Gretchenfrage: Cherson, Scheinsieg für die Ukraine oder Kriegswende?

Ukrainer versammeln sich in der Innenstadt von Cherson, um die Rückeroberung ihrer Stadt zu feiern. Foto: Yevhenii Zavhorodnii/AP/dpa

Peter Helmes

Vorsichtiger Optimismus nacht sich in Kiew breit. Russland hat den Abzug seiner Truppen aus dem südukrainischen Cherson nach eigenen Angaben abgeschlossen. Alle Soldaten und sämtliches militärisches Gerät seien auf das östliche Flußufer des Dnipro verlegt worden, zitieren russische Nachrichtenagenturen das Verteidigungsministerium in Moskau. Nach Korrespondentenberichten wurde auf dem Gebäude der örtlichen Gebietsverwaltung wieder die ukrainische Flagge gehißt.

Dabei hatte Cherson zu den wenigen Trümpfen gehört, die sich die russische Armee in bald neun Monaten des Krieges geholt hatte. Mehr noch: Putin hatte die südostukrainische Region Ende September zusammen mit drei anderen besetzten Gebieten in die Russische Föderation einverleibt.

„Russland für immer“

…stand auf Plakaten in der Stadt. Cherson sollte nur der Anfang sein, um westwärts in Richtung Mikolajiw, Odessa und der abtrünnigen moldauischen Region Transnistrien vorzustoßen. Diese Träume haben sich schon länger als vorläufig unerreichbar erwiesen.

Nach dem Scheitern des Vormarschs auf Kiew und dem Rückzug bei Charkiw gilt der Abzug aus Cherson als weitere militärische Niederlage Russlands. Kremlsprecher Peskow teilte jedoch laut Nachrichtenagentur Interfax mit, die Region Cherson bleibe weiterhin russisches Staatsgebiet.

Der exzentrische Vizechef der Okkupationsverwaltung von Cherson, Kirill Stremousow, der mit esoterisch angehauchten Auftritten über seine Liebe zu Russland Aufsehen erregt und bis zuletzt jede russische Rückzugsabsicht geleugnet hatte, sollte ebenfalls weniger zitiert werden. Am Mittwochnachmittag (9.11.) verbreitete sich die Nachricht, Stremousow sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Um die Umstände rankten sich sofort Gerüchte – manchen Kommentatoren schien diese Schicksalswendung allzu auffällig. Noch am Abend verlieh ihm Putin postum einen Orden.

Die meisten Russen verbinden mit Cherson nichts

Cherson als solches interessiert die meisten Russen kaum. Die Einverleibung der Region in die Föderation war im Volk von keinerlei Enthusiasmus begleitet. Die vorgeschobene, an Zynismus kaum zu überbietende Erklärung Schoigus und Surowikins, das Leben der russischen Armeeangehörigen stehe stets an oberster Stelle, dürfte zwar kaum für bare Münze genommen werden. Aber jeder abgesagte sinnlose Kampf ist für die Angehörigen der eingezogenen Reservisten eine Erleichterung.

Allerdings kann auch die „bewährte“ russische Propaganda den Mißerfolg nicht wirklich übertünchen. Das dürfte in einem Teil der Gesellschaft den aus Umfragen hervorgehenden Wunsch nach einer schnellen Beendigung des Krieges verstärken und den Unmut über die Verwerfungen vergrößern, die die vergangenen Monate gebracht haben. Auch der Kreml könnte nach Medienberichten darauf spekulieren, den Rückzug aus Cherson zur Demonstration von Verhandlungsbereitschaft zu nutzen.

Früh erobert und schlampig gesichert

Cherson stand seit dem sechsten Kriegstag unter russischer Kontrolle und war wochenlang umkämpft. Das Gebiet wurde Ende September offiziell von Russland annektiert und die Stadt zu Propagandazwecken mißbraucht – als Musterstadt, in der die Bewohner lt. russischer Propaganda Schlange nach russischen Pässen standen und in den Schulen nach neuen Lehrplänen auf Russisch unterrichtet wurde.

Die jetzigen fröhlichen Bilder der von Besatzern befreiten Städte gehören dagegen zu den schönsten Augenblicken der Geschichte. Auch wenn das Ausmaß des Jubels mit dem der Feierlichkeiten in Paris oder Amsterdam im Zweiten Weltkrieg nicht zu vergleichen ist, kann man im Lachen und Weinen, in den Gesängen oder in den erhobenen Fäusten ein ähnliches Gefühl der Wiedergutmachung für ein Unrecht und der Wiedererlangung der Würde wahrnehmen.

Zeigt sich ein neuer Realismus bei den Russen?

Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn sind Putins Generäle offenbar bereit, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. An einem solchen Realitätssinn hat es in den vergangenen Monaten gemangelt. Für die Ukrainer ist die bevorstehende Übernahme der Stadt dagegen ein großer militärischer Erfolg. Aber mittelfristig könnte die realistischere Linie der Russen zum Problem für die Ukraine werden.

Die Ukraine hat Putin dazu gezwungen, zumindest aus militärischer Sicht ausnahmsweise das Richtige zu machen. Womöglich trägt das dazu bei, daß sich interne Putin-Kritiker vorerst weiterhin zurückhalten und der Krieg sogar verlängert wird. Das einzig Richtige bliebe am Ende aber freilich immer noch der komplette Rückzug Russlands aus der Ukraine. Vielleicht kann Putin aber auch dazu noch gezwungen werden.

Doch bleiben wir realistisch: Trotz des jetzigen Teilabzugs ist die Ukraine einem Frieden nicht näher gerückt. Putin wird seinen Krieg einfach an anderen Abschnitten fortsetzen. Der Kreml stellt sich auf den Standpunkt, daß es Friedensverhandlungen nur auf der Basis der von ihm willkürlich gezogenen neuen Grenzen geben könne. Das ist kein glaubwürdiges Angebot. Solange dies so bleibt, werden die Ukrainer weiter auf die militärische Karte setzen müssen. Sie verdienen dabei die volle Unterstützung des Westens.

Eine heftige Niederlage, aber kein verlorener Krieg

Der Rückzug der russischen Truppen aus Cherson ist eine riesige militärische Schlappe für die Führung in Moskau. Die Pläne, die Ukraine vom Schwarzen Meer abzuschneiden, kann der Kreml begraben. Die Befreiung Chersons ist gewiß ein wichtiger Erfolg für das internationale Ansehen der Ukraine. Und vor allem ein Signal an die Verbündeten, daß sich ihre Investitionen in Waffen und Nachschub auszahlen, und ein Beweis dafür, daß dieser Krieg gewonnen werden kann. Die ukrainische Armee, die von Verbündeten ausgerüstet und ausgebildet wurde, ist an ihren Aufgaben gewachsen.

Dieser Krieg kann offensichtlich nur dadurch beendet werden, daß Russland ihn verliert – und die Ukraine ist durchaus in der Lage, diese Niederlage herbeizuführen. Die Aufgabe der Verbündeten Kiews besteht darin, das Land weiterhin durch umfangreiche materielle und wirtschaftliche Hilfe in die Lage zu versetzen, Widerstand zu leisten.

Das ukrainische Militär ist zwar vorsichtig optimistisch. Die Russen ziehen sich zurück, verminen die Straßen und zerstören Brücken. Aber die Ukrainer bleiben mißtrauisch. Denn es gibt Berichte, daß sich russische Soldaten in Zivil auf Straßenkämpfe vorbereiten. Außerdem stehen am anderen Ufer des Dnipro 40.000 Soldaten. Und Mißtrauen ist immer angebracht.

“Umgruppierung” – So formulierte auch das OKW nach Stalingrad

Der Rückzug wurde mit dem Schutz russischer Soldaten begründet. Wenn es tatsächlich um Menschenleben geht, sollte Russland diesen Invasionskrieg sofort beenden. Wahrscheinlich handelt es sich also eher um einen strategischen Rückzug. Oder spricht eigentlich überhaupt etwas dafür, daß der russische Rückzug aus Cherson ein rein taktisches Manöver sein könnte?

Vielmehr hat der Kreml eine durchaus logische Entscheidung getroffen, wenn er seine Truppen aus Cherson abzieht und am östlichen Dnipro-Ufer neu formiert. Ukrainische Verbände haben die Stadt seit Beginn der Großoffensive beschossen und praktisch von der Umwelt abgeschnitten. Zwar sollte man auch nicht zu früh in Jubel ausbrechen, und auch die ukrainische Regierung mahnt zur Geduld. Aber die russische Entscheidung hat eine enorme symbolische Bedeutung. Die strategischen Folgen sind womöglich noch entscheidender. Wer Cherson kontrolliert, hat auch die Kontrolle über wichtige Abschnitte der ukrainischen Schwarzmeerküste, und die Krim ist von dort in Schußreichweite.

Die Region Cherson ist groß, doch nur ein kleiner Teil ist jetzt unter ukrainischer Kontrolle. Mit anderen Worten, den größten Teil des Gebietes kontrolliert nach wie vor Russland. Darüber hinaus bleibt der Zugang zum Asowschen Meer unter Aufsicht der russischen Armee. Russland wird sich nach den Zerstörungen der Brücken auf der anderen Seite des Ufers des Dnjepr sicherfühlen. Beide Seiten sind nicht in der Lage, den teilweise anderthalb Kilometer breiten Fluss zu überqueren und einen Großangriff zu starten. Damit sind gegenseitige Angriffe unwahrscheinlicher geworden.

Der nächste Winter kommt bestimmt

Ist es also zu früh, sich über Cherson zu freuen? Russland wartet auf den Winter, versucht bis dahin, seine Waffenlager wieder aufzufüllen und die neu mobilisierten Soldaten auszubilden, um sie dann gegen die Ukrainer ins Feld zu führen. Eher nicht in der Region Cherson, sondern im Donbass. Dieser Krieg – das wissen wir bereits – wird lange dauern, und ein Durchbruch ist wohl erst im Frühjahr 2023 zu erwarten – oder vielleicht noch viel später.

Zu einer russischen Gegenoffensive im nächsten Frühjahr wird es jedoch kaum kommen. Aus Cherson heraus bedrohen die ukrainischen Streitkräfte, die nun über äußerst effiziente westliche Waffen verfügen, nicht nur die ans andere Ufer des Dnipro geflohenen russischen Truppen, sondern auch die annektierte Halbinsel Krim.

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