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(Peter Helmes) Russland und die Ukraine stehen gemeinsam für fast 30 Prozent der globalen Getreideexporte, bei Sonnenblumenöl sind es sogar 75 Prozent. Jetzt aber drohen Millionen Tonnen Weizen in ukrainischen Silos zu verderben, weil Russland die ukrainischen Häfen blockiert. Hier muß ein internationaler Einsatz Abhilfe schaffen, beispielsweise durch Eskorten für Schiffe. Der globale Lebensmittelhandel muß gestärkt und diversifiziert werden – alles andere vergrößert nur den Hunger.

Afrika droht die totale Krise

Dies hat insbesondere Folgen für afrikanische Länder. Was wir dort gerade erleben, ist eine Verkettung unglücklicher Umstände, ein lebensgefährlicher Cocktail aus Klimawandel, Pandemiefolgen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Jetzt erschwert auch noch der Krieg in der Ukraine den Export von Getreide und Speiseöl, und jeder zusätzliche Preisanstieg stürzt weitere Millionen Menschen in die Armut. Viele Jahre lang bewegte sich vieles in die richtige Richtung, stieg die Zahl der Menschen, die in einer Demokratie lebten, gab es weniger bewaffnete Konflikte und sank die Zahlen der Armen. Jetzt aber wendet sich der Trend – und Afrika droht damit die totale Krise.

280 Millionen Menschen von Hunger bedroht

Schon jetzt sind vor allem in der Sahelzone und am Horn von Afrika viele Kinder von den Folgen der unsicheren Lebensmittelversorgung betroffen. Es nützt aber wenig, immer nur fehlenden Spenderwillen zu beklagen, zumal manche Krisen auch durch die Entscheidungen nicht legitimierter Politiker verschärft worden sind. Auch sind die internationalen Spender und Hilfsorganisationen natürlich wichtig, aber sie knüpfen ihre Unterstützung immer wieder an Forderungen, die nicht unbedingt den Bedürfnissen des „schwarzen Kontinents“ entsprechen.

Afrika muß daher primär seiner eigenen Agenda und nicht der eurozentrischen Logik folgen. Das aber bedeutet, endlich gegen die Ursachen der Probleme vorzugehen – und dazu gehören Analphabetismus, Ethnozentrismus, schlechte Regierungsführung, Populismus, religiöser Radikalismus und fehlende Teilhabe.

Jeder aufmerksame Beobachter weiß, daß eine Reihe der afrikanischen Volkswirtschaften in letzter Zeit Schwierigkeiten hatte, in Fremdwährung aufgenommene Schulden zu bedienen – vor allem, weil die Rohstoffpreise und die lokalen Währungen seit dem Ausbruch der Pandemie eingebrochen sind. Der Krieg in der Ukraine hat die Lage noch verschärft. Sambia konnte vor kurzem nicht mehr Eurobonds in Höhe von 42,5 Millionen Dollar zurückzahlen und ist damit das erste afrikanische Land, das seit Ausbruch der Krise seine Schulden nicht mehr bedienen kann. 135 von 148 Ländern weltweit sind kritisch verschuldet, mehr als dreimal so viele wie vor der Corona-Pandemie.

Innerhalb weniger Monate Verdoppelung der Hungerleidenden

Die Ernährungssituation für Kinder ist in vielen Ländern Afrikas verheerend. Die wenigsten Familien haben Zugang zu medizinischer Versorgung oder sauberem Wasser. Über 280 Millionen hungern auf dem afrikanischen Kontinent – vor allem in Hotspots wie Südsudan, Äthiopien und Nigeria. In diesen Ländern droht in diesem Jahr eine Hungersnot. Millionen Menschen dort sowie in Ländern wie Somalia sind akut vom Hungertod bedroht, darunter zahlreiche Kinder. Seit dem letzten Jahr (2021) hat sich in der Region die Zahl der Hungerleidenden von zehn Millionen auf über 23 Millionen mehr als verdoppelt. Die Vereinten Nationen warnen, dass allein in Somalia 350.000 Kinder verhungern könnten, wenn die internationale Gemeinschaft nicht schnell reagiere. Etwa vier Milliarden Dollar seien für die Soforthilfe nötig. Der Hunger kommt selten allein: Krankheiten wie Aids, Malaria, Cholera und zuletzt die Corona-Pandemie sind besonders verheerend, wenn Kinder schon ausgezehrt und kraftlos sind.

Schluß mit der Seehäfen-Blockade durch Russland!

Wegen des russischen Angriffskriegs werden in diesem Jahr in der Ukraine große Verluste bei der Weizenernte befürchtet. Auch beim Transport von Getreide braucht das Land Unterstützung. Die Lage ist sehr ernst; denn die meisten Seehäfen des Landes sind blockiert. Deshalb müßten die Schwarzmeerhäfen entsperrt und nach logistischen Alternativen gesucht werden – über den Landweg, über die Schiene, über die Donau und über die baltischen Ostsee-Häfen. Deshalb muß der Hafen von Odessa gesichert werden, er darf nicht fallen.

Der jetzt veröffentlichte Aktionsplan der Europäischen Kommission ist zwar begrüßenswert und wichtig, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Er sieht verschiedene Maßnahmen vor, um in den nächsten drei Monaten zunächst 20 Millionen Tonnen Getreide auf dem Landweg aus der Ukraine zu exportieren. Das Getreide wird dringend auf dem Weltmarkt benötigt, und die Ukraine braucht die dann freiwerdenden Silos für die kommende Ernte.

Es sind Menschen in Not, die das Getreide benötigen – und das sind keine Kriegsgüter. Hunger als Kriegswaffe einzusetzen, indem der Getreide-Export durch eine Blockade der Häfen verhindert wird, ist nicht nur zynisch und brutal, sondern Mord.

Nachtrag von Michael van Laack: Die drastische Überschrift stammt aus meiner Feder. Wer sich an ihr stoßen sollte, möge seinen Unmut bitte vor meiner “Tür” abladen und nicht vor Peters.

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