„Kommt, wir spielen mal Europa!“

EUBöhmEin Märchen von Thomas Böhm

Ich mag den Bezirk, in dem ich lebe. Aus dem ehemals spießbürgerlichen Stadtteil ist mittlerweile eine multikulturelle Hochburg geworden, und in dem genossenschaftlichen Miet-Komplex, in dem ich wohne, ist die ganze Welt zu Hause.

Im Erdgeschoss lebt ein Libanese, der nach Silvester seinen Weihnachtsbaum brav entsorgt, und auch sonst recht christlich angehaucht ist. Rechts daneben schlürft ein Türke von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Tee und nuckelt an der Wasserpfeife. Über mir krakeelt ein Schwulenpärchen im Party-Dauer-Modus, darüber wohnt ein Lehrer, der angeblich „Atomkraftwerk nein danke“ heißt (so steht es zumindest auf dem Klingelschild) und für die Grünen bei der Kommunalwahl antritt. Ganz oben hockt eine alte Oma, die Tag und Nacht betet, dass ein Fahrstuhl vom Himmel fallen möge, und ihr gegenüber ein Serbe, der ein kroatisches Restaurant in der Nähe betreibt. Dazu gesellen sich noch ein Rumäne und ein Russe, sowie eine weitere muslimische Großfamilie im Vorderhaus mit vielen bunten Kopftüchern, unter denen sich – glaubt man den Gerüchten – hübsche Töchter versteckt halten.

Wir streiten uns ständig, über jeden und alles, die Hausverwaltung ist schon völlig verzweifelt. Aber weil nun die Europawahl an die Tür klopft, wollte ich diesem untragbaren Zustand des alltäglichen Gegen- und Nebeneinanders ein Ende setzen und habe letzte Woche eine Mieterversammlung auf dem Innenhof einberufen.

Da es genügend zu essen und zu trinken gab, kamen sie auch alle, und weil der Klimaexperte Regen vorausgesagt hatte, verteilte ich vorsichtshalber einige Rettungsschirme. Leider reichten sie nicht für alle, aber so musste die Multi-Kulti-Truppe näher zusammenrücken. Schon mal ein guter Anfang.

Als überzeugter Europäer konnte ich meine lieben Nachbarn dann auch mit wenigen Worten überreden, bei meinem kleinen Spielchen mitzuwirken. Auch für sie war ein vereintes Europa alternativlos, einfach eine tolle Sache, und nun wollten sie natürlich liebend gerne mit gutem Beispiel vorangehen. Frei nach dem Motto „Was im Großen so gut klappt, wird auch im Kleinen wunderbar funktionieren.“

Den Einwand des muslimischen Familienoberhaupts, sein Land würde aber gar nicht zur EU gehören und auch der Türkei wären die Pforten zum wirtschaftlichen Himmelreich noch versperrt, wischte ich mit dem Hinweis beiseite, dass es sich bei unserem Projekt um das Europa der Zukunft handeln und der Islam ja nun schon mal zu Deutschland gehören würde und Deutschland ja ein wichtiges Land innerhalb der EU sei. Außerdem, so argumentierte ich zielführend, wäre unser europäischer Gedanke nicht auf Europa beschränkt, sondern würde bald die ganze Welt umarmen und anschließend zum Festschmaus einladen. Außerdem würde man Europa irgendwann auch auf den Mond schießen, die Welt ist schließlich nicht genug.

Der Russe, der ja eigentlich auch nicht wirklich dazu gehörte, war begeistert und leckte gierig mit seinen Lippen an einer Flasche Krim-Sekt, die ich ihm zu Weihnachten geschenkt hatte.

Ich bestimmte mich selber zum Anführer, zur „Brüsseler Spitze“, schließlich war das mein Projekt und der grüne Lehrer, der tatsächlich eine Abstimmung verlangen wollte, wurde von mir überstimmt. Ich kann ziemlich laut sein, wenn es um meine Interessen geht.

Als erste Amtshandlung verlangte ich nun von jedem Mitspieler „den Zehnten“, verpackte das als Aufwandsentschädigung – das Wort „Steuer“ klingt einfach nicht so niedlich – und begründete das mit „verwaltungstechnisch notwendigen Aufwendungen“. Als Spielleiter und Europa-Funktionär konnte ich ja nun schlecht noch nebenbei einer anständigen Arbeit nachgehen.

Ein wenig murrend und knurrend zückten sie ihre Brieftasche und überreichten mir ihr Geld. Nur der Serbe und der Rumäne nicht, die hatten keins. War aber auch kein Problem. Die Oma, die allein aufgrund ihres krummen Rückens verantwortlich für die finstere Vergangenheit gemacht werden konnte, wurde von mir zwangsverpflichtet und musste für die beiden einspringen. War auch kein Problem für sie, schließlich war ihre Rente um einiges höher als der Hartz-IV-Bezug unserer arbeitslosen Freunde.

Vielleicht hätte sie auch einfach ihre verstaubte Deutschlandfahne während der letzten Fußballweltmeisterschaft nicht so heraushängen lassen sollen…

Als Einheitswährung warf ich die faulen Eier auf meinen kleinen Euro-Markt, die schon jahrelang in meiner Abstellkammer vor sich hin vegetierten und an denen wir uns nun gemeinsam gütlich tun konnten.

Noch eine Vorbereitung musste ich treffen und so bat ich jeden, mir seinen Wohnungsschlüssel auszuhändigen. Auch in unserem Europa sollte es keine Grenzen geben, verschlossene Türen sind etwas für fremdenfeindliche Subjekte, und diese hatten hier nichts verloren.

Die Türken, die Libanesen und die muslimische Großfamilie waren die ersten, die ihre Türen öffneten. Merkwürdigerweise zögerte der grüne Lehrer am längsten, hatte wohl Angst um seine wertvolle Büchersammlung. Erst der Rumäne konnte ihn beruhigen. Einige seiner Vorfahren wären Roma gewesen und hätten schon immer fremdes Eigentum geschätzt. Er wolle sich persönlich darum kümmern, dass die Bücher in gute Hände kämen.

Jetzt brauchten wir nur noch ein Symbol für Verständigung und Einheit. Die Oma schlug ein Kreuz vor, der Türke eine Sichel. Da Europa aber eine Kompromisslösung ist, entschied ich mich für Hammer und Sichel. Alleine schon wegen dieser wunderschönen Strophe aus der Nationalhymne der ehemaligen DDR: „Alle Welt sehnt sich nach Frieden, reicht den Völkern eure Hand“. Um die Verständigung untereinander zu verbessern, erteilte ich ein hausweites Sprachverbot. Stattdessen durfte von nun an nur noch per Klopf- und Handzeichen kommuniziert werden.

Ich schickte die Mitspieler wieder in ihre noch eigenen vier Wände und stieg in den Keller hinab. Dort lagerten schon länger einige technische Geräte, die für mein funktionierendes Europa unabdingbar waren: Wanzen, Mikrofone, eben alles, was notwendig war, um für die Einhaltung der Spielregeln zu sorgen.

Beim Einbau in den Wohnungen stieß ich erwartungsgemäß auf leichten Widerstand. Ganz besonders der grüne Lehrer war nicht amüsiert. Doch als ich ihm erklärte, dass nur dadurch eine effektive Kontrolle der europafreundlichen Gesinnung möglich wäre und nur die wiederum unsere Einheit garantieren könne, knickte auch er ein und bot sich schließlich sogar an, die notwendigen Hebel persönlich in Bewegung zu setzen.

Er wurde auch gleich fündig, und wir mussten dem Russen Hausverbot erteilen. Er hatte sich bei der Oma eingenistet und behauptet, ihre Wohnung wäre seine. Doch da lag er falsch. „Der Oma ihre“ Wohnung war unsere, das hatte der Russe einfach nicht kapiert und damit im „Europäischen Haus“ nichts mehr zu suchen. Jetzt durfte er sich als Spielverderber unseren glücklichen Verein von draußen betrachten.

Damit die anderen nicht so schnell auf dumme Gedanken kommen konnten, erhielten sie alle einen Posten und die dazugehörige Aufgabe. Der Libanese war ab sofort für sämtliche Fluchttunnel, Schleusen, Notausgänge und Drehtüren, sowie für den Im- und Export verantwortlich, der Türke sollte den Kummerkasten verwalten und Forderungskataloge drucken. Der Lehrer tat das, was er schon vorher gerne getan hatte – er überwachte die Mülltrennung. Das Schwulenpärchen musste als Gleichstellungsbeauftragte dafür Sorge tragen, dass auch die Frauen in unserer europäischen Wohngemeinschaft keine Toiletten mehr benutzen durften. Sie sollten jetzt, wie ich auch, im Stehen gegen die junge Kastanie, die den Hof zierte, pinkeln. Der Rumäne war für die Reinigung des jetzt hoch frequentierten Hausflurs und der Oma zuständig und der Serbe durfte unser aller Geld verwalten und Bohnensuppe kochen.

Die alte Dame genoss das Spiel von allen am meisten, setzte es doch ihrer Einsamkeit ein Ende. Ein Großteil der muslimischen Familie aus dem Vorderhaus zog bei ihr ein. Einfach  weil es bei ihr im Hinterhaus nicht so laut war und die Heizung immer auf Volldampf lief. Damit war zwar ihre Rente aufgezehrt, doch durfte sie kostenlos die serbische Suppenküche besuchen, wann immer sie wollte. Am Freitag, so hatte man sich gütlich geeinigt, musste die Oma die Wohnung verlassen, am Sonntag würde sie sowieso nicht stören, da sie in der Kirche verweilen würde. Ja, unser kleines Europa war die spielerische Variante für ausgleichende Gerechtigkeit, und ich war glücklich und zufrieden mit meinem „Ein-Familien-Haus“.

Doch dieses “Genossen schaffende” Projekt war ein Kartenhäuschen voller Luschen und brach zusammen, noch ehe der Tag sich verabschiedete. Es ging, wie soll es auch anders sein, um die Nachtruhe, die sich durch die offenen Türen in ruhestörenden, weil ohrenbetäubenden Lärm verwandelt hatte.

Warum auch musste das Schwulenpärchen unbedingt, lediglich mit Kopftüchern bekleidet, eine Sex-Orgie bei der muslimischen Familie im Schlafzimmer der Oma veranstalten? Warum musste die wiederum, noch nach 22 Uhr, in der Badewanne des grünen Lehrers ein Lämmlein schächten? Der Libanese hatte den „Fluchttunnel“ aus Zeitgründen einer Schlepperbande überlassen und nun stapelten sich die Neu-Europäer in Omas guter Stube. Die arme Frau bekam einen Nervenzusammenbruch und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Sie wird, falls ihr Geld noch reicht, diesen Sonntag ins Altersheim verfrachtet. Der Serbe war spurlos verschwunden, nachdem unsere Überwachungskamera festgestellt hatte, dass er seine Suppe mit blauen Bohnen angereichert hatte. Angeblich soll er auch die ganze Zeit mit dem Russen unter einer Decke gesteckt haben, wie mir das Schwulenpärchen feixend versicherte. Der Lehrer war in die Politik geflüchtet, der Rumäne in den Streik getreten, weil ihm der Türke, nachdem er über die frisch gebohnerte Treppenabsatz gestolpert war, einen rassistisch motivierten Anschlag unterstellt hatte.

Bevor ich überhaupt einschreiten und schlichten konnte, waren alle Türen wieder zugeschlagen und verriegelt worden. Schade eigentlich. Aber was im Kleinen nicht funktioniert, klappt ja hoffentlich im Großen.

Oder? Nach dem 25. Mai wissen wir mehr.

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