Edathy
Sebastian Edathy

Von Thomas Böhm*)

Das Warten hatte endlich ein Ende. Freudig erregt klappte Sebastian Edathy sein Laptop auf und gluckste vergnüglich vor sich hin. Ein Freund aus Kanada hatte ihm per Mail neue Bilder versprochen. Wunderschöne Bilder. Von jungen Knaben, die sich im Adamskostüm reckten und streckten, der älteste nicht über 11 Jahre. Und mit Photoshop bearbeitet. Edathy drückte mit dem kleinen Finger seiner rechten, verhornten Hand die Anmachtaste, die Festplatte surrte, und er stöhnte im vorauseilender Zufriedenheit vor Wonne, als er die Bilder als Anhang von der E-Mail herunterlud.

Doch plötzlich machte es „Zack“, der Bildschirm flackerte, wurde kurz schwarz und dann tauchte eine hämisch grinsende Fratze auf. Es war Zorn der Ge-Rechte, der sich auf den Laptop von Herrn Edathy geschlichen hatte. Damit war das kostbare Stück im Arsch, was aber im Prinzip für den Bilderstöhner kein persönliches Problem war, da der Laptop Eigentum des Bundestages war und von daher nur den Steuerzahler belastete. Edathy hatte ihn als „Abschiedsgeschenk“ mitgehen lassen, nachdem er sein Mandat niedergelegt hatte. Kann in der Eile schon mal passieren.

Aber die Bilder waren weg und deshalb machte Edathy ein Gesicht wie sieben TageRegenwetter. „Guten Morgen, lieber Herr Ex-Abgeordneter“, flötete es aus dem Laptop. „Hier ist Ihr neuer Virus. Bitte erschrecken Sie sich nicht. Das kann jedem Politiker mal passieren. Nicht immer steht das Gewünschte gleich zur Verfügung. Sie müssen sich wohl noch etwas gedulden, bis Sie sich wieder glücklich und befriedigt zurücklehnen können. Erst einmal steht für Sie eine kleine Reise an.“

Edathy schnaubte vor Wut, zog sich den Reißverschluss seiner Hose wieder zu und starrte weiterhin gebannt auf den Bildschirm. „Schauen Sie bitte mal in Ihre rechte Schublade. Dort ist das Flugticket. Und gleich wird es an Ihrer Tür klingeln. Zwei Männer werden Sie abholen und sicher zum Flughafen bringen. Und bitte nicht vorher den Schwanz einziehen. Wenn Sie nicht freiwillig aufmachen, werden die beiden höflich, aber bestimmt, Ihre Tür eintreten, sie betäuben und am Flughafen als Gepäck aufgeben.“

Noch völlig verdattert, tat Edathy Zorn diesen Gefallen, und zwei Stunden später hockte er schon eingeklemmt zwischen seinen kräftigen Reisebegleitern in der Touristenklasse der Ceaușescu-Airline Richtung Bukarest. Nach der Landung verabschiedeten sich die Herren, doch blieb Edathy nach der Zollkontrolle nicht lange alleine. Zorn stand am Ausgang des Flughafengebäudes und schubste den Politiker in ein Taxi. Dabei schlug er den Ankömmling mehrmals leicht mit seiner Flachzange auf den Hinterkopf.

„Was wollen Sie von mir?“, frage Edathy vorsichtig nach. „Ich habe doch nichts Unrechtes getan! Bilder gucken ist doch nicht verboten!“. „Es geht hier nicht um Recht oder Unrecht. Sie werden auch nicht ins Gefängnis kommen, weder in Deutschland, noch hier in Rumänien. Die Gesetze gegen Kinderpornographie sind zwar gerade verschärft worden, aber noch sind Sie ja nicht verurteilt. Wir wollen uns alle nur mal eine schöne Zeit machen, bei der auch die anderen und nicht nur Sie Ihren Spaß haben.“ Darauf hatte Edathy keine Antwort parat.

Es dauerte nicht lange, und sie hatten die Hauptstadt hinter sich gelassen. Jetzt ging es auf kaputten Straßen mühsam weiter. Edathy schaute aus dem Fenster, konnte aber nichts Aufregendes entdecken. Die Dörfer machten einen verwahrlosten Eindruck. Viele wirkten verlassen. Kaum Kinder, die auf den Straßen spielten. Edathy döste ein und träumte von einer Insel, auf der er als König in einer Hängematte lag und von vielen nackten Knaben bedient wurde.

Doch nach gut einer Stunde, wurde er von Zorn unsanft aus seinen Träumen gerissen. Sie hatten jetzt ihr Ziel erreicht. Zorn bezahlte den Fahrer und zog Edathy aus dem Wagen. „Wo sind wir hier? Was ist das denn für ein Schrott“, motzte der Politiker. Das Gebäude, vor dem sie standen, machte tatsächlich einen schlechten Eindruck. Unverputzte Wände, eingeschlagene Scheiben, große Löcher im Dach und zerbröckelte Stufen, die zu einer Tür führten, die aus den Angeln gehoben war.

„Das hier ist ein Waisenhaus für Knaben, die ihre Eltern verloren haben“, sagte Zorn. Da wich die Angst ein wenig von Edathys Seele, sein Herz hüpfte sogar wieder ein wenig vor Freude. „Na, das ist ja eine Überraschung. Das hätten Sie doch auch vorher sagen können“, jubelte Edathy. „Dann wäre es keine Überraschung gewesen“, antwortet Zorn. „Außerdem sollten Sie sich nicht zu früh freuen.“

Das verunsicherte den Ex-Abgeordneten nun doch wieder und er bat um das Rückticket. Doch Zorn schüttelte energisch den Kopf, packte Edathy am Kragen und schüttelte ihn einmal kräftig durch. „So schnell kommen Sie mir nicht davon. Das Spielchen hat erst begonnen.“

Dann zerrte er Edathy ins Innere des Waisenhauses. Dort sah es noch schlimmer aus, als draußen vor der Tür. Außer einem zerschlissenen Sofa, einem zerbrochenen Tisch und mehreren Holzhockern, die teilweise auf dem Boden lagen, weil die Beine fehlten, war das „Aufenthaltszimmer“ leer. Eine einzelne Glühbirne hing von der Decke, ihr trübes Licht konnte die Dunkelheit nicht verdrängen, an den Wänden klebte der Schimmel. Mitten im Raum konnte Edathy auf dem Lehmboden eine Luke entdecken. Er hoffte inständig, dass sie später nicht für ihn geöffnet werden würde. An einer Tür in der hintersten Ecke war ein Schild angebracht: „Wegen Renovierung“ geschlossen stand in rumänischer Sprache darauf.

Edathy zählte fünf Knaben im Alter von 4 bis 9 Jahren, die in ihren schmutzigen, zerrissenen Hemden und Hosen in einer Ecke auf dem Boden kauerten. „Mein Gott, die armen Kinder“ stöhnte er. „Hätte ich das geahnt. Wollen Sie Geld von mir? Ich bekomme noch einige Zeit meine Abgeordneten-Diät ausgezahlt, davon könnte ich etwas locker machen.“ „Das ist nett von Ihnen“, sagte Zorn. „Aber ich habe Ihr Konto längst angezapft. Das Geld wird für die Renovierung dieses Waisenhauses verwendet.“

Edathy musste schlucken, wollte sich dazu hier an dieser Stelle aber nicht weiter dazu äußern. Er machte zusehend einen eingeschüchterten, verunsicherten Eindruck. Das hier war doch etwas anderes als der schöne Bundestag in Berlin.

Die Knaben waren jetzt aufgestanden, kamen näher und betrachten den Gast aus Deutschland neugierig. Der eine zupfte am Ärmel seiner teuren Anzugjacke, ein anderer beschnupperte ihn, verzog aber das Gesicht, als das teure, süßliche Parfüm in seine Nase stieg. Edathy erkannte zwei von den Waisen von den Bildern auf seinen Laptop wieder und begrüßte sie freundlich. „In den Kleidern seht ihr zwar etwas anders aus, aber einen hübschen Menschen kann nichts entstellen.“

Die Jungs verstanden ihn nicht, sie hatten nie Deutsch gelernt, nickten aber freundlich. Aber es war kein Lächeln für die Kamera. Da steckte etwas anderes dahinter. Edathy schaute sich noch einmal um und stellte zurecht fest: „Was hier fehlt, ist Spielzeug. Die Kinder müssen doch beschäftigt werden.“ „Gut erkannt, Herr Edathy. Und das ist auch der Grund, warum ich Sie hierhergebracht habe“, sagte Zorn, packte den Politiker, drehte ihm die Arme auf den Rücken und redete etwas auf rumänisch, was Edathy nicht verstand.

Dafür verstand er sehr gut, was mit ihm jetzt passierte. Er fing an zu schwitzen und zu wimmern. Doch es half nichts. Die Knaben rissen ihm jetzt die Kleider vom Leib und wickelten um seine Hände und Füße Bänder, die sie aus einer dunklen Ecke geholt hatten. Das war gar nicht so leicht, da sich Edathy als aalglatter Politiker am ganzen Körper eingeschmiert hatte. Doch mit Hilfe von Zorn konnten sie Edathy die Bänder an einem Stock auf seinem Rücken zusammenbinden. Zorn schob ihn an die Wand. Die Kinder zauberten jetzt einen Tuschkasten hervor und bemalten den Politiker, bis er wie ein Polit-Clown aussah.

Zorn legte jetzt ein dickes Seil unter seine Oberarme, kletterte auf ein Trittbrett, das ihm die Knaben gebracht hatten und hängte Edathy an einem Haken in der Decke auf. Jetzt war der Hampelmann perfekt. „Eine Zugschnur benötigen wir nicht“, sagte Zorn. „Sie haben da zwischen den Beinen genug hängen. Wir brauchen nur noch jemanden, der daran zieht, damit Sie herumzappeln können.“

Da keimte in Edathy wieder so etwas wie Hoffnung auf. „Das können doch die Knaben machen“, freute er sich. „Das hätten Sie wohl gern“, lachte Zorn, während die Waisenkinder Edathy vor die Füße spuckten. „Aber Sie sind hier nicht im Bundestag. Aber natürlich habe ich dafür gesorgt, dass Sie sich auch hier wie zu Hause fühlen.“

Diese Ankündigung milderte Edathys Enttäuschung ein wenig. Zorn stieß einen Pfiff aus, die Knaben liefen zur Luke, öffneten diese und zerrten zwei Herren aus dem dunklen Loch. Sie waren an den Füßen mit einer Kette aneinander gefesselt worden und rochen nach muffiger Kellerluft. Als Edathy sie erkannte, riss er vor Schreck die Augen weit auf. Es handelte sich bei den beiden um alte Bekannte, Kollegen sozusagen: Volker Beck und Daniel Cohn-Bendit, die Zorn ebenfalls in dieses Waisenhaus transportiert hatte.

„So, meine Lieben“, rief der Gerechte. „Ihr kennt Euch ja mit dem Strippenziehen aus. Dann mal ran an den Mann, Ihr wisst ja, wo Ihr ziehen müsst, damit er in Schwung kommt.“ Beck und Cohn-Bendit folgten dem Befehl, sie hatten keine andere Wahl, wenn sie hier jemals wieder herauskommen wollten. Aber sie hatten auch keinen großen Spaß daran, das konnte jeder sehen, und auch Edathy schrie jetzt wie am Spieß.

Die Waisenkinder und Zorn freuten sich, klatschen in die Hände und bauten flott ein Fotostudio auf. Die dafür notwendigen Utensilien hatte Zorn von Edathys Geld gekauft und hinter dem Haus verstaut. Und so dauerte es nur wenige Minuten und die ganze Welt konnte via Facebook, Twitter und diversen Blogs den flotten Dreier live miterleben. Zorn war zufrieden, übergab den Waisenkindern die Aufsicht und machte sich davon.

Dieses war der fünfte Streich, doch der sechste folgt am nächsten Sonntag.

*) Thomas Böhm ist Chefredakteur des Mediendienstes „Journalistenwatch“ und regelmäßiger Kolumnist auf conservo.

www.conservo.wordpress.com

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