Alte Rollenmuster oder alte Klischees? Wie systemrelevante Arbeit verhöhnt wird

(www.conservo.wordpress.com)

Von iDAF *)

Verehrte Interessenten, liebe Freunde und Leser des iDAF,

Zwischen Weltfrauentag und Equal-Pay-Day ist es uns ein Anliegen, auf einige, wenige Fakten und ursächliche Hintergrunddaten hinzuweisen. Möge jede Person denken, was sie will – und das geschieht ja auch in der freien Welt – , aber er oder sie sollte die Wirklichkeit nicht außer Acht lassen. Das ist bei Themen wie diesen Tagen leider oft der Fall. Wir wünschen eine aufklärende Lektüre,

Ihr

iDAF-Team

—–

Zitat des Monats, 4 / 2021

Lebensmuster und Familie

„Kein einziges der großen Probleme unserer Zeit – kein einziges irgendwo in der Welt! – kann gemeistert werden ohne Eigenschaften und Verhaltensweisen, die familienspezifisch sind. Was immer wir auch herausgreifen – von der Überbevölkerungsangst über die Nahrungsmittel-, Energieerzeugungs- und Umweltschutzsorgen bis zur Arbeitslosigkeit, Arbeitsunlust, Freizeitvergötzungs-Mentalität, Staatshass und Lebensekel (um nur diese wenigen Stichworte zu nennen) – alles dies ist und bleibt hoffnungslos unbehebbar ohne solche Eigenschaften, und sagen wir ruhig: ohne Tugenden, wie etwa Gemeinsinn, Dienstwilligkeit, Opferbereitschaft, Anspruchslosigkeit, Disziplin, Toleranz und andere mehr, die nur familiär zu erlernen sind. Alle Versuche in der Menschheitsgeschichte, Familie zu beseitigen, sind auf Dauer gescheitert – nicht etwa, weil „Familie“ immer subjektiv lustvoll und bequem ist, sondern weil sie objektiv und instrumental für die menschliche Existenz auf diesem Stern notwendig ist: Sie ist das den Menschen wesensmäßig verordnete Zusammenlebensmuster. ….. Familie ist die soziale Urform für den geschichtlichen Menschen.“

(Peter Berglar, aus: Familie – Feindbild und Leitbild, Dokumentation des Colloquiums des Lindenthal-Instituts 1977, Adamas-Verlag, Köln, 1979, zweite Auflage, S. 8f.

Prof. Dr. Dr. Peter Berglar (1919 – 1989) war Arzt und Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität in Köln. Von seinen zahlreichen Büchern gilt „Thomas Morus – einer gegen die Macht“ als Standardwerk. siehe www.thomas-morus.de )

*****

Nachricht des Monats, 4 / 2021:

Rückfall in alte Rollenmuster oder in alte Klischees? Wie systemrelevante Arbeit verhöhnt wird

Vor einem pandemiebedingten „Rückfall in alte Rollenmuster“ wird seit dem ersten „Lockdown“ vor etwa einem Jahr beständig in allen tonangebenden Medien gewarnt und zum Weltfrauentag auch von der Kanzlerin persönlich. Tatsächlich belasten die Kita- und Schulschließungen besonders Mütter, die Kinderbetreuung und „Homeschooling“ zu organisieren haben. Fast drei Viertel aller Mütter mit einem Kind unter 18 Jahren sind erwerbstätig, haben also die Doppelbelastung von Job und Familienarbeit zu schultern. Neben dem Betreuungsproblem treibt insbesondere das „Homeschooling“ Mütter in die Verzweiflung. Viele von ihnen arbeiten zudem in Dienstleistungsberufen, die besonders unter dem Virus zu leiden haben. In der Altenpflege, in Erziehungsberufen und der Sozialarbeit sind mehr als 80 Prozent, unter den Lehrkräften an den Schulen mehr als 70 Prozent Frauen (1).

Geringschätzung von Erziehungs- und Fürsorgearbeit

Gerade diese Fürsorge- und Erziehungsberufe, deren Tätigkeiten dem „Sozial Distancing“ per se widersprechen, waren besonders oft von Corona-Erkrankungen betroffen, zeigten Analysen der Krankenkassen bereits im Spätherbst 2020 (2). Trotzdem mussten Erzieherinnen auch in Zeiten höchster Infektionszahlen in der „Notbetreuung“ weiterarbeiten (3). Impfangebote für Erzieher und Lehrer wurden aber erst im Februar ein öffentliches Thema, nachdem das „Hochfahren“ von Kindertagesstätten und die Wiederöffnung von Schulen bereits beschlossen waren. Allein das zeigt die Geringschätzung von Erziehungs- und Fürsorgearbeit.

Nichts zeigt die Verachtung der Fürsorgearbeit („care“) aber deutlicher als die Warnungen vor „alten Rollenmustern“, vor denen die vollerwerbstätige Mutter bewahrt werden soll. Denn verwarnt werden nicht primär die Männer, die mehr „Hausarbeit“ übernehmen sollen.

Die Politpädagogik richtet sich vor allem an Frauen, die ermahnt werden, ihre Kinder in institutionelle Betreuung zu geben, selber möglichst vollzeitig erwerbstätig zu sein, „Karriere“ zu machen und mehr „Führungspositionen“ zu übernehmen. Es sind dies typischerweise die Forderungen von Frauen, die selbst Karriere gemacht haben und leitende Positionen in Politik, Verwaltung und vor allem Medien innehaben.

Besonders bei der Frage der Teilzeitarbeit zeigt sich, dass die politischen Ziele dieser Elite den Lebensvorstellungen der meisten Mütter zuwiderlaufen. In Politik und Medien wird die verbreitete Teilzeitarbeit als „Falle“ für Frauen beklagt und mehr Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern gefordert.

Passend dazu stellt das Statistische Bundesamt zum „Internationalen Frauentag“ dar, dass die Mütter von Kindern unter zwölf Jahren in Deutschland zwar häufiger erwerbstätig seien (71,2 %) als im EU-Durchschnitt (68,0%), aber „fast doppelt so häufig“ in Teilzeit arbeiten (66,7%) wie im EU-Durchschnitt“ (34,9%) (4). Auch hier wird wieder der Eindruck vermittelt, dass deutsche Frauen immer zu wenig erwerbstätig seien.

Das Gegenteil zeigt eine andere Mitteilung der Statistiker: Demnach hatte Deutschland 2018 nach Schweden und Litauen die dritthöchste Erwerbstätigenquote von Frauen in der Europäischen Union. Sie lag höher als in Großbritannien und als in Frankreich, das noch immer als Vorbild in der „Vereinbarkeit“ von Beruf und Familie gilt (5). Dass die hohe Frauenerwerbsquote mit einer hohen Teilzeitquote einhergeht, ist keine deutsche Besonderheit, sondern typisch für Länder mit hohen Frauenerwerbsquoten. Andere Beispiele sind Österreich und die Niederlande, wo die Teilzeitquoten noch höher sind (6). Den Gegenpol dazu bilden Länder wie Griechenland mit niedrigen Erwerbsquoten (auch der Männer), die auch wenig Teilzeitarbeitsmöglichkeiten anbieten, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschwert.

Gerade in wohlhabenden Ländern mit, bis zur Corona-Krise, relativ gut funktionierenden Arbeitsmärkten ist Teilzeitarbeit weit verbreitet (7). Hier haben Frauen gewisse Optionen, die nicht immer den Wünschen der Gleichstellungspolitikerinnen entsprechen. Mütter ziehen die Teilzeit- der Vollzeiterwerbstätigkeit oft vor, selbst wenn Betreuungsplätze vorhanden sind (8). Kinder zu erziehen erfordert eben Zeit und Kraft.

Wie systemrelevant die Familienarbeit ist, hat sich gerade in der Corona-Pandemie gezeigt. Dass diese Arbeit nicht nur nicht anerkannt, sondern auch noch als „Rückfall in alte Rollenmuster“ verunglimpft wird, zeigt einen bedenklichen Verlust an Realitätssinn und Menschlichkeit. Es ist de facto ein Rückfall in alte Klischees.

Fußnoten:
(1) Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. N 017 vom 5. März 2021, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/03/PD21_N017_13.html;jsessionid=770FAA28EB75F60AE60BF8733B05D360.internet742
(2) https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/119607/Erzieher-MFA-und-Pflegekraefte-erkranken-haeufig-an-SARS-CoV-2; https://www.wido.de/news-events/aktuelles/2020/krankschreibungen-wegen-covid-19/
(3) Exemplarisch hierzu Silke Halpick: So gefährlich ist der Kita-Job jetzt, in: Lausitzer Rundschau vom 17.02.2021.Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. N 017 vom 5. März 2021, a.a.O.
(4) Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. N 010 vom 6. März 2020, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/03/PD20_N010_132.html
(5) Ebenda sowie Abbildung unten „Teilzeitarbeit und Frauenerwerbsquoten“.
(6) Eingehender hierzu: https://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/artikel/gender-pay-gap-musterbeispiel-der-manipulation.html
(7) Eingehender hierzu: https://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2014/01/19/artikel/arbeitszeit-was-muetter-und-vaeter-wirklich-wollen.html
(*) iDAF_Nachricht 4/21)
********
Wer ist iDAF?
Von Jürgen Liminski, Chefredakteur des iDAF
Die moderne Gesellschaft lebt bekanntlich von Voraussetzungen, die sie selber nicht geschaffen hat (vgl. Wolfgang Böckenförde). Diese Voraussetzungen entstehen vor allem in der Familie. Die Familie selbst wiederum lebt nicht autonom. Die Gesellschaft bietet ihr Schutz und Freiraum, um die Voraussetzungen für ein menschliches Leben in der Gesellschaft zu schaffen. Familie braucht Gesellschaft, Gesellschaft braucht Familie. Dieses Zusammenwirken ist grundlegend für das Allgemeinwohl und für das Wohl des Einzelnen. Ohne intakte Familie keine menschliche Erziehung, ohne Erziehung keine Persönlichkeit, ohne Persönlichkeit kein Sinn für die Freiheit (Kirchhof).
Die freiheitliche Gesellschaft ist auch die Grundlage für die soziale Marktwirtschaft. Die Schrumpfung und Unterjüngung der Gesellschaft bedrohen Wohlstand und Werte. Aber in der pluralistischen Medien-Gesellschaft ist die Wertedebatte schwierig. Das Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. will die Zusammenhänge zwischen den Grundwerten heute, ihren geistigen Quellen und ihrer Bedeutung für die Zukunft einer liberalen Gesellschaft stärker ins Bewusstsein heben. „Nicht durch die Erinnerung an die Vergangenheit werden wir weise, sondern durch unsere Verantwortung für die Zukunft“ (George Bernhard Shaw).
Das Institut verfolgt bei seiner Arbeit vorzugsweise einen interdisziplinären Ansatz. Es ist partei- und konfessionsübergreifend. Es will die öffentliche Meinung, die „soziale Haut“ (Noelle-Neumann) befreien helfen von den Ausschlägen einer Ich-Gesellschaft. Ihre bevorzugte Methode ist die Verbreitung von Ergebnissen interdisziplinärer Forschung durch Teilnahme an Symposien, Kolloquien und an der publizistischen Debatte. Auf diese Weise sollen die Handelnden in Politik, Wirtschaft und Bildungswesen gestärkt, die Unentschlossenen und Nicht-Wissenden informiert werden. Die Initiatoren glauben, dass eine Wertedebatte von selbst entsteht, wenn die Zusammenhänge erkannt und der Mensch, insbesondere das Kind, in den Mittelpunkt der Gesellschaft gestellt ist. Das volle Entfaltungspotential des Menschen soll zum Zuge kommen.
Das Institut versteht sich also als eine Ideenfabrik, als Impulsgeber. Seine Mitglieder beteiligen sich ehrenamtlich an dieser Arbeit. Das Institut lebt ausschließlich von Spenden.
——
Kontoverbindung für Spenden:
Commerzbank AG, IBAN: DE26 3804 0007 0333 5049 00, BIC: COBADEFFXXX
Selbstverständlich verbreiten wir den Newsletter auch weiterhin gratis.
Falls Sie nach Artikeln suchen möchten, die noch weiter zurück liegen als die auf der neuen Webseite verfügbaren (vor Juni 2012), so können Sie unsere alte Webseite durchstöbern, die zu diesem Zweck weiterhin unter der folgenden Adresse erreichbar ist: http://altewebsite.i-daf.org
Eine ungefragte Weiterleitung des Newsletters ist uns jederzeit recht. Es gibt dahingehend keinerlei Beschränkungen.
Korrekturen und Verbesserungsvorschläge sind hochwillkommen. Über das Institut selber unterrichtet die Homepage. Hier finden Sie eine Druckversion des letters.
Wir wünschen eine spannende und interessierte Lektüre.
Herzliche Grüße, Jürgen Liminski, (Geschäftsführer iDAF)
—–
Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V., Neckarstr. 13, D – 53757 Sankt Augustin
Vereinsregisternummer: VR707, Olpe, Steuernummer: 33859521016
www.conservo.wordpress.com      13.3.2021