KinderDie GfK (Konsumforschung) führte unlängst im Auftrag der „Apotheken-Umschau“ eine Untersuchung der Kindersituation in Deutschland durch und stellte die Frage: „Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land? “Ja”, meinen nach der GfK-Untersuchung nur knapp vier von zehn (39,7 Prozent) Bundesbürgern. Von den befragten Eltern minderjähriger Kinder sagt dies lediglich ein Drittel (34,5 Prozent). Ist Deutschland wirklich kinderfeindlich?

Kinderfeindliches Deutschland?

Das Elternportal von t-online führte deshalb bei seinen Nutzern (Lesern) eine Online-Umfrage durch, bei der 5015 Leser abgestimmt haben. Die Mehrheit (44 Prozent) stimmte der Aussage zu: “Deutschland ist insgesamt kinderfeindlich”. Ein Drittel meinte dagegen: “Nur die Politik ist kinderfeindlich, nicht die Menschen”. Der kleinste Teil der Leser (neun Prozent) fand, daß ein Großteil der Bürger kinderfeindlich ist, nicht jedoch die Politik. Daß Deutschland kinderfreundlich ist, meinen nur 14 Prozent der Leser.

Bei der Auswertung Ihrer Kommentare und Beiträge auf t-online kristallisierten sich drei Tendenzen heraus: Ein Teil der Leser hält Deutschland für kinderfeindlich und übt konkrete Kritik an Rahmenbedingungen für Familien. Andere meinen, daß Kinderfeindlichkeit eher auf gesellschaftlicher Ebene zu spüren ist. Ein zweiter Teil der Leser wiederum hält Deutschland für kinderfreundlich und argumentiert mit der Fülle der Familienleistungen. Das dritte Lager empört sich über die mangelnde Erziehung heutiger Kinder und Jugendlicher. Wer dies kritisiere, gelte gleich als kinderfeindlich.

Ich meine jedenfalls, daß nicht Deutschland kinderfeindlich ist, sondern eher wir Deutsche sind es, viele Menschen in unserem Land. Zur Erkennung der Realität hilft vielleicht ein kleiner Blick „über den Gartenzaun“, auch wenn ich mir darüber im Klaren bin, daß man fremde Verhältnisse nicht eins zu eins übertragen kann: Während in den südlichen Ländern Kinder überall willkommen sind, müssen deutsche Kinder z. B. entweder brav im Hochstühlchen sitzen oder zu Hause bleiben. Während andernorts Kinder getragen und gehätschelt werden, müssen unsere Kinder mindestens nach dem Drehbuch “Jedes Kind kann schlafen lernen” schon im frühesten Babyalter an feste Zeiten gewöhnt werden. Während woanders Kinder spielen und lachen dürfen, klagen hier Anwohner gegen “Kinderlärm” zu nicht genehmen Zeiten. Dafür kann unsere Politik nichts.

Zu der (vorwiegend vermeintlichen) Kinderfeindlichkeit gibt es – das sei nicht verschwiegen – verschiedene Ursachen. Kinder machen Lärm, Unordnung und sind nicht zeitlich programmierbar. Dazu gehört, daß viele Kinder schlecht oder gar nicht erzogen sind und daß die elterliche Aufsicht vielfach versagt. Eltern müßten sich mehr ihrer Kinder annehmen, mit ihnen spielen, Hausaufgaben besprechen, gemeinsame Arbeiten untereinander aufteilen usw. Daran fehlt es in vielen Familien. Eine vernünftige Erziehung ist ein Muß; denn die Kinder sollten natürlich nicht der Umwelt und den Eltern auf der Nase herumtanzen.

“Nur erzogene Kinder erwünscht”

Kinderreiche Familien werden im Bus schräg angeschaut, bekommen nur schwer eine Wohnung und haben weit weniger Geld zur Verfügung als Drei-Kopf-Familien oder gar kinderlose Paare. Von der Betreuungssituation in Deutschland ganz zu schweigen. Die Politik versucht mit Elterngeld und familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen etc. die Lust aufs Kind zu vergrößern, doch wirklich bewegen tut sich in den Köpfen der Deutschen wenig. Wie auch, wenn es in Großstädten mittlerweile sogar “kinderfreie” Cafés gibt oder Cafés nur für “wohlerzogene“ Kinder, Hotels mit dem Slogan “nur für Erwachsene“ werben und Mütter sogar aus dem Bus geschmissen werden, weil ihre “Gören” zu laut sind?

Ein weiteres Problem ist die Wohnungssuche kinderreicher Familien. Oftmals sind Paare mit Hund willkommener als eine Familie mit zwei oder mehr Kindern. Blickt man in Internetforen, gibt es viele Beispiele für den Frust bei der Wohnungssuche. So berichtet eine Mutter, daß sie sich vor ihren potenziellen Vermietern rechtfertigen mußte, wie es zu so einer “Misere“ denn kommen konnte. Die Wahrnehmung in der Gesellschaft scheint sich gewandelt zu haben. Früher hieß es noch: Kinder bringen Leben ins Haus. Mittlerweile scheint es in den Köpfen nur noch zu heißen: Kinder bringen Dreck und Lärm ins Haus. Manche Eltern mit mehreren Kindern fühlen sich richtig diskriminiert und beschreiben in Foren, daß sie als Asoziale bezeichnet werden.

Trotzdem wiederhole ich: Nein, Deutschland ist nicht kinderfeindlich. Aber die Erwartungen künftiger Eltern sind teilweise zu hoch. Manche erwarten, daß alles zugeflogen kommt, sobald man ein Kind hat. Sobald irgendwas nicht so funktioniert, wie sie es wollen, oder etwas verlangt wird von ihnen, soll der Staat helfen. Schnell noch ein paar Ansprüche an die Gesellschaft richten – kostenlos hier, kostenlos da – und wenn es nicht geht, ist unser Staat halt eben kinderfeindlich.

Natürlich darf man die Augen nicht vor bestimmten Fehlentwicklungen verschließen: Kinderfeindlichkeit gibt es durchaus in manchen Bereichen. Manche Familien haben oft eine Anspruchshaltung, die einfach unrealistisch ist. Der Staat soll möglichst für Alles aufkommen. In Kitas und später Schulen soll „der Staat“ nach Möglichkeit in Gänze die Erziehung übernehmen, damit die Eltern eine Karriere machen können und sich möglichst wenig selbst um das oder die Kinder kümmern müssen. Oder Kinderlärm: Der gehört natürlich zum Kind, zu Kindern. Aber was spricht dagegen, den Kindern frühere Tugendwerte, wie etwa gegenseitige Rücksichtnahme, Höflichkeit, eine angemessene Sprache oder Respekt beizubringen? Nur weil man Kindern auch mal Grenzen setzt, ist man noch nicht kinderfeindlich!

Familienförderung als Gegentrend

Es wird in Deutschland schon viel für Kinder getan, jedoch nicht unbedingt genutzt. Familie, so wie ich sie hatte, wo alle füreinander da sind, ist selten geworden (ich stamme aus einer Großfamilie). Bedenkt man, daß früher Eltern kaum vom Staat unterstützt wurden, und wir Kleinen dennoch gut und liebevoll auf das Leben vorbereitet waren, akzeptiere ich das Wort “kinderfeindlich” nicht! Eher Desinteresse und fehlende Verantwortung der Eltern ist das Problem!

Politiker und Wissenschaftler sind schon seit längerem besorgt über die Entwicklung in Deutschland und versuchen, mit Gesetzen und Steuererleichterungen gegenzuhalten. Viele, auch bei uns, haben über Familienministerin Kristina Schröder gelästert. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man auch einige ihrer Familien-Leistungen. Das neueste Gesetz, daß es Bürgern sehr schwer macht, gegen Kinderlärm zu klagen, ist ein Beispiel dafür. Wir haben Kindergeld, Elterngeld, Elternzeit, vielfach kostenloses Studium, etc. In anderen Ländern wäre man über solche Leistungen einfach nur dankbar. Das schätzen wir viel zu gering. Doch alle diese Maßnahmen haben noch immer nicht zu einem spürbaren Geburtenanstieg in Deutschland geführt. Das belegen die neuesten Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der Familienbericht über die Förderung und Lebenssituation von Eltern in den 33 wichtigsten Industrienationen zeigt, daß der ersehnte Babyboom in Deutschland bislang ausbleibt – auch wenn unser Land im Vergleich zu den anderen Industriestaaten recht viel in seine Familien investiert. Mit einer Geburtenrate von 1,36 Kindern pro Frau liegt Deutschland um einiges unter dem OECD-Schnitt von 1,74.

Mehr Mut zu Kindern!

Und auch das sollte erwähnt werden: Es fehlt Vielen häufig der Mut zur Verantwortungsübernahme. Bei anderen wiederum ist es oft auch nur der Hang zur Bequemlichkeit, der sie hindert, Verantwortung zu tragen. Deshalb wird diese Verantwortung oftmals der Gesellschaft zugeschoben, wobei vergessen wird, daß wir die Gesellschaft sind und daß wir entscheiden, ob wir Kinder wollen. Ich persönlich kann jedem nur dazu raten. Kinder bereichern das eigene Leben mehr, als alles Geld der Welt es könnte. Deshalb Mut zu Kindern! Wer bewußt und gewollt auf Kinder verzichtet, weil behauptet wird, dieses Land sei kinderfeindlich, verzichtet bewußt und gewollt auf das Schönste, was es gibt: Kinder.

Nein, Deutschland ist nicht kinderfeindlich.

Von conservo

Conservo-Redaktion