Benedikt Baur OSB*

Es ist die klare Lehre der Offenbarung, dass ein Teil der guten Engel ein weitgehendes Schützeramt über den Menschen ausübt. Von den Kindern sagt der Herr: „Ihre Engel im Himmel schauen immerfort das Angesicht Meines Vaters, der im Himmel ist“ (Matth 18, 10). Deshalb wehe dem, der einem solchen Kinde Ärgernis gibt.

Und nicht bloß die Kinder, sondern jeder Getaufte – er ist ja Kind Gottes – und überhaupt jeder Mensch – denn jeder ist dazu berufen, ein Kind Gottes zu werden – hat seinen Schutzengel. Diese Engel alle „sind helfende Geister für die, welche die Erbschaft des Heils erwerben sollen” (Hebr 1, 14). Für alle gelten die trostvollen Worte des Psalmisten: „Seinen Engeln hat Gott befohlen, dass sie dich hüten auf allen deinen Wegen” (Ps 90, 11). Wohl feiert die Kirche im Laufe des Kirchenjahres Feste zu Ehren einzelner Engel. Heute aber kommen alle die Engel in Betracht, denen Gott das Schützeramt über die einzelnen Menschen übertragen hat. Sie heißen Schutzengel.

Gott verleiht den Engeln die Autorität, in seinem Namen zu schützen!

2. „O Gott, du sendest in Deiner unsagbar weisen Vorsehung voll Huld Deine heiligen Engel zu unserem Schutz“ (Oratio). „So spricht Gott der Herr: ‚Siehe, Ich sende Meinen Engel, dass er vor dir hergehe, dich auf dem Wege behüte und dich an den Ort führe, den Ich bereitet habe. Achte auf ihn und höre auf seine Stimme. Glaube nicht, ihn missachten zu dürfen. Denn Mein Name (Meine Autorität) ist in ihm“ (Lesung). Wahrlich, eine einzigartige gütige Vorsehung und Sorge Gottes um uns, Seine Kinder! „Seine Engel hat ja Gott zu deinem Schutz befohlen: sie sollen wachen über dich auf allen deinen Wegen. Auf ihren Händen sollen sie dich tragen, dass nicht an einem Stein sich stoße dein Fuß” (Ps. 90, 11; Graduale).

„Die höchste Majestät befiehlt Seine Engel, jene erhabenen, seligen Wesen – Seine Diener und Hausgenossen – zu deinem Schutz. Wer bist du? Was ist der Mensch, dass Du, O Gott, seiner gedenkest? Was ist er anderes als Elend? Zu deinem Schutze hat Er Seine Engel befohlen. Wie, wenn du ihn sehen würdest, ihn hören, ihn berühren könntest?“ (HI. Bernhard, Lesungen der Matutin). Wir erneuern heute unseren Glauben an den heiligen Schutzengel an unserer Seite. Wir glauben an die Vorsehung Gottes über uns und übergeben uns ihr mit ganzem, unerschütterlichem Vertrauen. Wir danken Gott und Seinem Engel, dem wir anvertraut sind.

„Deinetwegen hat Gott seinen Engeln geboten.”

Ein ergreifendes Schauspiel bietet sich uns, wenn wir in den heiligen Schriften verfolgen, was Gott durch Seine Engel an der Menschheit getan hat. Überall greifen Engel ein. Auf allen Wegen der Völker und Nationen wie der Einzelnen wandeln sie mit den Menschen – schon von den ersten Tagen der Menschheit an. Überall wirken sie als Diener und Boten des Allerhöchsten, helfend, erleuchtend, mahnend, sehnend, warnend, strafend. Sie bringen dem Menschen Botschaft von Gott und künden ihm die Ratschlüsse des Allerhöchsten. Insbesondere umgeben sie den menschgewordenen Gottessohn. „Ich sage euch, von nun an werdet ihr den Himmel offen und die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen sehen” (Joh. 1, 51).

Darum können wir Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt nur in Gemeinschaft der Engel feiern. Sie stehen an der Wiege und am Grabe des Herrn und gehören zum Inhalt der großen Geheimnisse des Herrn, des Hauptes der Kirche. Deshalb gehören sie auch zu uns, den Gliedern. Sie wachen brüderlich über unser leibliches Dasein und schützen uns vor Unglück und Gefahren. Sie hüten unser geistliches Leben: sie erleuchten und beraten uns, sie räumen sorglich diesen und jenen Anstoß aus dem Wege, sie stehen uns bei in den Versuchungen, sie trösten uns, sie weiten unser Herz zum gläubigen, sicheren Vertrauen, schaffen in uns Frieden und Freude. Sie bringen unsere Gebete vor Gott, unterstützen sie und vermitteln uns Gottes Gnade und Segen. Sie „tragen dich auf ihren Händen“.

Wir bemerken die Hilfe unserer Schutzengel nur selten

3. „Auf ihren Händen tragen sie dich, dass nicht an einem Stein sich stoße dein Fuß” (Ps 90, 12). Wie einen teuren Schatz, den Gott ihnen anvertraut hat, tragen sie uns auf ihren Händen. Wie die älteren Geschwister die jüngeren tragen und hegen, so behüten uns unsere Engel, bis sie uns glücklich ins Vaterhaus heimgebracht haben. Erst dann, wenn sie uns sicher an den vielen Abgründen vorbeigetragen haben, die sich an unseren Lebenswegen auftun; wenn sie uns durch alle Gefahren hindurchgerettet haben und wir glücklich daheim sein werden beim Vater im Himmel, erst dann wird es uns aufgehen, was wir ihnen verdanken.

„Sie schauen immerfort das Angesicht Meines Vaters“ (Evangelium). Sie schauen das Angesicht Gottes zu ihrer eigenen Beseligung; sie schauen es auch zum Dienst an uns und zu unserem Wohl. In der Schau Gottes sehen sie Gottes Ratschlüsse über uns. Aus dieser Schau holen sie das Licht, die Kraft und die nimmermüde Liebe, mit der sie sich um uns sorgen und uns dienen. Sie sehen, wie teuer wir dem Vater im Himmel sind. Darum sind wir auch ihnen so teuer.

Jeder Mensch hat seinen Engel, auch wenn er für sein Leben die Gottesferne gewählt hat

Auch der Mitmensch, jeder unserer Brüder und Schwestern in Christo, auch wenn er selbst gefehlt haben und in die Irre gegangen sein sollte, hat seinen Engel, der sich um ihn bemüht und sich seiner annimmt. Dies zugleich uns zum Vorbild, auf dass auch wir dem Bruder in Christus ein helfender, liebender Schutzengel seien!

Wir danken heute unserem heiligen Engel für seine Führung, seinen Schutz, seine Sorge, sein Gebet für uns.  „Engel Gottes, mein Beschützer, dem Gottes liebende Sorge mich anvertraut hat: erleuchte, beschütze leite und führe mich.“

Tagesgebet der Kirche

O Gott, Du sendest in Deiner unsagbar weisen Vorsehung voll Huld deine heiligen Engel zu unserem Schutz. So gewähre uns denn auf unser demütiges Flehen die Gnade, dass wir unter ihrem Schutz allzeit bewahrt seien und uns ihrer Gemeinschaft ewig erfreuen. Amen.

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*Der Text ist dem vierten Band (Liturgische Betrachtungen zu den Festen der Heiligen des Römischen Meßbuchs) des Werkes “Werde Licht!” – Benedikt Baur OSB, Freiburg, 1956 – entnommen. Antiquarisch ist das Werk (vier Bände) aktuell in verschiedenen Auflagen zum Preis von € 40 bis 50 im mittleren und ca. € 100 im guten bis sehr guten Zustand erhältlich.

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Von conservo

Conservo-Redaktion