Peter Helmes

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zur Bekämpfung der anhaltend hohen Inflation die bislang größte Zinserhöhung ihrer Geschichte beschlossen. Der Leitzins im Euroraum steigt um 0,75 Prozentpunkte auf nun 1,25 Prozent. Das ist die größte Leitzinserhöhung in der Geschichte der Bank, und gerechtfertigt wird dies mit der hohen Inflation:  

Schließlich ist die EZB zum Handeln gezwungen, wenn sie nicht ihre Glaubwürdigkeit als Gestalter der Geldpolitik in der Eurozone verlieren will. Seit März 2016 lag der Leitzins im Euroraum bei null Prozent. Mit einer historischen Zinserhöhung von 0,75 Prozentpunkten stemmt die EZB sich nun gegen die Rekordinflation im Euroraum. Damit steigt der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, auf 1,25 Prozent, wie die Notenbank mitteilte. Nach langem Zögern hatte die EZB am 21. Juli 2022 die Zinsen im Euroraum wieder angehoben. Die Auswirkungen für Verbraucher werden unterschiedlich sein. 

Purer Aktionismus

Trotzdem mag man sich fragen, ob diese Entscheidung nicht eine Überreaktion war. Anders als etwa in den USA besteht in der EU keine Überhitzung, sondern wir erleben die Folgen einer Energiekrise, die sich ganz gewiß nicht mit einer strafferen Geldpolitik lösen läßt. Das aber ist genau das Dilemma der EZB: Um glaubwürdig zu sein, muß sie die Inflation bekämpfen, aber sie kann wenig gegen die Ursachen unternehmen. 

Der Hauptgrund für die Änderung der EZB-Geldpolitik ist das Ziel, die Inflationsentwicklung im Euroraum zu bremsen, die Verbraucher und Unternehmen belastet. Durch die EU-Verträge ist festgehalten, daß die EZB für die 19 Staaten idealerweise einen jährlichen Preisauftrieb von zwei Prozent anstreben soll – im August lag er weit darüber bei 9,1 Prozent.

Naiver, als es auf den ersten Blick erscheint

Die EZB-Entscheidung sollte vor allem ein Zeichen setzen: Bei dieser deutlichsten Zinserhöhung seit Einführung der gemeinsamen Währung wurde das Wort ‚Entschlossenheit‘ betont: Entschlossenheit zur Rückkehr der Inflation auf das mittelfristige Zwei-Prozent-Ziel. Beeindruckend war, daß die Erhöhung trotz interner Meinungsunterschiede doch einstimmig beschlossen wurde. Dennoch: Der positive Wirtschaftsausblick der Europäischen Zentralbank ist viel zu naiv.  

Zudem: Die Entscheidung der EZB gilt für die gesamte Währungsunion. Mehrere Euroländer sind hochverschuldet (z.B. Italien oder Frankreich). Für diese Staaten könnte es bei höheren Zinsen schwierig werden, ihre Schulden zuverlässig zu bedienen. Und das kann theoretisch zu Staatspleiten führen. 

Inzwischen zeichnet sich ab, daß die Inflation auch vorerst hoch bleiben wird. Deswegen forderten viele Volkswirte jüngst, die EZB müsse schnell konsequent handeln. In den USA hat die Notenbank bereits viel früher und deutlich reagiert. Die dortigen Leitzinsen liegen aktuell bereits in einer Spanne zwischen 2,25 und 2,5 Prozent. 

Rezessionsrisiko könnte sich erhöhen

Ja, man befürchtet sogar, der Euro könne erneut in die Krise stürzen. In der Eurozone war vor dem Entscheid erwartet worden, daß sich Nordeuropäer durchsetzen dürften, die schon länger eine entschlossenere Gangart forderten. Die Südeuropäer warnen hingegen, daß zu hohes Tempo bei den Zinsen die Konjunktur abwürgen wird. Mit jedem Zinsschritt werden zudem die hohen Schulden Italiens und Griechenlands teurer. Eine Neuauflage der Eurokrise ist nicht ausgeschlossen. 

Zinserhöhungen bringen immer Rezessionsrisiken mit sich: Wenn die Zinsen steigen, wird beispielsweise weniger gebaut, auch Unternehmen investieren zögerlicher. Der gesamte Wirtschaftskreislauf wird gebremst. Bedingt durch die Corona-Pandemie, aber auch durch den Krieg in der Ukraine besteht die Gefahr eines wirtschaftlichen Abschwungs, wenn jetzt auch noch Zinserhöhungen hinzukommen.

Die bislang niedrigen Zinsen haben Immobilienfinanzierungen jahrelang immer billiger gemacht. Zuletzt haben sich Kredite bereits rasant verteuert, mit der Leitzinserhöhung wird die Zinslast weiter steigen. Nach Angaben des Internetportals Finanztip sind die Bauzinsen zwischen Januar und Juni 2022 auf den höchsten Stand seit zehn Jahren angestiegen. Für einen Kredit mit fünf Jahren Laufzeit wurden Anfang Juli im Schnitt circa 3,2 Prozent Zinsen fällig, bei einer Laufzeit von zehn Jahren waren es 3,3 Prozent. 

Möglicherweise mehr Zwangsversteigerungen 

Es wird damit gerechnet, daß manche Hypothekenschuldner die aufgrund der steigenden Zinssätze höheren monatlichen Raten nicht mehr stemmen können. Eine Folge: Die Zahl der Zwangsversteigerungen von Immobilien könnte zunehmen. Aufgrund der oft langen Verfahrensdauer von Haus-Versteigerungen dürfte sich dieser Effekt aber erst in den Jahren 2023 und 2024 bemerkbar machen. 

Andererseits dürften die Zinsen für Sparer zumindest langfristig steigen. Bereits jetzt zeigen sich erste entsprechende Tendenzen. Allerdings bedeutet die aktuell hohe Inflationsrate, daß  der Realzins erst einmal auch weiterhin im negativen Bereich verharrt.  

Nach Angaben des Vergleichsportals Verivox haben bereits 51 Banken in Deutschland die Negativzinsen für ihre Kunden ganz oder teilweise abgeschafft. Seit Ende April strichen demnach 35 Banken ihre Negativzinsen komplett, weitere 16 Banken hoben die Freibeträge deutlich an, so daß ein Großteil der Kunden keine Negativzinsen mehr zahlen muß. 

Obwohl die Entscheidung der EZB gegen die aktuelle Inflation nicht viel ausrichten kann, bewerten viele Ökonomen den Kurswechsel der Notenbank positiv. Die EZB mache damit deutlich, daß ihr die Inflation nicht gleichgültig sei, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft am 22. Juli 2022 im Deutschlandfunk.

***

Quellen

Dlf Katja Scherer, Verivox, dpa, AFP, Finanztip, jma, pto

*****

Sie lesen gern die Debattenbeiträge, Analysen, Satiren und andere Inhalte,
die wir Ihnen auf conservo bieten?
Dann können Sie unser Engagement hier per PayPal unterstützen:

Von conservo

Conservo-Redaktion