maria 2.0 hat sich kürzlich erst mit seinen/ihren/dessen/Gendersternchen Forderungen nach der durch Gänswein korrigierten Fehlaussage Benedikts zu einer Konferenz 1980 (!) als Hetzweiber in erster Reihe der linksgrünen Cancel Culture weithin lächerlich gemacht.
    – Wie in allen anderen Lebensbereichen scheinen die Deutschen in einer Echokammer zu leben, in der nicht einmal deutschsprachige Länder wie Schweiz und Österreich, geschweige denn die Welt wahrgenommen werden.
    – Die vielen historischen Ausführungen zum Zustandekommen des Zölibats über Jahrhunderte stimmen sicher im Einzelnen, das werde ich nicht überprüfen. Diese gehören jedoch wie immer in größeren Zusammenhang über Jahrhunderte, und dafür habe ich keine Zeit, das ist ein Habil.
    – In den tiefen Weltreligionen, zuvörderst Hinduismus und Buddhismus und Judentum und Christentum, gibt es naturbedingt schon immer eine Spannung zwischen Askese und Lebensbejahung. In Hesses Siddartha finden wir sogar den prima Ausweg, den Weg der Entsagung erst nach Erforschung der Welt in jeglicher Hinsicht zu gehen.
    – Der Mensch fehlt und wird es immer tun. Gott weiß das und löscht bereits nach der Schöpfung die Menschheit ob ihrer Sündhaftigkeit wieder aus, nur Noah und seine Besatzung finden Gnade. So wird es auch in einer katholischen Weltkirche ohne Zölibat immer Sünder geben. Jesus starb für uns, weil Gott unsere Seele kennt. Er hat sie ja erschaffen.
    In diesem Sinne:
    Das Zölibat scheint mir unnötig. Aber ich habe mich nicht so tief damit beschäftigt wie Sie.
    Die Überprüfung des Zölibats sollte lang und tief und “multidisziplinär” sein. Fast alle politischen Entscheidungen haben nicht die gewollten guten Ergebnisse, aber viele ungewollte schlechte.
    Es müßte eine Entscheidung der Weltkirche sein. Die hat allerdings kaum ein Problem mit dem Zölibat.
    Es sollte nicht eine Diskussion auf dem Niveau deutscher verbeamteter Laienkatholiken sein, sondern auf dem Niveau von Thomas von Aquin, Benedikt XVI, Bishop Robert Barron. Natürlich sollen sich alle beteiligen.

    Ich persönlich würde mir – ohne zu Entscheidungen gekommen zu sein – eine Aufhebung des Zölibats wünschen. Aber bei dieser Debatte muß es um die Rolle der Kirche gehen in Vermittlung zwischen Gott und Mensch. Hilft oder hindert das Zölibat? Ich habe mich damit nicht beschäftigt, es wäre eine prima Diss und wohl ein Lebensthema.
    Nachwuchsprobleme der deutschen katholischen Kirche wird eine Aufhebung eh´ nicht lösen. Diese Kirche ist verloren, weil sie nicht von Gott redet, also Gläubigen nichts zu sagen hat. Die Gläubigen wenden sich ab, die Gutmenschen und Aktivisten darin sterben aus. Bei unserem indischen Pfarrer in einer Barockkirche kann man sich ein Lachen nur schwer verkneifen.
    Dies Problem kann aber nur eine knallharte Privatisierung lösen. Aufhebung der Kirchensteuer, Pfarrer müssen zu Priestern werden und die göttliche Botschaft verkünden, schon sind die Kirchen wieder voll. Denn die Menschen lechzen danach. Wettbewerb heißt: Gute Priester, volle Kirche, volles Säckel für gute Taten. Schlechte Priester … andere Aufgabe suchen und Kanzel frei machen für gute Priester.
    Zu hart? Nun, that´s life. Seelsorge ist keine C4-Position und nicht Hartz IV, sondern eine Berufung. Jeder ist irgendwo gut. Scheitert er an einer Aufgabe, muß er sich eine suchen, die er zum Wohle anderer bewältigen kann.
    Manch sündiger Priester mit Haushälterin mit 4 Kindern ohne “bekannten Vater” wird als Seelsorger so gut sein wie manch keuscher Jesuit und manch künftiger Pfarrer mit einem Schock voller legaler Blagen.
    Vielleicht sollte die katholische Kirche die Rolle des Rabbi über Jahrtausende studieren. Mir scheint, daß sie im privaten und öffentlichen Leben der Gläubigen eine Rolle spielen wie in keiner anderen Weltreligion.
    Gott segne uns, diese Frage reicht weit über unsere Lebenszeit hinaus.

  4. Ich kann mich noch erinnern, es war etwa in den neunziger Jahren, als der damalige Kardinal/Erzbischof der Niederländen, Adrianus Simonis, ein ziemlich komischer Trick spielte:
    Simonis war konservativ, um nicht zu sagen: Erzkonservativ! Deshalb war er auch in 1970 als bescheidenem Hilfspastor ( was die niederländische Katholiker durchaus “Kapelaan” nennen) vom einen Tag auf dem Anderen durch das Vatikan zum Bischof Rotterdams – und 15 Jahren Später schliesslich zum Erzbischof Utrechts- und Kardinal benannt worden: Rom war der Meinung, die rebellerische Kirchenprovinz in den Niederländen brauchte gerade eine Konservative Führung.
    Aber dann: Obwohl mit diesem Simonis selbstverständlich nicht zu reden fiel über die Lösung des Zölibats oder das Priesteramt für Frauen usw. erlaubte er auf Einmal jedoch, ein evangelischer Pfarrer, der darum gebeten hatte, die Priesterweihe zu erhalten! Der Mann hatte erklärt, es war sein Aufrechter Wunsch, die Katholische Kirche zu dienen. Nur: Er hatte schon eine Frau, und 5 kinder.
    Simonis liess wissen, in dieser Fall wäre das erlaubt; Die ganze Familie zog mit Papa mit im – katholischen – Pfarrhaus. Im Fernsehen habe man damals die Gattin noch befragt: “Und hat denn der Kardinal nicht einmal Ansprüche gestelt, z. B., dass Sie ab jetzt wie “Bruder und Schwester” leben sollten?” Sie: “Nein, wirklich nicht. Überhaupt nicht.”
    Na ja, in den 90er Jahren mangelte es auch schon an katholischen Priestern…

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