Gepfändete Gemeinplätze

(www.conservo.wordpress.com)

Von altmod *)

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Da ist ein nachdenkenswerter Artikel von Max Erdinger auf Jouwatch zu lesen, in dem er sich mit der Aufgebrachtheit der taz ob einer Plakatierungsaktion einer „rechtspopulistischen“ Wählergruppe in Hannover spitzzüngig auseinandersetzt. Da hat sich doch dort jemand erdreistet, „Parolen aus dem Schatzkästchen des linken Betroffenheitsjargons“ – wie Erdinger treffend schreibt – die “exclusiv nur von Linken benützt werden dürfen“, für sich zu okkupieren: „Bunt statt braun“ und „Gesicht zeigen“. Das ist doch tatsächlich auf „rassistischen Wahlplakaten“ zu lesen. Max Erdinger schließt seine Seitenhiebe mit der Feststellung: „Warum … den Linken nicht ihren verlogenen Betroffenheitsjargon entwenden, ihn mit anderen Inhalten füllen – und damit dann die Linken bewerfen? Da steckt Potenzial drin …“

Das sehe ich auch so. Hilfreich ist es aber sicher, sich zunächst ein wenig Gedanken über die Wortherkunft zu machen. „Bunt statt braun“ – dazu hatte ich vor einiger Zeit schon Überlegungen angestellt, die ich hier noch einmal „in Redaktion“ veröffentlichen möchte. Dieser Gemeinplatz wurde nach längerem Vorlauf zu einer der beliebtesten Phrasen (im Kampf gegen Rechts) in der bunten Republik. Da stellt sich die Frage, wer hat eigentlich den Begriff kreiert? Stochert man im Googlehupf herum, findet man als erste Quelle Udo Lindenberg mit seinem Lied und Text von der „Bunten Republik Deutschland“ aus dem Jahr 1989:

Egal ob Du ‚n Italdieser bist, oder ‚n Italjener. Egal, ob Du ´n fescher Deutscher bist, oder ‚n Türke, ‚n schöner, Egal, ob Chinese, ob Irokese, ob Grieche oder Torero, Egal, ob japanischer Sumo-Spezi, oder Fachmann für Bolero. Egal, ob Du ‚n Aficooler bist, oder ‚n Afrikaner. Egal, ob Du ‚n Indoneser bist, oder ‚n Indianer. Ob Kapuziner, Argentiner, Franziskaner oder Franzose, und in seiner bodenlosen Lodenhose hingen seine Hoden lose. Bunte Republik Deutschland, ganze Jumbos voller Eskimos, wie in New York City – richtig schwer was los. Wir steh’n am Bahnsteig und begrüßen jeden Zug, denn graue deutsche Mäuse, die haben wir schon genug. Bunte Republik Deutschland… O müsfik canavar zihnimizin dibikara kuyusunnda uyuyor, bizimle digeri arasinda telörgüden görünmez bir cit örüyor. Bunte Republik Deutschland, Bunte Republik Deutschland…

Dada oder gaga? Beides! Und symptomatisch … Udo Lindenberg hat ein produktives Problem: Er kann in Wirklichkeit nicht richtig singen und texten und muss deswegen ständig Nonsens ins Mikrofon rotzen. Es war danach eine Zeit lang ruhig um die „Bunte Republik Deutschland“. Erst kam die Wiedervereinigung, und es drohte ein „4. Reich“ mit dem möglichen „Aus“ einer „bunten Republik“. Dann durfte man sich in der rot-grünen Ära auf die Benamsung „Multikulti“ kaprizieren. Ein albernes Kunstwort, welches eigentlich nur von beschränkten Gestalten wie Claudia Roth und anderen Polit-Kretins verwendet werden konnte. Allein das Wort fühlte sich schon im Mund nicht gut an, denn es muss immer heftig eingespeichelt werden. Schließlich waren sich sogar führende rote und grüne Soziologen/Politologen (gibt es eigentlich andere?) einig: „Multikulti ist gescheitert!“ – warum auch immer! Also musste eine neue anschauliche Redewendung und Umerziehungsphrase her. Da nachgewiesenermaßen mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Ableben von Adolf Hitler die braune Gefahr in Deutschland exponential zunimmt, war es Zeit, eine neue Verbildlichung zu schaffen. Nachdem die einstige Hansestadt und frühere DDR-Ostseemetropole Rostock in die Gefahr geriet, zu einem „braunen“ Topos zu werden, taten sich dort einige „Mutige und Aufrechte“* zusammen und gründeten 1998 das sog. überparteiliche Aktionsbündnis „Bunt statt braun“. Denn es galt, ohne Unterlass gegen rechts Flagge zu zeigen. Ich zitiere aus der Begründung:

„Der Begriff „bunt“ assoziiert im generellen etwas Positives, Farbenfrohes und Wünschenswertes. Der Begriff vereint positive Aspekte und negiert automatisch Uniformität, Gleichschaltung, Tristesse, Tod und Terror – alles negative Aspekte, die mit den Begriffen „bunt“ und „Multikulti“ nichts gemein haben.“

So kann man verstehen, dass „bunt statt …“ sich in der Alltagsredekunst nicht nur der Polit- und Gutmenschkaste festgeklebt hat. Landauf – landab tritt die Klasse der Wichtigen, der unermüdlichen Volkspädagogen säkularer und geistlicher Provenienz auf, um bunte Fahnen aufzuziehen. Jeder Dorfbürgermeister und seine eskortierenden Kirchenknechte propagieren jetzt ihre Gemeinden als „bunt, tolerant, weltoffen“: beim „Volkstrauertag“, zum Advent und vor dem Glühwein beim Weihnachtsmarkt, bei wärmenden Lichterketten in finstrer Winternacht, im Frühjahr wie im Sommer.

Gehen wir mal zum Terminus technicus „bunt“ über: Da ist Vorsicht geboten! Mit dem Zusammenmischen von gewissen Farben kommt immer „braun“ heraus: „Komplementärfarben sind Blau und Orange, Rot und Grün und Gelb und Lila. Irgendeins dieser Paare zusammenzumischen erzeugt Braunschattierungen.“ (http://de.wikihow.com/Farben-zu-Brauntönen-mischen) Dass eine Beimengung von Schwarz den Farbton noch intensiviert, ist jedem bekannt. Dies zunächst als Warnung an alle Bunt-Bewegten – jeglicher Couleur.

Der anfangs erwähnte Gedanke von Max Erdinger hat was für sich und sollte weiterverfolgt werden. Karl Marx propagierte die „Expropriation der Expropriateure“ – natürlich in einem anderen Kontext. Es ist sicher ein reizvolles Unterfangen, den Linken endlich ihre Phrasen zu pfänden. Voila`!

** Auch so eine Redeblume, die überwiegend linksokkupiert im Gebrauch ist.

*) „altmod“ ist Blogger (altmod.de), Facharzt und Philosoph sowie regelmäßiger Kolumnist bei conservo
www.conservo.wordpress.com   22.08.2016

 

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