Von You Xie *)

You Xie mit Ehefrau
You Xie mit Ehefrau

Bekenntnis, Beruf, Beziehung – Was gibt unserer Gesellschaft Stabilität?

Dr. Günther Beckstein hat in seinem Artikel „Christ in der Politik“ (Ausgabe: Jahrgang 63, Nr. 41, 13.Okt 2012) in BAYERNKURIER geschrieben:

„Der Christ in der Politik müsse als Verantwortungsethiker handeln, der die Dinge abwägt und sich nach Wissen und Gewissen darum bemüht, die beste Entscheidung für den Menschen und die ganze Gesellschaft gleichermaßen zu treffen.“

Auf Einladung des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) und des CSU-Kreisverbandes Bamberg hat der frühere Bayerische Ministerpräsident und Vizepräses der Evangelischen Kirche Deutschlands einen Vortrag zum Thema „Dem Allerhöchsten verantwortlich – Ökumene, Christentum, Politik“ gehalten. Beckstein sprach über christliche Werte in der Politik und fesselte das Publikum im voll besetzten Saal mit Witz und Charme; und klaren Aussagen zu Ehe, Familie, Ökumene oder Nachhaltigkeit. Er machte deutlich, wie wichtig auch in der heutigen Zeit christliche Werte sind.

Bekenntnis: Europa muß christlich-sozial bleiben

Die konservative Partei CSU gestaltet Politik aus christlicher und sozialer Verantwortung zur Bewahrung der Schöpfung. Der Evangelische Arbeitskreis der CSU versteht sich als Brücke zwischen Politik und Kirche und greift Ideen auf zur Gestaltung einer christlich orientierten Politik in Bayern, Deutschland und Europa. Diese muss Möglichkeiten aufzeigen, wie die Wirtschafts- und Sozialsysteme in den europäischen Regionen und Nationen verbessert werden können, um dauerhaft finanzierbar zu bleiben.

Europa muss christlich-sozial bleiben. In einer demokratischen Gesellschaft haben wir uns als Christen in der Politik zu engagieren. Denn der demokratische Staat entnimmt das Maß seines Einsatzes für christliche Wertvorstellungen nicht einer vorpolitischen Glaubenslehre, sondern allein der politischen Macht der Christen im öffentlichen Leben. Deshalb haben wir als Christen die politische Aufgabe, unsere Gesellschaft mitzugestalten und dafür Verantwortung zu übernehmen. Als Christen können wir in der Politik doch keine Rezepte zur Gestaltung des Zusammenlebens in der Gesellschaft unmittelbar aus dem Evangelium ableiten. Aber wer aus dem christlichen Glauben lebt, dem gelingt diese Umsetzung. Die Umsetzung der christlichen und sozialen Grundwerte in der demokratischen Gesellschaft ist eine Form christlicher Nächstenliebe.

Beruf: Arbeit als elementares Menschenrecht

In der demokratischen Gesellschaft wird Arbeit als elementares Menschenrecht betrachtet. Das Recht auf Arbeit ist das Recht, bei freier Berufswahl und Sicherung der menschlichen Würde arbeiten zu können. Dies beinhaltet keinen individuellen Anspruch auf einen Arbeitsplatz, aber das Recht auf einen Schutz vor unverschuldeter Arbeitslosigkeit.

Zusätzlich besteht für jede Person das gleiche Recht, bei gleicher Leistung den gleichen angemessenen Lohn bei angemessenen und befriedigenden Arbeitsbedingungen zu erhalten. Jeder hat unbeschadet seiner persönlichen Freiheit die sittliche Pflicht, seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert. Soweit ihm angemessene Arbeitsgelegenheit nicht nachgewiesen werden kann, wird für seinen notwendigen Unterhalt gesorgt. Angemessen und befriedigend ist eine Entlohnung dann, wenn sie für eine menschenwürdige Existenz der Person und die ihrer Familie ausreichend ist. Zum Schutz und zur Durchsetzung dieser Rechte dient das Recht, Berufsvereinigungen zu bilden und ihnen beizutreten.

Zwar weisen die Arbeitslosen eine überproportionale Belastung bei der amtlich registrierten Kriminalität auf, doch wird bei weitem nicht jeder Arbeitslose kriminell. Die Erwerbslosigkeit eines Individuums ist mit dessen Normtreue nicht unbedingt verbunden. Jedoch zeigt sich, dass das Bemühen um eine Erwerbstätigkeit die Sozialprognose positiv beeinflusst. Berufliches Leben sichert Stabilität von Familien und reduziert Armut. Familienleben gewährleistet Nachhaltigkeit, stärkt den sozialen Zusammenhalt und berücksichtigt die demografische Entwicklung.

Beziehung: Besonderer Schutz von Ehe und Familie

Artikel 6 des Grundgesetzes schützt Ehe und Familie; denn Ehe und Familie haben in unserer Gesellschaft eine herausgehobene Stellung, da sie unsere Zukunft tragen. Und auch in Art. 16, Abschnitt 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist festgelegt: „Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.“

Die Schlechterstellung von Lebenspartnern gegenüber von Ehegatten kann nicht mit der in Artikel 6 Abs. 1 GG verankerten Pflicht des Staates, Ehe und Familie zu schützen und zu fördern, gerechtfertigt werden.

Der Gesetzgeber und die Tradition gehen in Deutschland hoffentlich noch immer davon aus, dass die Regel die Ehe ist. Mit einer neuen Gesetzgebung zur steuerlichen Gleichstellung homosexueller Paare schieben wir unsere Gesellschaft in eine Richtung, die gegen Bibel, gegen Tradition, gegen konservative Grundwerte zuwiderläuft.

Mittlerweile sind rund zwanzig Prozent aller Paare in Deutschland nicht verheiratet. Ein derartiges Zusammenleben wird von konservativen Leuten nicht als Basis einer seriösen Familie verstanden. Konservative Menschen unterstellen sogar, so genannte Ehen ohne Trauschein wirkten sich schädlich auf die Kinder aus. Das Heiratsalter hat sich in den vergangenen Jahren stetig angehoben. Das Durchschnittsalter von Frauen liegt bei knapp unter 30. Das entspricht auch dem Durchschnittsalter, in dem sie zum ersten Mal Mutter werden. Auch die soziale Schichtung beeinflusst das Thema Heiraten. Besser gebildete und damit meist auch besser situierte Paare heiraten in der Regel viel später als Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau und knappen finanziellen Mitteln.

Die Stabilität von Paarbeziehungen ohne Trauschein sind nicht so stabil wie Ehen mit. Eventuell gehen unverheiratete Paare häufiger beziehungsweise schneller auseinander als Verheiratete.

Bei Verlassen der Brauerei Keesmann sah ich ein Bierfass, darunter ein Dreieck als Unterbau. Dreiecke, die in der Geometrie stabilste Form, fand ich auch hier. Das Dreieck ist durch seine drei Eckpunkte fixiert an seinen drei Eckpunkten, seine Form lässt sich nicht mehr verändern, nicht verwackeln oder verbiegen. In diesem Moment fiel mir Platon (427 v. Chr. -347 v. Chr.) ein. Er stützte sich auf die Geometrie und den Harmoniebegriff als Beleg seiner Ideenlehre. So entwickelte er die Konzeption: durch Dreiecke-Gedanken zur Stabilität und übertrug sie auch in die Staatslehre: Legislative, Exekutive und Judikative.

Gottglaubensbekenntnis, Erwerbstätigkeit und Familienbeziehung bilden ein Dreieck und geben unserer Gesellschaft Stabilität. Ohne dieses Dreieck wird die soziale Stabilität verändert, wackelig oder zerstört.

(You Xie, 16.10.2012)

*) You Xie ist ein bedeutender chinesischer Schriftsteller. Er kam vor rund 25 Jahren nach Deutschland, um hier Deutsch zu studieren. Die chinesischen Behörden verweigern ihm seitdem wegen seiner regimekritischen Artikel die Wiedereinreise. Er lebt in Bamberg, betreibt dort einen China-Imbiß, ist weiterhin schriftstellerisch tätig und CSU-Stadtrat zu Bamberg. You Xie ist Kolumnist bei conservo.

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