sed mdrVon Peter Helmes

Gundhardt Lässig, Zonenflüchtling und aufmerksamer Begleiter meiner Arbeit, hatte auf seiner Facebookseite einen Artikel geschrieben, der sich vor allem mit dem MDR befaßte und von conservo übernommen wurde (https://www.conservo.blog/2015/07/07/mdr-und-sed/).

Unter den Reaktionen auf diesen Artikel ragen zwei interessante Beiträge heraus, die ich Ihnen gerne präsentiere. Sie geben, jeder aus einem anderen Blickwinkel, einen – trotz des erschreckenden, fast rührenden Inhalts – Einblick in den DDR-Alltag, von dem wir im „Westen“ nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatten. Was das repressive System für die unsere „Brüder und Schwestern“ bedeutete, kann nur ermessen, wer es selbst erlitten hat.

Bevormundung und Gängelung – die SED-artverwandte Norm der Linksgrünen

Warum berühren mich diese Geschichten immer wieder? In diesem unserem Lande, dem „freiesten deutschen Staat seit je“, nehmen Bevormundung und Gängelung in ungeahntem Ausmaß zu. Der Unterschied zum untergegangenen Arbeiterparadies ist marginal, aber teuflischer in der Ausführung: Nicht nur der Staat erläßt Verordnungen und Vorschriften, schlimmer sind die neuen, gesellschaftlichen „Normen“, die uns politisch Korrekte täglich aufs Auge zu drücken versuchen.

Wer sich deren Normen nicht unterwirft, wird bekämpft, gejagt und ausgegrenzt – bis hin zum Verlust seiner wirtschaftlichen Existenz. Diese Ausgrenzung kann man in einem Satz zusammenfassen: Wer nicht linksgrün ist und denkt, ist Faschist!

Solange dieser Meinungsterror bei uns weiter um sich greift, werde ich nicht aufhören, solche Berichte wie die folgenden zu publizieren und auch selbst zu schreiben. Wir sind es unserer Selbstachtung schuldig!

„Faulheit und Unfähigkeit, aber Denunziantentum“

„karlschippendraht“ reagiert (7. Juli 2015 um 05:56) insbesondere auf folgenden Lässig-Satz: „…dass DDR-Bürger oft freiwillig Belastendes über ihre Mitmenschen in fast allen Bereichen meldeten…“ Hierzu führt „karlschippendraht“ aus:

„Das ist richtig. Als Betroffener kann ich das nur bestätigen! Eine Triebfeder für solches Verhalten war Folgendes: In der DDR stimmte zu keiner Zeit das Preis-Leistungsverhältnis zwischen geleisteter Arbeit und erhaltener Entlohnung. Allerdings nur allein auf dem Sektor der produktiven Arbeit. Sozialistische Verwaltungen waren ein Musterbeispiel für Faulheit und Unfähigkeit. In den personell überbelegten Büros wurde gefaulenzt, mit Ausnahme der Lohnbüros, die mußten ihre Zahlungstermine einhalten. Die produktive Arbeit jedoch wurde nie angemessen entlohnt. So bestand also bei den Produktivkräften ein besonders ausgeprägter permanenter Wunsch nach höherem Einkommen. Der bestand bei den Verwaltungskräften auch, aber die leisteten ja nichts.

„Besonders zuverlässiger Staatsbürger per Denunziationen“

Aufgrund der geringen Kaufkraft der DDR-Währung und des armseligen Warenangebotes mußte man für halbwegs brauchbare Artikel verhältnismäßig viel Geld hinlegen. Aber mehr verdienen konnte man entweder nur durch eine Höherstufung der Lohngruppe oder durch einen Wechsel auf einen höherbezahlten Arbeitsplatz. Und bei solchem Vorhaben spielte in der SED-Diktatur das politische Verhalten des Betreffenden eine große Rolle. Also mußte man sich als besonders zuverlässiger Staatsbürger mit klarem politischen Standpunkt im Sinne der SED positionieren. Und das konnte man mit Denunziationen gut bewerkstelligen. Im Hintergrund stand dabei die ständige Hoffnung , von seinen Vorgesetzten als besonders zuverlässiger Staatsbürger wahrgenommen zu werden und mit einem einkommensverbesserten beruflichen Aufstieg bedacht zu werden. Geld war die Triebfeder für Denunziation! Und der unzulängliche Lebensstandard war die Ursache für das permanente Streben nach mehr Geld.“

„Freiwillige Zuträger: Denunzianten aus Ost und West halfen der Stasi”

„Paul“ wird noch deutlicher (7. Juli 2015 um 08:06):

„Zu diesem Thema kann ich aus eigener Erfahrung etwas beitragen: 20 Jahre (1969-1989) war ich Verwaltungsleiter eines kath. Krankenhauses in der DDR. Schon bald nach Dienstantritt besuchte mich die Stasi und wollte Einsicht in die Kaderakte haben. Ob der Besucher so dumm war oder nur so tat, er redete mich als Genosse an, weiß ich nicht. Das “St”. vor unserem Krankenhausnamen deutete er als Abkürzung für Staatlich. Erstaunt nahm er zur Kenntnis, dass es die Abkürzung von Sanct ist und Heilig bedeutet. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob er so dumm war oder sich nur zum Entree so dumm stellte?

Nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, dass wir Personalakten führen, die ich ihm aber nur nach einer entsprechenden richterlichen Verfügung aushändigen könnte, erklärte ich mich aber kooperationsbereit. An Hand der Akten würde ich seine Fragen beantworten, ihm aber die Einsicht verwehren. Meine Antworten beschränkten sich darauf, dass ich ihm die Richtigkeit seiner Angaben bestätigte.

Wenn es um die Schreibweise eines Namens ging, buchstabierte er den Namen, und ich bestätigte die Richtigkeit. Das machte ich bei den Geburtsdaten und der Adresse genauso. Damit war aber schon “aus die Maus”, das “Ende der Fahnenstange” erreicht. (Er war aber wohl nicht in der Lage, durch einen eingebauten Fehler meine Zuverlässigkeit zu überprüfen. Jedenfalls machte er das nie.)

Alle weiteren Fragen: politische Einstellung, besondere Kontakte zu Arbeitskollegen u.ä. konnte ich nicht beantworten, weil in unseren Akten nichts stand. Ansonsten konnte ich mich auch darauf berufen, dass ich als Chef der am wenigsten Informierte bin. “Oder weiß Ihr Chef alles über Sie? Dabei grinste ich verstehend. Er grinste zurück. Damit war alles klar. Scheinheilig, wie ich war, bot ich an, mich aber auf der Station über den Mitarbeiter zu erkundigen und ihm dann zu berichten. Erschreckt wehrte er ab und bat mich um unbedingte Vertraulichkeit über unser Gespräch. Sobald er raus war, habe ich, bewusst über das Telefon, den Generalvikar (Vorsitzender unseres Kuratoriums, dem ich auch angehörte) informiert.

Nachdem er den Fehler machte, mich zu fragen, welche Probleme ich hätte, habe ich das extensiv ausgenutzt und mich über die Benachteiligungen der konfessionell geführten Krankenhäuser ausgelassen. In der Folgezeit war er mit dieser Frage zurückhaltender. Nach einiger Zeit deutete er aber an, dass er mir auch in privaten Dingen helfen könne, beispielsweise beim Kauf eines PKW (Wartezeiten von mehr als 10 Jahren). Die Erwartung einer besseren Kooperationsbereitschaft wurde nicht ausgesprochen, war mir aber klar. Für Nichts gibt es nichts.

In späteren Jahren waren dann die Ausreiseantragsteller Schwerpunkt der Befragungen. Mein Mauern führte dazu, dass er sich beim Caritasdirektor beschwerte. Dieser meinte, dass mein Verhalten nicht so der “Sache dienlich” sei. (Damit meinte er kirchliche Angelegenheiten.) Etwas verbindlicher könne ich schon sein, meinte er. Ich änderte mein Verhalten nicht. Das wurde dann auch nicht mehr artikuliert.

Angst vor der Stasi

Es gab schon so einige Merkwürdigkeiten damals. Ich will es mal dabei bewenden lassen, weil das hier den Rahmen sprengen würde. Das Allermerkwürdigste: Über mich gibt es keine Stasiakte. Letze Anfrage vor drei Jahren.

Auch der Umweg über eine “Journalistenanfrage” bzw. im Rahmen einer historischen Veröffentlichung ergab kein Ergebnis. (Thema: “Stasiaktivitäten im kath. Krankenhaus xy“ bzw. “Stasiaktivitäten in katholischen Krankenhäusern im Bistum xy”.) Alles erfolglos. Antwort der Stasiunterlagenbehörde: “Es sind derzeit keine Akten vorhanden, da Unterlagen noch nicht komplett erschlossen. Bitte später noch mal nachfragen.“ Ich gebe zu, diese Antwort hat mich überrascht.

Über einen Bekannten, der seit der Gründung in dieser Behörde gearbeitet hat, habe ich über seine internen Beziehungen ebenfalls keinen Erfolg gehabt. Weder für mich persönlich noch in Richtung Sammelakten. Das irritiert mich sehr.

Jeder Kaderleiter, jeder sonstige Mitarbeiter (na, ich schränke mal ein: fast jeder) in einer staatlichen Einrichtung, einem VEB, hätte dem Stasimann die gewünschten Auskünfte erteilt. Wäre kooperativ gewesen, auch ohne eine Verpflichtungserklärung. Das war einfach so. Ist auch nichts Ungewöhnliches. Mit Einschränkungen gilt das auch heute noch für die Zusammenarbeit mit Behörden. Das empfinden viele, je nach Staatsverbundenheit und Staatsnähe, unterschiedlich intensiv, auch heute noch als eine staatsbürgerliche Verpflichtung.

In der DDR war es auch so. Sogar noch verschärft, weil eine imaginäre Angst vor der Stasi, sei sie auch noch so irrational gewesen, dieses Verhalten noch beförderte.

Herzlich, „Paul“

Von conservo

Conservo-Redaktion