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Von Dr. Juliana Bauer *)

Pariser Erzbischof Aupetit in Predigt am Dreifaltigkeitssonntag: „Wir sind Beziehungswesen, keiner kann lange alleine leben“, doch „diese Corona-Pandemie hat uns auseinandergebracht, hat uns unserer Beziehung beraubt“.

Paris (kath.net) (Dt 4,32-34.39-40; Röm 8,14-17; Mt 28, 16-20) Streckenweise ähneln sie sich sehr – die beiden Predigten, die Mgr Aupetit am Dreifaltigkeitssonntag hielt. Die eine in Notre Dame des Otages, in der er auch der Märtyrer der Rue Haxo gedachte, denen jene Kirche geweiht wurde, die andere in der Sonntagabendmesse seiner Kathedralkirche Saint-Germain l’Auxerrois. Dort variierte er den Text leicht und widmete, passend zum Muttertag (in Frankreich wird der Muttertag am letzten Maisonntag gefeiert), auch den Müttern liebevolle Worte. Doch würde man nur die Schriftfassung seiner Homilie berücksichtigen, würde einem das Beste verloren gehen. Denn – und ich betrachte hier konkret die Predigt des Abends – die Würze und die Brillanz, wie auch Mitfeiernde im Netz kommentieren, erhalten die Predigtworte durch seine ausführlichen, manchmal auch bildlich ausschweifenden, doch bereichernden Details, die er den Menschen nur in seiner ganzen Person, durch seine überzeugende, seine immer wieder begeisternde Lebendigkeit zu vermitteln vermag. Und mehr denn je, wenn er völlig frei spricht, wie wieder einmal am Dreifaltigkeitssonntag.

So sprang der Funke der Predigt gleich zu Beginn über: in einer Art gleichnishafter Katechese versuchte der Erzbischof den Gläubigen unmittelbar die Dreifaltigkeit Gottes näher zu bringen. „Liebe Brüder und Schwestern. Wenn ich euch meinen Arm entgegenstrecke…“, Michel Aupetit streckt den Arm aus und zeigt seine Handfläche, „was seht ihr? Ah sicher, fünf Finger. Und ich, ich sehe eine Hand… Ja, es sind tatsächlich fünf Finger, die eine Hand bilden… Denn die fünf Finger sind in einer Hand vereint. Das ist ganz einfach und ist zu einem geflügelten Wort geworden: „Vereint wie die fünf Finger der Hand.“

Dem Bild schließt er ein anderes aus dem Lebensalltag des Menschen an: „Ich sah einen Vater, eine Mutter und drei Kinder. Das waren fünf Personen, sie bilden eine Familie. Eine Familie! Warum bilden fünf Personen eine Familie? Weil sie durch die Bande der Liebe und von ihrer Abstammung her vereint sind, in der sich Zärtlichkeit und Zuneigung entfalten.   

Ist es also unvorstellbar, ist es etwas Außergewöhnliches, an drei Personen zu denken, die einen Gott ausmachen? Einen einzigen Gott in drei Personen, die miteinander vereint sind? Wie die Hand, wie die Familie, wie so viele Dinge… Und durch was sind sie vereint, diese drei göttlichen Personen…durch die Liebe. Gott ist Liebe. Wir haben gehört, dass es die Propheten gesagt haben… Ja, gut…Wir glauben den Propheten…aber wir glauben mehr noch Jesus, der es nicht nur sagte, sondern der gekommen ist, dies zu leben. Jesus zeigte uns die Liebe Gottes … er tat viel Gutes, er heilte die Kranken, er erweckte Tote, er sagte allen tröstende Worte … er zeigte seine Liebe bis zum…Kreuz … jetzt wissen wir von der Liebe Gottes, wir haben sie gesehen … Und wenn Gott Liebe ist, wie kann er dann alleine sein? Liebe impliziert eine Beziehung, eine Beziehung von Ewigkeit her, denn im Gegensatz zu uns, die wir einen Anfang haben, ist Gott jenseits der Zeit, er ist ewig.“

Mgr Aupetit flicht nun hochtheologisch-philosophische Gedanken in seine Darlegungen, die er für Nicht-Theologen sogleich humorvoll entschärft und zu erläutern versucht. „Eine Beziehung in Gott? Die Weisen und Theologen sprechen von einer Subsistenz-Beziehung, einer in sich bestehenden Beziehung…oulàlà! Sie existieren einer aus dem anderen…Jede Person ist in Beziehung zur anderen…

Damit diese Beziehung in Gott seine Einzigartigkeit zulässt, damit Gott einzigartig ist, muss diese Beziehung eine Gemeinschaft sein: Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Drei göttliche Personen, die in und durch Liebe vereint sind, um ein einziger Gott zu sein. Es ist die DREIEINIGKEIT oder die DREIHEIT.

In dieser Gemeinschaft bleibt der Vater der Vater, von dem alles kommt. Der Sohn bleibt der Sohn, durch den alles kommt. Der Heilige Geist bleibt der Geist, in dem alles geschieht, weil er die Gabe Gottes ist. Zusammen sind sie eins in der Liebe.“ Der Erzbischof verweist auf das Kommen des Hl. Geistes, den Jesus versprach, der Geist des Vaters… „Jesus ist Gott mit uns, der Hl. Geist Gott in uns…“ Dann betont Michel Aupetit, dass wer den Hl. Geist erhalten hat, Gott in ihm Wohnung nehme…Und er hebt noch einmal die Gemeinschaft der göttlichen Personen hervor, um dann Papst Franziskus zu zitieren: „Die Dreifaltigkeit ist eine Gemeinschaft göttlicher Personen, die miteinander, einer für den anderen und einer im anderen sind. Diese Gemeinschaft ist das Leben Gottes, das Geheimnis der Liebe des lebendigen Gottes.“

Von der Gemeinschaft Gottes führt Michel Aupetit zu der der Menschen und unterstreicht die Tatsache, dass wir Gemeinschaftswesen sind… An dieser Stelle kommt er zum wiederholten Mal auf die menschliche Situation der vergangenen Monate zu sprechen, dass wir uns voneinander, dass einer vom andern sich entfernt habe und er sich nun freue, dass „ihr hier seid…“ Es gebe auch diejenigen, die „am Fernsehen sitzen, weil sie vielleicht Angst haben, Covid zu übertragen, aber sie sind mit uns in der Gemeinschaft, sie hören uns… und das, was zu euch kommt, das sind meine Worte, Brüder u. Schwestern.“ Er sei nicht persönlich bei allen Gläubigen, da er in der Kirche am Pult stehe, doch seine Worte seien von allen zu hören… Und er wird nicht müde, nochmals das Tragische dieses Virus‘ zu betonen: „Wir sind Gemeinschaftswesen und diese Pandemie hat uns auseinandergebracht, hat uns unserer Beziehung beraubt… Wir errichteten Barrieren, Distanzen zwischen uns, wir schützten uns voreinander…“

Hier ruft Erzbischof Aupetit jedoch allen eindrücklich das Liebesgebot Jesu ins Gedächtnis: „Liebt einander wie ich euch geliebt habe“…  Er erinnert dabei an das Ebenbild Gottes, das der Mensch in dieser Zuwendung ist… Die Beziehung mit dem anderen sei nicht einfach nur ein Kontakt…, z.B. um zusammen zu arbeiten: „Nein, nein…es ist eine Beziehung der Liebe oder es ist keine Beziehung… Nur durch die Liebe gibt es eine wirkliche Beziehung, eine gemäß dem Ebenbild Gottes…“ Was wiederum bedeute, die Fähigkeit zu einer wirklichen Beziehung zu besitzen… „Wir sind Beziehungswesen, keiner kann lange alleine leben.“ Dann prangert Erzbischof Aupetit den seit mehr als einem Jahr herrschenden Zustand, aber auch das oft menschliche Verhalten und das dadurch hervorgerufene Leid an: „Wie viele Menschen mussten alleine sterben…, wie viele saßen alleine in ihrem Zimmerchen und litten darunter, keinen Menschen zu sehen…“ Unsere mitmenschliche Beziehung würde aber nur dann zu unserer Berufung, wenn sie sich in der Liebe, also in der Hingabe unserer Person realisiere. Wir würden als Person nur in dieser Hingabe existieren und damit als Gottes Ebenbild…

In diesem Zusammenhang erinnert der Erzbischof auch daran, dass die Kirche eine Gemeinschaft sei, die Kirche vor Ort, am Radio, am Fernsehen, überall. Die Kirche, die die Gemeinschaft der Getauften darstellt, die, wie sie der Apostel Paulus nenne, die Gemeinschaft der Heiligen ist, die über die Erde hinausschauen und in Verbindung mit den Heiligen im Himmel stünden.

Lächelnd blickt Michel Aupetit dann auf den „heutigen“ Muttertag und darauf, dass unsere Mütter, die im Himmel sind, über uns wachen würden. Da könne er „nicht widerstehen“, eine kleine Geschichte aus seinem Leben zu erzählen: als seine Maman im Sterben lag, fragte sie ihn, was er denn nun machen würde. Seine Brüder seien verheiratet, er aber als Priester sei alleine. Er meinte dann, dass er, wenn sie im Himmel sei, er sich ihr immer zuwenden würde…, um dann nochmals die liebende Verbindung im Himmel hervorzuheben, von der uns auch der Tod nicht trennen könne.

Abschließend betont Erzbischof Aupetit nochmals die Bildung der Kirche aus der gesamten menschlichen Gemeinschaft heraus wie sie die „Hand mit den fünf Fingern“ darstelle, die Kirche, die aus Milliarden von Personen bestünde, um folgend dazu aufzurufen, als „Ebenbild des Herrn eine Gemeinschaft der Liebe“ zu leben. Dann „wird die Kirche nie aufhören zu wachsen.“

– Homélies – Diocèse de Paris, Homélie de Mgr Michel Aupetit – Messe à Notre-Dame des Otages pour les 150 ans du Martyre de la rue Haxo lors de la Commune de Paris, Notre-Dame des Otages – Dimanche 30 mai 2021, Sainte Trinité
– Messe à Saint-Germain l’Auxerrois en la solennité de la Sainte Trinité, 30/05/2021, KTOTV
Übersetzung umfassender Predigtauszüge für kath net: Dr. Juliana Bauer

Archivfoto Erzbischof Aupetit (c) Erzbistum Paris

Nachtrag: “Mit Entsetzen las ich Albrecht Künstles Berichte über die Vorfälle in Herbolzheim, einer mir gut bekannten, hübschen Kleinstadt im Nördlichen Breisgau, knapp 30 km nördlich von der beliebten Universitäts- und Bischofsstadt Freiburg im Breisgau entfernt. Mitunter wird das Städtchen auch als eine der Perlen der Region bezeichnet. Diese feinsinnige und es auszeichnende Charakterisierung trifft wohl bis auf Weiteres in vielen Punkten nicht mehr zu. Vor allem leiden dort ganz offensichtlich dhttps://www.conservo.blog/2021/06/11/herbolzheimer-spaziergange-geben-ratsel-auf/ie Kultur und das menschliche Miteinander enorm. Im Besonderen das MENSCH-SEIN. Und das in einer abklingenden “Pandemie”, in der allgemein, überall und nach allen Seiten dieses menschliche Miteinander geöffnet wird. In einer sogenannten Pandemie, die z.B. im Ländle (Baden-Württemberg) mit 1.100.000, sprich einer Mio. und einhunderttausend Einwohnern den gesamten vergangenen Corona-Winter laut Gesundheitsämtern um die 650-700 schwer erkrankte Personen im Land zu verzeichnen hatte.

In meiner Erinnerung wurde in Herbolzheim einmal das christliche, allen voran das katholische wie auch das ökumenische Miteinander sehr groß geschrieben. Ja, die Christen. Und die Herren Kleriker! Welche Antwort habt ihr denn auf die vielen coronabedingten menschlichen Schäden? Auf das Wegbrechen zahlreicher Existenzen? Auf monatelanges Isoliertsein alter Menschen, auf den einsamen Tod sovieler? Auf die schweren seelischen Schäden sovieler Kinder und Jugendlicher, über die u.a. die Jugendpsychiaterin der Klinik auf der Lindenhöhe in Offenburg/Ortenaukreis genauestens informiert? Auf die vielen Misshandlungen von Kindern in zahlreichen völlig überforderten Familien?

Als Antwort auf die Herbolzheimer Berichte, die ich insbesondere auch an die Herbolzheimer Kirchenvertreter richte, füge ich die Dreifaltigkeits-Predigt des Pariser Erzbischofs Michel Aupetit an, in der dieser nicht nur die enge, in sich identische  Beziehung der drei Personen des christlichen Gottes den Gläubigen nahebringt, sondern auch zum vielfach wiederholten Mal auf die große Bedeutung des menschlichen Miteinander verweist, auch in einer pandemiegeschwängerten Welt, in der, wie Mgr Aupetit kurz vor Weihnachten äußerte, ein “einfacher Virus Terror” ausübe. Worte eines Bischofs, der selbst immer wieder bei den vielen Bedürftigen von Paris anzutreffen ist, wo er sich an der Essensausgabe mitbeteiligt (mit Mund-Nasen-Schutz, jedoch nicht mit FFP2-Maske), wo er mit den Menschen zusammensitzt und mit ihnen einen “petit café” trinkt, da sie das Bedürfnis haben,”mit ihm zu reden.”

Dr. Juliana Bauer

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*) Dr. Juliana Bauer, die Autorin dieses Artikels, verfaßt ihre zeitkritischen und auch prosaischen Beiträge in Deutsch, Französisch sowie Italienisch und schreibt seit einigen Monaten für conservo. Über sich selbst sagt sie:  „Ich bin keine Theologin, sondern Kunst- und Kulturhistorikerin, aber eine, die mit der Bibel von Kindheit an vertraut ist und den Worten eines meiner Lehrer, eines ehemaligen Ordinarius des kunsthistorischen Instituts der Universität Freiburg/Br., Rechnung trägt: „Ein Kunsthistoriker des Abendlandes muss bibelfest sein.“ Auch bin ich, in einem ökumenischen Haus aufgewachsen, mit der katholischen wie der evangelischen Kirche gleichermaßen vertraut.“

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