Conservo Redaktion

(Dieter Farwick, BrigGen. a.D.*) Nach der Phase des Regenerierens und der Umgliederungen ist es für „Außenstehende“ schwierig, die innere Lage beider Staaten zu beurteilen. Es gibt zu wenig Fakten. Etliche Informationen sind zu parteiisch.

Der Ukraine ist es offensichtlich gelungen, die große Überlegenheit der russischen Artillerie in Reichweite und Munitionsvorrat abzubauen.Das liegt in erster Linie an dem US-Mehrfachraketenwerfer HIMAS, der mit großer Reichweite und hoher Genauigkeit wichtige Ziele der russischen Streitkräfte erfolgreich bekämpft: Gefechtsstände, Munitionsdepots, Luftabwehrstellungen, Radar und Verbindungseinrichtungen, russische Artillerie, die zu häufigen Stellungswechseln gezwungen wird, was die Schießzeiten reduziert.

Bringt HIMARS die Wende?

Die Ausfälle bei den ukrainischen Streitkräften durch die russischen Artilleriekräfte haben sich deutlich reduziert. Die Ukraine hat ein spektakuläres Video veröffentlicht: Den zeitgleichen Abschuss von vier HIMARS Raketen. Die Ziele sind unbekannt wie auch die Ergebnisse. Es war wohl ein Signal an die russischen Streitkräfte, dass die neue Rakete einsatzbereit ist und das Geschehen auf dem Gefechtsfeld deutlich verändern kann.

Der Kampfgeist der ukrainischen Truppe ist höher einzuschätzen als die der russischen Truppen, die auch als „Frischlinge“ in den Kampf geschickt werden – mit älteren Panzern. Durch eine unverändert hohe Unterstützung durch westliche Streitkräfte durch neue Waffensysteme und neues Gerät haben die ukrainischen Truppen Verluste und Ausfälle ausgleichen können.

Partisanenähnliche Verbände

Eine neue Dimension bilden ukrainischen „Widerstandskämpfer“ in der Stärke eines Bataillons im russisch besetzten Gebiet der Ukraine, die sehr gut ausgerüstet sind, was deren Kampfmoral weiter stärkt. Sie sind in der Lage, eine bessere „Feindaufklärung“ als vorher bei Tag und Nacht zu leisten, Es gibt erste, unbestätigte Meldungen, dass belarussische „Widerstandskämpfer in Bataillonsstärke, gut ausgestattet und gut ausgebildet für den Kampf gegen russische Kräfte sind.

Die Zukunft wird zeigen, welchen Kampfwert diese belarussischen Kämpfer haben werden. Ihre Kampfmoral soll sehr hoch sein. In den letzten Tagen gibt es auf beiden Seiten Hinweise auf eine bevorstehende Offensive um Kherson, das eine große geostrategische Bedeutung hat – für beide Seiten.

Putin und Humanität – Zwei Welten begegnen sich

Der Raum um Kherson schützt die Halbinsel Krim, die von russischen Kräften besetzt ist, gegen Angriffe aus dem Norden. Odessa und andere ukrainische Häfen sind wichtig für den Export von tausenden Tonnen Getreide in die Weltregionen, die von einer globalen Hungersnot bedroht sind, die bislang durch Russland blockiert wurden.

Ein erstes Frachtschiff hat die Fahrt in den Libanon geschafft. Russland hat es in seiner Hand – wie beim Gas – weitere Exporte zuzulassen oder wieder zu blockieren. Für Putin spielen „humanitäre“ Korridore und Menschlichkeit keine entscheidende Rolle. Er will die „nazistische“ Ukraine zerstören und hat für den Weizenexport drei weitere Häfen der Ukraine vorgesehen. Es wird sich zeigen, ob er in der Zukunft zu seinem Wort steht. Es wäre eine Erleichterung für die von einer Hungersnot bedrohten Staaten in aller Welt.

Wer kann den Krieg gewinnen?

Aus meiner Sicht kann es der Ukraine gelingen, die angeschlagenen russischen Truppen durch die unverändert große Unterstützung des Westens mit modernen Waffensystemen. Allerdings gibt es eine große Gefahr für die Ukraine: wenn es dem Westen nicht gelingt, bis Ende des Jahres einen Waffenstillstand und Verhandlungen mit Russland zu beginnen, wird die bislang relativ geschlossene Haltung des Westens „zerbröseln“.

Es darf nicht übersehen werden, dass es viele starke Staaten – wie z.B. Indien – gibt, die Sanktionen gegen Russland nicht unterzeichnen. Etliche westliche Staaten stecken in der „Corona-Pandemie“, die hohen Koste verursacht, einer Nahrungskrise sowie einer Schrumpfung der Weltwirtschaft in Verbindung mit einer hohen Inflation und steigenden Preise.

Der IWF hat die Prognose für die Gegenwart um einige Punkte gesenkt, ist aber noch zu optimistisch für das Jahr 2023. Die EZB hat zu spät mit Maßnahmen gegen die rasant ansteigende Inflation reagiert, die sie als temporäre Erscheinung eingestuft hat. Tolle Fachleute. Ich fürchte, dass die Krisen im nächsten Jahr fortdauern werden.

Die Preisspirale ist noch lange nicht ans Ende gedreht

Ich erwarte eine weitere Steigerung der Energie- und Lebensmittelpreise bei hoffentlich nicht weiter steigender Inflation. Die deutschen Menschen von heute und morgen werden einen hohen Preis für die eklatanten und wirtschaftlichen Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit zahlen. Man kann es auch als „Regierungsversagen“ in Bund und Ländern bezeichnen.

Man kann auch Wirtschaftsbosse kritisieren, die notwendige Innovationen verschleppt haben. Das kann zu sozialen Unruhen in etlichen Ländern führen – auch in Deutschland. In Deutschland wird die Kanzlerprognose einer „Zeitenwende“ begraben werden. Das Leben unserer Bevölkerung in Frieden, Freiheit und Gesundheit ist es wert, dass der Vorrang der Wirtschaft vor dem Umweltschutz verteidigt wird.

Politik und Wirtschaft unwillig oder unfähig?

Viele Emissionen in Industrie und Privathaushalten sowie Verkehr werden sich reduzieren, wenn mehr Unternehmen schließen müssen und die Zahl der Arbeitslosen steigen wird, Es ist die Summe der globalen Krisen, die Sorgen machen muss, weil diese globalen Krisen direkt oder indirekt miteinander verbunden sind. Es fehlen jegliche Krisenvorsorge und strategische Weitsicht – national und international.

Es bedarf gewaltiger Summen für die Staaten, die in den Krisen durch den sozialen Rost gefallen sind. Unsere Großeltern und Eltern hatten den Willen und die Kraft, nach zwei Weltkriegen und der Weltwirtschaftskrise in Deutschland den Wiederaufbau zu schaffen. Warum sollte diese Leistung unserer und der folgenden Generationen nicht möglich sein? Wer macht den schwierigen Start? Sicherlich nicht die Politiker und Wirtschaftslenker, die eine Mitschuld an dem Desaster haben. Ein schlechtes Beispiel liefern z.B. Ölkonzerne, die Gewinnmaximierung des eigenen Unternehmens über das Gemeinwohl setzen.

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*) Brig. General a.D. Dieter Farwick wurde am 17. Juni 1940 in Schopfheim, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Abitur wurde er im Jahre 1961 als Wehrpflichtiger in die Bundeswehr eingezogen und anschließend Berufssoldat. Einen Höhepunkt seiner Karriere bildete die Tätigkeit im Planungsstab von Bundesverteidigungsminister Dr. Manfred Wörner, wo er vier Jahre an der Schnittstelle Politik-Militär tätig war. In den 90er Jahren fand er über vier Jahre als Operationschef im damaligen NATO-Hauptquartier Europa-Mitte Verwendung und war maßgeblich an der Weiterentwicklung des NATO-Programmes ´Partnership for Peace` beteiligt. Schon während seiner Dienstzeit verfasste Farwick mehrere Bücher und andere Publikationen zu Fragen der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte. Im „Ruhestand“ engagierte er sich viele Jahre als Chefredakteur eines Newsservice für sicherheitsrelevante Themen und organisiert heute noch Tagungen zu diesem Thema an renommierten Instituten.

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Von conservo

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