“Schlaf in himmlischer Ruh” – Zum 175. Todestag von Joseph Franz Mohr

Dr. Juliana Bauer*

175 Jahre sind vergangen, seit Joseph Mohr – der Dichter des in aller Welt bekannten deutschen Weihnachtslieds „Stille Nacht“ – am Tag der heiligen Barbara, dem 4. Dezember 1848 im österreichischen Wagrain verstarb. Hierzulande zählt es wohl noch immer zu den populärsten Weihnachtsliedern überhaupt. Am Christfest 1839, rund 20 Jahre nach seinem Entstehen, wurde es bereits in New York gesungen und wurde mittlerweile in mehr als 300 Sprachen übersetzt bzw. durch Kontrafakturen übertragen; seit 2011 gehört es zum immateriellen Kulturerbe Österreichs.

Mohrs Lied eroberte gegen Ende des 19. Jahrhunderts allgemein, insbesondere aber im deutschsprachigen Kulturraum, eine „unangefochtene Spitzenstellung” (Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder, Mainz, 2021) und zählt seither zum Hausschatz des bürgerlich-weihnachtlichen Liederrepertoires. Nach wie vor wird es bei vielen weihnachtlichen Familien-, Schul-, Betriebs- und Vereinsfeiern gesungen, nach wie vor bildet es meist den feierlichen Schlusspunkt von Weihnachtsgottesdiensten.

Aus „Alma nox, tacita nox“ wurde „Stille Nacht, Heilige Nacht“

Im Jahr 1818 überließ der in Oberndorf bei Salzburg von 1817-19 tätige Hilfspriester Joseph Mohr den Text des Liedes „Stille Nacht“, den er für die Christmette gedichtet hatte, zur Vertonung dem dortigen Organisten Franz Xaver Gruber. Dieser, mit Mohr ein Leben lang befreundet, komponierte umgehend die Melodie.                                     

Am 24. Dezember desselben Jahres wurde das Lied in der Christmette in der Oberndorfer Pfarrkirche Sankt Nikola um Mitternacht uraufgeführt. Eine der Überlieferungen spricht davon, dass Joseph Mohr sein Lied „zum Singen nach dem Hochamt vor der Krippe“ gedacht hatte, eine andere, dass er den in der Christmette üblichen Mundartliedern einen hochdeutschen Text entgegensetzen wollte. Was ihm gelang.

Dem ursprünglich sechsstrophigen Lied, von dem heute nur drei Strophen bekannt sind bzw. gesungen werden, liegt, wie berichtet wird, ein dreistrophiger lateinischer Text zugrunde. Jener Text zu dem weihnachtlichen Gesang „Alma nox, tacita nox“ (Selige Nacht, stille/schweigende Nacht), der auf einer Dorfkirchenempore im Bayerischen Wald entdeckt worden war, diente Joseph Mohr wohl als Inspiration. Er regte ihn offensichtlich dazu an, die für die bäuerliche Dorfbevölkerung unverständlichen lateinischen Worte in deren Sprache, durchwirkt von eigenen Wortschöpfungen, zu „übertragen“, um den Menschen das göttliche Heilsgeschehen verständlich zu vermitteln.

So schuf Pfarrer Joseph Mohr zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Bewohner der Alpenregion ein hochdeutsches „Kirchenlied auf die Heilige Christnacht.“ Ein „Lied, … das … gefallen hat.“

Sicher rechnete Mohr nicht im Traum damit, dass dieses Lied, Text wie Melodie, einen Siegeszug nicht nur durch den deutschen Sprachraum, sondern rund um die Welt antreten würde. Es war ein Lied, das Herz und Gemüt des Menschen anrührte, das die „Innigkeit“ und die „Seligkeit“ der Weihnacht, wie sie vor allem in der deutschen Kulturlandschaft seit Beginn des Biedermeier (ab etwa 1800/10) gefeiert wurde, bildhaft, ja ästhetisch untermalte. In einer Epoche, in der Intimität und Familienleben einen namhaften Stellenwert gewannen. „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde, wie der 1997 erschienene Film mit Tobias Moretti in der Hauptrolle titelt, zum „Ewigen Lied“:

„Stille Nacht” tritt seine Reise an

Schon bald nach seiner Entstehung „wanderte“ das Weihnachtslied, das in diesem Jahr seinen 205. Geburtstag feiert, aus seiner Heimatregion hinaus in die Welt des Bürgertums. Sein Weg dorthin ist folgendermaßen beschrieben:

Im Jahr 1825 reparierte ein Orgelbauer aus dem Inntal die Orgel von St. Nikola in Oberndorf und stieß dabei auf das Liedblatt. Ohne die Verfasser zu verzeichnen (die ihm vielleicht unbedeutend schienen oder auch unbekannt waren), machte er von Text und Noten eine Abschrift und brachte diese vier Geschwistern in seiner Heimat, jungen Menschen, die für ihre Musikalität und ihre schönen Stimmen bekannt waren. Die vier verdienten ihr Brot als Handschuhmacher sowie durch den Vertrieb ihrer Erzeugnisse, der sie auch auf Märkte und Messen führte; ihr kleines Einkommen besserten sie durch Singen auf.

In Leipzig, wohin die Geschwister – Straßer mit Namen – in der Adventszeit 1832 kamen, sollen sie, so die Überlieferung, in einem „volkstümlichen Konzert” das „neue Weihnachtslied“ erstmals gesungen haben. Die „konzertante“ Darbietung seines Liedes, mit der die jungen Leute ihren kläglichen Verdienst aufbesserten und die Menschen erfreuten, dürfte ganz im Sinne Joseph Mohrs gewesen sein, auch wenn, was ihm meiner Ansicht nach unwichtig war, sein Name unbekannt blieb: er war ein Priester, der ein Leben lang ein Herz für die Armen und Bedürftigen hatte und seine eigenen Einkünfte häufig an diese verschenkte.

Im gleichen Jahr 1832 erklang „Stille Nacht“ noch ein weiteres Mal in Leipzig: während der Christmette in der Königlichen Hofkapelle der (1897 abgebrochenen) Pleißenburg. Es sei das zweite Mal gewesen, dass in der Mitternachtsmesse der Heiligen Nacht das Lied gesungen wurde.

Ein Kirchenlied beginnt sich zu wandeln

Von jenem Moment an aber begann sich das „Kirchenlied auf die Heilige Christnacht“ in ein Weihnachtslied des (Bildungs-)Bürgertums zu wandeln. Wieder in Leipzig gehörte es bereits ein Jahr später zum Vortragsrepertoire eines Weihnachtskonzertes im Hotel de Pologne. Nahezu zeitgleich erschien ein Druck auf einem Faltblatt in Dresden, auf dem es neben anderen als „Tiroler Lied“ vorgestellt wurde, „gesungen von den Geschwistern Straßer … mit willkürlicher Begleitung des Piano-Forte“, dem im Bürgertum des 19. Jahrhunderts immer beliebter werdenden und dort allmählich zum Statussymbol aufsteigenden Tasteninstrument.

Im Jahr 1843 publizierte eine Bewegung des sogenannten Folklorismus das Lied im „Musikalischen Hausschatz der Deutschen“ und bezeichnete es als „Tyrolische Volksweise.“ Damit hatte das Kirchenlied den tieferen Sinn seiner ursprünglichen Aussage ein ganzes Stück weit abgegeben.

Entdeckung von Dichter und Komponist

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Dichter und Komponist des sich in Windeseile verbreitenden Weihnachtsliedes Sängern wie Zuhörern weiterhin unbekannt. Zeitweise wurde es Michael Haydn zugeschrieben. Erst elf Jahre später konnte Felix Gruber, der Sohn des Organisten und Komponisten Franz Gruber, den Schleier um das Lied lüften. Als die Königliche Hofkapelle von Berlin beim Benediktinerstift St. Peter in Salzburg 1854 um eine „Abschrift“ von „Stille Nacht von Michel Haydn“ bat, konnte Felix Gruber, der zufällig im Stift weilte, den Irrtum aufklären und sandte einen Brief mit Kopie des Liedes nach Berlin. Von dort gelangte es in den folgenden Jahrzehnten in die Sammlungen von Volksliedforschern; einer veröffentlichte es 1893 in Schorers Familienblatt, einem „Blatt für gebildete Leser.“ Das Lied hatte das städtische Bürgertum nun endgültig erobert und avancierte von da an zum weihnachtlichen „Gesellschaftslied.“

„Stille Nacht“ – „Alma Nox.“ Die Erzählung von der Geburt Jesu

Der Hilfsgeistliche Joseph Mohr schuf seinen Text für die „schlichten Gemüter der Dorfbewohner“, wie Felix Gruber in seinem Brief schrieb (Weber-Kellermann). Seine Intention war, diesen mit seinem Lied „auf die … Christnacht“ vor allem die Botschaft von der Menschwerdung Gottes in einfachen, das Herz berührenden Worten nahezubringen, unterstützt durch die eingängige Melodie Grubers.

Mohr schuf das Lied in sechs Strophen. Gesungen werden seit etwa Ende des 19. Jahrhunderts lediglich noch drei von ihnen: die erste Strophe; die sechste, die zur zweiten wurde sowie die ursprünglich zweite, die zur dritten wurde. Nachfolgend stelle ich das komplette Lied vor Die später veränderte Strophenzahl steht in eckigen Klammern:

  • 1 – Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht. Nur das traute hoch heilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh’, schlaf in himmlischer Ruh’!
  • 2 [3] – Stille Nacht! Heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht. Lieb’ aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund’, Jesus in deiner Geburt, Jesus in deiner Geburt.
  • 3 – Stille Nacht! Heilige Nacht! Die der Welt Heil gebracht. Aus des Himmels goldenen Höh’n uns der Gnade Fülle lässt sehn: Jesum in Menschengestalt, Jesum in Menschengestalt,
  • 4 – Stille Nacht! Heilige Nacht! Wo sich heut’ alle Macht väterlicher Liebe ergoss, und als Bruder huldvoll umschloss Jesus die Völker der Welt, Jesus die Völker der Welt.
  • 5. Stille Nacht! Heilige Nacht! Lange schon uns bedacht, als der Herr, vom Grimme befreit, in der Väter urgrauer Zeit aller Welt Schonung verhieß, aller Welt Schonung verhieß.
  • 6 [2] -Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht. Durch der Engel Halleluja tönt es laut von Ferne und Nah: Jesus, der Retter ist da! Jesus, der Retter ist da!
Original-Manuskript des Komponisten Franz Xaver Gruber.

Schauen wir uns dazu im Vergleich den Inhalt des lateinischen Hymnus „Alma Nox, Tacita Nox“ an, der Joseph Mohr der Überlieferung nach zu seinem Liedgesang „Stille Nacht“ anregte (auf die lateinische Textwiedergabe sowie eine wörtliche Übersetzung verzichte ich). Wann der lateinische Hymnus entstand, ist nicht bekannt. Ich würde ihn in das 18.Jahrhundert datieren.

Sein Inhalt handelt von der Heiligen Nacht, in der die menschlichen Stimmen schweigen, da Christus geboren wurde und die „selige Jungfrau… das zarte Neugeborene“ wärmt…

Das Kind, das den Frieden bringt

Der Hymnus erzählt weiter von der Nacht, in der die Engel ihre Stimme erschallen lassen, in der sie das Hallelujah singen und den Hirten zurufen: „Steht auf, ihr Hirten und eilt Christus, euer Gott ist da!“ Und schließlich handelt die dritte Strophe von der Nacht, in der Jesu Stimme uns von der Liebe spricht und uns durch seine Geburt die Erlösung verkündet.

Wir finden hier zum einen den Bezug zum weihnachtlichen Bericht des Evangelisten Lukas wie auch zu einem Wort des Propheten Jesaja: zum Bericht über Jesu Geburt, über die Verkündigung der Engel an die Hirten, über die Botschaft der Gnade, der Erlösung (Lk 2,7-14, 16). Mit dem Hinweis auf das „Kind, das den Frieden“ bringt, ist der Bezug zu Jesaja gegeben, der Christus als den „Friedensfürsten“ weissagte (Jes 9,5).

Die romantisierende Veränderung des Liedes und seine Wirkung

Auch der ursprüngliche Liedtext von Joseph Mohr zeugt vor allem in den Strophen 3 und 4 (teils auch in 5) von der heilbringenden Botschaft, die durch die Menschwerdung Gottes allen Menschen, allen Völkern zu Teil wird. In den Aussagen dieser Verse bewegte sich Mohr auf biblischer Grundlage.

Durch deren Wegnahme im bürgerlichen Milieu bleiben die beiden Verse übrig, die, abgesehen vom einstigen letzten und zur Strophe 2 gewordenen Vers über die Hirten, die anrührende Verklärung des Kindes und seiner Eltern hervorheben: des „holden Knaben im lockigen Haar“, des „trauten hochheiligen Paars.“ Es sind die Strophen, die die Herzen der Bürger, insbesondere der Bildungsbürger des Biedermeier, zu erweichen vermochten. Der Bürger, in deren Kreisen sich Weihnachten während des 19.Jhs. zum innerhäuslichen, ja zum „innig-harmonischen“ Familienfest entwickelte (s.o.), dessen Mittelpunkt schließlich die Kinderbescherung bildete.

Es war eine Entwicklung, die dem Priester und Lieddichter Mohr, der auch das städtische Leben kannte, nicht fremd gewesen war. Dem auch als Kind seiner Zeit die Geisteshaltung und die gefühlsbetonte Sprache der Romantik, mit dem Geist und der Kultur des Biedermeier eng verknüpft, vertraut war, eine Sprache, die sich in der ersten und der heutigen dritten Strophe seines Weihnachtsliedes in romantisierend-volkstümlicher Weise spiegelt.

Die anrührende Wirkung von „Stille Nacht“ ist auch heute noch vielfach ungebrochen. Strophen 1 und 3 des heutigen Lieds, die das Krippengeschehen sentimentalisieren und ästhetisch verbrämen, werden von vielen Menschen nach wie vor geliebt, „umschwärmt“, aber auch „verhöhnt und verkitscht“, wie der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, der sich mit dem Lied vor etlichen Jahren intensiv auseinandersetzte, feststellte.

Schorlemmer sieht in den genannten zwei Strophen einen scharfen Kontrast zu dem biblischen Bericht des Evangelisten Lukas, der „die Härten des Lebens…aufzeigt“ (Lk 2,4-7), in die Jesus hineingeboren wurde. In dem schon die „Knechtsgestalt“ Jesu aufscheine. Diese beiden Strophen Mohrs präsentierten uns das Bild einer „folgenlosen, profanen Idylle“ und besängen einen Jesus, der in „selig-sattem Glück” schlafe, der kein schlechtes Gewissen mache, dessen Darstellung zur „ästhetischen Faszination gestylt“ sei.

Die Vermittlung eines solchen Bildes lag jedoch sicher nicht in Joseph Mohrs Absicht. Er wandte sich mit seinem Weihnachtslied bewusst „an die schlichten Gemüter der Dorfbewohner“ (s.o., Brief Felix Gruber), an die Menschen, deren Härten er kannte. Die Härten ihres Lebens, die sich weit entfernt von Romantik bewegten. Mohr kannte aber auch deren Sehnsüchte, ihre „Sehnsucht nach Heilung“, nach Heil-Werden. Die Menschen, die er vielleicht über die biblische Frohbotschaft hinaus, die er in den drei nicht mehr gesungenen Strophen als das Wesentliche thematisierte, mit einer in der Sprache seiner Zeit schlichten, aber auch anrührenden Herzens-Idylle in den Unbilden des Lebens trösten und ihnen das Schöne vor Augen stellen wollte.

Altargemälde und Inspiration: Der „Holde…Knabe“

Ein Aspekt, der für die Entstehung der ersten Strophe bedeutsam ist, darf nicht außer Acht gelassen werden. Zur vierten Verszeile, in der Joseph Mohr gefühlvoll, ja fast selig-berührt den „Holde(n) Knab(en) im lockigen Haar“ besingt, soll er durch die Darstellung eines Jesusknaben auf einem spätgotischen Gemälde inspiriert worden sein. Der um 1500 entstandene Hochaltar der Wallfahrtsbasilika Mariapfarr, wo Mohr vor seiner Oberndorfer Zeit als Koadjutor angestellt war, veranschaulicht auf der linken unteren Bildertafel „Die Anbetung der Könige.“ Den dort abgebildeten Jesusknaben verkörpert ein blondgelocktes Kind – ein Kind, das sein Vorbild in den Kindern nord- und mitteleuropäischer Regionen findet.

Vom Kirchenvolk zum „kirchenfernen Weihnachtsvolk

Wie durch die globale und gesellschaftliche Verbreitung des Liedes nachgezeichnet werden kann, sprechen die besagten, Kritik hervorrufenden Strophen die elementaren Sehnsüchte aller Menschen an, die Sehnsucht eines jeden Menschen „nach Heilung, nach Heil-Sein und Stille.“ So wie das Lied, beobachtet Friedrich Schorlemmer, „besänftigend über die Härten des Lebens wie die Armut… besänftigend über den harten Alltag der alpenländischen Dorfbewohner … hinwegsingt“, so singe es heute gleichermaßen „über den Stress, den Lärm und das Getöse der Stadt“ hinweg… Und so wie das Lied das Großbürgertum des 19. Jahrhunderts mit seinen „versüßenden Beiworten“ von „hold“ und „lockig“ verklärte, so passe es auch in die heutige kommerzielle Welt mit ihren Düften, ihren Illuminationen.

Das einstige „Kirchenlied auf die Heilige Christnacht“ wandelte sich in ein Lied für das „kirchenferne Weihnachtsvolk“, so Friedrich Schorlemmer. Es glorifiziere einen Augenblick des Jahres, es rufe Kindheit und Kindlichkeit in Erinnerung und verspreche für einen „Moment des Jahres“ eine heile Welt, verheiße für einen Moment die „Heilung des kranken Gemüts.“

In einer, wie ich ergänzen möchte, fernen Reminiszenz an die in „Stille Nacht“ noch immer verkündete, wenn auch überlagerte Botschaft von der Geburt Jesu, des Retters: „Jesus, der Retter ist da.“

Joseph Mohr, der Seelsorger und Dichter

Am Ende meiner Betrachtung möchte ich noch auf die interessante und liebenswerte Persönlichkeit Joseph Mohrs hinweisen: Wenn Joseph Mohr sich mit seinem Weihnachtslied stellenweise in einer romantisierten, schwärmerischen Sprache an sein einfaches gläubiges Kirchenvolk richtete, ist noch einmal zu betonen, dass er diese Menschen, deren Härten er kannte, nicht billig einlullen wollte. Und dass er das, was sich letztlich aus seinem „Kirchenlied auf die heilige Christnacht“ für ein „kirchenfernes Weihnachtsvolk“ entwickelte, nicht beabsichtigte.

Joseph Mohr war ein Priester, der zuallererst Seelsorger war. Der an der Seite der Menschen stand. Es ist bekannt, dass er immer für die Menschen da war, insbesondere für die Armen und Bedürftigen, denen er auch in ihrer materiellen Not tatkräftig half, an die er häufig seine Einkünfte verteilte. In Wagrain, seinem letzten Wirkungsort, steckte er diese überdies in den Bau einer Schule und damit in die Bildung der Kinder. Mit der Gründung eines zusätzlichen Schulfonds ermöglichte er auch den Kindern mittelloser Eltern den kostenpflichtigen Schulbesuch. Darüber hinaus kümmerte er sich dort vor allem auch um die alten Menschen; auf seine Initiative geht die Schaffung eines Alten- und Armenheims zurück.

Doch dabei allein beließ er es nicht. Er hatte auch Freude am Schönen. So wie er die Dichtung liebte, liebte er die Musik. So rief er in Wagrain einen Kirchenchor ins Leben, spielte selbst oft Gitarre und sang dazu. Im Wirtshaus, wo er „seine Schafe“, wenn sie nicht den Weg zur Kirche fanden, nicht selten aufsuchte, gab er, ein humorvoller, unkonventioneller und volksverbundener Mann, so manches Mal auch Gstanzln zum Besten, die im Alpenraum beliebten, meist improvisierten, heiter-neckenden Vierzeiler.

Was ihm sein geistlicher Vorgesetzter in Oberndorf – wo übrigens auch sein soziales Engagement mitunter mit Argwohn betrachtet wurde, da es den Finger in die Wunde der armen Bevölkerung legte – übel anlastete – wie auch sein „Scherzen … mit Personen des anderen Geschlechts…“

In Joseph Mohr, der übrigens wie auch seine Geschwister und wie viele Kinder in den Alpenregionen als uneheliches Kind geboren wurde und bei seiner Mutter aufwuchs (seine Eltern heirateten in später Jahren), der deshalb von Papst Pius VII. eine Sondergenehmigung zum Priesterberuf benötigte, sehen wir einen engagierten Priester und Seelsorger, der das Leben in allen Facetten kannte, der auch die Not der Menschen nicht übersah, der die Werte des Evangeliums freudig lebte und, wie uns seine Sanges- und Dichtkunst, aber auch sein natürlich-menschlicher Umgang mit den Menschen beiderlei Geschlechts zeigt, seinen Sinn für das Schöne des Lebens und der Schöpfung behielt.

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* Dr. Juliana Bauer verfaßt ihre zeitkritischen und auch prosaischen Beiträge in Deutsch, Französisch sowie Italienisch und schreibt seit geraumer Zeit für conservo. Sie studierte in Freiburg/Br. und in Rom. Ihre Doktorarbeit schrieb sie in München über ein kunsthistorisch-bayerisches Thema, das auch die Darstellung bayerischer Volkstraditionen mit einschloss: “Über die Nymphenburger Porzellankunst um 1850.”

Über sich selbst sagt die Autorin: „Ich bin keine Theologin, sondern Kunst- und Kulturhistorikerin, aber eine, die mit der Bibel von Kindheit an vertraut ist und den Worten eines meiner Lehrer, eines ehemaligen Ordinarius des kunsthistorischen Instituts der Universität Freiburg/Br., Rechnung trägt: Ein Kunsthistoriker des Abendlandes muss bibelfest sein. Auch bin ich, in einem ökumenischen Haus aufgewachsen, mit der katholischen wie der evangelischen Kirche gleichermaßen vertraut.“

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