Ein Gastkommentar von Thomas Böhm (“journalistenwatch”)

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Es klingt nach einer Satire, scheint aber bitterernst zu sein – und ist somit wieder zu einer unfreiwilligen Satire geworden.

Horst Schmitt, Mitglied der Partei DIE LINKE,  hat einen Antrag zum  4. Parteitag am 15. Februar in Hamburg gestellt:

Der Parteitag möge beschließen:

Aussetzung der akustischen oder gesanglich musikalischen Intonierung des Liedes “Die Internationale“ innerhalb der Partei DIE LINKE, bis ein Ergebnis über die zukünftige Anwendung und Verwendung vorliegt, da die gesangliche musikalische Intonierung des Liedes “Die Internationale“ zwar kämpferisch ist, aber auch militaristisch, gewalt- und kriegsverherrlichend ist, ein Symbol des Kapitalismus darstellt und Militarismus ein Element des rechten politischen Spektrums ist, genauso wie die deutsche Nationalhymne…

So weit so gut, keiner braucht mehr die “Internationale”. “Auf zum letzten Gefecht” hört sich in Zeiten von Drohnen auch eher anachronistisch an. Aber dass die deutsche Nationalhymne ein Element des rechten politischen Spektrums ist, klingt neu. Hat man das unseren Sportlern in Sotschi schon mitgeteilt? Nicht, dass die aus Versehen beim Singen noch irgendeinen Arm heben.

Die “Internationale” war aber nur das musikalische Vorspiel des Herrn Schmitt. Er hat noch mehr auf Lager:

Musik unterteilt sich politisch in 3 Richtungen, der linken Musik, des Mainstream und der rechten Musik. Charakter linkspolitischer Musik ist der melodisch bis stark melodische Bereich. Der Mainstream oder neutrale Musik kennzeichnen eine Mischung aus beiden, und rechtspolitische Musik ist stark rhythmisch bis monoton rhythmisch.

Von Zwischentönen hat Herr Schmitt wohl noch nichts gehört und die Melodie gehört also nur den Linken? Interessant. Nach seiner Logik wäre also das sehr stimmungsvolle, weil melodische Lied “Der morgige Tag ist mein” aus dem Film “Cabaret” nicht der Hitlerjugend sondern dem kommunistischen Bund zuzuschreiben.

Und was bitte ist “neutrale Musik”? Geräusche aus der Kaffeemaschine? Musik war und ist immer schon ein Ausdruck von etwas, wenn Menschen daran beteiligt sind. Auch wenn die Beatles zum Mainstream gehören, Gefühle waren hier sicherlich auch mit im Spiel. Besonders verwirrend aber ist, dass für Herrn Schmitt rechtspolitische Musik rhythmisch bis monoton rhytmisch zu sein scheint. Das haben wir dazu auf Wikipedia gefunden:

Das Didgeridoo ist ein obertonreiches Blasinstrument aus der Familie der Aerophone auf dem Tonerzeugungsprinzip der Polsterpfeife und gilt als traditionelles Musikinstrument der nordaustralischen Aborigines. Im traditionellen Zusammenhang wird es meistens aus einem von Termiten ausgehöhlten Stamm lokaler Eukalyptusarten gefertigt und dient als überwiegend rhythmisch eingesetztes Begleitinstrument für Gesänge und Tänze. Die klangliche und rhythmische Vielfalt entsteht durch Kombinationen aus Mundbewegungen, Atemtechnik und Stimmeffekten (s. u.), basierend auf einem in der Tonhöhe nur leicht variierten Grundton und überblasenen Tönen.

Aber auch andere Völker bedienten sich bekanntermaßen der Monotonie der politisch verdächtigen Schlaginstrumente:

 In Afrika, Neuguinea und den amerikanischen Tropen verwendeten die Einheimischen jahrhundertelang eine Art Trommeltelegraphie, um sich miteinander über ferne Distanzen zu verständigen. Als europäische Expeditionen in den Dschungel kamen, um den Urwald zu erforschen, wurden sie durch die Tatsache überrascht, dass ihr Kommen und ihre Absichten durch den Wald bereits vor ihrem jeweiligen Eintreffen bekannt gemacht worden waren.

Zu den bekanntesten Nachrichtentrommeln zählen Trommeln, häufig Sanduhrtrommeln, aus Westafrika. Von den heute als Nigeria und Ghana bekannten Gebieten verbreiteten sie sich mit demSklavenhandel über Westafrika in Amerika und der Karibik. Dort wurde ihr Gebrauch untersagt, weil die Sklaven sie nutzten, um über große Entfernungen in einer ihren Besitzern unbekannten Sprache Verbindungen zu unterhalten.

Nach Herrn Schmitt müssten wir wohl nun die Ureinwohner Australiens und viele Westafrikaner weiter nach rechts verordnen. Ob die da freiwillig sitzen bleiben?

Man glaubt es kaum, aber es wird noch lustiger:

Monoton rhythmische Musik findet sich beim Militär, und diente mit monotonen Trommelschlagen in der Geschichte beim Einsatz von Menschenschlachten. Sie ist Symbol des Kapitalismus, da es die Zahlweise von Geld 1 Euro, 2 Euro, 3 Euro usw. Aber auch die Musikrichtung Techno gehört dazu, da dort die monotone technologische Zahlweise 01 0101 01 … ist, woraus sich ein monotoner Musikrhythmus ergibt, der somit auch eine moderne Interpretationsform des Militarismus ist. Daraus erklären sich auch die Besucher von sogenannten Techno-Loveparades, die vorwiegend aus dem konservativen bis rechtspolitischen Spektrum kommen…

Jeder halb gebildete Mensch weiß, dass die Ursprünge des Techno in Chicago liegen. Dort kreierten schwarze Ghetto-Kids Anfang der 80er-Jahre die Housemusic, die bekanntermaßen durch ihre Monotonie und den gnadenlosen Herzschlag-Rhythmus zu Weltruhm gelangte. Die Jungs werden sich bedanken ob dieser politischen Einschätzung des  linken “Musikleerers”. Was hat Herr Schmitt nur eingepfiffen, dass er die Loveparade in die Nähe von Neo-Nazi-Aufmärschen rückt? Eine Überdosis Exstasy, oder doch eher ein Pfund LSD, wie viele seiner linken Vorbilder?

Herr Schmitt blendet uns weiterhin in seinem fulminanten Antrag mit musikhistorischer Kenntnis:

Wer auf ein Techno-Konzert geht, geht nicht auf ein Rock-Konzert und anders herum genauso. Es sind zwei verschiedene Kultur- und kulturpolitische Welten. Während die Besucher von Techno-Konzerten vorwiegend aus dem konservativen und rechten Spektrum kommen, sind die Besucher von Rock-Konzerten im linkspolitischen Bereich zu Hause. 

Also liebe Frei.Wilder, liebe Böhse Onkelz und Rammsteiner. Ihr habt es vernommen. Eure Musik gehört der Antifa!

Aber Herr Schmitt wäre kein echter Linker, wenn er nicht zum Schluss so richtig politisch werden würde:

…Anders dagegen das Lied “Hoch auf dem gelben Wagen“, das seinerzeit von dem ehemaligen Bundespräsidenten Scheel, angehöriger der FDP, gesungen wurde. Dieses Lied wurde gezielt eingesetzt, da es mit einem unbedeutendem Text aber von der musikalischen Grundintention monoton rhythmisch, damit militaristisch, kriegsverherrlichend und Symbol der Nationalisten wie Rechten ist, um rechtspolitische Wählerschichten verdeckt anzuspielen und zu gewinnen. Musik mit oder ohne Text ist niemals harmlos, Musik ist immer ein politisches strategisches Element zur Beibehaltung oder Erringung der Macht. Musik ist auch immer das politisch psychologische Einwirken auf Massen.

Man höre und staune. Und wir dachten “Hoch auf dem gelben Wagen” wäre ein ganz harmloses Postkutschen-Liedchen. Auch hier haben wir Wikipedia bemüht:

Hoch auf dem gelben Wagen ist ein bekanntes deutsches Volkslied. Textgrundlage des Liedes ist das in den 1870er Jahren von Rudolf Baumbach (1840–1905) verfasste Gedicht „Der Wagen rollt“ (Erstdruck 1879). Die Melodie des Liedes wurde erst 1922 von dem Berliner Apotheker Heinz Höhne (1892–1968) komponiert.

Im Liedtext wird das Leben als Reise in einer Postkutsche beschrieben. In der Liedzeile „… sitz ich beim Schwager vorn …“ bezeichnet das Wort „Schwager“ umgangssprachlich (von frz. chevalier ‚(Post-)Reiter‘) den Postillon. Der jeder Strophe in leicht abgewandelter Form anhängende Liedtext „… Ich wäre/würde/bliebe …, aber der Wagen, der rollt“ stellt den Bezug zum dahinfließenden Leben her, dessen Lauf man nicht aufhalten kann.

Also auch kein noch so engagierter Linker, wie Herr Schmitt es ist.

Weiter geht’s:

Das Lied erreichte Ende 1973/Anfang 1974 einen erneuten Popularitätsschub, nachdem es vom damaligen deutschen Bundesaußenminister und späteren Bundespräsidenten Walter Scheel am 6. Dezember 1973 in der ZDF-Show Drei mal Neun zugunsten wohltätiger Zwecke gesungen wurde. Diese auf Polydor erschienene Version hielt sich 15 Wochen in den deutschen Charts und erreichte als beste Platzierung am 7. Januar 1974 Position 5.

Merke: Wer für wohltätige Zwecke ein harmloses Liedchen trällert, hat militärische Ziele vor Augen, ist kriegsverherrlichend und – wie soll es für einen waschechten Linken auch anders sein – ein Nationalsozialist.

Fazit: Herrn Schmitt muss wohl mal gehörig der Marsch geblasen werden, aber mit Pauken und Trompeten! Und wenn das nichts hilft und ihm auch keine Flötentöne beizubringen sind, hier noch ein Tipp:

  • TelefonSeelsorge in Deutschland +49 (0)800 111 0 111 (gebührenfrei) +49 (0)800 111 0 222 (gebührenfrei)

Von conservo

Conservo-Redaktion