Michael van Laack

“Was ist los mit euch? Die Unterschrift von conservo lautet ‘Ein konservativer u. liberaler Blog’. Aber seit einigen Wochen betreibt ihr immer wieder Hetze gegen Putin und verliert so Eure Objektivität. Das passt doch nicht zusammen.”, schrieb mir heute ein Leser per WhatsApp. Ähnliches las ich in den vergangenen Tagen auch unter dem ein oder anderen unserer Tweets und Postings. Das muss ich erst einmal sacken lassen

Wer liberal-konservativ denkt und argumentiert, darf Putin also weder Kriegsverbrecher noch Völkermord-Beauftrager nennen? Er darf nicht darauf hinweisen, dass die faschistische Ideologie Alexander Dugins einen erheblichen Teil seines politisch-philosophischen Fundaments bildet, dass der Präsident aich als in der Tradition russischer Zaren stehend begreift und im eigenen Land Meinungsfreiheit zu einer entkernten Phrase pervertiert hat?

Wer liberal-konservativ denkt, sollte stattdessen die USA und die EU-Kriegstreiber nennen, die zweifellos existierenden strategischen Fehler von NATO und EU seit den 90er-Jahren als Rechtfertigung für den Überfall auf die Ukraine darstellen und miteinstimmen in den Chor jener, die Selenskyi als drogenabhängigen Schauspieler in einem Land voller Nazis verhöhnen und so zu disqualifizieren trachten?

Putin befreit uns von westlicher Dekadenz… oder so!

Als liberal-konservative Menschen sollten wir die Kriegsverbrechen der Russen in Butcha und anderswo als Fake-Nachrichten einsortieren, die Einäscherung von Mariupol und anderen Städten im Donbass und dem Südosten der Ukraine als strategische Notwendigkeit darstellen und gegen die Lieferung schwerer Waffen argumentieren, weil diese Putin zu einem Angriff auf NATO-Gebiet provozieren oder gar einen Atomschlag auslösen könnten? Als liberal-konservative Blogger sollen wir verpflichtet sein, den Anspruch Putins auf die Krim und die komplette Ostukraine zu bejahen und der Ukraine zu einem sofortigen Waffenstillstand mit dann zwangsläufig folgendem Diktatfrieden raten?

Wird von uns tatsächlich erwartet, dass wir Putin einen Verteidiger des christlichen Abendlandes nennen, nur weil er die russisch-orthodoxe Staatskirche als eine Säule seiner Macht finanziell massiv unterstützt und einen ehemaligen KGB-Offizier als Moskauer Patriarchen installiert hat? Müssen wir uns schämen, weil wir Biden nicht als senilen Opa und die Ukraineflüchtlinge nicht als Gefahr für die in Deutschland lebenden Russen darstellen?

Wer Freiheit sucht, wird sie in diesem Russland nicht finden

Ist das so? Dürfen wir uns nicht mehr als liberal und konservativ bezeichnen und gehören nicht mehr zum erlauchten Kreis der liberal-konservativen Freiheitskämpfer, weil wir ein hohes Maß an Empathie gegenüber der Zivilbevölkerung der Ukraine zeigen? Ist Mitleid und Hilfsbereitschaft in gewissen Kreisen Zeichen dafür, dass man sich zu einem Freiheitsfeind entwickelt hat?

Ist das wirklich so? Sorry, dass ich hier so klar, kalt und unzensiert schreibe: Ihr habt doch nicht mehr alle Latten am Zaun! Ein Kompass, der die Marschrichtung von Osten nach Westen anzeigt, führt in eine antihumane, antidemokratische, antifreiheitliche, antiliberale und antikonservative Richtung. Er führt geradewegs ins Zentrum der Inhumanität und des Totalitarismus, sei er nun sozialistisch oder nationalistisch geprägt. Oswald Spengler, Ernst Jünger, Peter Sieferle und manch anderer würde sich im Grab umdrehen, wenn er Euch hören oder lesen müsste.

NEC LAUDIBUS, NEC TIMORE!

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