(www.conservo.wordpress.com)

Von Peter Helmes

„Ein wenig experimentieren…“

Wenn Pegida kommt, läuten sie die Glocken, verschließen die Türen und machen die Lichter aus. Wenn Moslems kommen, steht hingegen alles offen. Manche christlichen Gemeinden zeigen eine sehr moderne Aufgeschlossenheit, sich zu „öffnen und sogar ein wenig zu experimentieren“ (siehe unten). Die Kirche lebt. Und wie!kölner dom2

Wenn Sie, liebe Leser, das Folgende verinnerlicht haben, werden Sie fragen, wo sie – so sie Mitglied in einer der Kirchen sind – gelandet sind. Kirchen werden zum Hänneschen-Theater, und Würde war gestern. Wen wundert´s, daß die Zahl der Gläubigen dramatisch sinkt!

Ich will in der Kirche beten und andächtig sein. „Unterhaltung“ suche ich eher im Kino oder Theater. Aber ein Gotteshaus? Wenn der Glaube noch einen Sinn hat, darf er nicht zur „Performance“ verkommen, in der sich die „Geistlichen“ zum Clown machen. Bitte lesen Sie die folgende „Live-Reportage“ aus der Christuskirchen-Manege zu Düsseldorf-Oberbilk. Deren „Programmplanung“ trägt zutreffend den Titel „Off-Church“. Da ist man doch glatt „off words!

„Der Jesus-Kitsch nervt mich“ Interview mit Pfarrer Lars Schütt

Die Einladung zur Christvesper könnte auch für die Wiederauflage der Love Parade werben. Sie zeigt Lars Schütt mit herausgestreckter, blau eingefärbter Zunge. Auch davon abgesehen entspricht der 37-Jährige kaum dem gängigen Bild eines Pfarrers. Schütt hat in „seinem“ Gotteshaus eine Lounge eingerichtet und den Altarraum mit Tape Art gestalten lassen. In der Heiligen Nacht legt zwischen Mitternacht und 3 Uhr morgens ein DJ auf.

Auf der Facebook-Seite der Christuskirche kann man folgenden Bericht nachlesen (https://www.facebook.com/christuskircheduesseldorf/?fref=ps_result). Die Antworten des Pfarrers sind kursiv gesetzt:

Sie wirken seit 2013 in der Christuskirche. Was hat sich in der Gemeinde seitdem verändert?

Das kann ich natürlich nur subjektiv beantworten. Ich nehme wahr, dass die Menschen mittleren Alters, die in Oberbilk stark vertreten sind, nun auch mehr in der Kirchengemeinde vorkommen – nicht nur bei den Kuturveranstaltungen, auch in den regulären Gottesdiensten. Es gibt eine Aufgeschlossenheit der Gemeinde, sich zu öffnen und sogar ein wenig zu experimentieren.

Wie erleben Sie den Stadtteil Oberbilk?

Ich kenne Düsseldorf von Kindheit an, Oberbilk war für mich immer wie ein Bermudadreieck. Von Anfang an fand ich es super hier. Es ist so vielfältig und bunt, ich mag den Volksgarten und gehe gerne auf der „Kö“, der Kölner Straße, flanieren. Ich mag es, wenn man das echte Leben, die harte Realität sehen kann und sie nicht hinter Marmor und Chanel verblendet wird.

In dem Viertel leben auch zahlreiche Muslime. Versucht Ihre Gemeinde mit ihnen in Kontakt zu treten?

Wir als Gemeinde tun das nicht aktiv. Die Umbrüche in den Gemeinden, das Schrumpfen, die Fusionen und die daraus resultierenden Umstrukturierungen, nehmen leider die Luft für so etwas. Wir haben ja nicht einmal eine lebendige Beziehung zu den Katholiken oder der jüdischen Gemeinde, was ich sehr bedaure und langfristig gerne ändern würde.

Nun steht Weihnachten vor der Tür. Hochsaison für die Kirchen. Wie viele Arbeitsstunden hat Ihr Heiligabend?

Sehr schwer zu beziffern. Es sind viele Kleinigkeiten, die erledigt werden müssen. Meine Kollegin organisiert zum Beispiel eine Feier für Alleinstehende zwischen zwei Gottesdiensten. Dafür ist total viel vorzubereiten. Ich kümmere mich nebenher um die Projektionen für die Schul- und Heiligabendgottesdienste und die Technik für die „Ruhe nach dem Sturm“.

Wie viele Gottesdienste halten Sie am 24., 25. und 26.?

An Heiligabend zwei plus die Offene Tür von 0 bis 3 Uhr. Am 25. und 26. sind die Kollegen und Kolleginnen dran. Da kann ich auch mal auf die andere Seite vom Tresen.

Sie haben es schon erwähnt: An Heiligabend ist die Kirche von Mitternacht bis 3 Uhr morgens geöffnet. Was erwartet die Gäste vor Ort?

Eine Kirche, die nur mit Kerzen beleuchtet ist. Es wird nicht geredet, es gibt keinen Anfang, kein Ende, kein Programm. Nur Haru Specks legt Vinylplatten auf und sorgt so für einen meditativen, nachdenklichen, berührenden und beruhigenden Sound. Wer möchte, kann eine Kerze anzünden, etwas ins Fürbittenbuch schreiben und so lange oder kurz bleiben wie er/sie will.

Sie schreiben auf Facebook, es falle Ihnen jedes Jahr schwerer, an Heiligabend zu predigen. Warum?

In erster Linie, weil mir Weihnachten theologisch kaum etwas bedeutet. Für mich ist Jesus nicht der Messias, der König, der Heiland, dessen Geburt meine Quasi-Rettung darstellt. Die Bedeutung von Jesus für mein Leben besteht in der Inspiration, wie er die Beziehung zu Gott als Lebensaufgabe verstanden und gelebt hat. Es ist völlig in Ordnung, wenn Christen Jesus als Sohn Gottes und Heiland verstehen. Meines Erachtens ist das eine Interpretation bereits der ersten Christen, aber letztlich sind Worte und Konzepte hier nur Schall und Rauch. Was mich aber wirklich nervt, ist der Jesus-Kitsch, der sich so hartnäckig hält und weit weg führt von dem, was wirklich wesentlich ist. Ich sag’ nur „holder Knabe mit lockigem Haar“…

Wissen Sie trotzdem schon, worum sich Ihre Predigt drehen wird?

Ja. Um die Angst vor dem Islam und den absurden Wunsch, mit abendländischer Leitkultur und christlichen Werten dagegen zu halten. Dabei gibt es gar keine „christlichen“ Werte… ups! Und nun?!

Das Bild zur Christvesper am Heiligabend zeigt Sie mit herausgestreckter, blau eingefärbter Zunge. Was genau wollen Sie damit ausdrücken?

Nix, soll nur ein Hingucker sein.

Wann kommen Sie selber dazu, Weihnachten zu feiern?

Aus oben genannten Gründen lege ich keinen Wert darauf, Weihnachten zu feiern. Ich freue mich eher auf ein paar ruhige Tage bis Silvester.

Haben Sie trotzdem ein Lieblingsweihnachtslied?

Es gibt einige schöne alte Choräle. „Wie soll ich dich empfangen“, „Tochter Zion“ oder „Macht hoch die Tür“ zum Beispiel. Aber die meisten disqualifizieren sich für mich durch den Text.

Viele Menschen haben in diesem Jahr den Vorsatz, ganz oder großteils auf Geschenke zu verzichten.

Ja, zu denen gehöre ich auch. Ich habe mich in diesem Jahr erstmals komplett aus dem Geschenke-Karussell verabschiedet. Mir ist Freiheit, Freiwilligkeit und Spontaneität ein hohes Gut. Das war für mich immer weniger gegeben.

Mal weg von Weihnachten. In der Christuskirche finden seit einiger Zeit auch (Kultur-) Veranstaltungen statt. Wie kam es dazu?

Meine Kollegin hatte in der Passionszeit 2015 die Idee, „7 Wochen ohne Kirchenbänke“ zu machen. Das haben wir umgesetzt und in der Zeit der leeren beziehungsweise mit Stühlen möblierten Kirche entdeckt, was für ein Potenzial in diesem Raum steckt. Den Rest des Jahres haben wir experimentiert. Zum Reformationstag haben wir den Altarraum von einem Tape-Art-Künstler gestalten lassen. An diesem Tag erinnern wir uns an eine wichtige evangelische Haltung, nämlich das „protestantische Prinzip“. Das heißt, wir müssen alles immer wieder auf seine Sinnhaftigkeit und Glaubwürdigkeit hin überprüfen. Gesetze, Riten und Traditionen können ihren Sinn haben, tendieren aber dazu, sich zu verselbständigen. Die Tape Art im Altarraum sollte die gewohnte Symbolik und auch die dahinter stehende Christologie in Frage stellen und anregen, über sein eigenes Jesusverständnis und Gottesbild nachzudenken.

Was fanden davon abgesehen für Veranstaltungen statt?

Drei poetische Abendgottesdienste, verschiedene Lesungen, zwei Pecha-Kucha-Abende vom damenundherren e. V., eine Socialbar vom Gewächshaus Oberbilk, Haru Specks’ Vinylpredigt, ein Konzert mit Klezmer-Musik und Derwisch-Tanz, Gospelkonzerte, ein klassisches Konzert für Orgel und noch mehr.

Wie ist die Resonanz darauf? Gibt es auch kritische Stimmen?

Ich höre viele positive Stimmen. Menschen, die aus guten Gründen der Kirche skeptisch und kritisch gegenüberstehen, nehmen wahr, dass eine Gemeinde nicht nur versucht, einen zeitgemäßen oder hippen Stil nachzumachen, sondern einen Raum eröffnet, in dem sich Authentisches, Anderes ereignen darf, ohne Mittel zum Zweck zu sein. Es gibt sehr wenige Menschen, die damit gar nichts anfangen können oder es sogar falsch finden, dass eine Kirche sich so öffnet. Konstruktiv fand ich eine Kritik, die darauf hinwies, dass Kulturveranstaltungen nicht nur reine Unterhaltung darstellen sollten. Wir wollen als Gemeinde nichts verkirchlichen, aber wir haben den Anspruch, dass Menschen im Raum der Kirche angeregt werden, sich mit existenziellen Fragen, Lebens- und Sinnfragen, Spiritualität, Politik und sozialem Miteinander beschäftigen.

Was ist für die nahe Zukunft diesbezüglich geplant?

Ein Programm für 2016 ist schon so gut wie fertig. Ich empfehle, der Seite facebook/christuskircheduesseldorf zu folgen oder auf der Website christuskirche-duesseldorf.de den Newsletter zu abonnieren. Da werden wir das Programm veröffentlichen. Es wird eine Veranstaltungsreihe entstehen, die im Moment den Arbeitstitel „OFF CHURCH“ trägt.

Warum Kirche auch zum Kino wird

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/warum-kirche-auch-zum-kino-wird-aid-1.5696034: Warum Kirche auch zum Kino wird

Düsseldorf. Der Pfarrer der evangelischen Christuskirchengemeinde Oberbilk/Flingern-Süd erklärt, warum es in dem Gotteshaus an der Kruppstraße auch Filmabende mit Popcorn und Bier gibt und er seinen Job und seine Religion immer wieder auf den Prüfstand stellt. Von Semiha Ünlü

Lars Schütt ist vieles – streitbar, engagiert, tolerant, mutig. Zur Christvesper lud er zum Beispiel auf Facebook mit einem Foto von sich mit ausgestreckter, blaugefärbter Zunge und dem Spruch “Teile meiner Predigt werden die Gemeinde verunsichern”, zur Passionszeit verwandelte er die Kirche in ein Kino.

Herr Schütt, selbst für die evangelische Kirche geben Sie einen eher unkonventionellen Geistlichen ab. Warum wählen Sie diese neuen Formate und auch Inhalte?

Schütt: Um den Menschen, Gott und auch sich selbst näherzukommen, muss man die Dinge manchmal auf den Kopf stellen. Ich muss zum Beispiel für mich immer alles auf Sinnhaftigkeit überprüfen. Schon als Kind habe ich zum Beispiel nicht verstanden, wie Jesus ein menschgewordener Gott sein soll. Das hat Zeit gebraucht, bis ich den Mut fassen und sagen konnte: Das ist nicht mein Jesus-Bild. Er inspiriert mich, aber als Prophet und Rabbi. Auch mit der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist geht es mir so. Das war eine knappe Mehrheitsentscheidung von einigen Bischöfen in der alten Kirche, theologisch hoch umstritten, ist aber konstitutiv geworden.

Sie klingen aufgebracht.

Schütt: Ja, das ist etwas, das mich oft ärgert und beschäftigt: Das selbst in der evangelischen Kirche, die dem protestantischem Prinzip verpflichtet ist, manche Dinge faktisch zu Dogmen geworden sind, und die biblische theologische Vielfalt hinter einem Mainstream verkümmert.

Stellen Sie Ihren Beruf in Frage?

Schütt: Als Kind wollte ich Pfarrer werden, weil mein Vater einer war. Danach setzte aber ein Emanzipieren vom kindlichen Wunsch ein und ein Infragestellen, das bis heute anhält. Fragen wie: Bin ich hier richtig, was die Religion, aber auch den Beruf angeht? Und das ist sehr wichtig, dass man sich diese innere Freiheit behält. Ich kann meine Arbeit nur so lange machen, wie ich innerhalb dieser Religion auf dem Weg, also auf der Suche nach Gott sein kann. Wenn ich merken sollte, dass diese Religion, diese Kirche dabei eher hinderlich als förderlich ist, müsste ich konsequenterweise sagen: Jetzt höre ich auf.

Laufen Sie nicht Gefahr, mit Aktionen wie poetischen Abendgottesdiensten und Kino-Abenden Menschen auf der Suche nach Unterhaltung, nicht aber unbedingt nach Gott und Spiritualität zu erreichen?

Schütt: Oft probiert Kirche solche modernen Formen als Mittel zum Zweck aus. Dann heißt es: Wir müssen was machen, damit wir als Kirche wieder mehr wahrgenommen werden. Wir wollen aber mit einem Format wie dem poetischen Abendgottesdienst nicht den Poetry Slam oder Lesungen verkirchlichen, sondern einen Raum schaffen, der offen ist für die Begegnung von Spiritualität, Tradition und zeitgemäßen Formen. Das gelingt bei den poetischen Abendgottesdiensten schon schön: Ich gebe nichts Theologisches vor, und die Besucher bringen mal mehr, mal weniger Fragen nach Gott und Spiritualität ein. Diese Freiwilligkeit ist mir wichtig, auch theologisch. Vielleicht macht gerade die Freiheit den Erfolg aus: In den Sonntagsgottesdienst kommen im Schnitt 30 bis 60 Menschen, bei den poetischen Gottesdiensten sind es bis zu 70, darunter überwiegend junge.

Wie reagiert die Gemeinde auf die eher unkonventionelle Arbeit?

Schütt: Früher gab es hier eine relativ fromme Tradition, daher auch der Jesus am Kreuz, der in den 1980ern extra hergebracht wurde. Aber es gibt nur eine Handvoll Menschen, die sich schwer tut. Viele lassen sich aufs Neue ein, und das finde ich am Schönsten: dass sich die Älteren, die etwas anderes gewohnt sind, die neuen Sachen anschauen und kritisch begleiten. Und Menschen, die der Kirche kritisch oder distanziert gegenüberstehen, aber ein Interesse an Spiritualität haben, kommen zu den Veranstaltungen und sagen: Es ist schön, so eine Veranstaltung zu haben, die erst mal etwas freier ist, also Freigeist zulässt. Und das ist etwas ur-evangelisches! Im Übrigen bleibt der größte Teil der Gemeindearbeit ja traditionell, etwa die Sonntags-Liturgie. Der Anteil dessen, was meine Kollegen und ich infrage stellen und verändern, ist tatsächlich relativ klein.

Welche Aktionen stehen in diesem Jahr an?

Schütt: Das Presbyterium hat uns den Auftrag gegeben, ein ordentliches Off-Kultur-Programm aufzustellen, um zu schauen, was für ein Potential vor Ort besteht. Wir werden poetische Gottesdienste machen, eine Reihe mit Lesungen und Diskussionen unter dem Arbeitstitel “Off-Church” mit Live- und vor allem Unplugged-Musik. Auf dem Programm steht auch ein Abend mit dem Improvisationstheater Tatendrang und der Besuch des Chors der jüdischen Gemeinde. Wir werden auch klassische Sachen machen: Unser Posaunenchor wird ein Best-of präsentieren.

(Quelle: https://www.facebook.com/christuskircheduesseldorf/?fref=ps_result, Rheinische Post, Düsseldorf, Semiha Ünlü führte das Gespräch)

Mein Hund in die Kirche?

Dieses Gespräch nahm der meinen Lesern bekannte Christ Klaus Hildebrandt zum Anlaß, Pfarrer Schütt einen süffisanten Brief zu schreiben:

Fw: Pfarrer im Rheinland: “Für mich ist Jesus nicht der Messias, der König, der Heiland, dessen Geburt meine Quasi-Rettung darstellt.” 29.01.2016 18:50

(Von Hildebrandt.Klaus@web.de, an lars.schuett@ekir.de, CC Ratsvorsitzender der EKD rv@ekd.de

Sehr geehrter Herr Pfarrer Schütt, lieber Lars,

könnten Sie mir bitte den nächsten Termin für den Popcorn-Abend in Ihrer Kirche mitteilen. Wär’s möglich, auch meinen Hund mitzubringen? Er ist ganz lieb und tut keinem was.

Freundliche Grüße, Klaus Hildebrandt

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30.01.2016

Von conservo

Conservo-Redaktion