Von Dieter Farwick, BrigGen a.D. und Publizist *)

Die ersten Meldungen über einen Rückzug russischer Streitkräfte aus dem Raum um Charkiw (ukrainische Schreibweise) bzw. Charkow (russische Schreibweise) sind überraschend, werden jedoch von der russischen Führung bestätigt.

Charkiw ist mit 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte ukrainische Stadt mit großer Bedeutung mit internationalem Flughafen, Eisenbahnknotenpunkt und 12 nationalen Hochschulen. Die Bevölkerung ist mehrheitlich russisch. Über Kämpfe in und um die Stadt gibt es keine Informationen.

Kriegslisten und Täuschungen sind nicht verboten

Die ukrainische Regierung hat in den vergangenen Wochen wiederholt von der „großen Offensive“ im Süden gesprochen. In den letzten Tagen hat sie eine Nachrichtensperre über militärische Aktivitäten verhängt. Die russische Führung hat die wiederholten Ankündigungen der „Großoffensive“ ernst genommen und seine Streitkräfte vom Norden in den Süden verlegt.

Der Bluff der ukrainischen Führung ist gelungen

Rechtzeitig vor der erwarteten Regen- und damit der Schlammperiode hat die ukrainische Führung einen politischen und militärischen Erfolg erzielt. Die russische Führung wird kaum Gelegenheit haben, den Raum um Charkiw zurückzuerobern.

Dazu passt eine Meldung, dass intakte russische Panzer von den Besatzungen in Wäldern der Ukraine entdeckt wurden. Die russischen Besatzungen sind verschwunden. Das spricht nicht für eine große Kampfmoral – auch nicht für die der Führer.

Im Süden um Cherson haben ukrainische Kräfte deutliche Geländegewinne erzielt. Die Versorgung der russischen Kräfte ist durch Zerstörungen von festen Übergängen über den Dnjepr deutlich erschwert. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob russische Kräfte sich stark fühlen, aufgegebene Geländeteile zurückzugewinnen.

Putin erhält einen Wirkungstreffer – Aber stürzt er auch?

Für Putin ist die derzeitige Lage eine Niederlage, die seine politische Position mittelfristig schwächen kann. Wie geht es weiter?

Beide Seiten werden ihre Winterstellungen verstärken. Sie werden den personellen und materiellen Bedarf decken wollen. Das dürfte für die russischen Kräfte schwerer werden. Die ukrainischen Kräfte werden lohnende Ziele auf der Krim mit ihren präzisen, weitreichenden Waffensystemen im Zusammenwirken mit eigenen Partisanen auf der Halbinsel bekämpfen. Ende Februar/ Anfang März sind – je nach Wetterlage – neue Kämpfe zu erwarten. Die geplanten Verstärkungen der russischen Streitkräfte werden in der ersten Hälfe 2023 für den Kampf ausreichend ausgebildet nicht zur Verfügung stehen.

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*) Brig. General a.D. Dieter Farwick wurde am 17. Juni 1940 in Schopfheim, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Abitur wurde er im Jahre 1961 als Wehrpflichtiger in die Bundeswehr eingezogen und anschließend Berufssoldat. Einen Höhepunkt seiner Karriere bildete die Tätigkeit im Planungsstab von Bundesverteidigungsminister Dr. Manfred Wörner, wo er vier Jahre an der Schnittstelle Politik-Militär tätig war. In den 90er Jahren fand er über vier Jahre als Operationschef im damaligen NATO-Hauptquartier Europa-Mitte Verwendung und war maßgeblich an der Weiterentwicklung des NATO-Programmes ´Partnership for Peace` beteiligt. Schon während seiner Dienstzeit verfasste Farwick mehrere Bücher und andere Publikationen zu Fragen der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte. Im „Ruhestand“ engagierte er sich viele Jahre als Chefredakteur eines Newsservice für sicherheitsrelevante Themen und organisiert heute noch Tagungen zu diesem Thema an renommierten Instituten.

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Von conservo

Conservo-Redaktion