Dieter Farwick, BrigGen. a.D.*

Um diese Frage zu beantworten, bedarf es einer großen Glaskugel, die aber vernebelt ist. Putin hat sich verzockt. Aus seinem Blitzsieg ist ein Stellungskrieg geworden – oder ein Abnutzungskrieg, der beide Kontrahenten mehr gekostet hat, als sie ursprünglich gedacht hatten.

Beide Seiten nutzen den Stellungskrieg zum Ersatz des verlorenen Personals und von Waffen und Gerät sowie für eine Umgliederung seiner Kräfte und zu deren Ausbildung an neuer oder instandgesetzter Ausrüstung. Dabei darf die Ruhe für die abgekämpften Truppenteile und deren medizinische Behandlung nicht vergessen werden.

Es wird ein „neuer Krieg“

Der „Sieger“ wird Verhandlungen aus einer Position der Stärke anstreben, um ein vorzeigbares Ergebnis seiner jeweiligen Bevölkerung vorweisen zu können und das Vertrauen, das verloren wurde, wieder herzustellen. Stärken und Schwächen der ersten Monate werden beide Seiten sorgfältig analysieren und umsetzen. Das gilt für eigene Truppen, aber auch für den Feind.

Vorteile eines Stellungskrieges

Ein Stellungskrieg bietet „Freund und Feind“ die Chance, die Verluste der ersten Monate auszugleichen sowie Strategie und Taktik zu überprüfen. Putin – Russland – hat die Anfangskrise versemmelt. Die Führung und die Truppen haben  sich der Ukraine gegenüber überschätzt. Die Qualität der Truppen war deutlich schlechter als erwartet. Die Führung auf der taktischen Ebene war schwach. Die Verluste an Menschen und Waffensystemen waren unerwartet hoch.

Putin befahl Generalmajore an die Front, was zum Tod von rd. 8-10 Generälen führte. Die beweglichen Befehlsstellen wurden leichte Opfer der ukrainischen Artillerie und der Kampfdrohnen, da deren Befehlsstellen leicht zu erkennen und gezielt zu bekämpfen waren. Unerfahrene Führer brachten nicht die erhofften Erfolge. Ein Personalkarussel in der Generalität wurde von Putin in den höchsten Kommandostellen in Gang gesetzt sogar bis zum Oberbefehlshaber für Ukraine – ohne erkennbare Erfolge.

Im laufenden Gefecht sind Führungsfehler nicht schnell auszumerzen

Im Stellungskrieg gibt es die Möglichkeit, Führungen auszutauschen und Verluste an Personal und Material auszugleichen. Allerdings hat der Ersatz nicht immer die gewünschte Qualität. Es war auffällig, dass z.B. die Kampfpanzer deutlich älter und waffentechnisch schlechter waren und leichter auszuschalten als moderne Panzer, die eine bessere Panzerung und Bewaffnung haben.

Die „Rettung“ in diesem Chaos war die russische Artillerie, die eine zehnfache Überlegenheit gegenüber der ukrainischen Artillerie hatte. Ihre Reichweite war deutlich weiter als die der ukrainischen Artillerie und auch der ersten „Artilleriegeschütze“ aus dem Westen. So konnten die westlichen Artilleriegeschütze die russischen Geschütze nicht erreichen und nicht zerstören.

Diese russischen Geschütze blieben in der Tiefe ungefährdet

Diese späte Erkenntnis konnten ukrainische Drohnen oder Kampflugzeuge nicht mehr umsetzen. Die russischen Artilleriegeschütze konnten mit dieser Realität ohne Gefahr die ukrainischen Dörfer und Städte in Schutt und Asche bomben – mit massiven Verlusten für die ukrainische Bevölkerung und ihre Infrastruktur. Es bleibt zu hoffen, dass die massive Bombardierung der zivilen Infrastruktur ein Fall für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag sein wird.

Die Verluste an Menschen und Waffensystemen halten sich in Grenzen

Die Ukraine und ihre Streitkräfte – hervorragend unterstützt durch eine opferbereite Zivilbevölkerung – verteidigen ihr Land und ihre Angehörigen. Sie fühlen sich im Recht, die Invasoren aus ihrem Vaterland zu vertreiben. Sie werden von der Bevölkerung in der Feindaufklärung und in der Logistik Tag und Nacht unterstützt. Die Bevölkerung schaufelt Gräben – für geschützte Verbindungen und Kampfstellungen. Sie erschwert Orientierung und Kommunikation des Feindes. Sie kämpfen im eigenen Land. Die brutalen Angriffe der russischen Streitkräfte gegen die ukrainische Menschen und deren zivile Infrastruktur stärken ihren Widerstandswillen.

Ein solcher ziviler Widerstand wäre in Deutschland nicht vorstellbar!

Die deutsche Bevölkerung ist durch die russische „hybride Kriegsführung“ psychisch und moralisch angeschlagen. Ob die deutsche Bevölkerung im Laufe eines längeren Krieges in der Lage wäre, einen wirksamen Widerstand zu entwickeln, ist für mich unwahrscheinlich. Besonders die jungen Menschen sind durch die Politik unter Angela Merkel psychisch und moralisch „entwaffnet“ worden. Sie wurden „gepampert“ und von Krisen verschont.

Sie haben den „Frieden“ genossen, selbst Naturkatastrophen wie an der Ahr wurden hingenommen, Die Landespolitik in den betroffenen Bundesländern hat kläglich versagt. Die verantwortlichen politischen Führer sind mit wenigen Ausnahmen noch heute in Amt und Würden. Schuldgefühle sind nicht erkennbar. Eine kritische Analyse des Regierungsversagens im Bund und in zwei betroffenen Bundesländern lässt auf sich warten.

Wer kann einen längeren Krieg gewinnen?

Das wird eher der Seite gelingen, die die richtigen Lehren aus den ersten Kriegsmonaten gezogen und umgesetzt hat. Ein wichtiges Thema ist die Artillerie. Sie war ein wichtiger Faktor auf beiden Seiten. Zahlenmäßig war die russische Artillerie bei der Munition und in der Reichweite der ukrainischen Artillerie deutlich überlegen. Zudem verzögerten sich Ausbildung der „westlichen“ Artillerie und Anmarsch der westlichen Systeme. Kampfdrohnen hatten nicht die Reichweite, um die russischen Stellungen in der Tiefe zu erreichen. Die Luftwaffe der Ukraine hatte keinen erkennbaren Einfluss auf die russische Artillerie im „close air support“, weil sie keine Joint Operations – Zusammenarbeit zwischen Luftstreitkräften – beherrschten.

Die Artillerie wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen

Die Ukraine muss die russische Artillerie auch durch „Special Operations“ zum häufigen Stellungswechsel zwingen, weil sich dadurch die Schießzeiten der russischen Artillerie verringern. Eine wichtige Rolle kann auch „Elektronische Kampfführung“ spielen, wenn sie Führungsverbindungen der russischen Artillerie lähmen oder zerstören kann.

Wenn es der russischen Artillerie gelinge sollte, ihre große Überlegenheit zu sichern, wird es der Ukraine sehr schwer fallen, aus dem Stellungskrieg wieder zu begrenzten Überraschungsangriffen fähig und erfolgreich zu sein. Bei allen zahlenmäßigen Vergleichen von Waffen und Gerät wird zu häufig übersehen, dass der Mensch die Entscheidung bringt. Generäle und Offiziere müssen fähig und bereit sein, ihre Untergebenen im Gefecht zu führen.

Unteroffiziere müssen lernen, über Fachkenntnisse und moderne Menschenführung das Gefecht der kleinen Gruppen im Rahmen der Auftragstaktik zu gewinnen. Die Zivilbevölkerung muss den Behauptungs- und Verteidigungswillen der Soldaten stärken – und umgekehrt. Der Kampf im eigenen Land kann so außerordentliche Kräfte freisetzen. So kann David gegen Goliath gewinnen – auch durch überlegene Kampfmoral, Tarnung und Täuschung, aber nicht durch Kriegsverbrechen.

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*) Brig. General a.D. Dieter Farwick wurde am 17. Juni 1940 in Schopfheim, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Abitur wurde er im Jahre 1961 als Wehrpflichtiger in die Bundeswehr eingezogen und anschließend Berufssoldat. Einen Höhepunkt seiner Karriere bildete die Tätigkeit im Planungsstab von Bundesverteidigungsminister Dr. Manfred Wörner, wo er vier Jahre an der Schnittstelle Politik-Militär tätig war. In den 90er Jahren fand er über vier Jahre als Operationschef im damaligen NATO-Hauptquartier Europa-Mitte Verwendung und war maßgeblich an der Weiterentwicklung des NATO-Programmes ´Partnership for Peace` beteiligt. Schon während seiner Dienstzeit verfasste Farwick mehrere Bücher und andere Publikationen zu Fragen der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte. Im „Ruhestand“ engagierte er sich viele Jahre als Chefredakteur eines Newsservice für sicherheitsrelevante Themen und organisiert heute noch Tagungen zu diesem Thema an renommierten Instituten.

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