Michael van Laack

Solidarität” zeigen in diesen Wochen viele. Die einen mit der Ukraine, die anderen mit Putin – die einen mit nicht wenigen Politikern, die wegen der Gasknappheit und der bevorstehenden Hyperinflation im Bereich der Energiekosten Sparsamkeit und Opferbereitschaft fordern, die anderen mit jenem Teil der Bürger, denen das Hemd näher ist als die Hose, weshalb sie nicht “für Putin frieren” möchten.

Dass sich die Spitzenvertreter der römisch-katholische Kirche Deutschlands auch zu diesem politischen Thema äußern und es im Sinn der Bundesregierung und mancher Hardliner in den Bundesländern (z. B. den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein oder Baden-Württemberg) tun, ist zunächst einmal nicht verwunderlich. Denn auch bei den Themen Migration, Kampf gegen rechts, Klimawandel, Corona und Genderideologie haben wir das in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen. Das alles lief und läuft zweifellos nach dem Motto: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Christus nur dann etwas, wenn es dem Kaiser nicht missfällt.

Eine “fürstbischöfliche” Sicht auf die Krisen unserer Tage

Interessant ist deshalb nicht, dass Bischof Wilmer weniger die Bürger (ihre Sorgen, Nöte und Ängste) in den Blick nimmt und Verständnis zeigt, wie es eigentlich einem Seelsorger (auch jeder Bischof ist einer, was die meisten aus ihnen allerdings mittlerweile vergessen haben dürften) zukommt, sondern die Kampflinie die Agenda der Bundesregierung und sich ihren Forderungen anschließt.

Interessant und mehr als nur ein wenig irritierend ist also nicht, auf wessen Seite der Bischof sich stellt, sondern wie er es tut. Sein Gastartikel in der “Welt am Sonntag” (steht hinter einer Bezahlschranke, weshalb ich im Artikelverlauf auch nur begrenzt zitieren darf) mit den martialischen Titeln “Wo Gott im Krieg ist” (Printausgabe) bzw. “Wo ist Gott im Krieg?” (Onlineausgabe) zeigt in manchen Passagen, dass Bischof Heiner Wilmer wie viele politische Mandatsträger sein Leben weit abgehoben von den Zukunftsängsten der Bevölkerung führt.

Wilmer sieht nicht, dass “Frieren” nur ein Oberbegriff ist

Werden wir im Winter frieren müssen, weil das Gas knapp wird? Wird das Gas zum Heizen vielleicht nur zweieinhalb Monate reichen, obwohl der Winter durchaus länger dauert? Werden nur einige in Deutschland frieren, andere aber nicht? Wird es Häuser und Wohnungen geben, in denen es eher warm ist, und andere, in denen man besser den Mantel anbehält? Nirgends habe ich so gefroren wie in Rom. Als ich Ende der Achtzigerjahre zum Studium dort war, habe ich die kältesten Winter meines Lebens erlebt.

So eröffnet Bischof Wilmer seine Gedanken und erklärt nachfolgend, dass er Pullover und Mantel in Deutschland gelassen habe, weil ihm niemand darauf hingewiesen hätte, dass er in Italien solche Kleidungsstücke benötige. Auch habe ihm niemand gesagt, dass das Studienkolleg, in dem er wohnte, zu einem Stadtteil gehörte, in dem die Heizung zentral geregelt und erst Mitte Dezember eingeschaltet wurde. So habe er in seinem Studier- und Schlafzimmer oftmals zwei Pullover und eine Mütze tragen und sich zum Wärmen auf eine Piazza in die Sonne stellen müssen.

Wenn die Arroganz der Macht und sorgenlose Selbstgewissheit sich paaren…

Was er den Bürgern damit vermitteln möchte? Stellt Euch nicht so an, ich habe das auch überlebt! – Ja, das haben Sie, Exzellenz. Nur vergessen Sie dabei, dass Sie weder für die Heizkosten aufkommen mussten (vermutlich nicht einmal für die Miete, so Sie gesponsert wurden), noch mit mehreren Menschen (oft mit Kindern) auf beengtem Raum Hocken mussten. Das wärmt nicht, das stresst. Zumal dann, wenn finanzielle Sorgen dazu kommen und vielleicht sogar die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Mussten sie selbst kochen? Für den Einkauf sorgen? oder konnten sie sich ganz dem Studium widmen, werter Herr Bischof?

Nun hat Wladimir Putin es geschafft, den Spieß umzudrehen: Wir haben Angst und fragen uns bange, was geschieht, wenn Putin uns den Gashahn abdreht. Schon verlangen bestimmte Industrien, bevorzugt versorgt zu werden, weil ansonsten die Wirtschaft zusammenbricht und Arbeitsplätze wegfallen. Kämpft nun jede und jeder für seine eigenen Interessen … Wir sind gemeinsam von der Krise betroffen; wir werden auch nur gemeinsam mit ihr umgehen können. Niemand kann sich allein retten.

Niemand lebt für sich allein! Und dennoch…

“Niemand kann sich allein retten.” Mit dieser Wendung greift Wilmer in die theologische Trickkiste. Niemand kann seine Seele allein retten, heißt es in der deutschen katholischen Theologie seit dem Ende der 70er Jahre. Zuvor hieß es “Rette Deine Seele.”. Doch die zunehmend vom sozialistischen Kollektivdenken beeinflusste nachkonziliare Kirche wollte nicht mehr akzeptieren, dass der Einzelne ohne die Gemeinschaft etwas Positives für sich und sogar für Dritte erreichen kann.

Und so gilt für den Hildesheimer Bischof auch in der Frage der Endlösung der Gasknappheitsfrage: Kein Unternehmen, keine Lobby, kein einzelner Büger und auch keine Familie kann in Krisenzeiten etwas Positives für sich erreichen oder auf andere abstrahlen. Nur, wenn sich alle an einer bestimmten Norm ausrichten – wenn alle das Gleiche tun und für alle die gleichen Bedingungen hergestellt werden – entsteht Solidarität und ist Erfolg möglich. Nur wenn es allen gut geht, geht es auch dem Individuum gut.

Eine unerbittliche Logik, die vom “Du bist nichts, Dein Volk ist alles.” ausgehend staatliches Handeln und Fordern zur Heilslehre erhebt: ‘Wehe einer von Euch gibt Widerworte oder tanzt aus der Reihe. Dann ist das große Ganze in Gefahr und die Solidarität der Vielen wird wirkungslos verpuffen, weil DU – ja DU – Dich querstellst.’ Das ist die Botschaft. und sie ist ebenso falsch wie gefährlich. Denn sie will – ganz gleich, auf welches Thema bezogen – Spaltung nicht heilen, sondern über Solidarität erzwingen, das zusammenhält, was nicht zusammengehört, weil es oft wegen entgegengestzter Interessen nicht zusammenpasst.

Nachwort

Auch ich bin – das wissen die aufmerksamen Leser von conservo – für die Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen Russland und halte Putin für einen faschistischen Diktator. Und gerade deshalb ärgere ich mich so sehr über kontraproduktive Appelle wie jenen des Hildesheimer Bischofs, die nicht den Kern des Problems angehen, sondern auf Nebenkriegsschauplätzen kleine ideologische Geländegewinne zu erzielen versuchen und die Kirche als systemkritischen Faktor (der er mit Ausnahme einiger dunkler – mal kürzerer, mal längerer – Abschnitte immer war) aus der Bewegung nehmen. Mich fröstelt, obwohl noch kein Winter ist!

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