Juliana Bauer

Vorwort der Conservo-Redaktion: Gestern veröffentlichten wir unter dem Titel “Der Heilige Geist ist ein Feuer, das uns erleuchtet und unsere Herzen weit macht” den ersten Teil von Auszügen aus der 2020 gehaltenen Pfingstpredigt des emeritierten Erzbischofs von Paris in der Übersetzung und Kommentierung von Dr. Juliana Bauer. Im zweiten Teil steht der Atem im Mittelpunkt. Jener Atem, ohne den der Mensch nicht existoieren könnte, vor allem aber jener, den Gott uns Menschen einhaucht, damit wir werden können, was wir werden sollen, auch wenn wir es nicht immer wollen.

Folgen wir nun den Gedanken des Erzbischofs aus der feder von Frau Dr. Bauer:

Ein Kind erblickt das Licht der Welt

Ein Mensch, dessen Leben der Atem ist. Betrachten wir seine ersten Minuten. Sein erster Schrei ist ein gleichzeitiges Schnappen nach Luft, „die Lunge entfaltet sich.“ Ohne zu atmen, ist menschliches Leben unmöglich… „Atmen heißt Leben.“

Der „Atem Gottes, den Gott dem Menschen einhaucht…“ Oder auch: Leben heißt Atmen. Leben auf dieser Erde. Darüber hinaus auch Ewiges Leben. Und über allem ist der „Atem Gottes, den Gott dem Menschen einhaucht, der ein Zeichen des Lebens darstellt…“ So verkündete es der damalige Pariser Erzbischof und ehemalige Arzt Michel Aupetit am Pfingstfest 2020.

Neben dem feuer ist das zweite, den Heiligen Geist auszeichnende Element – der ATEM. Der „Atem Gottes,“ Ihm galten Michel Aupetits weitere Gedanken.  Dem Atem, dem Lebenselixier, das Gott durch seinen Geist dem Menschen einhaucht. Dem Atem, der ein Geschenk des Lebens ist, der jedem Menschen als Gabe Gottes zu Teil wird.

An diesem Punkt führte der Erzbischof von der Lesung (Apostelgeschichte: 2,1-11) zum Evangelium des Pfingsttages über und damit in seinen zweiten Predigtteil ein. Zu jenem österlichen Text aus dem Johannesevangelium, der von dem großen Gottesgeschenk berichtet, das der Auferstandene den Jüngern macht: den Heiligen Geist (Joh. 20, 19-23). „Als er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“

An Ostern, dem Tag des Triumphes über den Tod, ist von Feuerzungen noch nicht die Rede

„Aber da gibt es gleichzeitig noch etwas, das verwundert“, meinte Mgr Aupetit. „Am Tag der Auferstehung schenkt Jesus bereits seinen Jüngern den Heiligen Geist (Joh.20,22) … das war bereits vor Pfingsten … Aber das war nicht das Gleiche (wie am Pfingsttag). Jener Tag war der Tag, an dem das Leben über den Tod triumphierte, es ist der Tag der Auferstehung Christi, an dem er mitten unter den Jüngern ist. Und er zeigt ihnen: das Leben ist stärker als der Tod … Dabei wird nicht von Feuerzungen gesprochen.

Was aber macht Christus? Er haucht die Jünger an (Als er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!‘ Joh.20,22). Was aber ist das, dieser Hauch? Dieser Hauch Gottes?“ An dieser Stelle ging Michel Aupetit zurück zur hebräischen Bibel, zum Buch Genesis, das vom Lebensatem Gottes berichtet, den Gott dem Menschen einverleibt: ‚Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen‘ (Gen.2,7). „Und“ – Mgr Aupetit zeigte die Verbindung des Lebenshauchs des Auferstandenen und des Atems Gottes am Beginn der Schöpfung auf – „als Christus an jenem Tag durch sein Menschsein offenbart, dass das Leben stärker ist als der Tod, gibt er den Lebenshauch seinen Aposteln weiter.Und damit den Heiligen Geist.

Die Lebenskraft des Gottesgeistes in der Erkennung und Vergebung der Sünden

Über die Veranschaulichung des Geist-Empfangs durch den auferstandenen Christus, der den Sieg über den Tod und damit das Ewige Leben bedeutet, beleuchtete Michel Aupetit einen weiteren wesentlichen Aspekt des österlich-pfingstlichen Glaubens: nämlich jenen, dass Jesus mit dem Einhauchen des Lebensatems, diesen gleichzeitig an die Vergebung der Sünden bindet: „Weil Christus gekommen ist, um uns zu retten, zu retten von Tod und Sünde … Von der Sünde, die kein moralisches Fehlverhalten, sondern den Bruch mit Gott darstellt, der zum Tod führt.“ Dann legte Erzbischof Aupetit seinen Zuhörern dar, dass die Auferstehung Jesu uns eine neue Beziehung mit Gott ermögliche, die jedoch ohne die Sündenvergebung nicht realisierbar sei. „Das Heilen von der Sünde, die neue Beziehung zu Gott, die auf der Auferstehung Jesu gründet, gibt uns das Leben weiter. Daher aber ist es unabdingbar, dass uns die Sünden vergeben werden…“

Priester und Pönitent: Zwei Sünder im Beichtstuhl

Christus vermittle bei dieser Begegnung mit den Jüngern, dass der Heilige Geist dort sei, wo Schuld erkannt und vergeben wird (Anm.: In Joh. 20,23 finden sich die folgenden Worte Jesu ‚Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert‘). Im Zug seiner Erläuterungen ging der Erzbischof auch auf die Beichte ein, in welcher Christus uns durch den Mund des Priesters vergebe, in der wir die Gnade der Vergebung erhielten…

Und was wären die Predigten Michel Aupetits ohne seinen feinen Humor? So auch hier, kaum wahrnehmbar. Wenn er die Sünden „seiner Brüder“ höre, mache er diese auch darauf aufmerksam, dass hier „zwei Sünder“ säßen. Denn sie beide, er und der Beichtende, seien Sünder vor Christus und würden seine Gnade der Vergebung empfangen… Christus wisse schließlich, dass er keine Heiligen vor sich habe, die ihm nachfolgen, sondern Menschen, die er zur Heiligkeit rufe, die sich auf dem Weg zur Heiligkeit befänden.

Christus – fast eindringlich waren Aupetits Schlussworte an seine Gemeinde – schenke uns den Heiligen Geist, den Geist Gottes, dass wir von seiner Fülle in der Welt Zeugnis geben, von der Liebe Gottes und der Auferstehung. Davon, dass das Leben stärker ist, als der Tod…

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*Die Auszüge stammen aus der gesprochenen Predigt vom Pfingstsonntag 2020 (von der keine Schriftfassung vorliegt). Quelle: Homélie de Mgr Michel Aupetit, Diocèse Paris. KTOTV (Télévision Catholique), Messe du 31 mai 2020, à Saint-Germain l’Auxerrois.

** Dr. Juliana Bauer verfaßt ihre zeitkritischen und auch prosaischen Beiträge in Deutsch, Französisch sowie Italienisch und schreibt seit geraumer Zeit für conservo. Sie studierte in Freiburg/Br. und in Rom. Ihre Doktorarbeit schrieb sie in München über ein kunsthistorisch-bayerisches Thema, das auch die Darstellung bayerischer Volkstraditionen mit einschloss: “Über die Nymphenburger Porzellankunst um 1850.”

Über sich selbst sagt die Autorin:  „Ich bin keine Theologin, sondern Kunst- und Kulturhistorikerin, aber eine, die mit der Bibel von Kindheit an vertraut ist und den Worten eines meiner Lehrer, eines ehemaligen Ordinarius des kunsthistorischen Instituts der Universität Freiburg/Br., Rechnung trägt: Ein Kunsthistoriker des Abendlandes muss bibelfest sein. Auch bin ich, in einem ökumenischen Haus aufgewachsen, mit der katholischen wie der evangelischen Kirche gleichermaßen vertraut.“

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