Leonid Volkov: Lasst Putin nicht wegkriechen, sondern zerquetscht ihn – Sonst folgt ein nuklearer Winter!

Conservo-Redaktion*

(Leonid Mikhailovich Volkov) Wir erinnern uns: Die Kriegsführung des 21. Jahrhunderts besteht aus mehr als nur Feldschlachten. – Auf dem Schlachtfeld hat Putins Armee alles gezeigt, was sie kann. Und sie hat [dennoch] nicht beeindruckt! Die einzige effektive Taktik, die Russland nun noch bleibt, ist die der verbrannten Erde, weil sie auf Artillerieüberlegenheit basiert.

Ein von der AFU [ukrainische Armee] gehaltenes Gebiet wird massivstem Beschuss ausgesetzt. Dann schickt das russische Verteidigungsministerium “Wagnerianer” oder “DVR-Milizen”, die sie nicht als Menschen betrachten und deshalb nicht in die Opferzahlen einbeziehen müssen. Wenn es Gegenfeuer gibt, ziehen sie sich zurück und der Beschuss wird fortgesetzt, bis die AFU das Territorium aufgeben muss. Dieser Ansatz ermöglicht es ihnen, langsam vorzurücken und erhebliche Verluste der regulären Streitkräfte zu vermeiden (die in den ersten Kriegsmonaten bei 30-50 % lagen).

Putins Erfolge sind nur marginal

Doch nun verändern die HIMARS [ein leichtes Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesystem auf Lastwagenfahrgestell] dramatisch das Kräfteverhältnis und nivellieren Russlands Artillerieüberlegenheit. Deshalb sehnt Putin einen Waffenstillstand herbei. Nicht primär, um Reserven bilden und den Truppen eine Verschnaufpause gönnen zu können (was auch die Ukraine tun würde), sondern um den Status quo zu sichern.

Ein Waffenstillstand würde eine Demarkationslinie auf die Karte zeichnen, welche die politische Realität der kommenden Jahre abbildet; denn es gibt nichts Dauerhafteres als das zeitlich [scheinbar] Begrenzte. Sobald dieser Waffenstillstand hergestellt wäre, würden in Europa jene Parteien gewinnen, die “Ein schlechter Frieden ist besser als guter Krieg” [auf ihre Fahnen schreiben]. Die Politiker [dieser Parteien] würden ihren Wählern die frohe Botschaft verkünden: „Wir haben es geschafft, den Krieg und den Flüchtlingsstrom zu stoppen und die Treibstoffpreise zu senken.“ Die unmittelbaren Folgen des Waffenstillstands würden die europäischen Politiker sich selbst als Verdienst anrechnen und könnten sie bei den nächsten Wahlen in Stimmen umwandeln.

Ein Waffenstillstand dient nur Russland

Was die aufgeschobenen Konsequenzen betrifft: Putins Armee bleibt, wo sie ist, er selbst wird Kraft und Wut für den nächsten tödlichen und blutigen Angriff in ein paar Jahren sammeln; riesige Gebiete der Ukraine bleiben unter Besatzung, Millionen Einwohner werden vertrieben und böse Taten bleiben ungesühnt. Mit den späteren Konsequenzen eines solchen Waffenstillstands dürfen sich dann wohl zukünftige Politikergenerationen beschäftigen, oder?

Aktuell genießt die Ukraine beträchtliche (wenn auch unzureichende und nicht bedingungslose) Unterstützung durch den Westen. Sollte aber [demnächst] ein “schlechter Frieden” herrschen, würde sich die Situation radikal ändern. Ein neues Aufflammen des Konflikts, [vielleicht schon kurz] nachdem die europäischen Wähler erleichtert aufgeatmet haben, dass der Krieg [endlich] vorbei ist, wird politisch unendlich schwieriger [zu vermitteln] sein. So würde z. B. der Versuch, Cherson oder Izium rückzuerobern, von den Gesellschaften des Westens, völlig anders wahrgenommen [als vor einem Waffenstillstand]. “Alles hat sich gerade beruhigt, und jetzt schießen sie wieder”, würden viele europäische Bürger denken.

Auch in Kiew sieht man die Gefahr durch Kälteerpressung

Ich bin sicher, dass man in Kiew zu der gleichen Einschätzung gekommen ist. In Moskau allerdings auch: Putins nächstes Pokerblatt im Ukrainekrieg ist eine Spezialoperation zur Erzwingung eines Waffenstillstands, der die [bisherige] Annexion erleichtern und eine mehrjährige Pause erlauben würde, um sich auf die nächste Phase des Krieges vorzubereiten.

Wie plant Putin nun, den Waffenstillstand zu erreichen, den er so dringend braucht? Mit Erpressung, wie wir schon im Juni gesehen haben. Putin hat begriffen, dass die Ukraine einem Waffenstillstand in keiner Form zustimmen wird. [Auch] die öffentliche Meinung in der Ukraine fordert absolut unmissverständlich, dass Selenskyj weiterkämpft. Die Achillesferse der Ukraine ist ihre Abhängigkeit vom Westen. Der Krieg hat einen Großteil ihrer Wirtschaft zerstört. Auch gibt es, abgesehen von den westlichen Waffen kein Material mehr, mit dem man [erfolgversprechend] kämpfen könnte. Kiew kommt derzeit nicht ohne europäische Unterstützung aus. Und [genau] das schafft Erpressungsmöglichkeiten.

General Hunger erzielt nur mäßige Erfolge

Putins Botschaft im Juni war klar: “Lieber Scholz, lieber Macron, lieber Draghi – Entweder, ihr zwingt Selenskyj, Frieden zu [meinen Bedingungen zu] akzeptieren, oder ich hungere Nordafrika aus. Dann bekommt ihr in Europa Millionen neue Flüchtlinge und eure Regierungen werden von Rechtsradikalen übernommen (die ich selbst finanzieren werde).

Eine überzeugende Drohung, aber sie hat nicht geholfen. Als die europäischen Staats- und Regierungschefs im Juni nach Kiew reisten, schrieben viele: “Sie kommen, um Selenskyj zu Zugeständnissen zu drängen”. Mit dem EU-Kandidatenstatus hatten sie auch einen großen Hebel [im Gepäck]. Die Experten lagen jedoch falsch, als sie so schlecht über die Führer Europas dachten. Putins Erpressung mit Hunger funktionierte nicht, [europäische] Werte und Prinzipien setzten sich durch.

Der nächste Winter kommt bestimmt!

Doch wir wissen: Putin hat zwei Verbündete. Da nun General Hunger gescheitert ist, wird Feldmarschall Kälte an die Front geschickt. Wenn Putin in den 22 Jahren, seit er an der Macht ist, eines gelernt hat, dann ist es: Wenn man die westlichen Politiker nicht als Verbündete hat, muss man mit ihren Wählern zusammenarbeiten. Denn die Politiker sind auch von der öffentlichen Meinung abhängig. Dies ist eigentlich ihre Stärke [die der Demokratie]. Putin hält diese Abhängigkeit allerdings für eine Schwäche.

Der nächste Winter kommt bestimmt! Diese Tatsache ermöglicht Putin, die Gaskarte in den kommenden Monaten mit maximaler Effizienz zu spielen. Er wird versuchen, die Europäer mit der Aussicht zu erschrecken, in diesem Winter in ihren Häusern zu erfrieren. Um das gewünschte Ergebnis zu erreichen, wird er alle Agenten und Ressourcen nutzen, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat: korrupte Politiker und Journalisten, kleine und kleinste Parteien sowie “Experten”, die mit dem Brustton der Überzeugung sagen werden: “Natürlich bedauern wir die Ukraine, aber wir müssen tun, was Putin will, damit Europa nicht erfriert…”

Lieber heute frieren als morgen ein nuklearer Winter!

Was können wir dagegen tun?

  1. Wer gewarnt ist, kann sich wappnen: Lassen sie sich nicht täuschen. Europa könnte einen schwierigen Winter vor sich haben (obwohl die Abhängigkeit der Haushalte von russischem Gas nicht übertrieben werden sollte). Doch ist das der Preis für acht Jahre Gleichgültigkeit und Untätigkeit. Wir müssen diesen Winter überstehen. Wenn wir jetzt nachgeben und Putins Bedingungen erfüllen, wird Europa in sechs bis acht Jahren mit ziemlicher Sicherheit einen weiteren Winter erleben: den nuklearen.
  2. Das Zeitfenster für die Ukraine, Cherson und andere Gebiete rückzuerobern, ist recht klein. Je näher der Winter, desto erfolgversprechender die Gaserpressung. Offensichtlich ist sich die Ukraine dessen sehr wohl bewusst und bereitet sich [auch deshalb] auf einen Gegenangriff in rasantem Tempo vor. Vorweisbare militärische Erfolge sind nicht nur grundsätzlich erforderlich, sondern vor allem, um die öffentliche Meinung in Europa weiterhin auf der Seite des Westens zu halten. Die Öffentlichkeit muss an die Möglichkeit eines ukrainischen Sieges glauben können! Nur dann wird sie bereit sein, die Zähne zusammenzubeißen und auszuharren.
  3. Bedenken sie dabei stets, dass Putin nicht ohne Not auf Erpressung mit Hunger und Kälte zurückgreift. Seine militärischen Pokerrunden sind gescheitert. Er verliert innerhalb Russlands rapide an Unterstützung. Er weiß, dass er nur noch zwei bis drei Monate Zeit hat, um einen Waffenstillstand zu [für ihn] günstigen Bedingungen zu erreichen. Dies werden wahrscheinlich sehr schwierige Monate, doch dann wird Putin verlieren. [Moralisch] hat er natürlich schon verloren; jetzt aber ist es notwendig, ihn zu zerquetschen, ihn nicht wegkriechen zu lassen. Und seinem letzten Schlag standzuhalten!

* Aus dem Russischen übertragen von Michael van Laack. Worte oder Textpassagen in eckigen Klammern dienen entweder der Präzisierung oder lösen Knoten der Unübersetzbarkeit auf. Die Zwischenüberschriften stammen ebenfalls von der conservo-Redaktion.

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