Affäre Wulff: Kredit gesucht, Kredit verspielt

Der Bundespräsident, also der höchste Mann im Staate, ist dem Selbstverständnis des Amtes nach die höchste moralische Instanz der Nation. Das bedeutet aber auch, daß die Persönlichkeit, die dieses Amt ausfüllt, frei von moralischen Zweifeln, also integer sein sollte. Kumpelhaftes Gemauschel und der Geruch von allzu viel Geldnähe schaden dem Ansehen.

Daß der deutsche Bundespräsident nun mitten in einer Diskussion steht, die seine Ehrenhaftigkeit in Frage stellt, hat er selbst zu vertreten. Er kann offensichtlich nicht einsehen, daß es bei den Vorwürfen gegen ihn weniger um kleinliche Einzelheiten geht, die jede für sich keine „Staatskrise“ hergeben, sondern daß es ausschließlich darum geht, wie der Präsident bisher mit der „Affäre“ umgegangen ist und wohl auch noch weiter umgehen wird.

Konservative gehören gemeinhin nicht zu den Menschen, die gerne jemanden mit Dreck beschmeißen. Aber sie wollen auch zu ihren führenden Persönlichkeiten mit Achtung und Respekt aufschauen. Diesen Respekt hat Wulff verspielt. Wie will er jetzt noch zu der aktuellen Finanz- und Euro-Krise Stellung nahmen, ohne Gefahr zu laufen, sich dem Gespött der Bürger auszusetzen? Er müßte moralisch argumentieren, wo Glauben und Vertrauen gefordert wären. Diesen moralischen Anspruch kann dieser Bundespräsident nicht mehr erfüllen. Jeden Tag ein neues Salami-Scheibchen Wahrheit, jeden Tag eine neue „Enthüllung“, jeden Tag ein sich wegduckender oder verhaspelnder Amtsinhaber. Das ist, was uns alle so enttäuscht. Er benimmt sich wie ein kleiner Junge, der beim Erdbeeren-Klauen erwischt wird und dann sagt, er wolle der Oma doch nur ein wenig Obst bringen. Nur häppchenweise gibt er die Dinge zu, die andere aufdecken und die unwiderlegbar sind. Nach Einsicht oder gar Schuldbewußtsein sucht man bei ihm vergeblich.

Ein Bundespräsident hat nur eine Waffe: die Kraft seiner Worte. Deshalb ist Glaubwürdigkeit sein wichtigstes Pfand. Doch genau dies hat der amtierende Präsident durch Lügen, Halbwahrheiten und Tricksereien verspielt. Er ist zur tragischen Figur geworden, und man weiß nicht, ob man Mitleid mit ihm haben soll. In der Flugaffäre von Johannes Rau beklagte ausgerechnet Wulff, es bereite ihm Schmerzen, keinen unbefangenen Bundespräsidenten zu haben. Und in der Affäre Glogowski beklagte er „eine widerwärtige Verflechtung und Verfilzung“. Nun fallen ihm seine eigenen Worte von damals auf die Füße.

Komme niemand und behaupte, wir zeigten keinen „Respekt vor der Würde des Amtes“! Auch wir, die Bürger, haben einen Anspruch auf Respekt und lassen uns ungern verhöhnen. Wulff hatte Kredit gesucht. Wir Bürger wären bereit gewesen, ihm den moralischen Kredit zu zollen. Er hat seinen Kreditanspruch verspielt. Das Schlimmste, das man ihm nun nachrufen kann: Er ist im Amt nur noch geduldet, aber nicht mehr geachtet – allein aus eigener Schuld.

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