Lautlose Opfer – Die unglaubliche Leidensgeschichte einer Südtiroler Familie

(www.conservo.wordpress.com)

Von Peter Helmes

Langjährige conservo-Leser wissen, daß ich mit meiner Familienherkunft weitab von revanchistischen Gelüsten bin. Aber ich sehe es als meine Pflicht an, von Zeit zu Zeit über Geschehnisse zu berichten, die aufgrund der vermeintlichen Selbstverpflichtung zur „political correctness“ weder in unseren Geschichtsbüchern auftauchen noch im Schulunterricht vermittelt werden – und die von den meinungsbildenden Medien sowie erst recht von Politikern gemieden werden.

Für mich ist dieses Verhalten ein Stück liebedienerischer Verleugnung einer wahren und echten Erinnerungskultur.

Dazu gehört auch das leidvolle Kapitel Südtirol – ein Landesteil, der gerade uns Deutschen naheliegen sollte, den wir aber historisch „nicht mehr auf dem Schirm“ haben. Eine Schande! Denn es geht nicht nur um ein äußerst liebenswertes Land, sondern vor allem um ein bedeutendes Stück deutscher und europäischer Kultur!

In diesem Sinne freue ich mich, Ihnen das neue Werk von Günther Rauch vorstellen zu können, das soeben erschienen ist.

Peter Helmes

—–

Eine Stimme für lautlose Opfer

Der sozial engagierte Südtiroler Historiker Günther Rauch war langjähriger Vorsitzender des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes in Südtirol und verfaßte zahlreiche Forschungsarbeiten und Aufsätze über die Südtiroler Sozial- und Arbeiterbewegung. Als Historiker vermittelt er neue Zugänge zur Zeitgeschichte Südtirols durch Erforschung neuer historischer Quellen.

Damit bereichert er die Geschichtsschreibung um neue Fakten und Einblicke. Die kommentierende politische Belehrung der Leser von oben herab – das ist nicht seine Sache. Er läßt Tatsachen sprechen.

Bereits 2018 war seine Dokumentation „Italiens vergessenes Konzentrationslager Campo d’Isarco“ erschienen, 1919 gefolgt von der Dokumentation „KZ Campo d’Isarco: Tagebuch eines Wachsoldaten“. (Herausgeber „Südtiroler Heimatbund“ und „Verein Südtiroler Geschichte“, info@suedtiroler-freiheitskampf.net)

Nun liegt sein neuestes Werk vor, welches gleichzeitig fesselt und erschüttert.

Die Tageszeitung „Dolomiten“ berichtete darüber am 22. September 2020:

Am 23. Oktober 2020 wurde das Buch im Kultursaal St. Michael/Eppan vorgestellt. Aus Österreich war der ehemalige Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer erschienen, welcher als alter Freund des Verfassers ein Vorwort zu dem Buch geschrieben hatte und nun Begrüßungsworte sprach. Auch der Südtiroler Altlandeshauptmann Dr. Luis Durnwalder war zur Buchvorstellung gekommen.

Der Obmann des Südtiroler Heimatbundes (SHB), Roland Lang, sprach nach der Veranstaltung mit dem Altlandeshauptmann Dr. Durnwalder und dem Altbundeskanzler Dr. Gusenbauer und übergab Begrüßungsgeschenke.

In seinem jüngsten Werk gibt Günther Rauch neben einer wissenschaftlich tiefgreifenden historischen Darstellung anhand bislang kaum bekannter Dokumente und Briefe einer betroffenen und vielfach verfolgten Familie einen unmittelbaren Einblick in das tragische Geschehen in Südtirol seit der Landesteilung von 1920. Der Leser, welchem die Geschichte bisher eher abstrakt bekannt gewesen war, sieht sich nun unmittelbar mit einem dramatischen Geschehen konfrontiert, so als ob er dieses selbst miterlebe.

Das Internetportal „Unser Tirol24“ berichtete dazu am 21. September 2020:

„Rauch zeichnet anhand des ungleichen und erschütternden Lebensweges der Geschwister Valentinotti aus Bozen die schweren Wunden nach, welche zwei Weltkriege und Diktaturen im südlichen Alpenland aufgerissen haben. Zwei der sechs Geschwister Valentinotti ist Schreckliches widerfahren. Davon erfuhren der älteste und jüngste Bruder Karl und Fritz Valentinotti.

Karl, ein hochdekorierter Kaiserjäger, wurde seit 1923 von der italienischen Geheimpolizei als „subversiver Pangermanist“ verfolgt. Fritz war Betriebsmanager einer großen Lodenfabrik in Innsbruck. In einen dramatischen Brief an seine Cousine Mariele Walcher-Dibiasi in Bozen schreibt Fritz: ‚Wie Gott will, wir müssen alles ertragen und aushalten … Jetzt heißt es, die ganzen Kräfte zusammenzuhalten, damit wir die Sache durchstehen. Die Nerven sind halt alle sehr angegriffen.‘

Ihr Bruder Stefan, ein Russland-Spätheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg und viele Jahre Steuerbeamter in Eppan, überzeugter Mussolini- und Hitlergegner und leidenschaftlicher Befürworter eines „Freistaates Südtirol“ wurde er 1944 vom NS-Volksgerichtshof in Potsdam zum Tode verurteilt und in Brandenburg-Görden mit dem Fallbeil hingerichtet. Wenige Tage vor seiner Hinrichtung hatte er erfahren, dass seine Schwester Maria in Sappada (Plodn in Friaul-Julisch Venetien) von italienischen, stalinistisch-kommunistisch gesinnten Partisanen misshandelt und ermordet worden war.“

Der Athesia-Verlag, in welchem das Buch erschienen ist, schreibt über das Werk:

Lautlose Opfer – Eine Familie im Kreuzfeuer faschistischer und nationalsozialistischer Willkür.

Die unglaubliche Leidensgeschichte der Geschwister Valentinotti (1918–1945)

Vieles, was zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg an historischen Fakten und Entsetzlichem geschehen ist, wurde in den letzten Jahren durch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen allgemein und dauerhaft zugänglich gemacht. Dennoch blieb und bleibt noch vieles im Verborgenen. Viele dunkle und schmerzliche Kapitel der Zerreißung Tirols, die Hatz gegen alles Österreichische, die seit 1918 geplante Ausrottung der Südtiroler Volkskultur, Option und Aussiedlung der Südtiroler und andere faschistische und hakenkreuzlerische, aber auch rotgardistische Verbrechen hat man verklärt oder ausgeblendet.

Günther Rauch, einer der besten Kenner der schwarzen und braunen Jahre in Südtirol, zeichnet anhand des ungleichen und erschütternden Lebensweges der Geschwister Valentinotti aus Bozen die schweren Wunden nach, welche zwei Weltkriege und Diktaturen im südlichen Alpenland aufgerissen haben. Vier der sechs Geschwister Valentinotti ist Schreckliches widerfahren. Davon erfuhr auch der jüngste Bruder Fritz Valentinotti, Betriebsmanager einer großen Lodenfabrik in Innsbruck. In einen dramatischen Brief an seine Cousine Mariele Walcher-Dibiasi in Bozen schreibt er: ‚Wie Gott will, wir müssen alles ertragen und aushalten … Jetzt heiß es, die ganzen Kräfte zusammenzuhalten, damit wir die Sache durchstehen. Die Nerven sind halt alle sehr angegriffen.‘

Karl Valentinotti, Kaiserjäger und ältester Bruder, wurde als Handelsagent von den Schwarzhemden seit 1923 in einer Proskriptionsliste von rund 500 „subversiven pangermanistischen Elementen“ festgehalten und von den italienischen Geheimdiensten ständig beschattet. Maria und Stefan Valentinotti wurden 1944 wegen ihres Südtirolerseins von unterschiedlich kolorierter Mörderhand gequält und ermordet. Midi wurde von stalinistisch-kommunistischen Partisanen geschändet und auf einem Kartoffelacker in Zopodn (Cima Sappada) unter dem Gesang „Bandiera Rossa“ erschossen. Ihr Bruder Stefan, ein Rußland-Spätheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg, überzeugter Hitler- und Mussolinigegner und leidenschaftlicher Befürworter eines ‚Freistaates Südtirol‘, erfuhr davon im faschistischen Zuchthaus von Brandenburg-Görden in einem Schreiben seiner Ehefrau wenige Tage vor seiner Hinrichtung mit dem Fallbeil durch die Nationalsozialisten. Seine letzten Worte vor seinem Tod waren: ‚… ich hoffe, dass unser Tun und Schaffen durch so viele Jahre hindurch in unserer Heimat, für das Deutschtum nicht umsonst gewesen ist.‘

Das auf jahrelangen Recherchen und wahren Begebenheiten beruhende Buch gibt auch einen einmaligen und lebensnahen Einblick in die Tragödien, die sich in Tirol und Europa von 1914 bis 1945 vollzogen haben. Die Folgen zeigen sich noch heute.“

ISBN: 978-88-6839-509-4
Seiten: 368, fester Einband, Format: 150 x 225 mm, Preis: 29,90 Euro. —–
Das fesselnde Buch ist erhältlich im Athesia-Verlag

*****

(Quelle: http://suedtirol-info.at/die-unglaubliche-leidensgeschichte-einer-suedtiroler-familie/ )

Mit bestem Dank an Herrn Dr. Kümel für den Hinweis / P.H.

www.conservo.wordpress.com     18.11.2020
Über conservo 7859 Artikel
Conservo-Redaktion