Dieter Farwick, BrigGen a.D. und Publizist *)

Der entscheidende Fehler war die Überschätzung seiner Streitkräfte und die Unterschätzung der ukrainischen Streitkräfte in Qualität und Quantität sowie ihrer Bevölkerung mit ihrem überaus starken Verteidigungs- und Behauptungswillen.

Putin wollte der gesamten Welt zeigen, dass die militärische Weltmacht Russland die aufmüpfige Ukraine in einem dreitätigen Blitzkrieg vernichten würde. Putin verstieg sich zu der Behauptung, dass die Ukraine keine Existenzberechtigung habe. Er hat sich in seinem Größenwahn total verzockt – politisch und militärisch. Er verzichtete auf jegliche militärische Mobilmachung.

Er begrenzte die Zahl seiner eingesetzten Streitkräfte auf 200.000 Soldaten. Er bezeichnete seinen Angriff als „militärische Sonderoperation“. Er verbot den Begriff „Krieg“. Wer dieses Verbot missachtete, wurde auf Jahre eingesperrt. Er wollte der russischen Bevölkerung vermitteln, dass sein Angriff auf das ehemalige „Brudervolk“ der Ukraine den Alltag der russischen Bevölkerung nicht beeinträchtigen würde.

Putin unterschätzte die Entschlossenheit des Westens

Er unterschätzte die Entschlossenheit des „Westens“, die Ukraine politisch und militärisch mit sehr viel Geld, modernen Waffen und High-Tech-Gerät zu unterstützen. Auf der anderen Seite überschätzte er die Bereitschaft anderer wichtiger Staaten (wie z.B. Indien und Brasilien), Russland politisch und militärisch wirkungsvoll zu unterstützen. Selbst China war nicht bereit, seinem „Juniorpartner“ diese Unterstützung zu leisten.  China wollte kein Risiko eingehen, seine Interessen – z.B. Richtung Taiwan – zu gefährden.

Zusätzlich verfolgte der chinesische Alleinherrscher Xi Jinping eine rigide Abwehrstrategie gegen die Corona- Pandemie. Er nahm mit seinen Lockdowns – auch bei zahlenmäßig geringem Anlass – eine Schwächung der chinesischen Wirtschaft in Kauf. Darüber hinaus wollte er seine dritte Wiederwahl zum Parteichef nicht gefährden – eine Premiere in der chinesischen Parteigeschichte.

Es ist für mich ein Rätsel, dass es die berühmt-berüchtigten russischen Geheimdienste, denen er seine Karriere verdankt, nicht geschafft haben, ihm ein umfassendes globales Lagebild zu vermitteln.

Eines hat Putin geschafft:

Durch seinen völkerrechtswidrigen Überfall hat er die NATO wieder zusammengeführt. Neue starke Staaten wie Schweden und Finnland verstärken die NATO im Norden, die Ukraine strebt die NATO-Mitgliedschaft an. Die Tür ist offen.

Eines hat Putin nicht geschafft:

Mit seinen wiederholten Drohungen eines nuklearen Erstschlages hat er die westlichen Regierungen nicht in Panik und Verzweiflung getrieben. Diese raten ihm dringend ab, Nuklearwaffen einzusetzen.

Es gilt die alte Erkenntnis: Wer als Erster Nuklearwaffen einsetzt, stirbt als Zweiter. Es klingt zynisch: Ich betrachte Menschen nicht als Kanonenfutter. Das sind Soldaten, die ohne Ausbildung und angemessene Bewaffnung im Kriege verheizt werden.

Ich habe in unseren Soldaten immer unsere Töchter und Söhne gesehen – kein Kanonenfutter. Das sieht Putin offenkundig anders. Seine Tochter hingegen lebt gut abgesichert in der Schweiz – mit häufigen Besuchen in Deutschland.

Die gescheiterte Teilmobilmachung

Er hat zu lange an seiner Entscheidung festgehalten, den Alltag seiner Bevölkerung nicht zu beeinträchtigen. Erst nach langem Zögern und ernsten Beratungen hat er seine Meinung geändert. Für das Geschehen auf dem Gefechtsfeld zu spät. Die russischen Streitkräfte waren bereits auf dem Rückzug und hatten von ihnen besetzte Räume aufgegeben. Es war eine Flucht – kein geordneter Rückzug auf neue Stellungen. Sie ließen Fahrzeuge, Waffen und Geräte zurück. Es waren „Geschenke“ an die ukrainischen Soldaten, die diese ohne weitere Ausbildung übernehmen und bedienen konnten.

Wo waren russische Reserven?

Sie gab es kaum. Sie waren noch im Zulauf – oder entgingen dem Ersatzdienst durch Flucht in „visumfreie“ Länder – mit Flugzeug, Eisenbahn, Bussen, PKW und Motorrädern. Es gibt keine zuverlässigen Zahlen über die Reservisten, denen die Flucht gelungen ist. Es sollen über Hundertausende geflohene Soldaten sein, die für eine Wiederholungsausbildung und Einsätze fehlen. Es wird einige Monate dauern, bis besser ausgebildete Reservisten zum Einsatz kommen.

In dieser Zeit hat sich die Lage auf dem Gefechtsfeld weiter zu Gunsten der ukrainischen Streitkräfte verändert – wahrscheinlich deutlich. Sie erhalten ununterbrochen Unterstützung aus dem Westen – namentlich von den Vereinigten Staaten. Je später die Regen- und Schlammperiode einsetzt, je länger können die ukrainischen Streitkräfte ihre Erfolge ausbauen. Ihnen kann es gelingen, die russischen Streitkräfte weitgehend aus der Ukraine zu werfen.

Putins Landraub in der Ukraine

Putin benutzte die Eroberung der Krim 2014 als Blaupause für die Annexion von vier Räumen der Ukraine mit starker russischer Minderheit. Die sog. „Referenden“ – eher „Plebiszite“ – fanden „unter Gewehrläufen“ statt. Die Ergebnisse erinnern an die Ergebnisse, die sozialistische oder autoritäre Staaten in der Vergangenheit erreichten, denn sie lagen über 90 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Sie haben einen großen Nachteil: Die völkerrechtswidrige Annexion wird von den meisten Staaten der Welt nicht anerkannt. (Eine Bemerkung am Rande: Hätte die westliche Welt 2014 so gehandelt, wie sie es 2022 gemeinsam tut, hätte Putin den Überfall auf die Ukraine vermutlich nicht gewagt.)

Putin wollte, dass die vier Wahlbezirke zu einem Teil Russlands würden. Ein Angriff des Westens auf diese Bezirke würde in seinen Augen einen Angriff auf russisches Territorium bedeuten. Da der Westen das bislang vermieden hat, ist dieses Kartenhaus zusammengebrochen. Eine weitere Schlappe für den „Feldherrn Putin“. Er wird Monate brauchen, eine schlagkräftige Truppe gegen die ukrainischen Offensivkräfte in den Kampf zu schicken.

Sonderfall „Ostsee“

In der Ostsee hat es vier Unterwasserexplosionen gegeben – zwei in dänischen Gewässern und zwei in schwedischen. Aus vier Löchern strömte russisches Gas aus. Es ist bislang nicht klar, was die Ursache war.

Eines ist unter Sachverständigen klar: Es war kein technischer Unfall, sondern „Sabotage“, die nur von einem Staat, der über entsprechende Mittel verfügt, durchgeführt werden konnte. Es bleibt abzuwarten, welche Ergebnisse angeboten werden. Wenn überhaupt.

Die Unterwasserinfrastruktur des Westens – Kommunikationsstränge und Pipelines – ist in hohem Maße verwundbar. Diese Schwachstellen sind seit Jahren bekannt, aber es gab keine wirkungsvollen Gegenmaßnahmen. Man wollte und konnte den notwendigen Aufwand nicht leisten.

Wie geht es weiter?

Bislang gibt es keine Hinweise auf Verhandlungsbereitschaft – weder in Russland noch in der Ukraine. „General Winter“ wird eine wichtige Rolle spielen. Er lässt weder im Schlamm noch im Schnee weiträumige Operationen zu lassen. Beide Seiten werden bestehende Mängel ausgleichen. Durch die ununterbrochene Unterstützung mit Personal und Material durch westliche Staaten sowie die Übernahme von russischem Material, das in der Flucht zurückgelassen wurde, sehe ich entscheidende Vorteile bei der Ukraine.

In einem längeren Krieg sind die Kampfmoral und der Ausbildungsstand der Truppe sowie der starke Widerstands- und Behauptungswille der Zivilbevölkerung die kriegsentscheidenden Faktoren. Das spricht klar für die Ukraine. Putin kannte diese Tatsachen offensichtlich nicht – oder negierte sie.

Die russische Bevölkerung, das Militär und die russische Wirtschaft werden Jahre oder Jahrzehnte benötigen, um einen Status quo ante zu erreichen. Falls dies überhaupt gelingt.

Der Stuhl des Diktators wackelt!

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*) Brig. General a.D. Dieter Farwick wurde am 17. Juni 1940 in Schopfheim, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Abitur wurde er im Jahre 1961 als Wehrpflichtiger in die Bundeswehr eingezogen und anschließend Berufssoldat. Einen Höhepunkt seiner Karriere bildete die Tätigkeit im Planungsstab von Bundesverteidigungsminister Dr. Manfred Wörner, wo er vier Jahre an der Schnittstelle Politik-Militär tätig war. In den 90er Jahren fand er über vier Jahre als Operationschef im damaligen NATO-Hauptquartier Europa-Mitte Verwendung und war maßgeblich an der Weiterentwicklung des NATO-Programmes ´Partnership for Peace` beteiligt. Schon während seiner Dienstzeit verfasste Farwick mehrere Bücher und andere Publikationen zu Fragen der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte. Im „Ruhestand“ engagierte er sich viele Jahre als Chefredakteur eines Newsservice für sicherheitsrelevante Themen und organisiert heute noch Tagungen zu diesem Thema an renommierten Instituten.

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Von conservo

Conservo-Redaktion