Die USA sind wieder Weltmacht Nr. 1

Von Dieter Farwick, BrigGen a.D. und Publizist*)

Zur Einführung mein persönliches Statement zum besseren Verständnis meiner Bewertungen Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit der Bewertung wichtiger Staaten mit ihrer Gesamtpolitik, ihrer Wirtschaftspolitik, ihrer Sicherheitspolitik, ihrer Militärstrategie und ihren Streitkräften. Ich arbeite ausschließlich mit offenen Quellen.

Ich räume ein, dass ich aufgrund meiner dienstlichen und privaten Erkenntnisse und Erfahrungen – wie durch Reisen durch sämtliche NATO-Staaten sowie Finnland und Schweden, mehrfach nach Russland und durch China und Indien und mehreren Aufenthalten in den USA – eine Affinität zu den Vereinigten Staaten und seinen Menschen entwickelt habe.

Eine besonders wertvolle Erfahrung war mein einjähriges Studium am Royal  College for Defense  Studies in London mit je 40 Studienkollegen – Militärs und zivile Beamte aus aller Welt – einschließlich aus den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und China. Das Studium beinhaltete Vorträge und Diskussionen mit hervorragenden Referenten – wie z.B. König Hussein von Jordanien. Hinzu kamen Truppenbesuche in Großbritannien und nach Lateinamerika mit Brasilien, Peru und Ecuador. In kleinen Gruppen wurden alle besonderen Events vor- und nachbereitet. – Über meine Erkenntnisse und Erfahrungen habe ich mehrere Bücher und zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften geschrieben.

Veränderungen in der Weltrangliste 2022

Der Krieg Russlands sowie die globale Corona-Pandemie und Naturkatastrophen haben 2022 die Weltrangliste durchgeschüttelt. So verlor China seine Spitzenposition durch die rigide Null-Corona-Strategie mit wiederholten längeren Lockdowns und später mit der abrupten Aufhebung fast aller Restriktionen. Die gewonnene Freiheit nutzten viele Chinesen – ohne Impfung – zu Freizeitaktivitäten. Dieser Freiheitsdrang erhöhte die Zahlen von Infektionen.

Durch wiederholte Hausarreste – bei Schließung von Unternehmen und Einzelhandelsgeschäften –  wurden Lieferungen mit hochwertigen Ersatzteilen verzögert oder später gestrichen. Viele arbeitslose Arbeiter flohen in das Landesinnere zu ihren Familien. Einige kamen nicht mehr an ihren früheren Arbeitsplatz zurück. In der langen Periode der Verluste von Arbeitnehmern sank das Wirtschaftswachstum um einige Prozent.

Chinas Wirtschaft wird sich nur langsam erholen

Schlimm ist, dass viele Menschen ihr Vertrauen in die politische Führung verloren haben. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika übernahmen wieder die Nr.1 in der Welt, obwohl auch sie große Probleme in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen zu überwinden hatten. Top-Konzerne verloren zweistellige Milliardengewinne.

Die USA haben die größten Probleme weitgehend überwunden. Sie weisen Anfang 2023 die niedrigsten Zahlen in der Statistik der Arbeitslosigkeit seit Jahren auf. Viele Familien sind dorthin gezogen, wo es ausreichend Arbeitsplätze gibt.

Indien…

…hat es geschafft, China in der Zahl ihrer Einwohner zu überholen. Die wirtschaftliche Lage in Indien ist relativ stabil. In einigen Branchen erreicht Indien Weltniveau. Der Ministerpräsident Modi hat Indien vorne gebracht. Ein dunkler Fleck auf seiner weißen Weste ist allerdings seine starke Unterdrückung der muslimischen Minderheit von ungefährlichen 10-15 Prozent.

Russland…

…ist durch seinen kostspieligen Krieg, seine gewachsenen Schuldenberge und besonders durch die hohe Zahl von getöteten  und verwundeten Soldaten und durch die sehr hohen Verluste an Waffen und Gerät zurückgefallen. Es hat den Anschluss an die drei führenden Staaten verloren.

Einiges hat Putin mit seinem Krieg geschafft

  • Er hat die NATO wiederbelebt, der Zusammenhalt in der NATO ist besser als je zuvor.
  • Es gibt kaum eine Kriegsmüdigkeit in den Geberländern.
  • Er hat mehrfach eine Großoffensive angedroht. Der erste Jahrestag seines Angriffs (der 24. Februar) könnte ein mögliches Datum dafür sein. Die ukrainischen Streitkräfte sind darauf vorbereitet. Eine weitere russische Mobilmachung ist noch nicht erfolgt.
  • Die USA leisten die größte Unterstützung für die Ukraine – mehr als die übrigen Geberländer zusammen. Ohne die USA hätte die Ukraine den Krieg schon vor Monaten verloren – trotz des starken Widerstandes, der hohen Kampfkraft und der Kampfmoral seiner Soldaten. Die europäischen Geberländer wären unfähig geblieben, die US-Streitkräfte gleichwertig zu ersetzen.
  • Das Ansehen Deutschlands in NATO und EU hat unter der Verzögerungstaktik gelitten.

Es ist für mich erstaunlich, dass die umfangreiche Unterstützung durch die USA wenig Beifall und Unterstützung von anderen Staaten erhalten hat. Doch die amerikanische Führung mit Präsident Biden und seinen wichtigsten Beratern (Außenmister Antony Blinken und der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan) bilden ein starkes Trio. Durch dieses Team hat die Ukraine große Chancen, den Krieg nicht zu verlieren. – Auch Joe Bidens Entscheidung, einen chinesischen Aufklärungsballon abzuschießen, zeigt seinen klaren Willen und Führungsstärke. China muss solche Signale ernst nehmen.

Erfolgreiche Bündnispolitik im Pazifik, Probleme im Innern

Mit ihren starken Verbündeten in Ozeanien und im Pazifik – wie Australien, Japan und Korea – haben die USA China davon abhalten können, seine wiederholten Drohungen in die Tat umzusetzen. China hat mehrfach erklärt, die Eingliederung Taiwan auch mit Gewalt durchzusetzen.

Die Vereinigten Staaten haben aber auch interne Probleme zu lösen. An erster Stelle sehe ich die Rassenkonflikte, die immer wieder aufflackern. Selbst der farbige Präsident Barack Obama konnte diesen Konflikt nicht beenden. Die Ursachen sind häufig brutale Übergriffe von farbigen Polizisten gegen farbige Mitbürger. Die Schuldigen werden aus dem Dienst entlassen und einem Richter zugeführt. <An der Oberfläche kehrt wieder Ruhe ein. Aber diese ethnische Spaltung verhindert die Versöhnung seit Jahrzehnten.

Die USA 2024 – Ein Blick in die Glaskugel

Die Präsidentschaftswahlen Ende 2024 könnten eine Chance sein, Verbesserungen auf beiden Seiten zu erzielen. Die Versuche müssen früh eingeleitet werden. <Sie dürfen nicht in der heißen Phase eines harten Wahlkampfs begonnen werden. Entscheidend wird sein, welche Spitzenkandidaten von den Parteien aufgestellt werden. Beide großen Parteien müssen ihre Spitzenkandidaten sorgfältig auswählen, um keine Enttäuschungen zu erleben.

Wenn man auf TV-Bildstreifen den derzeitigen Präsidenten Biden in Bewegung sieht, bekommt man Zweifel an seiner Gesundheit. – Auf der anderen Seite haben viele Kandidaten in den midterm-elections verloren, weil sie stark von Trump gefördert worden waren. Die Weltmacht Nr.1 steht vor schweren Problemen in vielen Teilen der Welt. Sie braucht vielfältige Unterstützung.

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*) Brig. General a.D. Dieter Farwick wurde am 17. Juni 1940 in Schopfheim, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Abitur wurde er im Jahre 1961 als Wehrpflichtiger in die Bundeswehr eingezogen und anschließend Berufssoldat. Einen Höhepunkt seiner Karriere bildete die Tätigkeit im Planungsstab von Bundesverteidigungsminister Dr. Manfred Wörner, wo er vier Jahre an der Schnittstelle Politik-Militär tätig war. In den 90er Jahren fand er über vier Jahre als Operationschef im damaligen NATO-Hauptquartier Europa-Mitte Verwendung und war maßgeblich an der Weiterentwicklung des NATO-Programmes ´Partnership for Peace` beteiligt. Schon während seiner Dienstzeit verfasste Farwick mehrere Bücher und andere Publikationen zu Fragen der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte. Im „Ruhestand“ engagierte er sich viele Jahre als Chefredakteur eines Newsservice für sicherheitsrelevante Themen und organisiert heute noch Tagungen zu diesem Thema an renommierten Instituten.

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