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Von dem sehr dankbaren Michael Dunkel *)

Ich möchte aus meinem Buch “Wut im Bauch und Liebe im Kopf” hier für alle aber besonders für Rainer Berendsen diese Geschichte hinterlegen. Sie ist aus meiner Kindheit:

Jedes Jahr in der Adventszeit ging in unserem Haus eine große, geheimnisvolle Aktivität vonstatten.

Während ich in der übrigen Jahreszeit durch alle Räume des Hauses toben konnte, mir nichts verschlossen blieb, so lief ich spätestens zwei Wochen vor Heiligabend vor die versperrte Wohnzimmertüre meiner Großmutter. Das Wohnzimmer meiner Eltern blieb merkwürdiger Weise offen.

Ich bohrte mit Fragen, wollte wissen, weshalb diese Tür verschlossen sei und warum keiner in den Raum durfte.Großmutter erklärte mir liebevoll und im Flüsterton, Engel kämen und würden den Raum auf Weihnachten vorbereiten. Sie müssten ja den Baum schmücken, die Krippe aufbauen und auch die Plätzchen backen, welche mir doch so gut schmeckten.

Mit leuchtenden Augen und aufgeregter Erwartung hörte ich ihr zu, und ab und an legte ich ein Ohr an die Türe, lauschte auf ein imaginäres Geräusch, dass mir verraten würde, wie sich Engel anhörten.

Wenn dann der Tag des Heiligen Abends anbrach, konnte ich vor lauter Aufregung nicht mehr still sitzen und zappelte vor der Wohnzimmertüre auf und ab. „Wann kommt denn nun das Christkind“ quengelte ich.

Großmutter nahm mich dann in den Arm und sagte feierlich: „Gleich fliegen die Engel fort, und dann legt das Christkind deine Geschenke auf den Tisch. Es wird mit einer Glocke klingeln, damit du weißt, wann es an der Zeit ist.“

Mein Vater, dem der Trubel im Haus gehörig auf die Nerven ging, nahm mich bei der Hand, und wir besuchten dann reihum seine Freunde und deren Familien. Dass die ebenfalls in Weihnachtsstress waren, kümmerte ihn wenig.

Erst, als es unmerklich dämmerte und, wie es in den Fünfziger Jahren noch normal war, anfing zu schneien, trabten wir nach Hause.

Schon auf dem Weg war eine feierliche, allumfassende Stille, welche im Haus angekommen, noch bestärkt wurde. Unwillkürlich flüsternd, fragte ich meinen Vater, ob nun das Christkind da sei.

Plötzlich hörte ich eine helle, unirdisch klingende Glocke und die Türe des Wohnzimmers öffnete sich und ein Duft von Kerzen, Plätzchen und frischen Tannennadeln strömte mir entgegen.

Meine Eltern schoben mich durch die Türe, und ich stürzte auf den Weihnachtsbaum zu.

Großmutter stand neben dem mit Kugeln, Sternen und Vögeln geschmückten, mit echten Kerzen hell erleuchteten Baum. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen strahlten.

Feierlich stimmte sie die „Stille Nacht“ an, und wir sangen andächtig das ergreifendste Weihnachtslied der Welt.

Dieses Ritual erfolgte viele Jahre, und nie, niemals zweifelte ich an den gemachten Aussagen meiner Großmutter.

Dann kam der unheilige, schreckliche Weihnachtsabend.

Ich war mittlerweile schon acht Jahre alt, und was das Christkind anging, völlig unbedarft.

Ich lief, aus der Wohnung meiner Eltern kommend, die Treppe hinunter und wollte gerade aus dem Haus stürmen, als sich die Türe des Wohnzimmers der Großmutter öffnete und ich

mit einem Blick den Baum erspähte. Mit einem Satz war ich bei ihr, stürzte in das Zimmer und tief enttäuscht und fassungslos stammelte ich: „Machst Du das?“

Meine Großmutter, starr vor Schreck und kreidebleich im Gesicht erwiderte: „Ich helfe den Engeln nur ein wenig. Sie haben so viel Arbeit.“

Ich war misstrauisch, und doch konnte sie mich für dieses Weihnachten noch überzeugen.

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*) Michael Dunkel ist ein rheinischer, polyglotter Liberalkonservativer und Literat sowie ständiger Autor bei conservo.

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