Michael van Laack

Von „maßlos fordernder Wicht“ über „Nazihelden-Verehrer“ und „Kriegstreiber“ bis “Held der Faschisten” ist seit Monaten so ziemlich alles dabei, wenn man auf die Reaktionen in den sozialen Netzwerken nach einem Interview oder Tweet des Botschafters der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland schaut. Politiker sind etwas höflicher: „Überzogene Forderungen eines verständlicherweise Verzweifelten.“ lesen wir da. Oder „Wir tun alles, was uns möglich ist. Melnyk ist maßlos und viel zu ungeduldig.”

Zweifellos ist Andrij Melnyk verbittert. In seinem Land sterben Abertausende Menschen. Die genaue Zahl dürfte sich (wenn überhaupt) erst nach dem Ende des Krieges ermitteln lassen. Städte werden dem Erdboden gleich gemacht, Raketenangriffe zwingen die Menschen im ganzen Land immer wieder in die Bunker, die Hauptstadt wurde belagert und bleibt weiterhin Ziel feindlicher Raketen, zivile Objekte geraten zunehmend in den Fokus der russischen Armee. Und dann ist da noch Putin, der in Reden und Aufsätzen (wie Hitler in „Mein Kampf“) fein säuberlich auflistete, welche Gebiete sich Russland neben der Ukraine einverleiben müsse, um wieder zur wahren Größe zu gelangen. Putin, der dem Westen redundant droht; entweder persönlich, durch Außenminister Lawrow oder Regierungssprecher Peskow. Mal offen, mal im Subtext.

Melnyk entsetzt über deutsche Naivität und Kaltschnäuzigkeit

“Ihr diskutiert und zaudert Euch und uns zu Tode”, ruft der Botschafter deshalb im übertragenen Sinn immer wieder in die deutsche Gesellschaft hinein. Und die Bundesregierung glaube, erklärt er mit immer neuen Worten: “Wenn wir nur ein bisschen helfen, wird Putin gnädig sein und nach dem Krieg zeitnah gern wieder Geschäfte mit uns machen. Sollen sich doch die anderen Staaten um die Sicherheitsarchitektur Europas kümmern. Wir geben Geld, das muss reichen. Der Krieg ist ohnehin bald vorbei. Wir säuseln zwar in die Mikrofone, dass die Ukraine ihn nicht verlieren darf, aber letzendlich wäre es für unseren Wohlstand besser, wenn es anders käme. Denn wir brauchen Russland für Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft.

Am Tag des Angriffs auf die Ukraine erklärten mehrere deutsche Regierungsmitglieder Melnyk gegenüber sinngemäß: Ihr bekommt von uns gar nichts, denn unsere Analysten haben erkannt, dass Ihr in wenigen Tagen besiegt sein werdet. – Tja, blöd gelaufen aus Sicht des Schröderfreundes Scholz, des Lawrow-Kumpels Steinmeier! und vieler anderer Genossen inkl. Christian Lindner. Mittlerweile sehen wir den 95. Tag des Krieges mit einer sich (haupsächlich dank den USA und GB) tapfer und effektiv wehrenden ukrainischen Armee.

Honeckers Schrott könnt ihr gern haben

Und so blieb den deutschen Zauderern nichts anders übrig, als nach dem gefühlt hundertsten Telefongespräch von Scholz mit Putin und dem tausendsten Appell, SOFORT die Kriegshandlungen einzustellen, als dann doch msl nachzuschauen, was denn noch so an Kriegsmaterial aus der untergegangenen DDR bei uns oder befreundeten NATO-Staaten vor sich hinschlummerte. Hat auch seinen Vorteil. Dann müssen Deutschland die Dinger nicht für teures Geld entschärfen und verschrotten…

Als dann aber die Ukraine dem viertgrößten Waffenexporteur der Welt eine Liste mit benötigten Geräten samt Munition vorlegte, herrschte erst einmal eisiges Schweigen. Nachdem Melnyk redundant in der Medienöffentlichkeit auf die Anfragen hinwies, sah man sich in Kanzleramt und Verteidigungsminsterium zu der Aussage veranlasst, die Bundeswehr könne leider keine Waffen mehr abgeben, sonst würde ihre eigene Wehrfähigkeit von 20 % auf 0 fallen. Die Bitten der Ukraine, dann doch einfach mal bei deutschen Waffenherstellern nachzufragen, was dort vielleicht auf Lager läge, blieben erneut unbeantwortet bzw. wurden mit Hinweisen auf langwierige Genehmigungsverfahren erst einmal aufs Eis gelegt

Wie auch immer! Nun hat die Ukraine (entweder mit eigenem Geld oder frischen Dollar), selbst moderne Waffen bestellt und die Hälfte bereits geliefert bekommen. Merkwürdigerweise erfolgte die Exportgenehmigung hierzu durch das Wirtschaftsministerium sehr zügig.

Mit Provokationen aus dem Appeasement-Schlaf holen

Zurück zu Botschafter Melnyk und den mehr als nur traurigen Verbalangriffen auf seine Person. Ich erinnere mich an einen alten Witz: “Adolf Hitler, Neville Chamberlain und der polnische Ministerpräsident Felicjan Składkowski saßen am Vorabend des 2. Weltkriegs beim Abendessen. Hitler erklärte ‘Heute gehört mir Deutschland, und morgen die ganze Welt!’, worauf Skladkowski Chamberlain zuflüsterte: ‘Ich habe es Ihnen ja gesagt!’, Der britische Premier wandte sich jedoch freundlich an Hitler und bat: ‘Können Sie das nicht auf übermorgen verschieben? Morgen ist nämlich mein Skatabend!'”.

Die ukrainische Regierung und mit ihr Melnyk als deren Vertreter und Sprachrohr in Deutschland erkennen im Agieren von Scholz und den Seinen die Appeasement-Politik der britischen Regierung zu jener zeit, in der der Zweite Weltkrieg heraufdämmerte. Hitler ließen die Westmächte alles durchgehen. Sowohl die Besetzung des Saargebietes, die Aufrüstung der Wehrmacht, den sogenannten Anschluss Österreichs, die Einnahme des Sudetenlandes, die Zerschlagung der Resttschechei als auch die Provokationen rund um den Danziger Korridor. Alles ließ man laufen, um den Frieden und den Wohlstand (resultierend aus der gerade wieder aufblühenden Weltwirtschaft) zu sichern. Nichts tun was den Diktator provoziert. Maximal kleine Nadelstiche, verbunden mit der Ankündigung eines Pflasters für diese Verletzung, sobald er sich bereiterklärt, seinen Gebietshunger ab sofort wieder einmal einzustellen.

Angst fressen Seele auf

Deutschland, so sieht es die ukrainische Regierung und auch ihr Botschafter, redet viel, wenn der Tag lang ist, aber zögert Entscheidungen und Festlegungen so lange als möglich hinaus. Wohl wissend, dass die Ukraine Tag um Tag weitere Gebiete verliert, die Zerstörung von Städten und Dörfern wächst, immer mehr Menschen sterben und der Exodus kontinuierlich voranschreitet.

Selbstverständlich gibt es zwischen dem Eintritt mancher Staaten in den Zweiten Weltkrieg und dem Krieg des 21. Jahrhunderts auf europäischem Boden einen bedeutenden Unterschied: Die Möglichkeit, Atomwaffen einzusetzen! Aber diese Tatsache darf dennoch niemals bedeuten, dass man folgende Fragen positiv im Sinne Putins beantwortet: Sollte die NATO auf einen Kriegseintritt verzichten, wenn die baltischen Staaten von Russland angegriffen und/oder besetzt würden? Wäre Polen wirklich groß und bedeutend genug, um einen Atomkrieg zu riskieren? Käme, wenn alle Stricke reißen, sogar Deutschland damit klar, seine Osthälfte jenseit der alten Mauer abzugeben? Ist ohnehin erst seit 30 Jahren wieder unser Staatsgebiet. Hauptsache, wir provozieren den Friedensfürsten in Moskau nicht. – Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber.

Euer Blut komme über uns und unsere Kinder. Lässt sich ja wieder abwaschen!

Selbstverständlich dürfen wir Deutschen nicht unmittelbar militärisch in den Ukrainekrieg eingreifen oder in anderer Form aktiv eskalieren. Aber wir dürfen uns auch nicht von Angst leiten lassen. Denn Putin, sein inner circle und viele andere Entscheider in Russland wissen genau, dass ein Atomkrieg auch das ihnen heilige Russland zerstören würde. Wer zuerst auf den Knopf drückt, stirbt als Zweiter. Doch der Mensch will leben. Auch Putin! Selbst dann, wenn es sich bei dem Gerücht, er sei totkrank, nicht um ein lanciertes Fake handeln würde, dass ihn für den Westen noch unberechenbarer erscheinen lassen soll.

Eine Frage, die sich Deutschland aber auch stellen muss: Wollen wir „notfalls“ bis zum letzten Ukrainer das Blut dieses Volkes über uns kommen lassen? Würden wir uns in der aktuellen Abhängigkeitssituation und unter Berücksichtigung der Deeskalations-Maxime der Ampel sogar nach einem zugegebenerweise eher unwahrscheinlichen Einsatz biologischer oder chemischer Waffen und dem aktuell als unrealistisch geltenden Szenario taktischer Atomschläge auf dem Gebiet der Ukraine weiterhin Gas und seltene Erden liefern lassen, um Infrastruktur und wohlstand nicht zu gefährden? Andrij Melnyk fürchtet, dass es so kommen könnte. Die Schmerzgrenze von Olaf Scholz jedenfalls wäre schon heute eine Freude für jede Domina in einem SM-Studio.

Ja, Deutschland nimmt Hunderttausende Flüchtlinge auf. Das ist allerdings das Mindeste, was wir tun können. Doch die Wohltäter- und Banker-Rolle reicht nicht aus! zumindest nicht, solange die Bundesregierung dem Krisenverursacher nahezu ungestraft erlaubt, immer und immer wieder neue Erfolge zu erzielen und neues Leid zu schaffen, gar diesen Kriegsterror wegen eigener Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte weiterhin brav weiterhin devot mitzufinanzieren.

Ich weiß nicht, was in einigen Jahrzehnten über Deutschland zu diesem dunklen Kapitel europäischer Geschichte in den Lehrbüchern stehen wird. Doch fürchte ich, es wird einmal mehr wenig Gutes sein.

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