Warum es Religionskriege gibt

Thomas Böhm
Thomas Böhm

Eine Satire von Thomas Böhm*)

Als der liebe Gott am Samstagabend seine Schöpfung endlich hinter sich gebracht hatte, lehnte er sich zufrieden zurück, schenkte sich eine Handbreit Single Malt ein und genoss von seinem Aussichtspunkt das Ergebnis – wie es so seine Art war – von oben herab.

Er hatte aber auch ein tolles Werk geschaffen. Tiere und Pflanzen fraßen sich gegenseitig auf und satt und vermehrten sich, jeder auf seine Art, mehr oder weniger prächtig. Dazu tranken sie alle jede Menge Wasser.

220px-Creation_of_Adam_(Michelangelo)_DetailDer liebe Gott dagegen bevorzugte Whisky und schenkte nach. Nachdem die Flasche halb leer war, wurde ihm plötzlich übel und er musste sich übergeben. Direkt auf die Erde. Keine andere Toilette weit und breit im Universum.

Als er sah, was er da angerichtet hatte, bekam er ein schlechtes Gewissen und rührte so lange mit seinen göttlichen Fingern im dem Gewürgten herum, bis eine einigermaßen ansehnliche Form dabei herauskam. So entstand der erste Mensch.

Und da der liebe Gott ein echter Trinker war, folgten noch weitere Menschen, bis er sie überall auf der Welt verteilt hatte.

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, an dem er eigentlich ruhen sollte, erwachte er mit einem Kater und als er sich zum Frühstück das Elend auf der Welt ansah, entwickelte sich daraus eine echte Migräne. Was für eine merkwürdige Kreatur hatte er da nur auf die Welt gebracht!

Der liebe Gott musste mitansehen, wie die Menschen nackt und wehrlos, wie er sie erschaffen hatte, den Klauen und Zähnen der Tiere, sowie dem Gift einiger Pflanzen hilflos ausgeliefert waren. Da überkam ihn großes Mitleid und er schenkte den Menschen ebenfalls eine Waffe – das Hirn.

Kaum in Gang gesetzt, fingen die Menschen an, in der Natur herumzuschnüffeln. Sie schauten beim Biber am Fluss vorbei und bauten Staudämme, sie folgten den Steinen den Abhang hinunter und bastelten Autos zusammen, sie betrachteten die Vögel in der Luft und erfanden Flugzeuge, sie entdeckten Termitenbauen und trieben Hochhäuser in den Himmel, sie guckten in die Erdlöcher und vermehrten sich wie die Kaninchen. So machten sich die Menschen in Windeseile die Erde und ihre Mitgeschöpfe untertan.

Da der liebe Gott aber am Sonntagmorgen schon wieder beim Frühschoppen gewesen war und bereits alles doppelt gesehen hatte, als er Hirn hatte regnen lassen, bestand dieses kopflastige Organ aus zwei Hälften, der linken und der rechten.

Das aber überforderte die Menschen und sie irrten kopflos durch die Gegend. Ihr Verstand war gespalten und so entstand dann das Gute und das Böse (seitdem wechseln sich links und rechts mit gut bzw. böse ab). Die einen bauten immer wieder alles auf, damit es von den anderen abgerissen werden konnte. Immer mehr Menschen wurden habgierig, wollüstig, zänkisch und neidisch, verbreiteten Zwist und Hass, waren hinterlistig, verlogen, geizig und zornig – bis dem lieben Gott die ersten Zweifel an seiner Schöpfung kamen und er beim Erzengel nach einer Aspirin verlangte.

Nachdem er eine kleine Unendlichkeit durch den Kosmos gejoggt war, lieh er sich bei seinem alten Kumpel Zeus einen Geistesblitz aus und jagte ihn runter auf die Erde. Diejenigen, die von diesem Blitz getroffen wurden – und das waren fast alle – glaubten, ihren Verstand zu verlieren, aber immerhin, sie fingen tatsächlich an zu glauben.

Der liebe Gott freute sich, obwohl es ihm schwergefallen war, den Menschen Glauben zu schenken, bezeichnete er sich doch selbst als überzeugten Atheisten, der nur an sich und sonst gar keinen glaubte.

Aber es war ein echter Coup. Viele Menschen fanden endlich den Halt, den sie durch ihr Hirn verloren hatten, wurden fromm und barmherzig, liebten ihren Nächsten, manchmal auch den Übernächsten und vollbrachten wunderbare Taten (Beispiel: Bach, Mutter Theresa). Und da sich die Menschen bei den Tieren auch das Rudelverhalten abgeguckt hatten, entstanden die ersten Religionen. Weitere sollten folgen, die am Anfang friedlich nebeneinander, später aber immer mehr miteinander konkurrierten.

Andere wiederum, blieben misstrauisch und trotzig und suchten ihr Heil in der Sucht. Doch die Bösen blieben böse und witterten ihre Chance. Sie nutzten die Gutgläubigkeit ihrer Mitmenschen aus und machten sie sich neben den Tieren und Pflanzen ebenfalls zu Untertanen. Sie verführten sie und hetzten sie gegeneinander auf. Sie verwandelten die Religionen in Ideologien und die Gläubigen in Krieger, die sich ohne Sinn und Verstand in ihrem Auftrag gegenseitig umbringen sollten.

Doch der liebe Gott hatte nun von den hirnverbrannten Menschen endgültig die Schnauze voll. Angewidert wendete er sich von ihnen ab und schwor, bevor er die nächste Schöpfung in Angriff nehmen würde, die Finger von Alkohol zu lassen und sich lieber einen fetten Joint reinzuziehen – oder noch besser: einfach mal nüchtern zu bleiben.

*)Der Journalist Thomas Böhm ist Chefredakteur der Medienplattform „Journalistenwatch“ und regelmäßiger Kolumnist bei conservo.

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